Der Überfall - Hitlers Krieg gegen die Sowjetunion
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Der Überfall - Hitlers Krieg gegen die Sowjetunion

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Der Überfall - Hitlers Krieg gegen die Sowjetunion

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Vor 75 Jahren – am 22. Juni 1941 – begann der barbarischste Krieg in der Geschichte der Menschheit. In den frĂŒhen Morgenstunden flogen deutsche Sturzkampfbomber unter nervenzerfetzendem Geheul erste Angriffe, bald ließ das Dröhnen der GeschĂŒtze den Boden erbeben, tauchfĂ€hige Panzer durchpflĂŒgten das vier Meter tiefe Wasser des Grenzflusses Bug. Der "Fall Barbarossa", so lautete der Deckname fĂŒr Hitlers Angriff auf die Sowjetunion, nahm seinen Anfang. Die beiden stĂ€rksten MilitĂ€rmĂ€chte der Welt prallten aufeinander. Höchstens einige Monate, das war die Illusion Hitlers, wĂŒrde die kampferprobte Wehrmacht fĂŒr einen Sieg benötigen. Am Ende dauerte das Ringen um die Herrschaft Europas fast vier Jahre. Zwischen Berlin und Moskau kĂ€mpften und starben dabei mehr Menschen als an allen anderen Fronten des Zweiten Weltkriegs zusammen. Fast jede Familie verlor Angehörige auf den Schlachtfeldern zwischen Kursk und den Seelower Höhen. Die genaue Zahl der Toten kennt niemand, aber es werden deutlich ĂŒber 30 Millionen gewesen sein, was beinahe der Bevölkerung des heutigen Kanadas entspricht. Dieses E-Book bietet Analysen zur Geschichte des Krieges und zum VerhĂ€ltnis von Hitler und Stalin, AuszĂŒge aus Briefen von Soldaten beider Seiten sowie ein Interview mit Winrich Behr, der 1943 Hitler davon zu ĂŒberzeugen suchte, in Stalingrad zu kapitulieren. Die 25 Texte stammen von renommierten Historikern und SPIEGEL-Redakteuren und sind im SPIEGEL erschienen.

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Information

Year
2016
Topic
History
eBook ISBN
9783877631607
Subtopic
World War II
Index
History
1. Vorgeschichte
Abbildung
SPIEGEL-TITEL 35/2009

Sprung ins Dunkle

Es gab Chancen, Hitlers „Drittes Reich“ zu stoppen - sie wurden alle verpasst. Mit dem deutschen Überfall auf Polen begann vor 70 Jahren der Zweite Weltkrieg, und die Deutschen jubelten ĂŒber die Siege der Wehrmacht. Von Klaus Wiegrefe
Am 25. August 1939 ist die Dienstwohnung Adolf Hitlers in der Alten Reichskanzlei in Berlin wie immer mit Blumenarrangements geschmĂŒckt. Vor dem Gartensaal leuchten prĂ€chtige StrĂ€uße. Doch Hitler, eigentlich ein Liebhaber sommerlicher BlĂŒtenpracht, hat dafĂŒr an diesem Freitag keinen Blick.
Der Diktator, in braunem Rock und schwarzer Hose, wirkt abgearbeitet, unruhig wandern die tiefliegenden Augen, die Schultern hÀngen. Der oberste Nazi ist nervös.
Etwa 150 Kilometer östlich Berlins verlĂ€uft seinerzeit die deutsch-polnische Grenze. Dort stehen 54 deutsche Divisionen mit etwa 1,5 Millionen Mann bereit, um ihre Stellungen zu beziehen; 3600 gepanzerte Fahrzeuge und ĂŒber 1500 Flugzeuge sind fĂŒr den „Fall Weiß“ vorgesehen - den Angriff auf Polen am nĂ€chsten Morgen. Es fehlt nur noch der Befehl des „FĂŒhrers“.
Doch soll Hitler jetzt angreifen? Was werden dann Paris und London unternehmen, die VerbĂŒndeten Warschaus? Und wie wird sich Hitlers Bundesgenosse Benito Mussolini positionieren? Italien gilt als bedeutende Großmacht, die die britischen SeekrĂ€fte im Mittelmeer binden kann. Aber wird der Duce mitmachen, der erst seit dem Vortag vage ĂŒber den anstehenden Waffengang informiert ist?
In den RĂ€umen Hitlers geht es zu wie auf einem Gefechtsstand. Mehrere Dutzend ParteigrĂ¶ĂŸen sind versammelt, dazwischen einige Offiziere; auf Fenstersimsen, Sesseln, Tischen stehen Telefone, von denen aus ununterbrochen gesprochen wird. Diverse Brillen liegen herum, damit der kurzsichtige Diktator jederzeit eine Sehhilfe zur Hand hat. Immer wieder zieht sich Hitler zu EinzelgesprĂ€chen in das Musikzimmer oder in den Gartensaal zurĂŒck. Zwei SS-MĂ€nner sorgen dafĂŒr, dass niemand stört.
Kurz vor dem Mittagessen lĂ€sst der Diktator nachfragen: Bis wann mĂŒsse er den Marschbefehl geben? Antwort vom Generalstab des Heeres: 15 Uhr.
Da kĂŒndet Trommelwirbel aus dem Ehrenhof der Neuen Reichskanzlei von der Ankunft des britischen Botschafters, Sir Nevile Henderson. Der Brite kennt bereits den Weg; Hitlers BĂŒro zweigt von der gigantischen Marmorgalerie ab, die mit 146 Metern exakt doppelt so lang ist wie ihr Vorbild, der berĂŒhmte Spiegelsaal des Schlosses in Versailles. Besucher sollen schon auf dem Weg zum Diktator allen Mut verlieren.
Hitler will Henderson freilich nicht einschĂŒchtern, er will ihn locken mit einem Angebot. Das „Dritte Reich“ sei bereit, die Existenz des britischen Weltreichs zu garantieren und den Briten Hilfe zu leisten, wo immer eine derartige Hilfe erforderlich sein sollte. Zentrale Bedingung: London mĂŒsse den Krieg gegen Polen hinnehmen.
Zum Schluss des GesprĂ€chs gibt sich der „FĂŒhrer“ sentimental: Er sei ja „KĂŒnstler von Natur und nicht Politiker“. Sei die polnische Frage erst gelöst, werde er „sein Leben als KĂŒnstler beschließen“.
Kaum ist der Diplomat weg, gibt Hitler den Angriffsbefehl. Es ist 15.02 Uhr.
Drei Stunden spĂ€ter trifft eine Meldung aus London ein. Großbritannien hat demonstrativ das schon vor Monaten vereinbarte MilitĂ€rbĂŒndnis mit Polen unterzeichnet. Also doch kein Bluff der Briten?
Nicht lange danach ĂŒberreicht der italienische Botschafter einen Brief Mussolinis: Die Italiener erklĂ€ren sich außerstande, an einem Krieg teilzunehmen. Mit eisigem Gesicht verabschiedet Hitler den Diplomaten. Die nĂ€chste Stunde verbringt er damit, auf und ab zu laufen und auf den treulosen VerbĂŒndeten zu schimpfen.
„Der FĂŒhrer grĂŒbelt und sinnt“, notiert Propagandachef Joseph Goebbels, „das ist fĂŒr ihn ein schwerer Schlag.“
Gegen 19 Uhr erteilt Hitler neue Order: „Sofort alles anhalten.“
Das KunststĂŒck gelingt: Obwohl die Kriegsmaschinerie bereits angelaufen ist, wird der Angriff gestoppt. Nur einen Sondertrupp, der im Handstreich einen strategisch wichtigen Eisenbahntunnel in SĂŒdpolen nehmen soll, erreicht die Nachricht nicht rechtzeitig. Die Soldaten stoßen kaum auf Widerstand, besetzen den Bahnhof und kehren erst am nĂ€chsten Tag zurĂŒck. Eine deutsche Delegation entschuldigt sich offiziell fĂŒr den „Zwischenfall“. Da sei einer „unzurechnungsfĂ€hig“ gewesen.
Also: der Frieden gerettet. Oder doch nicht?
Europa im Sommer 1939. An der Spitze der mĂ€chtigsten MilitĂ€rmacht des Kontinents steht ein Diktator, von dem der damalige Außenamts-StaatssekretĂ€r Ernst von WeizsĂ€cker, Vater des spĂ€teren BundesprĂ€sidenten Richard, sagt, er sei „kein Mann der Logik oder der RĂ€son“.
Was fĂŒr eine Untertreibung.
Der junge Offizier Nikolaus von Vormann stĂ¶ĂŸt in jenen Tagen zur Entourage des „FĂŒhrers“. Er sitzt dabei, wenn Hitler beim Mittagessen oder abends seine Getreuen um sich schart, und verblĂŒfft registriert der Neue, dass die Meinung des Reichskanzlers oft um 11 Uhr „ganz anders lautet als seine Ansicht um 12 oder 1 Uhr“. Mal will er in jenen Tagen Polen angreifen, auch wenn das einen Weltkrieg bedeutet, dann wieder soll der Waffengang verschoben werden.
Nur eine Option taucht im wirbelnden Gedankenkosmos des Adolf Hitler nicht auf: dauerhafter Frieden.
Der Veteran des Ersten Weltkriegs, der die zerfetzten Leichen seiner Kameraden in den SchĂŒtzengrĂ€ben sah und selbst Opfer eines Giftgasangriffs war, hat die Niederlage nie verwunden. Politik ist fĂŒr den Sozialdarwinisten die „FĂŒhrung und der Ablauf des geschichtlichen Lebenskampfes der Völker“. Ohne Krieg herrsche Stillstand, und Stillstand sei gleichbedeutend mit Untergang. O-Ton Hitler: „Es lebe der Krieg - selbst wenn er zwei bis acht Jahre dauert.“
Wer sich derart an Tod und Verderben delektiert, ist zum Frieden nicht fÀhig.
Am 1. September 1939 hat das Schwanken ein Ende. Die Wehrmacht fÀllt im Morgengrauen ins Nachbarland ein. SS-MÀnner in polnischer Uniform haben zuvor GrenzzwischenfÀlle inszeniert, und die Leichen ermordeter KZ-HÀftlinge werden der Weltöffentlichkeit als Opfer polnischer Aggression prÀsentiert.
Vormittags um kurz nach zehn verkĂŒndet ein sich empört gebender Hitler mit heiserer Stimme im Reichstag: „Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurĂŒckgeschossen.“ Nicht einmal die Uhrzeit stimmt - der deutsche Überfall erfolgte eine Stunde frĂŒher.
Zwei Tage danach ist aus dem deutschen Angriff ein Weltkrieg geworden. Neben Großbritannien und Frankreich erklĂ€ren auch die Commonwealth-Mitglieder Australien, Indien, Neuseeland dem „Dritten Reich“ den Krieg; kurz darauf folgen SĂŒdafrika und Kanada.
Und das ist erst der Anfang.
2194 Tage wĂ€hrt das große Schlachten. Am Ende befindet sich das Reich mit 54 Staaten im Krieg. Insgesamt 110 Millionen Soldaten kĂ€mpfen zwischen Murmansk und Marseille, Tokio und Tobruk gegeneinander, mit Flammenwerfern oder Klappspaten, mit Handgranaten oder Maschinengewehren.
Das von Hitler entfesselte Inferno bringt eine in der Geschichte der Menschheit nie gesehene Eskalation der Gewalt mit sich. Rund sechzig Millionen Tote sind danach zu beklagen, darunter ĂŒber die HĂ€lfte Frauen, Kinder und Alte; allein im Holocaust sterben sechs Millionen Menschen.
Wie ein gewaltiges Erdbeben zerstört Hitlers Krieg fĂŒr immer jene Weltordnung, in der Europa im Zentrum steht; seit 1945 bestimmt vor allen Amerika den Pulsschlag des globalen Organismus. Die Westverschiebung Polens, die bis 1989 wĂ€hrende Vorherrschaft der Sowjetunion in Osteuropa, die Teilung Deutschlands - ohne den Zweiten Weltkrieg hĂ€tte es all das nicht gegeben.
Was fĂŒr eine Bilanz.
Und wenn man den Zeitgenossen Glauben schenkt, hat dies alles ein 1,75 Meter großer und gut 70 Kilogramm schwerer Mann verursacht, dessen gutturale Aussprache seine österreichische Herkunft verrĂ€t: Adolf Hitler aus Braunau am Inn.
Aber kann ein Mensch, und sei er als Diktator noch so mÀchtig, ganz allein die Welt in Flammen aufgehen lassen?
Seit einiger Zeit haben sich Zweifel an der zunĂ€chst allseits akzeptierten Sicht durchgesetzt; das Bild ist deutlich komplexer geworden. Gewiss bleibt, dass es ohne Hitler den Weltkrieg nicht gegeben hĂ€tte. Sicher ist allerdings auch: Eine Reihe von Faktoren trug dazu bei, dass aus den Kriegsphantasien des Nazi-FĂŒhrers Wirklichkeit werden konnte.
Zum einen war da die WillfĂ€hrigkeit der konservativen Eliten im MilitĂ€r, in der Verwaltung, in der Wirtschaft. Sie teilten nicht Hitlers krude Idee eines Rasseimperiums, und viele von ihnen fĂŒrchteten auch einen Krieg mit den WestmĂ€chten. Doch sie trĂ€umten von der Weltmacht und strebten nach einem Großdeutschland, das zumindest den Osten Europas dominierte. MĂ€nner wie Franz Halder, Befehlshaber des Heeres, der im FrĂŒhjahr 1939 verkĂŒndete, seine MĂ€nner mĂŒssten Polen ĂŒberrennen und wĂŒrden dann „erfĂŒllt mit dem Geist gewonnener Riesenschlachten bereitstehen, um entweder dem Bolschewismus entgegenzutreten oder nach dem Westen geworfen zu werden“.
Zum anderen half, mit LeibeskrĂ€ften, die deutsche Bevölkerung. Hitler war in keiner Weise der ungeliebte Despot, sondern das „Sprachrohr der nationalistischen Massen“, wie sein Biograf Ian Kershaw analysiert, und der Diktator berauschte sich an der Begeisterung, die ihm die Deutschen entgegenbrachten. Erst in dem Wechselspiel zwischen „FĂŒhrer“ und Volk bildete sich jene Hybris, die dann in den Untergang fĂŒhrte.
Dieser Befund wird auch nicht dadurch in Frage gestellt, dass bei Kriegsbeginn auf Straßen und Bahnhöfen Jubelszenen ausblieben. Inzwischen weiß man, dass die Stimmung nach den ersten Siegen rasch umschlug. Die Deutschen waren trotz der Millionen Toten des Ersten Weltkriegs nicht zu Radikalpazifisten geworden; sie wollten nur einen zu hohen Blutzoll vermeiden.
Am 20. September notierte der amerikanische Journalist William Shirer aus Berlin, er mĂŒsse „den Deutschen erst noch finden - selbst unter denen, die das Regime nicht mögen -, der irgendetwas schlecht findet an der Zerstörung Polens“. Solange grĂ¶ĂŸere Verluste ausblieben, werde dies „kein unpopulĂ€rer Krieg“ sein. Eine treffende Prognose.
Und schließlich bereiteten die SpĂ€tfolgen des Ersten Weltkriegs den Boden fĂŒr die Katastrophe. Diverse MĂ€chte suchten die Nachkriegsordnung zu revidieren, schon bald herrschte pure Anarchie. Italiens Faschisten, Japans MilitĂ€rs, die Sowjetunion unter Josef Stalin, auch das Obristenregime in Polen - sie alle strebten nach Einflusszonen oder Imperien und kooperierten dafĂŒr zeitweise mit den Nazis. Sogar die Demokraten in Großbritannien und Frankreich kamen dem Diktator entgegen. Viel zu lange, wenn auch ĂŒberwiegend aus einem ehrenwerten Motiv: Sie wollten den Frieden retten.
Am Anfang waren freilich die Deutschen. Als Hitler 1933 Reichskanzler wurde, lag der Erste Weltkrieg nicht einmal eine Generation zurĂŒck, doch eine Aufarbeitung der eigenen Rolle war unterblieben. EnttĂ€uscht von der Niederlage und gekrĂ€nkt von den Bestimmungen des Versailler Vertrags, sannen Deutsche aller Schichten und politischen Couleur auf dessen Korrektur. Der Revisionismus, urteilt der Historiker Rolf-Dieter MĂŒller, war „die stĂ€rkste Kraft“ im Land.
Das „Dritte Reich“ war zu dieser Zeit international isoliert (siehe Grafik); die Demokraten in London, Paris und Prag hielten ebenso Distanz wie das faschistische Italien und die Sowjetunion. Der braune Kanzler fĂŒrchtete in der ersten Zeit sogar einen PrĂ€ventivkrieg der NachbarlĂ€nder - eine ĂŒbertriebene Sorge.
Denn schon bald zeigte sich, wie brĂŒchig die Nachkriegsordnung geworden war. Ausgerechnet die Junta Polens, das unter dem Zweiten Weltkrieg mehr leiden sollte als jedes andere Land (siehe Grafik Seite 69), ließ sich mit Hitler auf eine „Juniorpartnerschaft“ (Historiker Frank Golczewski) ein. 1934 schlossen Warschau und Berlin einen Nichtangriffspakt, der Hitler fortan im Osten den RĂŒcken frei- hielt. Das polnische Regime nutzte seinerseits die Konstellation, um NachbarlĂ€nder unter Druck zu setzen, gegen die Warschau AnsprĂŒche erhob.
Hitler sah sich dabei zunĂ€chst in der fĂŒr ihn ungewohnten Situation, das AuswĂ€rtige Amt und die MilitĂ€rs zu bremsen. Die GeneralitĂ€t strebte eine schnellere und umfassendere AufrĂŒstung an, als es der Diktator außenpolitisch fĂŒr opportun erachtete.
Auch so wirkte das Tempo auf die Zeitgenossen atemberaubend, mit dem das „Dritte Reich“ die Fesseln von Versailles abschĂŒttelte. Am 10. MĂ€rz 1935 gab Luftfahrtminister Hermann Göring bekannt, dass er ĂŒber eine Luftwaffe verfĂŒge, eine knappe Woche spĂ€ter verkĂŒndete Hitler die EinfĂŒhrung der Wehrpflicht, um die Wehrmacht auf 550 000 Mann aufzustocken - beides glatte BrĂŒche des Versailler Vertrags, der eine weitgehende AbrĂŒstung Deutschlands festlegte.
Hitler stĂŒrmte indes durch offene Tore, denn lĂ€ngst hatten die europĂ€ischen SiegermĂ€chte des Ersten Weltkriegs - Großbritannien, Frankreich, Italien - erkannt, dass die Bedingungen von Versailles einem dauerhaften Frieden im Weg standen. Und wer weiß, wie die Geschichte des 20. Jahrhunderts verlaufen wĂ€re, wenn die Alliierten der unpopulĂ€ren Weimarer Republik all das zugestanden hĂ€tten, was sie schließlich murrend akzeptierten, als der Diktator es sich nahm.
Immerhin lud im FrĂŒhjahr 1935 Mus-solini den britischen Premier Ramsay MacDonald und den französischen MinisterprĂ€sidenten Pierre-Étienne Flandin ins mondĂ€ne Grandhotel in Stresa am Lago Maggiore. Der Jugendstilbau liegt direkt an der herrlichen Uferpromenade, und der eitle Mussolini reiste propagandawirksam mit dem Schnellboot an. Dann versprachen sich der italienische Volksschullehrer, der schottische Pazifist und der schnauzbĂ€rtige Franzose in die Hand, „mit allen geeigneten Mitteln“ kĂŒnftige Übergriffe Hitlers zu ahnden.
Den Duce empörten vor allem Versuche österreichischer Nazis, in Wien die Macht zu ĂŒbernehmen. Er verlangte eine „Strafexpedition“ gegen Berlin: „Sie alle, die Sie hier versammelt sind, wissen, dass Deutschland die Absicht hat, alles bis nach Bagdad zu erobern.“
Aber derselbe Mussolini trĂ€umte seinerseits von der Wiedergeburt eines römischen Reichs, und dazu sollte Abessinien gehören, das heutige Äthiopien. Wenige Monate nach Stresa griff er das afrikanische Kaiserreich an, was sein VerhĂ€ltnis vor allem zu den Briten nachhaltig schĂ€digte.
Mit diabolischem Geschick wusste Hitler die Konstellation fĂŒr sich zu nutzen. Er lieferte insgeheim den Afrikanern Waffen, um einen vorzeitigen Sieg der Italiener zu verhindern; zugleich bot er dem international isolierten Mussolini Wirtschafts- und RĂŒstungshilfe an.
Anfang 1936 hatte der „FĂŒhrer“ die Italiener, wo er sie haben wollte. Ein um UnterstĂŒtzung buhlender Mussolini erklĂ€rte die sogenannte Stresa-Front „als ein fĂŒr alle Mal tot“ und ließ Hitler nun wissen, er habe keine EinwĂ€nde, sollte Österreich ein Satellit Deutschlands werden. Bald sprach Mussolini von der Achse Rom-Berlin.
Ohne italienischen Schutz war Österreich dem Druck des „Dritten Reichs“ ausgeliefert. Fiele Österreich erst in den deutschen Machtbereich, verschlechterte sich auch die strategische Situation der Tschechoslowakei. Und hatte Hitler erst Prag und Bratislava aus dem Weg gerĂ€umt, war Polen kaum mehr erfolgreich zu verteidigen, Nichtangriffspakt hin oder her.
„Der FĂŒhrer ist glĂŒcklich“, notierte Goebbels.
Allerdings blieb das Reich an seiner Westgrenze verwundbar, und dieser Sachverhalt ließ Hitlers großen Gegenspieler Winston Churchill spĂ€ter urteilen, „niemals hĂ€tte sich ein Krieg leichter verhindern lassen“ als der Zweite Weltkrieg.
Im Westen Deutschlands galt eine Regelung aus dem Versailler Vertrag, die Außenminister Gustav Stresemann 1925 ausdrĂŒcklich akzeptiert hatte. Im Rheinland und lĂ€ngs einer Zone von 50 Kilometern östlich des Stroms durfte es keine deutschen Panzer geben, keine Garnison, keinen Fliegerhorst. So war es fĂŒr die französische Armee jederzeit möglich, das Ruhrgebiet - die Waffenschmiede des „Dritten Reichs“ - ohne große Opfer zu besetzen. Ein unertrĂ€glicher Zustand, wie nicht nur die Nazis, sondern auch fast alle fĂŒhrenden deutschen MilitĂ€rs und Diplomaten urteilten.
Am 7. MĂ€rz 1936 war es so weit. Noch vor Tau und Tag rollten die ersten GĂŒterzĂŒge, beladen mit Feldkanonen und Zugpferden, ans östliche Rheinufer. Dabei agierte Hitler ĂŒberaus vorsichtig. Er schickte nur gut 30 000 Soldaten in die entmilitarisierte Zone; und gerade einmal 3000 der MĂ€nner durften den Strom ĂŒberqueren und an die Grenze vorrĂŒcken. Der Befehl lautete, einen Kampf mit den Franzosen unbedingt zu vermeiden und stets in der Lage zu sein, innerhalb einer Stunde den RĂŒckzug antreten zu können.
Doch die Franzosen unternahmen - nichts. WĂ€hrend begeisterte Rhein- und SaarlĂ€nder den Landsern zujubelten, tagte in Paris das Kabinett. MinisterprĂ€sident Albert Sarraut wollte sich die Zone keinesfalls „rĂŒde und einseitig“ nehmen lassen. Wie er spĂ€ter berichtete, stand er damit in Frankreich allerdings weitgehend allein. Die Bevölkerung, die Parteien, die Kollegen - alle tra...

Table of contents

  1. Der Überfall
  2. Einleitung
  3. 1. Vorgeschichte
  4. 2. Der Überfall
  5. 3. Die Winterkatastrophe 1941
  6. 4. Die Belagerung von Leningrad
  7. 5. Besatzung und Verbrechen
  8. 6. Stalingrad
  9. 7. Der Untergang
  10. 8. Der Streit um den Krieg
  11. Anhang

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