1 |WAS IST BITCOIN?
Bitcoin ist ein elektronisches Peer-to-Peer-Bargeld, eine neue Form von digitalem Geld, das zwischen Menschen oder Computern ohne einen vertrauenswĂŒrdigen Mittelsmann (wie etwa einer Bank) ĂŒbertragen werden kann und dessen Emission nicht unter der Kontrolle einer einzelnen, zentralen Institution steht.
Denke an einen Papiergeld-Schein oder eine physische MetallmĂŒnze. Wenn du dieses Geld an eine andere Person weitergibst, muss diese nicht wissen, wer du bist. Sie muss nur darauf vertrauen, dass das Geld, das sie von dir bekommt, keine FĂ€lschung ist. Normalerweise tun Menschen dies mit physischem Geld, indem sie nur ihre Augen und Finger benutzen, oder bei gröĂeren Mengen mit speziellen TestgerĂ€ten.
Da wir uns in eine digitale Gesellschaft verwandelt haben, werden die meisten unserer Zahlungen jetzt ĂŒber das Internet mittels eines ZwischenhĂ€ndlers vorgenommen: ein Kreditkartenunternehmen wie Visa, ein Anbieter digitaler Zahlungen wie PayPal oder Apple Pay, oder eine Online-Plattform wie WeChat in China.
Die Bewegung hin zu digitalen Zahlungen bringt die AbhĂ€ngigkeit von einem zentralen Akteur mit sich, der jede Zahlung genehmigen und ĂŒberprĂŒfen muss. Der Grund dafĂŒr ist, dass sich das uns bekannte Geld von einer physischen Sache, die man selbst tragen, ĂŒbertragen und ĂŒberprĂŒfen kann, zu digitalen Bits gewandelt hat. Diese Bits mĂŒssen von einer dritten Partei, die ihre Ăbertragung kontrolliert, gespeichert und ĂŒberprĂŒft werden.
Indem wir unser Bargeld zugunsten einer bequemen digitalen Zahlungsweise aufgeben, schaffen wir zugleich ein System, in dem wir denen, die uns zu unterdrĂŒcken versuchen wĂŒrden, auĂerordentliche Macht verleihen. Digitale Zahlungsplattformen sind zur Grundlage dystopischer, autoritĂ€rer Kontrollsysteme geworden, wie sie die chinesische Regierung benutzt, um Andersdenkende zu ĂŒberwachen und BĂŒrger, deren Verhalten ihnen nicht gefĂ€llt, daran zu hindern, Waren und Dienstleistungen zu kaufen.
Bitcoin bietet eine Alternative zu zentral kontrolliertem digitalen Geld mit einem System, das uns die Person-zu-Person-Natur des Bargeldes zurĂŒckgibt, aber in digitaler Form:
1.Ein digitaler Vermögenswert, dessen Angebot begrenzt, im Voraus bekannt und unverÀnderlich ist. Dies steht in krassem Gegensatz zu den von Regierungen und Zentralbanken ausgegebenen PapierwÀhrungen und den entsprechenden digitalen Versionen, deren Menge in unvorhersehbarer Weise ausgeweitet werden kann.
2.Ein Haufen miteinander verbundener Computer (das Bitcoin-Netzwerk), dem jeder beitreten kann, indem er eine Software laufen lĂ€sst. Dieses Netzwerk dient dazu, neue Bitcoins zu erschaffen, ihre BesitzverhĂ€ltnisse zu verfolgen und sie zwischen den Teilnehmern zu transferieren, ohne sich auf MittelsmĂ€nner wie Banken, Zahlungsunternehmen und Regierungsbehörden verlassen zu mĂŒssen.
3.Die Bitcoin-Client-Software, ein StĂŒck Code, das jeder auf seinem Computer ausfĂŒhren kann, um Teilnehmer des Netzwerks zu werden. Diese Software ist quelloffen, was bedeutet, dass jeder sehen kann, wie sie funktioniert, und dass jeder neue Funktionen und Fehlerbehebungen zu ihr beitragen kann.
Bitcoin ist ein Netzwerk von Computern, auf denen die Bitcoin-Client-Software lÀuft.
Auf die Motive hinter Bitcoins Entstehung gehen wir im nÀchsten Abschnitt ein.
WOHER KOMMT BITCOIN?
Bitcoin wurde von einer Person oder Gruppe, die unter dem Pseudonym Satoshi Nakamoto bekannt ist, um das Jahr 2008 herum entwickelt. Niemand kennt die IdentitĂ€t dieser Person oder Gruppe, und soweit wir wissen, ist/âsind er/âsie verschwunden und man hat seit Jahren nichts mehr von ihm/âihr/âihnen gehört.
Am 11. Februar 2009 schrieb Satoshi einen Artikel ĂŒber eine frĂŒhe Version von Bitcoin in einem Online-Forum fĂŒr Cypherpunks, also Menschen, die an Kryptographie-Technologie arbeiten und sich mit der PrivatsphĂ€re und Freiheit des Einzelnen beschĂ€ftigen. Dies ist zwar nicht die erste offizielle AnkĂŒndigung der Veröffentlichung von Bitcoin, aber sie enthĂ€lt eine gute Zusammenfassung von Satoshis BeweggrĂŒnden, sodass wir sie als Grundlage fĂŒr unsere Diskussion verwenden werden.
Die relevanten Ausschnitte sind unten aufgefĂŒhrt. Im nachfolgenden Abschnitt werden wir einige dieser Aussagen durchgehen und versuchen zu verstehen, welche Probleme des gegenwĂ€rtigen Finanzsystems Satoshi gelöst hat:
Ich habe ein neues Open-Source-P2P-E-Cash-System namens Bitcoin entwickelt. Es ist vollstĂ€ndig dezentralisiert, ohne zentralen Server oder Parteien, denen vertraut werden muss, weil alles auf kryptografischen Nachweisen statt auf Vertrauen basiert. [âŠ]
Das Grundproblem der herkömmlichen WĂ€hrungen ist das Vertrauen, das fĂŒr ihre FunktionsfĂ€higkeit erforderlich ist. Man muss darauf vertrauen, dass die Zentralbank nicht die WĂ€hrung abwertet, aber die Geschichte der Fiat-WĂ€hrungen ist voll von diesen VertrauensbrĂŒchen. Man muss darauf vertrauen, dass die Banken unser Geld aufbewahren und elektronisch ĂŒberweisen, aber stattdessen verleihen sie es in mehreren Wellen von Kreditblasen mit einem Bruchteil an Reserven. Wir mĂŒssen ihnen unsere privaten Daten anvertrauen, und auch darauf vertrauen, dass sie nicht zulassen, dass IdentitĂ€tsdiebe unsere Konten leerrĂ€umen. Ihre massiven Betriebskosten machen Zahlungen von KleinstbetrĂ€gen (Micro Payments) unmöglich.
Vor etwa einer Generation hatten Multi-User-Time-Sharing-Computersysteme ein Ă€hnliches Problem. Vor der starken VerschlĂŒsselungstechnik mussten sich die Benutzer auf den Passwortschutz verlassen, um ihre Dateien zu sichern [âŠ]
Dann wurde eine leistungsstarke VerschlĂŒsselung fĂŒr die Massen verfĂŒgbar, und Vertrauen war nicht mehr erforderlich. Daten konnten auf eine Art und Weise gesichert werden, die es anderen physisch unmöglich machte, auf sie zuzugreifen, egal aus welchem Grund, egal wie gut die Ausrede ist, egal wie wichtig das Anliegen.
Es ist Zeit, dass uns Geld dasselbe bietet. Mit einer E-WĂ€hrung, die auf einem kryptografischen Nachweis basiert, ohne dass man einem dritten ZwischenhĂ€ndler vertrauen muss, kann Geld sicher und Transaktionen mĂŒhelos durchgefĂŒhrt werden. [âŠ]
Die Lösung von Bitcoin ist die Verwendung eines Peer-to-Peer-Netzwerks zur ĂberprĂŒfung von Doppelausgaben. Kurz gesagt, das Netzwerk funktioniert wie ein verteilter Zeitstempel-Server, der die erste Transaktion zur Ausgabe eines Coins stempelt. Es macht sich die Natur der Information zunutze, die leicht zu verbreiten, aber schwer zu unterbinden ist. Einzelheiten zur Funktionsweise finden Sie im Konzeptpapier unter http://âwww.bitcoin.org/âbitcoin.pdf
â Satoshi Nakamoto
WELCHE PROBLEME LĂST BITCOIN?
Lasst uns einige von Satoshis BeitrĂ€gen aufschlĂŒsseln. Im gesamten Buch werden wir behandeln, wie diese Konzepte tatsĂ€chlich umgesetzt wurden. Keine Sorge, wenn sich etwas in diesem Abschnitt zunĂ€chst ungewohnt anhört, denn wir werden spĂ€ter ausfĂŒhrlich darauf eingehen. Die Idee dabei ist, Satoshis Ziele zu erkennen, damit wir sie erreichen können, wĂ€hrend wir Bitcoin entdecken.
Ich habe ein neues Open-Source-P2P-E-Cash-System entwickelt
P2P steht fĂŒr Peer-to-Peer und bezeichnet ein System, in dem eine Person mit einer anderen Person als gleichberechtigte Peers, interagieren kann, ohne jemanden dazwischen zu haben. Du erinnerst dich vielleicht an P2P-Filesharing-Technologien wie Napster, Kazaa und BitTorrent, die es den Menschen erstmals ermöglichten, Musik und Filme ohne einen Mittelsmann miteinander zu teilen. Satoshi hat Bitcoin so konzipiert, dass die Menschen e-Cash, also elektronisches Bargeld, austauschen können, ohne einen ZwischenhĂ€ndler in Anspruch nehmen zu mĂŒssen.
Die Software ist Open Source, was bedeutet, dass jeder sehen kann, wie sie funktioniert und zu ihrer Weiterentwicklung und Verbesserung beitragen kann. Dies ist wichtig, da es die Anforderung, Satoshi zu vertrauen, aufhebt. Wir mĂŒssen nichts glauben, was Satoshi in seinem Beitrag ĂŒber die Funktionsweise der Software geschrieben hat. Wir können uns den Code ansehen und selbst ĂŒberprĂŒfen, wie er funktioniert. AuĂerdem können wir die FunktionalitĂ€t des Systems durch Ănderung des Codes weiterentwickeln.
Es ist vollstĂ€ndig dezentralisiert, ohne zentralen Server oder Parteien, denen vertraut werden muss, âŠ
Satoshi erwĂ€hnt, dass das System dezentral ist, um es von Systemen zu unterscheiden, die zentral gesteuert werden. FrĂŒhere Versuche, digitales Bargeld zu schaffen, wie das DigiCash von David Chaum, wurden von einem zentralen Server unterstĂŒtzt, einem Computer oder einer Reihe von Computern, der bzw. die fĂŒr die Veranlassung und ĂberprĂŒfung der Zahlungen verantwortlich waren und unter der Kontrolle eines Unternehmens standen.
Solche zentral gesteuerten privaten Geldsysteme waren zum Scheitern verurteilt; die Menschen können sich nicht auf ein Geld verlassen, welches verschwinden kann, wenn die Firma pleite geht, gehackt wird, einen Serverabsturz erleidet oder von der Regierung stillgelegt wird.
Bitcoin hingegen wird nicht von einem einzelnen Unternehmen gefĂŒhrt und kontrolliert, sondern von einem Netzwerk von Einzelpersonen und Unternehmen auf der ganzen Welt. Um Bitcoin abzuschalten, mĂŒssten Zehn- bis Hunderttausende von Computern auf der ganzen Welt heruntergefahren werden, viele davon an unbekannten Orten. Es wĂ€re eine hoffnungslose Version von Whack-A-Mole, da jeder Angriff dieser Art einfach die Schaffung neuer Bitcoin-Nodes oder Computer im Netzwerk fördern wĂŒrde.
âŠ, weil alles auf kryptografischen Nachweisen statt auf Vertrauen basiert
Das Internet und die meisten modernen Computersysteme basieren auf der Kryptographie, einer Methode zur VerschlĂŒsselung von Informationen, so dass nur der EmpfĂ€nger der Informationen diese entschlĂŒsseln kann. Wie kann Bitcoin das Erfordernis des Vertrauens eliminieren? Wir werden spĂ€ter in diesem Buch darauf eingehen, aber die Grundidee ist, dass wir, anstatt jemandem zu vertrauen, der sagt âIch bin Aliceâ oder âIch habe 10 ⏠auf meinem Kontoâ, kryptografische Mathematik verwenden können, um die gleichen Fakten auf eine Art und Weise anzugeben, die vom EmpfĂ€nger des Beweises sehr leicht zu verifizieren, aber vom Versender unmöglich zu fĂ€lschen sind. Bitcoin verwendet im gesamten Design kryptografische Mathematik, um den Teilnehmern die ĂberprĂŒfung des Verhaltens von allen anderen zu ermöglichen, ohne einer zentralen Partei zu vertrauen.
Wir mĂŒssen ihnen (den Banken) unsere privaten Daten anvertrauen, und auch darauf vertrauen, dass sie nicht zulassen, dass IdentitĂ€tsdiebe unsere Konten leerrĂ€umen
Anders als bei der Verwendung unseres Bankkontos, eines digitalen Zahlungssystems oder einer Kreditkarte, können mit Bitcoin zwei Parteien Transaktionen durchfĂŒhren, ohne dass sie persönliche Daten preisgeben mĂŒssen. Zentralisierte Datenbanken fĂŒr Verbraucherdaten, die bei Banken, Kreditkartenunternehmen, Zahlungsabwicklern und Regierungen gespeichert sind, stellen riesige Honeypots fĂŒr Hacker dar. Als ob man einen Nachweis fĂŒr Satoshis Standpunkt liefern wollte, wurde Equifax im Jahr 2017 massiv kompromittiert, indem die IdentitĂ€ten und Finanzdaten von mehr als 140 Millionen Menschen in die HĂ€nde von Hackern fielen.
Bitcoin entkoppelt finanzielle Transaktionen von den IdentitĂ€ten der realen Welt. SchlieĂlich muss derjenige, der von uns physisches Bargeld erhĂ€lt, auch nicht wissen, wer wir sind, und wir mĂŒssen auch nicht befĂŒrchten, dass er nach unserem Austausch einige Informationen, die wir ihm gegeben haben, nutzen kann, um mehr von unserem Geld zu stehlen. Warum sollten wir also nicht dasselbe oder sogar Besseres von digitalem Geld erwarten?
Man muss darauf vertrauen, dass die Zentralbank die WĂ€hrung nicht abwertet, aber die Geschichte der Fiat-WĂ€hrungen ist voll von diesen VertrauensbrĂŒchen
Fiat, ist Latein und bedeutet âEs geschehe/âEs werdeâ, und bezieht sich auf die von der Regierung und der Zentralbank ausgegebene WĂ€hrung, die von der Regierung als gesetzliches Zahlungsmittel deklariert wird. Historisch gesehen wurde Geld aus Dingen geschaffen, die schwer herzustellen, leicht zu ĂŒberprĂŒfen und möglichst leicht zu transportieren waren, wie z. B. Muscheln, Glasperlen, Silber und Gold. Jedes Mal, wenn etwas als Geld benutzt wurde, war die Versuchung groĂ, mehr davon zu schaffen. Wenn jemand mit ĂŒberlegener Technologie kam, um schnell viel von diesem Gut zu schaffen, verlor das Gut an Wert. Auf diese Weise konnten europĂ€ische Siedler den afrikanischen Kontinent seines Reichtums berauben, indem sie mit fĂŒr sie leicht zu produzierenden Glasperlen handelten, die sie gegen schwer zu reproduzierende menschliche Sklaven tauschten. Deshalb wurde Gold so lange als gutes, solides Geld betrachtet, denn es war schwierig, schnell mehr davon zu produzieren.1
Im Lauf der Zeit haben wir uns jedoch langsam von einer Weltwirtschaft, die Gold als Geld benutzte, zu einer Wirtschaft entwickelt, in der Papierzertifikate als Anspruch auf dieses Gold ausgegeben wurden. SchlieĂlich wurde das Papiergeld von Nixon, der 1971 die internationale KonvertibilitĂ€t des US-Dollars in Gold beendete, vollstĂ€ndig von jeglicher physischen Sicherung getrennt.
Das Ende des Goldstandards erlaubte es den Regierungen und Zentralbanken, die Geldmenge nach Belieben zu erhöhen und den Wert jeder im Umlauf befindlichen Banknote zu verwÀssern, was gemeinhin als Entwertung bezeichnet wird. Obwohl es sich bei der von der Regierung ausgegebenen, gegen nichts einlösbaren, reinen Fiat-WÀhrung um das Geld handelt, das wir alle kennen und tagtÀglich verwenden, ist es eigentlich ein relativ neues Experiment im Rahmen der bisherigen Weltgeschichte.
Wir mĂŒssen darauf vertrauen, dass unsere Regierungen ihre Druckerpressen nicht missbrauchen, aber man muss nicht lange nach Beispielen fĂŒr einen Vertrauensbruch suchen. In autokratischen und zentral geplanten Regimen, in denen die Regierung ihren Finger direkt auf der Geldmaschine hat, wie in Venezuela, ist die WĂ€hrung faktisch wertlos geworden. Der venezolanische Bolivar ist von 2 Bolivar pro US-Dollar im Jahr 2009 auf 250.000 Bolivar pro US-Dollar im Jahr 2019 gefallen. WĂ€hrend ich dieses Buch schreibe, befindet sich Venezuela aufgrund der schrecklichen Misswirts...