In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg erlebten die Westdeutschen etwas, das kaum zu glauben war: Aus den TrĂŒmmern der NS-Diktatur entstand im Westen Deutschlands ein Staat, der friedlicher, stabiler und wohlhabender wurde als alle seine VorgĂ€nger. GroĂen Anteil an dieser Erfolgsgeschichte hatte ein Mann, der bereits 73 Jahre alt war, als er den Amtseid als erster Bundeskanzler der neuen Republik ablegte: Konrad Adenauer. In den Adenauer-Jahren ist die Bundesrepublik im Kern so geworden, wie wir sie heute noch kennen: verankert im BĂŒndnis der westlichen Demokratien und pro-europĂ€isch, marktwirtschaftlich und sozialstaatlich, reich und manchmal arrogant. Als der Christdemokrat vor etwas mehr als einem halben Jahrhundert daheim in Rhöndorf starb, stand dem Land zwar ein tief greifender gesellschaftlicher Wandel bevor. Aber das politische Fundament war gelegt. Weder die 68er-Bewegung noch die sozialdemokratischen Regierungen konnten oder wollten daran etwas Ă€ndern.Eine einfache Persönlichkeit war Adenauer nicht, hĂ€ufig handelte er autoritĂ€r, fast autokratisch. Bei den Westdeutschen kam das gut an, mehrheitlich legten sie Wert auf Ordnung, Sauberkeit und eine starke, patriarchalische Hand. Dass Adenauer ein groĂes Herz fĂŒr ehemalige Nazis zeigte, schadete seiner PopularitĂ€t gewiss nicht. Die dunklen Seiten seines Charakters bekam auch Wirtschaftsminister Ludwig Erhard zu spĂŒren. Nach allen Regeln der Intrige versuchte Adenauer, seinen Parteifreund als Nachfolger im Amt des Bundeskanzlers zu verhindern â vergebens. Dieses E-Book versammelt die 32 besten Artikel ĂŒber die frĂŒhe Bundesrepublik aus dem Hause SPIEGEL, ĂŒber die Bonner Republik und das Grundgesetz, das Wirtschaftswunder, die Kriegsheimkehrer und Vertriebenen, Entnazifizierung, Fresswelle und Reiselust, Alltagskultur, FuĂball, Musik, Film und Skandale.

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Das deutsche Wunder - Aus TrĂŒmmern zur starken Demokratie
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HistoryDemokratie und Wirtschaftswunder âą Kapitel I
BlĂŒhende Landschaften
Unter der FĂŒhrung des Patriarchen Konrad Adenauer gelang der jungen Bundesrepublik ein politisches und wirtschaftliches Wunder: Aus den TrĂŒmmern der Diktatur entstand einer der liberalsten Staaten Europas. Von Klaus Wiegrefe
Die GrĂŒndung des erfolgreichsten deutschen Staates aller Zeiten erfolgt in einem umgebauten Turnsaal. Eine schwarz-rot-goldene Fahne sowie die Flaggen der LĂ€nder verbreiten ein wenig Pathos. Die Frauen erscheinen in KostĂŒmen, die MĂ€nner in dunklen AnzĂŒgen, denen allerdings anzusehen ist, dass sie zumeist aus der Vorkriegszeit stammen.
Im letzten Augenblick muss noch das Programm geĂ€ndert werden. Carlo Schmid von der SPD hat dem Organisten beim Proben zugehört. Der brave Musiker intoniert das Kaiserquartett von Joseph Haydn, die Melodie des Deutschlandliedes. Schmid findet die Hymne mit dem doppeldeutigen Text der ersten Strophe (âDeutschland, Deutschland ĂŒber allesâ) nicht geeignet fĂŒr den feierlichen Anlass; schlieĂlich haben die Alliierten das StĂŒck verboten, weil es auch im âDritten Reichâ Hymne war. Man einigt sich auf ein Werk von Georg Friedrich HĂ€ndel.
Es ist 16.07 Uhr, als ein hochgewachsener Ă€lterer Herr namens Konrad Adenauer die Sitzung des Parlamentarischen Rats in der PĂ€dagogischen Akademie zu Bonn eröffnet. Der VersammlungsprĂ€sident ist viele Jahre Kölner OberbĂŒrgermeister gewesen und hat zur Feier des Tages ein Tintenfass und eine silberne Ratsherrenglocke aus seiner Heimatstadt entliehen, damit er nicht â wie sonst â mit einer CDU-Kreisparteitagsklingel bimmeln muss.
Fast neun Monate haben die Abgeordneten ĂŒber die 146 Artikel des Grundgesetzes beraten, wie die Verfassung des neuen Staates genannt wird. Nun ruft Adenauer die anwesenden 68 Damen und Herren einzeln nach vorn, damit sie den Gesetzestext unterschreiben. AnschlieĂend signieren auch die MinisterprĂ€sidenten der LĂ€nder und die LandtagsprĂ€sidenten das Dokument.
Dann singen die Volksvertreter das alte Burschenschaftslied: âIch hab mich ergeben, mit Herz und mit Hand, dir Land voll Lieb und Leben, mein deutsches Vaterland.â
Man schreibt den 23. Mai 1949, und mit Ablauf dieses Tages erblickt die Bundesrepublik Deutschland das Licht der Welt.
GroĂ sind die Hoffnungen nicht, die auf der zweiten deutschen Demokratie ruhen. Das Land zerstört, fast jeder sechste Deutsche durch Krieg, Holocaust und Vertreibung umgekommen, und stundenlang verbreitet der Rundfunk die Suchmeldungen des Roten Kreuzes. MĂ€nner mit gelben Blindenarmbinden oder beinamputierte Kriegsversehrte in abgenĂ€hten Hosen mĂŒhen sich durch die Ruinenlandschaften der zerbombten StĂ€dte, in denen Millionen FlĂŒchtlinge aus den Ostgebieten ausharren.
Als umso bemerkenswerter empfinden die Zeitgenossen den rasanten Wandel, der schon bald einsetzt und die kĂŒhnsten Hoffnungen ĂŒbertrifft. Von einem âWunderâ ist spĂ€ter die Rede, denn anders können sich viele nicht erklĂ€ren, wie aus dem verwĂŒsteten Weststaat in einer halben Generation eine angesehene Mittelmacht mit blĂŒhenden Landschaften wird.
Die Westdeutschen verdoppeln zwischen 1950 und 1959 das Bruttosozialprodukt. Sie verzehnfachen ihren ExportĂŒberschuss und steigen zur weltweit erfolgreichsten Handelsmacht nach den USA auf. In vielen StĂ€dten sind GroĂbaustellen zu besichtigen, wie der ehemalige amerikanische Diplomat Charles Thayer 1957 beobachtet: âIn ganz Deutschland ragen KrĂ€ne in den Himmel und sind von frĂŒh bis spĂ€t in Bewegung, nachts im Glanz gigantischer Scheinwerfer, bei Regen und Schnee, und bauen und bauen auf.â
Und dann die Politik, auch sie wirkt wie ein Wunder. Trotz Millionen ehemaliger Nazis, Hunderttausender Mörder, ungezĂ€hlter SchreibtischtĂ€ter etabliert sich in wenigen Jahren eine stabile Demokratie, von Adenauer, inzwischen zum Kanzler gewĂ€hlt, fest im Westen verankert. Kein Chaos, sondern eine funktionstĂŒchtige Regierung, loyale Beamte, hohe Wahlbeteiligungen, klare Mehrheiten.
Auf solche GrĂŒnderjahre hĂ€tten Zeitgenossen und Nachwachsende stolz sein können. Doch das fiel schwer, denn auf der Ăra von WĂ€hrungsreform und Westbindung lag zugleich eine bleierne Schwere.
Was fĂŒr WidersprĂŒche. ArbeitskrĂ€fte sind Mitte der FĂŒnfziger knapp, und Frauen stellen ein Drittel der BeschĂ€ftigten â aber die Verheirateten unter ihnen benötigen die Erlaubnis des Ehemanns, um arbeiten zu dĂŒrfen. Die Bundesrepublik vereinbart mit Israel Wiedergutmachung, und im Kanzleramt zieht Hans Globke die Strippen, der den Kommentar zu den NĂŒrnberger Rassegesetzen mitverfasst hat. Adenauer trifft sich mit dem Herrscher des kommunistischen Weltimperiums Nikita Chruschtschow in Moskau, um die letzten deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion nach Hause zu holen. Gleichzeitig riskieren in Hamburg, MĂŒnchen oder DĂŒsseldorf die Sympathisanten von Marx und Lenin Hausdurchsuchungen, ihren Job, sogar Haftstrafen.
Das neue Deutschland â ein zwischen Aufbruch und Beharrung zerrissenes Land. In Kassel wird die Documenta ins Leben gerufen; auf der Weltausstellung in BrĂŒssel 1958 prĂ€sentiert die westdeutsche Avantgarde leichte Architektur und elegantes Design. Hingegen dominieren Gelsenkirchener Barock und TĂŒtenlampen im âWohnlokus mit germanischem Hockergrabâ, wie die kleinen Neubauwohnungen mit Sitzbadewanne verspottet werden.

Und ĂŒberall die Angst vor dem Unkontrollierbaren, dem RandstĂ€ndigen, der Minderheit. Beinahe jedes zehnte Kind ist unehelich. Aber wer etwa seinem Sohn erlaubt, mit der Freundin im Elternhaus zu nĂ€chtigen, riskiert bis zu fĂŒnf Jahre Haft â das sieht der Paragraf ĂŒber schwere Kuppelei vor. Auch Homosexuelle mĂŒssen aufpassen, dass sie nicht im GefĂ€ngnis landen.
Die Intellektuellen verachten die frĂŒhe Bundesrepublik. âWir hatten die â von Gott geschenkte â Chance, ein Modell zu seinâ, trauert 1961 der Schriftsteller Wolfgang Weyrauch. Und so empfindet es bald auch die nachwachsende Intelligenz der 68er, die den Ălteren âRestaurationâ vorwirft â ein Label, das lange haftet.
Inzwischen sind die 68er und ihr zeitweilig den Diskurs bestimmendes Geschichtsbild allerdings selbst in die Jahre gekommen. Ihr Konflikt mit den VÀtern hat sich lÀngst erledigt, auch Kalter Krieg und deutsche Teilung sind Geschichte, und so verÀndert sich die Perspektive.
Vorbei die WortfĂŒhrerschaft derjenigen, die in der frĂŒhen Bundesrepublik nur das Fortwirken ehemaliger Nazis sehen oder sie als Kind der Alliierten verĂ€chtlich machen. Heute gehen Zeithistoriker der Frage nach, warum ausgerechnet die Bundesrepublik zu einem der liberalsten Staaten Europas geworden ist. SchlieĂlich weisen alle Forschungen der vergangenen Jahrzehnte darauf hin, dass sich viel mehr Deutsche mit den Nazis eingelassen haben als frĂŒher angenommen.
Seine Entstehung verdankt der widersprĂŒchliche Wunderstaat dem Elend, in dem seine Bewohner nach 1945 hausen. Die Felder sind verwĂŒstet, der Handel liegt danieder. Einige Scheiben Brot, vielleicht ein Tupfer Margarine, zwei kleine Kartoffeln, etwas Milchsuppe â oft muss das reichen, um ĂŒber den Tag zu kommen.
Auf Hamsterfahrten zu den Bauern im Umland tauschen die Menschen Pelze, Besteck oder Schmuck gegen Mehl, Kartoffeln oder Eier. Viele haben jeglichen Besitz im Krieg verloren â schon bald gibt es erste Hungertote. Und wĂŒrden Briten und Amerikaner nicht mit umfangreichen Lieferungen helfen, gĂ€be es eine Katastrophe.
Die Westalliierten haben das Problem kommen sehen. Weder die vor dem Bankrott stehenden Briten noch die Amerikaner wollen ihren Steuerzahlern allerdings zumuten, wenige Monate nach der Befreiung der Konzentrationslager von Bergen-Belsen oder Dachau die Deutschen zu alimentieren. Sie sollen aber auch nicht krepieren.
US-PrĂ€sident Harry Truman und der britische Premierminister Clement Attlee einigen sich deshalb mit dem sowjetischen Diktator Josef Stalin auf der Konferenz von Potsdam im Sommer 1945, Deutschland als âwirtschaftliche Einheitâ zu behandeln: Stalin soll Lebensmittel aus den ehemaligen Kornkammern des Reichs in Ostdeutschland in die Westzonen liefern und im Gegenzug demontierte Industrieanlagen, etwa aus dem Ruhrgebiet, erhalten.
Doch der Kremldiktator ignoriert die Vereinbarung, und damit stehen die Amerikaner vor der Alternative, den Feind von einst dauerhaft zu beliefern â oder den Wiederaufbau zu betreiben. Es sei âbedauerlich, aber unvermeidbarâ, notiert im Mai 1946 der stellvertretende US-AuĂenminister Dean Acheson, dass man die westlichen Zonen zusammenfĂŒhren mĂŒsse. Die amerikanischen und die britischen Besatzungsgebiete verschmelzen ein knappes Dreivierteljahr spĂ€ter zum âVereinigten Wirtschaftsgebietâ, der sogenannten Bizone.
Die Besatzer prĂ€sentieren ihren Schritt als provisorische MaĂnahme; intern gehen viele in Washington und London freilich schon von der Teilung des besiegten Landes aus, auch wenn der endgĂŒltige Bruch erst ein Jahr spĂ€ter erfolgt. Der Kalte Krieg zeichnet sich ab, und Briten wie Amerikaner wollen unbedingt vermeiden, dass Stalin ganz Deutschland seinem Imperium einverleibt. Der britische AuĂenminister Ernest Bevin notiert 1946 besorgt: âDie russische Gefahr ist inzwischen genauso groĂ, möglicherweise sogar noch gröĂer als die Gefahr eines wiedererstarkten Deutschlands.â
Zu diesem Zeitpunkt haben die Westalliierten bereits erste LĂ€nder und sogenannte Provinzen gebildet, zumeist nach historischen Vorbildern. Oldenburg, Braunschweig und Schaumburg-Lippe waren schon im Kaiserreich Bundesstaaten, spĂ€ter vereinigen sie sich mit dem Land Hannover zu Niedersachsen; Hessen und Baden sind teilidentisch mit den gleichnamigen Staaten der Weimarer Republik. Fast alle NordlĂ€nder sind zu klein. Aber die Niedersachsen haben am armen Schleswig-Holstein kein Interesse, und Hamburg und Bremen fĂŒrchten, bei einem Zusammengehen wĂŒrden Landwirtschaftsinteressen dominieren. So bleibt die Kleinstaaterei erhalten.
Der Einfluss von London, Washington und Paris erweist sich als begrenzt, denn die Vertreter der westlichen Demokratien setzen zumeist auf Ăberzeugung. Es gelingt ihnen daher weder, das Berufsbeamtentum einzuschrĂ€nken noch das Juristenmonopol aufzubrechen.
Bei den Medien, immerhin, sind sie erfolgreich. Sie sorgen dafĂŒr, dass der Rundfunk â damals Leitmedium â unabhĂ€ngig bleibt. Fast alle wichtigen BlĂ€tter dieses Landes beginnen als âLizenzzeitungenâ, auch der SPIEGEL. SorgfĂ€ltig ĂŒberprĂŒfen die Presseoffiziere die Lizenznehmer. Die Entnazifizierung ist vor allem den Amerikanern ein Anliegen.

Die alliierten, spĂ€ter deutschen Spruchkammern und Gerichte fĂ€llen ĂŒber 3,6 Millionen Urteile. Am Anfang werden fĂŒr kleinere Vergehen teilweise drakonische Strafen verhĂ€ngt, die schwerwiegenden FĂ€lle hingegen zurĂŒckgestellt. Da der Verfolgungselan spĂ€ter â mit dem Ausbruch des Kalten Krieges â erlischt, gehen viele hochrangige Nazis straffrei aus.
Und doch ist die Entnazifizierung kein vollkommener Fehlschlag. Der Historiker Norbert Frei hat zu Recht darauf verwiesen, dass fĂŒr einen â dem Nationalsozialismus verbundenen â Generaldirektor oder OberlandesgerichtsprĂ€sidenten die Inhaftierung nach Kriegsende âeine brutale soziale und politische Deklassierungâ darstellt. Die meisten halten sich nach einer solchen Erfahrung politisch zurĂŒck.
Die ersten demokratischen Gehversuche nach zwölf Jahren Diktatur â sie erfolgen in den Landtagen in Hannover, DĂŒsseldorf oder MĂŒnchen. Die Alliierten können dabei auf erfahrene Demokraten zurĂŒckgreifen: die MĂ€nner und Frauen von Weimar. Es sind Politiker, die noch im Kaiserreich geboren und geprĂ€gt wurden, wie der spĂ€tere Bundeskanzler Konrad Adenauer (bis 1933 Kölner OberbĂŒrgermeister), der SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher (bis 1933 Reichstagsabgeordneter), der spĂ€tere BundesprĂ€sident Theodor Heuss (bis 1933 Reichstagsabgeordneter), die den Neuanfang symbolisieren.
Ein âauĂerordentlicher Lernprozessâ (Historiker Konrad Jarausch) beginnt, der von den Alliierten eingeleitet und von den Deutschen aufgenommen wird. Bereits bei den ParteigrĂŒndungen zeigt sich der Wille, die Chance zu nutzen. Die Wiedergeburt der traditionsreichen SPD ist zwar keine Ăberraschung. 1946 hat sie wieder ĂŒber 700 000 Mitglieder. Aber erstmals bildet sich im Land der Religionskriege eine christliche ĂŒberkonfessionelle Volkspartei: die CDU. Und Adenauer gelingt es, aus den vielen Strömungen eine schlagkrĂ€ftige Organisation zu formen.
Schon die ersten Kommunal- und Landtagswahlen 1946/47 lassen ahnen, dass es ein weiteres Mirakulum geben wird: das Wahlwunder, wie Historiker das Verhalten der Deutschen an der Urne genannt haben.
Zwar entscheiden die Alliierten ĂŒber die Zulassungen der Parteien, und wer zu weit rechts steht, hat keine Chance. Doch niemand zwingt 70 Prozent der Bevölkerung dazu, sich zu beteiligen und dann nicht etwa massenhaft ungĂŒltig zu stimmen, sondern mit durchschnittlich jeweils gut 35 Prozent fĂŒr SPD und CDU/CSU zu votieren; FDP und KPD erhalten ungefĂ€hr 9 Prozent.
Es ist der Schock der totalen Niederlage, der die Deutschen zwar noch nicht zu Demokraten macht, die meisten jedoch gegen den Nationalsozialismus immunisiert. Historiker wie der Brite Ian Kershaw schĂ€tzen, dass in den Nachkriegsjahren lediglich zehn Prozent der Bevölkerung ĂŒberzeugte Nazis waren. Der Opportunismus der vielen MitlĂ€ufer im âDritten Reichâ erweist sich als Vorteil: Man beugt sich auch den neuen Herren.
Die westlichen Alliierten fĂŒrchten daher weniger einen zweiten Hitler, sondern vielmehr, dass sich ihre SchĂŒtzlinge fĂŒr Stalin begeistern könnten. Die Lebensmittelversorgung ist in der Sowjetischen Besatzungszone nĂ€mlich nicht schlechter als im Westen. Und wĂ€hrend die SED mit Stalins Hilfe eine Diktatur errichtet (SED-Chef Walter Ulbricht: âEs muss demokratisch aussehen, aber wir mĂŒssen alles in der Hand behaltenâ), prĂ€sentiert sich der Kremlherrscher als Anwalt der deutschen Einheit. Amerikaner und Briten mĂŒssen hingegen handeln, wenn sie ihren Einflussbereich stabilisieren wollen.
In der Bizone funktioniert zunĂ€chst nichts wie geplant. Die Verwaltung ist ĂŒber Minden (Wirtschaft), Bad Homburg (Finanzen), Frankfurt am Main (Post- und Fernmeldewesen), Stuttgart (ErnĂ€hrung und Landwirtschaft) und Bielefeld (Verkehr) verstreut. Wer etwas produziert, verkauft es lieber auf dem Schwarzmarkt, als es zu festgesetzten Preisen abzuliefern. Denn die WĂ€hrung ist ruiniert, weil den Milliarden Reichsmark, die im Umlauf sind, nur ein reduziertes Warenangebot gegenĂŒbersteht.
An VerbesserungsvorschlĂ€gen aus alliierter oder deutscher Feder mangelt es nicht. Allein ĂŒber 250 EntwĂŒrfe zu einer WĂ€hrungsreform liegen vor. Besonders populĂ€r sind planwirtschaftliche ErwĂ€gungen mit einer Vorliebe fĂŒr die Enteignung von Industriebetrieben und Banken â eine SpĂ€tfolge der Weltwirtschaftskrise. Die SPD macht sich dafĂŒr stark. Sie stellt fĂŒnf MinisterprĂ€sidenten und sogar in allen LĂ€ndern der Bizone die Wirtschaftsminister. Selbst in der CDU gibt es einen linken FlĂŒgel, der einen christlich geprĂ€gten Sozialismus will.
Die Amerikaner spielen auf Zeit. Sie hoffen, dass der Wiederaufbau an Dynamik gewinnt und damit alle Vorbehalte gegen den Kapitalismus ausgerĂ€umt werden. MilitĂ€rgouverneur Lucius D. Clay interveniert gegen den Sozialisierungsartikel in der hessischen Verfassung und blockiert das Gesetz zur Vergesellschaftung des Kohlenbergbaus in Nordrhein-Westfalen unter dem Vorwand, man dĂŒrfe einem zukĂŒnftigen Gesetzgeber bei der Gestaltung der Wirtschaftsordnung nicht vorgreifen. Die Taktik geht auf.
Am 5. Juni 1947 verkĂŒndet US-AuĂenminister George Marshall in der Harvard University sein legendĂ€res Hilfsprogramm fĂŒr Europa. Die psychologische Wirkung ist enorm, denn der Marshallplan signalisiert eine Wende in der amerikanischen Deutschlandpolitik. Auf e...
Table of contents
- Das deutsche Wunder
- Einleitung
- Demokratie und Wirtschaftswunder
- Leben in einer neuen Zeit
- Kultureller Wandel
- Anhang
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