Feierabend. Bei Uber einen selbstfahrenden Tesla bestellt, der mich fĂŒnf Minuten spĂ€ter am BĂŒro abholt und nach Hause bringt. Danach verschwindet das Elektroauto lautlos in der Nacht. Klingt nach Zukunft. Ist es auch. Aber sehr nahe Zukunft. Was bedeutet die Kombination aus autonomem Fahren, ElektromobilitĂ€t und Sharing Economy fĂŒr Taxifahrer, Lkw-Fahrer, Arbeiter bei VW und BMW oder Betreiber von ParkhĂ€usern? Wie sehen die StĂ€dte der Zukunft aus und welche Herausforderungen bringen sie mit sich? Silicon-Valley-Insider Dr. Mario Herger ĂŒber eine der gröĂten UmwĂ€lzungen seit der Dampfmaschine.

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Der letzte FĂŒhrerscheinneuling
⊠ist bereits geboren. Wie Google, Tesla, Apple, Uber & Co unsere automobile Gesellschaft verÀndern und ArbeitsplÀtze vernichten. Und warum das gut so ist.
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Der letzte FĂŒhrerscheinneuling
⊠ist bereits geboren. Wie Google, Tesla, Apple, Uber & Co unsere automobile Gesellschaft verÀndern und ArbeitsplÀtze vernichten. Und warum das gut so ist.
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Information
Der letzte Pferde-
kutscher oder Die 1. Automobil-revolution
Elektriker, BĂŒchsenmacher,
Physiker: Automobilpioniere damals und heute
âSei Realist und verlange das Unmögliche!â
WER ABER WAREN die MĂ€nner, die die Pferdeindustrie mit Automobilen hinwegfegten? Wenn wir uns die Lebens- und Ausbildungswege von Carl Benz oder Ferdinand Porsche ansehen, dann fĂ€llt uns sofort auf, dass sie nicht aus der Transportindustrie kamen. Benz war Maschinenbauingenieur, Porsche eigentlich Installateur und Elektriker und Nicolaus Otto, nach dem der Otto-Motor benannt ist, sogar Kaufmann, der sich selbst alles notwendige Wissen beibrachte, um an seinen Erfindungen zu tĂŒfteln. Gottfried Daimler durchlief eine BĂŒchsenmacherlehre, bevor er Maschinenbau studierte. Der Webereibesitzer August Sporkhorst und der Verleger Robert Allmers grĂŒndeten Hansa-Automobil.5 Johann Puch war Schlosser und Wilhelm von Opel Ingenieur.
Ludwig Lohner dagegen kam als einer der Wenigen aus einer Kutschenmacherfamilie. Der im Jahr 1821 vor Napoleon aus dem Elsass nach Wien geflĂŒchtete Heinrich Lohner hatte das Unternehmen gegrĂŒndet. Jacob Lohner & Co. stellte Pferdewagen und Luxuskutschen her und wurde sogar zum k.u.k-Hoflieferanten ernannt; 1897 stellte der Betrieb zusammen mit Ferdinand Porsche den ersten Elektrowagen her.6 Relativ rasch konzentrierte sich Lohner dann auf den Flugzeug- und StraĂenbahnbau sowie in spĂ€terer Folge auf den Bau von Motorrollern. In den USA finden wir Studebaker, der als Kutschenmacher begann und bis in die 1960er Jahre dann Autos produzierte (siehe Tabelle 1).
Name | Leben | Ausbildung |
Robert Allmers | 1872â1951 | Verleger |
Herbert Austin | 1866â1941 | Techniker |
Carl Friedrich Benz | 1844â1929 | Maschinenbauer |
Bertha Benz | 1849â1944 | Risikokapitalgeberin, MitbegrĂŒnderin, Ingenieurin, Regelbrecherin, Testpilotin |
Ettore Bugatti | 1881â1947 | Ingenieur |
Gottlieb Daimler | 1834â1900 | Ingenieur, Industrialist |
Albert de Dian | 1856â1946 | Mechaniker, Germanist |
Henry Ford | 1863â1947 | Mechaniker |
Frederick William Lanchester | 1968â1946 | Ingenieur |
Hans List | 1896â1996 | Maschinenbauer |
Ludwig Lohner | 1858â1925 | Kutschenmacher |
Wilhelm Maybach | 1846â1929 | Konstrukteur |
Nicolaus Otto | 1832â1891 | Kaufmann |
Ferdinand Porsche | 1875â1951 | Installateur, Elektriker |
Johann Puch | 1862â1914 | Schlosser |
Louis Renault | 1877â1944 | Mechaniker |
Charles Rolls | 1877â1910 | Ingenieur |
Frederick Henry Royce | 1863â1933 | Ingenieur |
August Sporkhorst | 1870â1940 | Webereibesitzer |
Wilhelm von Opel | 1871â1948 | Ingenieur |
Tabelle 1: AusgewÀhlte Automobilpioniere und ihre Ausbildung
Ganz gleich, ob wir uns Automobilpioniere aus dem deutschsprachigen Raum, aus Frankreich, England oder den USA ansehen â kaum jemand von ihnen war vorher in der Kutschen- oder Pferdeindustrie tĂ€tig gewesen. Wie ist es möglich, dass AuĂenseiter alteingesessene Unternehmen verdrĂ€ngen und diese den Ăbergang in die neue Zeit nicht schaffen?
Harvard-Professor Clayton Christensen hat sich damit bereits vor vielen Jahren beschĂ€ftigt. Als er eine Untersuchung zu Speichermedien ĂŒber mehrere Generationen hinweg durchfĂŒhrte und sich die Hersteller von MagnetbĂ€ndern ĂŒber Floppy Disks bis hin zu Memory Sticks ansah, realisierte er, dass sich unter den Herstellern der neuen Generation 50 bis 80 Prozent Neueinsteiger befanden. Den dominanten Anbietern der Vergangenheit gelang nur in den seltensten FĂ€llen der Ăbergang in die nĂ€chste Technologie-Ăra und die Verteidigung einer fĂŒhrenden Rolle.7
Das gilt fĂŒr alle Industrien, in denen disruptive Innovationen die Grundfesten erschĂŒtterten, egal, wohin man blickt. Kodak und Polaroid verpassten völlig den Sprung in die Welt der Digitalkameras, die Videoverleihkette Blockbuster konzentrierte sich zu lange auf den Verleih in LĂ€den, bis es zu spĂ€t war, um Netflix Paroli zu bieten. Noch 1975 war Eumig der gröĂte Filmprojektorenhersteller der Welt, was keine Rolle mehr spielte, als Videorekorder auf den Markt kamen. Das Unternehmen meldete 1982 Konkurs an, und das mit 100 Prozent Marktanteil in einem Markt, der auf null geschrumpft war. 2007 war Nokia noch mit einem Drittel unbestrittener MarktfĂŒhrer bei Mobiltelefonen, aber bereits ein Jahr spĂ€ter brachen die UmsĂ€tze ein. Apples iPhone hatte seinen Siegeszug begonnen.
Zwischen 1956 und 1981 wurden jĂ€hrlich 24 Unternehmen aus der âForbes-500-Listeâ gestrichen. Zwischen 1982 und 2006 waren es schon jĂ€hrlich 40.8 Alle zwei Wochen verschwindet ein Unternehmen aus dem âS&P500-Indexâ, was heiĂt, dass innerhalb von 16 Jahren 75 Prozent aller Unternehmen ausgetauscht werden.9 Wer den Sprung verpasst, wer hinterherhinkt, verliert. Oder wie Googles inoffizielles Motto lautet: âIf you are not fast, you are fucked.â (Wenn du nicht schnell bist, dann hast du ausgeschissen.)
Studebaker oder Lohner waren Ausnahmen, die den Sprung vom Kutschenhersteller zum Automobilproduzenten schafften. Der Umbruch kommt meist nicht aus der eigenen Disziplin, sondern wird oft erst durch andere Industriezweige angestoĂen oder zumindest beschleunigt. 1859 sprudelte erstmals das Ăl in den USA. Auf der Weltausstellung von 1876 in Philadelphia wurden neben mechanischen, landwirtschaftlichen und wissenschaftlichen Errungenschaften auch die erste Schreibmaschine, das Fahrrad und Heinz Tomato Ketchup vorgestellt. Das Fahrrad sollte dabei eine ganze Generation von Mechanikern entstehen lassen, die ihre Erfahrung spĂ€ter in die Entwicklung des Flugzeugs und des Automobils steckten. Um 1900 drehten sich nahezu ein Drittel aller eingereichten Patente in den USA um Verbesserungen fĂŒr das Fahrrad. Ohne die Schreibmaschine wĂ€ren moderne Unternehmen mit ihren Massenproduktionen und ihrem Verlangen nach Dokumenten kaum denkbar gewesen.
In der 2. Automobilrevolution wird dieses Muster erneut erkennbar. Der Background der modernen Pioniere und die Fortschritte in kritischen Technologien weisen darauf hin. Tesla-Chef Elon Musk ist Physiker. Googles Larry Page und Sergey Brin sind Informatiker wie auch Shai Agassi, der das Batterieaustauschunternehmen Better Place gegrĂŒndet hat, und die GrĂŒnder von Uber und Lyft, die eben auch nicht aus der Transport- und Taxibranche kommen. Sechs von acht GrĂŒndern von Drive.ai haben ihren Doktor in KĂŒnstlicher Intelligenz gemacht.10 Sebastian Thrun, Gewinner des DARPA Grand Challenge und MitgrĂŒnder der Google-Selbstfahrabteilung, war Professor fĂŒr KI in Stanford. Anthony Levandowski, dessen Start-up 510 Systems in der Google-Selbstfahrabteilung aufging und der gemeinsam mit Thrun federfĂŒhrend an der Entwicklung beteiligt war, ist Wirtschaftsingenieur.11 Fast gleichzeitig gelangen DurchbrĂŒche in KĂŒnstlicher Intelligenz, fielen die Preise und stieg die LeistungsfĂ€higkeit von Sensoren; Speichermengen und Prozessorgeschwindigkeiten erlauben die Bearbeitung der anfallenden Daten.
Kommen wir nun wieder auf David und Goliath zurĂŒck. Wie gelingt es diesen vermeintlichen AuĂenseitern nur, gestandene Industrien zu erschĂŒttern, nachhaltig zu verĂ€ndern und die Platzhirsche aus dem GeschĂ€ft zu drĂ€ngen? Mit was fĂŒr einer Waffe bringen sie den Kontrahenten zu Fall? Eine neue Umgangsweise mit (Fach-)Wissen und das richtige Mindset könnten hier die Antwort sein. Und man verstehe das nicht falsch: Solide Expertise ist fĂŒr Innovation und KreativitĂ€t wichtig, sie bildet einen der Grundpfeiler. GefĂ€hrlich wird es, wenn man den Wald vor lauter BĂ€umen nicht mehr sieht, wenn man zu tief eintaucht und Lösungen auĂerhalb des eigenen Spezialgebiets nicht erkennen kann.
Standen bei den Kutschenmachern noch Pferdezucht und Kutschenbau im Vordergrund, verschob sich mit dem Automobil der Fokus auf den Motor und alles, was damit zusammenhing. Gleichzeitig wurde das Fachwissen ĂŒber Pferde(-Transport) in diesem Bereich ĂŒberflĂŒssig. Auch wenn die ersten Automobilisten noch viele Nachteile gegenĂŒber dem erprobten System von vier Beinen und zwei bis vier RĂ€dern in Kauf nehmen mussten, Ă€nderte sich die Gesamterfahrung. Disruptive Innovation ist nicht gleichzusetzen mit rein technologischer Innovation. Zwar gab es Letztere mit den entsprechenden Auswirkungen, aber andere Faktoren spielten eine ebenso bedeutende Rolle. Die Fahrzeuge konnten lĂ€ngere Strecken schneller bewĂ€ltigen. Die physischen BeschrĂ€nkungen von Pferden spielten keine Rolle mehr. Aufwendungen fĂŒr Stallungen, Futter, Tierarzt oder Bedienstete fielen weg, auch der Gestank und die bereits erwĂ€hnten hygienischen Nachteile. Selbst wenn die ersten Motoren noch ĂŒbel ruĂten und röhrten, es noch kein groĂflĂ€chiges Tankstellennetz gab oder WerkstĂ€tten, die den frĂŒhen Fahrern bei Pannen helfen konnten, wurden diese Minuspunkte doch ĂŒber die Jahre hinweg beseitigt, und die MobilitĂ€t per Automobil erwies sich als viel vorteilhafter als die mit Pferdewagen.
Gegenargumente werden bei jedem Fortschritt laut, heute so wie gestern. Experten raten von Elektrofahrzeugen oder selbstfahrenden Autos ab, warnen vor Gefahren. Das Netzwerk an Ladestationen ist noch nicht dicht genug! Wer hat Schuld, wenn ein selbstfahrendes Auto einen Unfall baut oder jemanden tötet? Wie gefĂ€hrlich sind Batterien, wenn sie zu brennen anfangen? Wie stoppt man ein selbstfahrendes Auto, das mit einer Bombe bestĂŒckt wurde?
Die neuen Automobilpioniere des digitalen Zeitalters betrachten Probleme jedoch erst einmal als reines Softwareproblem, sie wenden Methoden und Prinzipien aus der Softwareindustrie an, die Automobilexperten unbekannt sind. Anstatt auf Perfektion zu warten, bringen sie Beta-Versionen heraus. Reid Hoffman, MitgrĂŒnder des sozialen Netzwerks LinkedIn und des Bezahldienstes Paypal, sagt dazu: âWenn du dich nicht fĂŒr deine erste Version schĂ€mst, dann hast du zu lange darauf gewartet, sie auszuliefern.â12 Die Wertschöpfung liegt nicht mehr so sehr im âVerbiegen von Blechâ, sondern im Programmieren von Softwarecodes. All das erlaubt...
Table of contents
- Cover
- Titel
- Impressum
- Widmung
- Inhalt
- EINLEITUNG
- DER LETZTE PFERDEKUTSCHER ODER DIE 1. AUTOMOBILREVOLUTION
- DER LETZTE FĂHRERSCHEINNEULING ODER DIE 2. AUTOMOBILREVOLUTION
- âEN MARCHE!â WERKZEUGE UND METHODOLOGIEN FĂR WERKZEUGE UND AUTOMOBILHERSTELLER
- âEN MARCHE!â POLITIK UND GESELLSCHAFT IN BEWEGUNG
- NACHWORT
- ANHANG
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