Warum sich Antisemitismus schwer in Zahlen gießen lässt
Der Antisemitismus steigt: Diese Aussage hört man oft von Vertreter*innen jüdischer Gemeinden, aber auch von Politiker*innen. Befragt man Jüd*innen, werden sie diese Aussage mehrheitlich unterstreichen. Geht es um die Zuordnung, von welcher Seite der Antisemitismus kommt beziehungsweise von welcher Seite er am gefährlichsten ist, scheiden sich schon wieder die Geister und Interpretationen, je nach persönlicher, politischer, aber auch gesellschaftspolitischer Position. Auch die individuelle Wahrnehmung spielt hier eine große Rolle: Was wird von dem einen als antisemitisch empfunden, von der anderen dagegen nicht?
Leider kann man sich hier nicht auf klare Zahlen und Fakten stützen. Es gibt schlicht keine allumfassende Dokumentation über Antisemitismus in Österreich. Die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) Wien und das Forum gegen Antisemitismus (FGA) publizieren zwar regelmäßig einen Antisemitismusbericht, allerdings handelt es sich dabei lediglich um Vorfälle, die aktiv von Betroffenen gemeldet werden. Und hier gibt es zwei Phänomene: Erstens führen solche regelmäßig publizierten Berichte dazu, dass sich das Bewusstsein erhöht, und das animiert wiederum dazu, Dinge zu melden, die einem selbst widerfahren oder die man sieht (wie etwa Beschmierungen). Andererseits sind Menschen sehr unterschiedlich. Während die einen es unbedingt anprangern möchten, wenn ihnen Antisemitismus begegnet, ist es anderen unangenehm, darüber zu sprechen. Somit kann eine solche Aufstellung keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben.
Für eine künftig bessere Datenlage soll in Österreich eine neue, Ende 2020 bei der IKG angesiedelte Meldestelle sorgen. Hier wird nicht nur dokumentiert, hier werden Betroffene auch beraten und unterstützt.12
Der bisher letzte Bericht von IKG Wien und FGA liegt für das Jahr 2019 vor13, er dokumentierte 550 Vorfälle und stellte gegenüber 2017 (für 2018 wurde kein solcher Report erstellt) eine Steigerung um 9,5 Prozent fest. Von den 550 im Jahr 2019 festgehaltenen antisemitischen Übergriffen und Begebenheiten waren sechs physische Angriffe, 18 Bedrohungen, 78 Fälle von Sachbeschädigung, 209 Fälle von Massenzuschriften und 239 Fälle von verletzendem Verhalten.
„Während die Zahl an physischen Angriffen stagnierte und die Zahl der gemeldeten Bedrohungen um fast die Hälfte sank, stieg die Anzahl an Sachbeschädigungen um mehr als die Hälfte an“, heißt es in dem Bericht.14 Ideologisch konnten laut dem Report 226 Fälle keiner politischen Haltung zugeordnet werden. In 268 Fällen waren die Taten dem rechten Spektrum zuzuordnen, dabei handelte es sich meist um Sachbeschädigungen und Beschimpfungen. 31 Vorfälle wurden Antisemitismus mit islamischem Hintergrund zugeschrieben, 25 Mal mit linkem Hintergrund.
Aufhorchen ließ im Frühjahr 2019 Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP), der eine im Auftrag des Parlaments unter 2.700 Personen durchgeführte Umfrage zum Thema Antisemitismus präsentierte.15 Demnach zeigten sich zehn Prozent manifeste und 30 Prozent latente antisemitische Einstellungen. Manche Vorurteile halten sich demnach hartnäckig. Der Aussage „Juden beherrschen die internationale Geschäftswelt“ stimmen zehn Prozent der Befragten „voll und ganz“ und weitere 29 Prozent „eher schon“ zu. „Juden haben in Österreich zu viel Einfluss“, meinten drei Prozent „voll und ganz“ sowie elf Prozent „eher schon“. Und dem Satz „In wachsendem Ausmaß zeigen sich heute wieder Macht und Einfluss der Juden in der internationalen Presse und Politik“ stimmten sieben Prozent „voll und ganz“ sowie 24 Prozent „eher schon“ zu.
Eher kritisch ist eine bei dieser Befragung parallel durchgeführte Befragung unter 300 Türkisch und 300 Arabisch sprechenden Menschen – kritisch deshalb, da dieses Sample nicht als repräsentativ bezeichnet werden kann. Dennoch macht es nachdenklich, dass 41 Prozent der Türkisch sprechenden und 43 Prozent der Arabisch sprechenden Befragten die Aussage „Wenn ich jemanden kennenlerne, weiß ich nach wenigen Minuten, ob dieser Mensch Jude ist“ bejahten. Insgesamt wurde diesem Satz bei der Umfrage österreichweit von elf Prozent der Befragten zugestimmt.
Die EU-Agentur für Grundrechte (FRA) veröffentlichte Ende 2018 wiederum Daten einer online unter Jüd*innen in zwölf europäischen Ländern16 durchgeführten Umfrage. Daran nahmen insgesamt 16.395 Menschen teil. Aus Österreich beantworteten 525 Jüd*innen die gestellten Fragen. Dass Antisemitismus das größte Problem sei, meinten 85 Prozent aller Befragten, in Österreich stimmten dem 73 Prozent zu. 89 Prozent meinten, dass der Antisemitismus in ihrem Land zugenommen habe – in Österreich wurde das von 75 Prozent der Befragten bejaht.
Eine Bemerkung, die die Studienautor*innen bei der Präsentation der Ergebnisse machten, ließ besonders aufhorchen. Sie sahen Anzeichen für eine „Normalisierung des Antisemitismus“. Soll heißen: Manche Vorfälle würden nicht mehr als judenfeindlich wahrgenommen, weil sie so oft zu beobachten seien. 28 Prozent der Befragten hielten damals fest, sie seien im vergangenen Jahr zumindest einem antisemitischen Angriff ausgesetzt gewesen. Drei Aussagen, mit denen Jüd*innen konfrontiert sind, wurden dabei vor allem genannt: „Israel agiert gegen Palästina wie die Nazis gegen Juden“, „Juden haben zu viel Macht“ und „Juden nutzen den Holocaust zum eigenen Vorteil aus“.
Aber auch bei solchen Aussagen bräuchte es eine Differenzierung bei der Bewertung, was aus einer dieses Jahr von der Zeithistorikerin Bernadette Edtmaier an der Universität Salzburg unter 330 Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 13 und 24 Jahren durchgeführten explorativen Studie hervorgeht. Grundsätzlich zeigte sich darin jede/r Fünfte potenziell antisemitisch. Muslimische Jugendliche beziehungsweise solche mit türkischer oder ex-jugoslawischer Migrationsgeschichte seien innerhalb des festgestellten Antisemitismus-Spektrums etwas überrepräsentiert. Demnach gaben fast zwei Drittel aller Befragten, die sich antisemitisch oder potenziell antisemitisch äußerten, an, muslimisch zu sein. Sie äußerten laut Edtmaier besonders in Zusammenhang mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt Abneigung gegenüber Jüd*innen. Die Zeithistorikerin gab aber gleichzeitig zu bedenken: Muslimische Jugendliche seien sich im Vergleich zu nicht-muslimischen Gleichaltrigen seltener der „Sprechtabus Juden“ bewusst. Sie wissen also, dass man bei Aussagen zu Jüd*innen auf Grund der NS-Vergangenheit des Landes vorsichtig sein muss.
Und so bleibt am Ende eben doch wieder die Frage: Wie kommt welche Aussage bei wem an? Was wird als antisemitisch empfunden, was nicht? Was ist antisemitisch gemeint, was nicht? Und was ist relevanter: die Absicht hinter dem Gesagten oder die Wahrnehmung des Ausgesprochenen?
Etwas Orientierung bietet hier die 2016 von der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) beschlossene und mittlerweile von vielen Staaten – auch von Österreich – übernommene Definition von Antisemitismus. Sie lautet: „Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort und Tat gegen jüdische oder nichtjüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen und religiöse Einrichtungen.“17
Ergänzend hält die IHRA zum Thema Israel und Kritik an Israel fest: „Erscheinungsformen von Antisemitismus können sich auch gegen den Staat Israel, der dabei als jüdisches Kollektiv verstanden wird, richten. Allerdings kann Kritik an Israel, die mit der an anderen Ländern vergleichbar ist, nicht als antisemitisch betrachtet werden. Antisemitismus umfasst oft die Anschuldigung, die Juden betrieben eine gegen die Menschheit gerichtete Verschwörung und seien dafür verantwortlich, dass ‚die Dinge nicht richtig laufen‘. Der Antisemitismus manifestiert sich in Wort, Schrift und Bild sowie in anderen Handlungsformen, er benutzt unheilvolle Stereotype und unterstellt negative Charakterzüge.“18
Doch auch damit ist noch nicht gänzlich geklärt, wann etwas eindeutig als antisemitisch einzustufen ist und wann nicht. Daher führt die IHRA auch eine Reihe von Beispielen an, die eine präzisere Einschätzung ermöglichen. Konkret hält die IHRA dazu Folgendes fest:
„Aktuelle Beispiele von Antisemitismus im öffentlichen Leben, in den Medien, Schulen, am Arbeitsplatz und in der religiösen Sphäre können unter Berücksichtigung des Gesamtkontexts folgendes Verhalten einschließen, ohne darauf beschränkt zu sein:
•Der Aufruf zur Tötung oder Schädigung von Jüdinnen und Juden im Namen einer radikalen Ideologie oder einer extremistischen Religionsanschauung sowie die Beihilfe zu solchen Taten oder ihre Rechtfertigung.
•Falsche, entmenschlichende, dämonisierende oder stereotype Anschuldigungen gegen Jüdinnen und Juden oder die Macht der Jüdinnen und Juden als Kollektiv – insbesondere aber nicht ausschließlich die Mythen über eine jüdische Weltverschwörung oder über die Kontrolle der Medien, Wirtschaft, Regierung oder anderer gesellschaftlicher Institutionen durch die Jüdinnen und Juden.
•Das Verantwortlichmachen der Jüdinnen und Juden als Volk für tatsächliches oder unterstelltes Fehlverhalten einzelner Jüdinnen und Juden, einzelner jüdischer Gruppen oder sogar von Nichtjüdinnen und Nichtjuden.
•Das Bestreiten der Tatsache, des Ausmaßes, der Mechanismen (z. B. der Gaskammern) oder der Vorsätzlichkeit des Völkermordes an den Jüdinnen und Juden durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Unterstützer und Komplizen während des Zweiten Weltkrieges (Holocaust).
•Der Vorwurf gegenüber den Jüdinnen und Juden als Volk oder dem Staat Israel, den Holocaust zu erfinden oder übertrieben darzustellen.
•Der Vorwurf gegenüber Jüdinnen und Juden,...