'The making of ...' Genie: Wittgenstein & Mozart
eBook - ePub

'The making of ...' Genie: Wittgenstein & Mozart

Biographien, ihre Mythen und wem sie nĂŒtzen

  1. 276 pages
  2. English
  3. ePUB (mobile friendly)
  4. Available on iOS & Android
eBook - ePub

'The making of ...' Genie: Wittgenstein & Mozart

Biographien, ihre Mythen und wem sie nĂŒtzen

About this book

Kulturheroen verdanken ihre PopularitĂ€t zum Teil jenem Kanonisierungsprozess, der in Gedenkjahren regelmĂ€ĂŸig zelebriert wird. Ausgehend vom Mozartjahr 2006 stellen die BeitrĂ€ge in diesem Band die Frage: Wie werden identifikationsstiftende 'Helden' zu solchen gemacht und welche Rolle spielt dabei das Label 'Genie'? WissenschaftlerInnen, BiographInnen und RegisseurInnen – einige von ihnen haben am 'making of' der Bilder von Mozart und Wittgenstein in den letzten Jahren selbst mitgewirkt – reflektieren ĂŒber Entstehungsprozess und Funktion von Biographien. Dabei wird interdisziplinĂ€r – aus philosophischer, musikwissenschaftlicher, kulturwissenschaftlicher, medienwissenschaftlicher und historischer Perspektive – darĂŒber nachgedacht, wie das Genre der Biographie in das Verfolgen persönlicher ErzĂ€hlstrategien ebenso verwoben ist wie in gesellschaftliche SehnsĂŒchte und Gesetze des Marktes.Mit BeitrĂ€gen von Thomas Ballhausen, Elisabeth Grossegger, Gernot Gruber, Øystein Hide/Ray Monk, Nicole L. Immler, Mathias Iven, Allan Janik, Christian Klein, Herbert Lachmayer, Elisabeth Leinfellner, Thomas Mießgang, M.A. Numminen, Kurt Palm, Klaus Puhl, Ferry Radax, Peter Stachel, Stefan Zahlmann, Werner Zillig.

Frequently asked questions

Yes, you can cancel anytime from the Subscription tab in your account settings on the Perlego website. Your subscription will stay active until the end of your current billing period. Learn how to cancel your subscription.
No, books cannot be downloaded as external files, such as PDFs, for use outside of Perlego. However, you can download books within the Perlego app for offline reading on mobile or tablet. Learn more here.
Perlego offers two plans: Essential and Complete
  • Essential is ideal for learners and professionals who enjoy exploring a wide range of subjects. Access the Essential Library with 800,000+ trusted titles and best-sellers across business, personal growth, and the humanities. Includes unlimited reading time and Standard Read Aloud voice.
  • Complete: Perfect for advanced learners and researchers needing full, unrestricted access. Unlock 1.4M+ books across hundreds of subjects, including academic and specialized titles. The Complete Plan also includes advanced features like Premium Read Aloud and Research Assistant.
Both plans are available with monthly, semester, or annual billing cycles.
We are an online textbook subscription service, where you can get access to an entire online library for less than the price of a single book per month. With over 1 million books across 1000+ topics, we’ve got you covered! Learn more here.
Look out for the read-aloud symbol on your next book to see if you can listen to it. The read-aloud tool reads text aloud for you, highlighting the text as it is being read. You can pause it, speed it up and slow it down. Learn more here.
Yes! You can use the Perlego app on both iOS or Android devices to read anytime, anywhere — even offline. Perfect for commutes or when you’re on the go.
Please note we cannot support devices running on iOS 13 and Android 7 or earlier. Learn more about using the app.
Yes, you can access 'The making of ...' Genie: Wittgenstein & Mozart by Nicole L. Immler in PDF and/or ePUB format, as well as other popular books in Sozialwissenschaften & Wissenschaftliche Forschung & Methodik. We have over one million books available in our catalogue for you to explore.
‚Wittgenstein‘

Zwischen Trattenbach und Gugging: Ein Bericht zur Institutionalisierung von Wittgenstein in Österreich

Elisabeth Leinfellner

1. Vorbemerkung

Giambattista Vico, der Philosoph und Soziologe, hat einmal gesagt, der Mensch verstehe nur das, was er gemacht hat. So werde ich hier, als GrĂŒndungs mitglied der Internationalen Wittgenstein Symposien der Österreichi schen Ludwig Wittgenstein Gesellschaft, eine Geschichte oder Geschichten aus der Praxis der Wittgenstein Gesellschaft bei der Verwirklichung ihrer Ziele erzĂ€hlen. Das ErzĂ€hlen zeigt uns etwas: Diese Praxis hat – unabsichtlich – zu einem Prozess beigetragen, der aus dem in der österreichischen Öffentlichkeit vergessenen Ludwig Wittgenstein eine österreichische Kultfigur und eine Legitimation fĂŒr verschiedene Institutionen dieses Landes gemacht hat.
Hier erscheint ein empirischer und kulturwissenschaftlicher Aspekt dieses Artikels: Er zeigt, wie die Betrachtung ex post das, was geschehen ist, umdeutet, ja sogar verzerrt. Aber, anders als in der postmodernen Auffassung, stimme ich hier E.H. Carr zu: „It does not follow that, because a mountain appears to take on different shapes from different angles of vision, it has objectively either no shape at all or an infinity of shapes.“1
Wittgenstein ist unzĂ€hlige Male als „Genie“ bezeichnet worden, so auch im Titel von Ray Monk s Biographie, Ludwig Wittgenstein. The Duty of Genius.2 In diesem und Ă€hnlichen FĂ€llen wird Wittgenstein die – einstellige – Eigenschaft zugeschrieben, ein Genie zu sein. Aber solche Zuschreibungen können verschwinden, wieder auftauchen, und wieder verschwinden. In diesem Artikel wird mit Edgar Zilsel, dem Sozialtheoretiker des Wiener Kreises, der Genie-Status als eine funktionale AbhĂ€ngigkeit vom sozialen Kontext aufgefasst, d.h. hier als eine mindestens zweistellige Relation zwischen Wittgenstein und dem zeitabhĂ€ngigen sozialen Kontext.3
Wie eine Illustration zu Zilsel liest sich eine Bemerkung von Franz Parak, der mit Wittgenstein Kriegsgefangener in Monte Cassino war:
Zum Schluß erhebt sich noch die Frage: Was wĂ€re aus Wittgenstein geworden, nachdem er als Lehrer beruflich versagte, wenn ihn seine englischen Freunde nicht nach Cambridge geholt hĂ€tten? Er wĂ€re auf Grund seiner Lebensauffassung wahrscheinlich als Klosterbruder in HĂŒtteldorf oder Klosterneuburg eingetreten, wo er schon als GĂ€rtnergehilfe gearbeitet hatte. Sein in Ostwald s „Annalen der Naturphilosophie“ erschienener Traktat wĂ€re unbeachtet, seine BerĂŒhrung mit dem „Wiener Kreis“ unbekannt geblieben und sein Name im Kloster untergegangen.4
Wittgenstein selbst vertritt die „einstellige“ Version des Genie-Konzeptes. NatĂŒrlich gibt es außergewöhnliche Talente, die man mit der einstelligen Zuschreibung „Genie“ charakterisieren kann – aber das ist nicht alles, was „Genie“ bedeutet.
Das Schicksal der Philosophie Wittgenstein s in Österreich, und damit auch der Weg vom Vergessen der Person Wittgenstein zu ihrem Kult und der Funktion beider als Legitimation, ist tatsĂ€chlich mit der Geschichte der Österreichischen Ludwig Wittgenstein Gesellschaft eng verknĂŒpft. Hier erkennt man drei, nicht ganz zu trennende Prozesse: (i) den philosophisch-wissenschaftlichen: Wittgenstein s Philosophie in Österreich und ihre Fortsetzung in der Analytischen Philosophie und verwandten Diszipli nen, etwa der Wissenschaftstheorie; (ii) den quasi-religiösen: die Person Wittgenstein als österreichische Kultfigur und ihr Kult als eine Art Ersatz-Religion im Sinne von Zilsel ;5 (iii) den sozialen: Wittgenstein als Legitimation österreichischer Institutionen. Man kann hier recht gut typische Phasen unterscheiden.

2. Die Wittgenstein Gesellschaft und das Schicksal von Wittgensteins Philosophie in Österreich bis zur Mitte der 1980er Jahre6

Bis in die 1930er Jahre wurde Wittgenstein s Philosophie in einem kleinen philosophischen Kreis, dem Wiener Kreis, in hohem Maße anerkannt – und da ist noch Wittgensteins Wirkung als Volksschullehrer, die, trotz aller Misserfolge, da war. Noch Jahre, nachdem er den Lehrberuf aufgegeben hatte, gingen in den Dörfern SĂ€tze wie „Des hamma beim Wittgenstein g’lernt“ um.
Wittgenstein lebt seit 1929 in England, ab 1939 als britischer StaatsbĂŒrger. Von 1929 bis 1945 „existieren“ Wittgensteins Philosophie und Wittgenstein als berĂŒhmter Philosoph nur im angelsĂ€chsischen und skandinavischen Raum. Zwischen 1945 und 1976 ist Wittgenstein in Österreich noch immer nahezu vergessen – oder seine Philosophie wird abgelehnt. Im Nachkriegs-Österreich und den 1960er Jahren gibt es in Österreich zwei philosophische Richtungen, eine idealphilosophische und eine katholischexistenzialistische. Die wenigen Philosophen, die die international lĂ€ngst anerkannte Wittgenstein’sche und Analytische Philosophie, die Logik und die Wissenschaftstheorie vertreten, haben in Österreich entweder große Schwierigkeiten. Oder sie haben ĂŒberhaupt keine Chancen und daher keine Wahl: Sie gehen ins Ausland. In den 1970er Jahren gilt Wittgenstein an der UniversitĂ€t Wien noch immer als philosophischer Außenseiter. In Graz, Salzburg und Linz hingegen etabliert sich langsam seine Philosophie und allgemein die Wissenschaftstheorie und Logik.
Es kommt das Jahr 1974. Im Dretenpacherhof im niederösterreichischen Trattenbach, dem Ort, wo Wittgenstein von 1920 bis 1922 die ersten Jahre als Volksschullehrer unterrichtet hatte, kommt man beim GesprĂ€ch, was man in dieser Gegend Interessantes tun könne, auf die Idee, einen (spĂ€ter umbenannten) Wittgenstein Verein zu grĂŒnden, der das Leben Wittgenstein s als Volksschullehrer erforschen sollte. Der Anreger war dabei Adolf HĂŒbner, der als Tierarzt im nahe gelegenen Kirchberg am Wechsel wirkt und von der Person Wittgensteins fasziniert war. Zwei Jahre spĂ€ter, 1976, zum 25. Todestag von Ludwig Wittgenstein, versucht er, die Philosophen der Wiener UniversitĂ€t zu einer Konferenz einzuladen – umsonst. Wittgenstein sei passĂ©, heißt es da. Immerhin, ein Wiener Philosophie-Professor, Friedrich Kainz, hĂ€lt einen Vortrag, der in ein sehr negatives „Charakterogramm“ Wittgensteins mĂŒndet. Schließlich hatte HĂŒbner eine Idee: Er wusste, dass ein österreichischer Philosoph, der inzwischen in den USA lehrte, 1965 eines seiner BĂŒcher dem Autor des Tractatus gewidmet hatte: Werner Leinfellner. Die beiden treffen sich in einem Wiener Kaffeehaus, um dieser Idee eine konkrete Form zu geben. Im Notizbuch Leinfellners findet sich im April 1976 eine Namensliste, die u.a. die Namen „Haller“ und „Weingartner“ enthĂ€lt. Rudolf Haller und Paul Weingartner bildeten da raufhin gemeinsam mit Adolf und Lore HĂŒbner sowie mit Elisabeth und Werner Leinfellner das erste Komitee der Wittgenstein Symposia.
So kam es 1976 zu den Wittgenstein Tagen in Kirchberg am Wechsel, rĂŒckblickend in „Erstes Internationales Wittgenstein Symposium“ umgetauft. „Ich wĂŒnsche ganz lĂ€ndliche VerhĂ€ltnisse“, soll Wittgenstein gesagt haben, als er die Stelle als Lehrer in dem Wallfahrtsort Maria Schutz abgelehnt hatte – hier waren sie nun, die lĂ€ndlichen VerhĂ€ltnisse: Es regnete, die HĂ€user waren beflaggt; vor dem Kloster hielt der Landeshauptmann-Stellvertreter von Niederösterreich, Siegfried Ludwig, eine Rede; die Blasmusik spielte, jemand sang lauthals mit; in einem kellerartigen Raum im Kloster wurde die erste Wittgenstein-Dokumentation eröffnet. Und auf der BĂŒhne im Speisesaal des „Hotel Post“ wurden von Komiteemitgliedern fĂŒnf VortrĂ€ge vor ca. 150 Zuhörern gehalten.
Seit diesem Jahr bemĂŒht sich die Wittgenstein Gesellschaft um Wittgensteins Philosophie im Zusammenhang vor allem mit der Analytischen Philosophie und der Wissenschaftstheorie. Daher liest man öfter ĂŒber Kirchberg, dass es das „Mekka“ der (Analytischen) Philosophie sei, oder, etwas bescheidener, sein „Alpbach“. In einem anderen Zeitungsartikel hieß es wiederum: „LĂ€ngst zĂ€hlt Kirchberg zu den heiligen Orten österreichischer IdentitĂ€t“.7 Auch wenn es einen anderen Anschein hat: Es ging und geht dem Komitee höchstens nebenher um Wittgenstein als österreichischen Philosophen, und bestimmt nicht um die österreichische IdentitĂ€t und eine Heldenverehrung Wittgensteins, obwohl uns das letztere schon öfters vorgeworfen wurde – symptomatisch ist wohl der Titel „Großer, heiliger Trattenbacher“ eines Zeitungsartikels8; uns geht es aber hauptsĂ€chlich um zwei Strategien:
Erstens: Um ein Philosophieren im Sinne Wittgenstein s, um ein Philosophieren im Geiste des Wiener Kreises, der Wissenschaftstheorie und der Logik, d.h. um ein Philosophieren, das sich klar ausdrĂŒckt, das, mit Wittgensteins wienerischem Ausdruck zu reden, „nicht schwefelt“. Daher haben wir z.B. stets auch Physiker, Ökonomen, Computerwissenschaftler, Sozialwissenschaftler, Mathematiker, Neurowissenschaftler – MĂ€nner und Frauen – eingeladen, und zwar nicht nur als „QuerschlĂ€ger“,9 sondern unter dem Aspekt, dass eine Philosophie, die sich nicht mit der Wissenschaft vertrĂ€gt, eben ein „Schwefeln“ ist, auch wenn Wittgenstein sich oft kritisch zur Wissenschaft geĂ€ußert hat.10
Zweitens: Philosophie soll demokratisch, wie auf einer Agora, betrieben werden.
Dies scheinen zwei miteinander unvereinbare Ziele zu sein. Wie ist es möglich, eine Konferenz mit einer bestimmten, eng umrissenen philosophischen Ausrichtung zu sein, aber doch keine elitĂ€re Veranstaltung eines Klubs von Eingeweihten? Das geht so: FĂŒr eine gewisse Zahl von VortrĂ€gen werden etablierte Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen fĂŒr VortrĂ€ge zum jeweiligen Thema eingeladen. Bei den nicht namentlich eingeladenen, prospektiven Vortragenden hingegen wird einfach nach der QualitĂ€t des eingereichten Textes und ohne RĂŒcksicht auf den akademischen Status der Einreichenden entschieden, bei großzĂŒgiger Auslegung unserer philosophischen Ziele. Als Zuhörer und kritischer Teilnehmer an der Diskussion ist jeder willkommen, der sich fĂŒr unsere Themen interessiert. So werden beide Punkte gleichzeitig erfĂŒllt: Einerseits wird Philosophie im Sinn der philosophischen Ziele der Gesellschaft betrieben. Andererseits: Wie auf einer Agora diskutiert hier jeder mit jedem, unabhĂ€ngig vom institutionellen Rang, der (kĂŒnftige) Nobelpreis-TrĂ€ger (wie z.B. Harsanyi und Selten) mit einer Studentin, eine Professorin mit dem Lehrer an einem Gymnasium etc.
Heute gilt das Internationale Wittgenstein Symposium als der bedeutendste der jĂ€hrlich stattfindenden europĂ€ischen Philosophie-Kongresse. Anders als der grĂ¶ĂŸte Teil des österreichischen philosophischen „establishment“ in den 1960er und 1970er Jahren waren die Landesregierung von Niederösterreich und die Bundesregierung in Wien von Anfang an davon ĂŒberzeugt, dass es sich bei den Wittgenstein Symposien um eine wichtige Veranstaltung handle; beide haben uns daher stets ausreichend gefördert. Das Bundesdenkmalamt, die Landesregierung und ihr Wirtschaftsprogramm eco-plus haben auch zwei Wittgenstein-Dokumentationen, eine in Kirchberg am Wechsel, Wittgenstein. Mythos und Wirklichkeit, und eine in Trattenbach, Wittgenstein und Trattenbach, gefördert.

3. Ab der Mitte der 1980er Jahre bis heute: der Wittgenstein Kult

1986 schrieb ein Kenner der österreichischen Szene, Peter Weibel :
Wittgenstein wurde vor zehn Jahren in Wien noch total ignoriert. Erst die regelmĂ€ĂŸig stattfindenden Wittgenstein-Symposien und die deutsche Übersetzung von „Wittgensteins Vienna“ [1984] haben die Bevölkerung erkennen lassen, dass Wittgenstein ein wichtiger Wiener ist.11
Ab der Mitte der 1980er Jahre nimmt in Österreich das öffentliche Interesse an Wittgenstein zu, was unschwer an der ansteigenden Anzahl von Artikeln in Zeitungen und Kultur-Zeitschriften, TheaterstĂŒcken u.Ă€. erkennbar ist. Auch der Plan zur Wiener Ausgabe der Schriften Wittgensteins wird um 1983 der Öffentlichkeit vorgestellt, mit entsprechendem Echo in den Medien.
So entstand in der Öffentlichkeit ein Kult – aber wie steht es um Wittgenstein als öffentliche Person? Wittgenstein ist als Philosoph und britischer UniversitĂ€tsprofessor an die Öffentlichkeit getreten. Stets bestand er auf seinem geistigen Eigentum, nicht immer ganz zu Recht und oft genug recht impulsiv. Er redete gern und viel und zu allem und jedem; meist riss er die Diskussion derart an sich, dass manche seine Monologe unertrĂ€glich fanden. Dazu brauchte er Publikum: Einer seiner Neffen teilte HĂŒbner mit, „dass er alle seine intimen Freunde gleichsam auffraß“, dass er sie immer um sich haben musste, um ihnen seine Gedanken vorzulegen.12 Anders als Kafka wollte er seinen Nachlass veröffentlicht haben, und, natĂŒrlich, anders als Spinoza, unter seinem eigenen Namen. Wittgenstein dachte auch an eine Biographie oder Autobiographie. Er war nicht an seinen kĂŒnftigen Auslegern interessiert, sehr wohl aber daran, dass man an seine Gedanken anknĂŒpfen solle. Wittgenstein war sehr selbstbewusst, um nicht zu sagen: in einem gewissen Sinne eitel, auch wenn er gegen solche GefĂŒhle immer ankĂ€mpfte. Wer so fĂŒhlt, so handelt und solche Ansichten vertritt, braucht ein Publikum und stellt sich der Nachwelt; oder er liefert sich ihr zumindest aus, im Guten und im Bösen.
Von Zuhörern, die mit Wittgenstein noch in persönlicher Verbindung gestanden hatten, kam anlĂ€sslich des „ersten“ Wittgenstein Symposiums (1976) eine Frage, die Ă€hnlich auch spĂ€ter immer wieder gestellt wurde: ob es im Sinne Wittgensteins sei, solche Wittgenstein Tage, solche Wittgenstein Symposien zu veranstalten. Manche Reaktionen auf die Namensgebung der geplanten Elite-UniversitĂ€t im niederösterreichischen Gugging (2006) waren im Tenor Ă€hnlich. Eine solche Frage ist Ausdruck eines extremen Genie-Kultes: Die Nachwelt muss sich nach dem richten, was das Genie – Wittgenstein – auch gewollt hĂ€tte, und sie so...

Table of contents

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Inhalt
  5. Vorwort
  6. ‚The making of ...‘ Überlegungen zur Biographieforschung aus der Perspektive der Kulturwissenschaften – eine Einleitung Nicole L. Immler
  7. Trademark ‚Biographie‘
  8. ‚Wittgenstein‘
  9. ‚Mozart‘
  10. Personenregister
  11. AutorInnenverzeichnis