âWittgensteinâ
Zwischen Trattenbach und Gugging: Ein Bericht zur Institutionalisierung von Wittgenstein in Ăsterreich
Elisabeth Leinfellner
1. Vorbemerkung
Giambattista Vico, der Philosoph und Soziologe, hat einmal gesagt, der Mensch verstehe nur das, was er gemacht hat. So werde ich hier, als GrĂŒndungs mitglied der Internationalen Wittgenstein Symposien der Ăsterreichi schen Ludwig Wittgenstein Gesellschaft, eine Geschichte oder Geschichten aus der Praxis der Wittgenstein Gesellschaft bei der Verwirklichung ihrer Ziele erzĂ€hlen. Das ErzĂ€hlen zeigt uns etwas: Diese Praxis hat â unabsichtlich â zu einem Prozess beigetragen, der aus dem in der österreichischen Ăffentlichkeit vergessenen Ludwig Wittgenstein eine österreichische Kultfigur und eine Legitimation fĂŒr verschiedene Institutionen dieses Landes gemacht hat.
Hier erscheint ein empirischer und kulturwissenschaftlicher Aspekt dieses Artikels: Er zeigt, wie die Betrachtung ex post das, was geschehen ist, umdeutet, ja sogar verzerrt. Aber, anders als in der postmodernen Auffassung, stimme ich hier E.H. Carr zu: âIt does not follow that, because a mountain appears to take on different shapes from different angles of vision, it has objectively either no shape at all or an infinity of shapes.â1
Wittgenstein ist unzĂ€hlige Male als âGenieâ bezeichnet worden, so auch im Titel von Ray Monk s Biographie, Ludwig Wittgenstein. The Duty of Genius.2 In diesem und Ă€hnlichen FĂ€llen wird Wittgenstein die â einstellige â Eigenschaft zugeschrieben, ein Genie zu sein. Aber solche Zuschreibungen können verschwinden, wieder auftauchen, und wieder verschwinden. In diesem Artikel wird mit Edgar Zilsel, dem Sozialtheoretiker des Wiener Kreises, der Genie-Status als eine funktionale AbhĂ€ngigkeit vom sozialen Kontext aufgefasst, d.h. hier als eine mindestens zweistellige Relation zwischen Wittgenstein und dem zeitabhĂ€ngigen sozialen Kontext.3
Wie eine Illustration zu Zilsel liest sich eine Bemerkung von Franz Parak, der mit Wittgenstein Kriegsgefangener in Monte Cassino war:
Zum SchluĂ erhebt sich noch die Frage: Was wĂ€re aus Wittgenstein geworden, nachdem er als Lehrer beruflich versagte, wenn ihn seine englischen Freunde nicht nach Cambridge geholt hĂ€tten? Er wĂ€re auf Grund seiner Lebensauffassung wahrscheinlich als Klosterbruder in HĂŒtteldorf oder Klosterneuburg eingetreten, wo er schon als GĂ€rtnergehilfe gearbeitet hatte. Sein in Ostwald s âAnnalen der Naturphilosophieâ erschienener Traktat wĂ€re unbeachtet, seine BerĂŒhrung mit dem âWiener Kreisâ unbekannt geblieben und sein Name im Kloster untergegangen.4
Wittgenstein selbst vertritt die âeinstelligeâ Version des Genie-Konzeptes. NatĂŒrlich gibt es auĂergewöhnliche Talente, die man mit der einstelligen Zuschreibung âGenieâ charakterisieren kann â aber das ist nicht alles, was âGenieâ bedeutet.
Das Schicksal der Philosophie Wittgenstein s in Ăsterreich, und damit auch der Weg vom Vergessen der Person Wittgenstein zu ihrem Kult und der Funktion beider als Legitimation, ist tatsĂ€chlich mit der Geschichte der Ăsterreichischen Ludwig Wittgenstein Gesellschaft eng verknĂŒpft. Hier erkennt man drei, nicht ganz zu trennende Prozesse: (i) den philosophisch-wissenschaftlichen: Wittgenstein s Philosophie in Ăsterreich und ihre Fortsetzung in der Analytischen Philosophie und verwandten Diszipli nen, etwa der Wissenschaftstheorie; (ii) den quasi-religiösen: die Person Wittgenstein als österreichische Kultfigur und ihr Kult als eine Art Ersatz-Religion im Sinne von Zilsel ;5 (iii) den sozialen: Wittgenstein als Legitimation österreichischer Institutionen. Man kann hier recht gut typische Phasen unterscheiden.
2. Die Wittgenstein Gesellschaft und das Schicksal von Wittgensteins Philosophie in Ăsterreich bis zur Mitte der 1980er Jahre6
Bis in die 1930er Jahre wurde Wittgenstein s Philosophie in einem kleinen philosophischen Kreis, dem Wiener Kreis, in hohem MaĂe anerkannt â und da ist noch Wittgensteins Wirkung als Volksschullehrer, die, trotz aller Misserfolge, da war. Noch Jahre, nachdem er den Lehrberuf aufgegeben hatte, gingen in den Dörfern SĂ€tze wie âDes hamma beim Wittgenstein gâlerntâ um.
Wittgenstein lebt seit 1929 in England, ab 1939 als britischer StaatsbĂŒrger. Von 1929 bis 1945 âexistierenâ Wittgensteins Philosophie und Wittgenstein als berĂŒhmter Philosoph nur im angelsĂ€chsischen und skandinavischen Raum. Zwischen 1945 und 1976 ist Wittgenstein in Ăsterreich noch immer nahezu vergessen â oder seine Philosophie wird abgelehnt. Im Nachkriegs-Ăsterreich und den 1960er Jahren gibt es in Ăsterreich zwei philosophische Richtungen, eine idealphilosophische und eine katholischexistenzialistische. Die wenigen Philosophen, die die international lĂ€ngst anerkannte Wittgensteinâsche und Analytische Philosophie, die Logik und die Wissenschaftstheorie vertreten, haben in Ăsterreich entweder groĂe Schwierigkeiten. Oder sie haben ĂŒberhaupt keine Chancen und daher keine Wahl: Sie gehen ins Ausland. In den 1970er Jahren gilt Wittgenstein an der UniversitĂ€t Wien noch immer als philosophischer AuĂenseiter. In Graz, Salzburg und Linz hingegen etabliert sich langsam seine Philosophie und allgemein die Wissenschaftstheorie und Logik.
Es kommt das Jahr 1974. Im Dretenpacherhof im niederösterreichischen Trattenbach, dem Ort, wo Wittgenstein von 1920 bis 1922 die ersten Jahre als Volksschullehrer unterrichtet hatte, kommt man beim GesprĂ€ch, was man in dieser Gegend Interessantes tun könne, auf die Idee, einen (spĂ€ter umbenannten) Wittgenstein Verein zu grĂŒnden, der das Leben Wittgenstein s als Volksschullehrer erforschen sollte. Der Anreger war dabei Adolf HĂŒbner, der als Tierarzt im nahe gelegenen Kirchberg am Wechsel wirkt und von der Person Wittgensteins fasziniert war. Zwei Jahre spĂ€ter, 1976, zum 25. Todestag von Ludwig Wittgenstein, versucht er, die Philosophen der Wiener UniversitĂ€t zu einer Konferenz einzuladen â umsonst. Wittgenstein sei passĂ©, heiĂt es da. Immerhin, ein Wiener Philosophie-Professor, Friedrich Kainz, hĂ€lt einen Vortrag, der in ein sehr negatives âCharakterogrammâ Wittgensteins mĂŒndet. SchlieĂlich hatte HĂŒbner eine Idee: Er wusste, dass ein österreichischer Philosoph, der inzwischen in den USA lehrte, 1965 eines seiner BĂŒcher dem Autor des Tractatus gewidmet hatte: Werner Leinfellner. Die beiden treffen sich in einem Wiener Kaffeehaus, um dieser Idee eine konkrete Form zu geben. Im Notizbuch Leinfellners findet sich im April 1976 eine Namensliste, die u.a. die Namen âHallerâ und âWeingartnerâ enthĂ€lt. Rudolf Haller und Paul Weingartner bildeten da raufhin gemeinsam mit Adolf und Lore HĂŒbner sowie mit Elisabeth und Werner Leinfellner das erste Komitee der Wittgenstein Symposia.
So kam es 1976 zu den Wittgenstein Tagen in Kirchberg am Wechsel, rĂŒckblickend in âErstes Internationales Wittgenstein Symposiumâ umgetauft. âIch wĂŒnsche ganz lĂ€ndliche VerhĂ€ltnisseâ, soll Wittgenstein gesagt haben, als er die Stelle als Lehrer in dem Wallfahrtsort Maria Schutz abgelehnt hatte â hier waren sie nun, die lĂ€ndlichen VerhĂ€ltnisse: Es regnete, die HĂ€user waren beflaggt; vor dem Kloster hielt der Landeshauptmann-Stellvertreter von Niederösterreich, Siegfried Ludwig, eine Rede; die Blasmusik spielte, jemand sang lauthals mit; in einem kellerartigen Raum im Kloster wurde die erste Wittgenstein-Dokumentation eröffnet. Und auf der BĂŒhne im Speisesaal des âHotel Postâ wurden von Komiteemitgliedern fĂŒnf VortrĂ€ge vor ca. 150 Zuhörern gehalten.
Seit diesem Jahr bemĂŒht sich die Wittgenstein Gesellschaft um Wittgensteins Philosophie im Zusammenhang vor allem mit der Analytischen Philosophie und der Wissenschaftstheorie. Daher liest man öfter ĂŒber Kirchberg, dass es das âMekkaâ der (Analytischen) Philosophie sei, oder, etwas bescheidener, sein âAlpbachâ. In einem anderen Zeitungsartikel hieĂ es wiederum: âLĂ€ngst zĂ€hlt Kirchberg zu den heiligen Orten österreichischer IdentitĂ€tâ.7 Auch wenn es einen anderen Anschein hat: Es ging und geht dem Komitee höchstens nebenher um Wittgenstein als österreichischen Philosophen, und bestimmt nicht um die österreichische IdentitĂ€t und eine Heldenverehrung Wittgensteins, obwohl uns das letztere schon öfters vorgeworfen wurde â symptomatisch ist wohl der Titel âGroĂer, heiliger Trattenbacherâ eines Zeitungsartikels8; uns geht es aber hauptsĂ€chlich um zwei Strategien:
Erstens: Um ein Philosophieren im Sinne Wittgenstein s, um ein Philosophieren im Geiste des Wiener Kreises, der Wissenschaftstheorie und der Logik, d.h. um ein Philosophieren, das sich klar ausdrĂŒckt, das, mit Wittgensteins wienerischem Ausdruck zu reden, ânicht schwefeltâ. Daher haben wir z.B. stets auch Physiker, Ăkonomen, Computerwissenschaftler, Sozialwissenschaftler, Mathematiker, Neurowissenschaftler â MĂ€nner und Frauen â eingeladen, und zwar nicht nur als âQuerschlĂ€gerâ,9 sondern unter dem Aspekt, dass eine Philosophie, die sich nicht mit der Wissenschaft vertrĂ€gt, eben ein âSchwefelnâ ist, auch wenn Wittgenstein sich oft kritisch zur Wissenschaft geĂ€uĂert hat.10
Zweitens: Philosophie soll demokratisch, wie auf einer Agora, betrieben werden.
Dies scheinen zwei miteinander unvereinbare Ziele zu sein. Wie ist es möglich, eine Konferenz mit einer bestimmten, eng umrissenen philosophischen Ausrichtung zu sein, aber doch keine elitĂ€re Veranstaltung eines Klubs von Eingeweihten? Das geht so: FĂŒr eine gewisse Zahl von VortrĂ€gen werden etablierte Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen fĂŒr VortrĂ€ge zum jeweiligen Thema eingeladen. Bei den nicht namentlich eingeladenen, prospektiven Vortragenden hingegen wird einfach nach der QualitĂ€t des eingereichten Textes und ohne RĂŒcksicht auf den akademischen Status der Einreichenden entschieden, bei groĂzĂŒgiger Auslegung unserer philosophischen Ziele. Als Zuhörer und kritischer Teilnehmer an der Diskussion ist jeder willkommen, der sich fĂŒr unsere Themen interessiert. So werden beide Punkte gleichzeitig erfĂŒllt: Einerseits wird Philosophie im Sinn der philosophischen Ziele der Gesellschaft betrieben. Andererseits: Wie auf einer Agora diskutiert hier jeder mit jedem, unabhĂ€ngig vom institutionellen Rang, der (kĂŒnftige) Nobelpreis-TrĂ€ger (wie z.B. Harsanyi und Selten) mit einer Studentin, eine Professorin mit dem Lehrer an einem Gymnasium etc.
Heute gilt das Internationale Wittgenstein Symposium als der bedeutendste der jĂ€hrlich stattfindenden europĂ€ischen Philosophie-Kongresse. Anders als der gröĂte Teil des österreichischen philosophischen âestablishmentâ in den 1960er und 1970er Jahren waren die Landesregierung von Niederösterreich und die Bundesregierung in Wien von Anfang an davon ĂŒberzeugt, dass es sich bei den Wittgenstein Symposien um eine wichtige Veranstaltung handle; beide haben uns daher stets ausreichend gefördert. Das Bundesdenkmalamt, die Landesregierung und ihr Wirtschaftsprogramm eco-plus haben auch zwei Wittgenstein-Dokumentationen, eine in Kirchberg am Wechsel, Wittgenstein. Mythos und Wirklichkeit, und eine in Trattenbach, Wittgenstein und Trattenbach, gefördert.
3. Ab der Mitte der 1980er Jahre bis heute: der Wittgenstein Kult
1986 schrieb ein Kenner der österreichischen Szene, Peter Weibel :
Wittgenstein wurde vor zehn Jahren in Wien noch total ignoriert. Erst die regelmĂ€Ăig stattfindenden Wittgenstein-Symposien und die deutsche Ăbersetzung von âWittgensteins Viennaâ [1984] haben die Bevölkerung erkennen lassen, dass Wittgenstein ein wichtiger Wiener ist.11
Ab der Mitte der 1980er Jahre nimmt in Ăsterreich das öffentliche Interesse an Wittgenstein zu, was unschwer an der ansteigenden Anzahl von Artikeln in Zeitungen und Kultur-Zeitschriften, TheaterstĂŒcken u.Ă€. erkennbar ist. Auch der Plan zur Wiener Ausgabe der Schriften Wittgensteins wird um 1983 der Ăffentlichkeit vorgestellt, mit entsprechendem Echo in den Medien.
So entstand in der Ăffentlichkeit ein Kult â aber wie steht es um Wittgenstein als öffentliche Person? Wittgenstein ist als Philosoph und britischer UniversitĂ€tsprofessor an die Ăffentlichkeit getreten. Stets bestand er auf seinem geistigen Eigentum, nicht immer ganz zu Recht und oft genug recht impulsiv. Er redete gern und viel und zu allem und jedem; meist riss er die Diskussion derart an sich, dass manche seine Monologe unertrĂ€glich fanden. Dazu brauchte er Publikum: Einer seiner Neffen teilte HĂŒbner mit, âdass er alle seine intimen Freunde gleichsam auffraĂâ, dass er sie immer um sich haben musste, um ihnen seine Gedanken vorzulegen.12 Anders als Kafka wollte er seinen Nachlass veröffentlicht haben, und, natĂŒrlich, anders als Spinoza, unter seinem eigenen Namen. Wittgenstein dachte auch an eine Biographie oder Autobiographie. Er war nicht an seinen kĂŒnftigen Auslegern interessiert, sehr wohl aber daran, dass man an seine Gedanken anknĂŒpfen solle. Wittgenstein war sehr selbstbewusst, um nicht zu sagen: in einem gewissen Sinne eitel, auch wenn er gegen solche GefĂŒhle immer ankĂ€mpfte. Wer so fĂŒhlt, so handelt und solche Ansichten vertritt, braucht ein Publikum und stellt sich der Nachwelt; oder er liefert sich ihr zumindest aus, im Guten und im Bösen.
Von Zuhörern, die mit Wittgenstein noch in persönlicher Verbindung gestanden hatten, kam anlĂ€sslich des âerstenâ Wittgenstein Symposiums (1976) eine Frage, die Ă€hnlich auch spĂ€ter immer wieder gestellt wurde: ob es im Sinne Wittgensteins sei, solche Wittgenstein Tage, solche Wittgenstein Symposien zu veranstalten. Manche Reaktionen auf die Namensgebung der geplanten Elite-UniversitĂ€t im niederösterreichischen Gugging (2006) waren im Tenor Ă€hnlich. Eine solche Frage ist Ausdruck eines extremen Genie-Kultes: Die Nachwelt muss sich nach dem richten, was das Genie â Wittgenstein â auch gewollt hĂ€tte, und sie so...