Wie verĂ€ndert sich unser Bewusstsein von unserer Geburt bis zu unserem Erwachsenenalter? Wie unterscheidet sich die Wahrnehmung der Naturvölker von der des modernen gebildeten Menschen? Die Neurowissenschaftlerin und SonderpĂ€dagogin Dee Joy Coulter zeigt anhand faszinierender wissenschaftlicher Erkenntnisse, welch enorme SchĂ€tze der individuelle und kollektive "AnfĂ€ngergeist" birgt. Sie fĂŒhrt ihre Leser unterhaltsam und leicht verstĂ€ndlich zu einer neuen Sicht auf die Entwicklung des menschlichen Geistes und fĂ€chert gleichzeitig eine FĂŒlle von Anregungen fĂŒr die pĂ€dagogische Begleitung von Kindern und fĂŒr die Erweiterung des Lern- und Wahrnehmungsvermögens von Erwachsenen auf.

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Original Mind - AnfÀngergeist und Bildung
Was wir aus der Entwicklung des kindlichen Gehirns lernen können
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Original Mind - AnfÀngergeist und Bildung
Was wir aus der Entwicklung des kindlichen Gehirns lernen können
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Information
1. ZURĂCK ZUM ANFĂNGERGEIST
Ist euer Geist leer, so ist er fĂŒr alles bereit,
ist fĂŒr alles offen.
Der AnfÀngergeist hat viele Möglichkeiten,
der des Experten nur wenige.
ist fĂŒr alles offen.
Der AnfÀngergeist hat viele Möglichkeiten,
der des Experten nur wenige.
Shunryu Suzuki
Zen-Geist, AnfÀnger-Geist
Unser Weg beginnt mit einer groĂen Herausforderung. Wir mĂŒssen alles, was wir wissen, beiseite stellen, um die Welt so unbefangen wie ein Neugeborenes zu erfahren. Wir neigen dazu zu sehen, was wir zu sehen erwarten. Wir machen eine Art Bestandsaufnahme, indem wir die Elemente in unserer Umgebung erkennen und im Stillen benennen. Unser Geist liebt Ordnung, und dieses Benennen schenkt uns eine gewisse Geborgenheit. Besonders kreative Denker sind jedoch fĂ€hig, auch das zu sehen, was sie nicht benennen können, mit einem frischen Blick, der auch Verwirrendes wahrnimmt und die VerblĂŒffung genieĂt, die daraus entsteht. Diese Ungewissheit ist ein idealer NĂ€hrboden fĂŒr neue Ideen. Solche Menschen haben den unbefangenen Blick eines Neugeborenen wieder gefunden.
Wir können das auch lernen. Genauer gesagt ist es ein Prozess des Verlernens, bei dem wir mĂŒssen zunĂ€chst das Benennen der Dinge weglassen, um sie ohne das innere Geplapper wahrzunehmen. Dann gilt es, auch die Assoziationen abzulegen, die von der Wahrnehmung ausgelöst werden, um den reinen Sinneseindruck zurĂŒckzugewinnen, der allem Wissen vorausgeht.
Diese reinen SinneseindrĂŒcke können sich nur in Augenblicken zeigen, in denen wir der Welt ganz frisch und neu begegnen.
Wir beginnen dieses Kapitel mit einer Begegnung mit einem praktizierenden Mönch. Dann werden wir schauen, was wir von SĂ€uglingen und von ehemals Blinden lernen können, die nach einer Operation zum ersten Mal sehen. Wir werden das Kapitel mit Ideen, Geschichten und Ăbungen beschlieĂen, die Ihnen helfen, selbst auf diese unglaublich wertvolle Weise frisch und neu die Welt zu sehen.
ZHANGI ZHINGI
1993 lehrte ich bereits seit zehn Jahren an der Naropa UniversitĂ€t in Boulder, Colorado. Diese buddhistisch inspirierte UniversitĂ€t wurde von Chögyam Trungpa Rinpoche gegrĂŒndet, einem tibetischen Mönch, der eine Hauptrolle dabei spielte, den Buddhismus in den Westen zu bringen. Es begann sich ein Interesse fĂŒr die ZusammenhĂ€nge zwischen buddhistischem Gedankengut und neurologischen Erkenntnissen zu entwickeln. Die in diesem Jahr zum sechsten Mal stattfindenden Mind and Life-Dialoge zwischen Wissenschaftlern, Mönchen und seiner Heiligkeit des Dalai Lama hatten einen jungen tibetischen Mönch fĂŒr einen kurzen Besuch nach Boulder gefĂŒhrt. Er wollte etwas ĂŒber den menschlichen Geist wissen, und da ich zu dieser Zeit den besten neurologischen Hintergrund hatte, wurde ich zu einem GesprĂ€ch mit ihm gebeten.
Nach einer kurzen BegrĂŒĂung durch seinen Ăbersetzer wurde ich aufgefordert, mich neben ihn zu setzen, damit er mir seine Frage stellen konnte. Er sprach auf Tibetisch, wandte den Kopf ab und schaute dabei quer durch den leeren Raum auf ein imaginĂ€res Objekt. »Ich schaue.« Er hielt kurz inne und fuhr dann fort: »Ich sehe eine Blume. Erstes Mal. Was passiert?« Ich begann zu erklĂ€ren, wie die Information von den Augen zum visuellen Cortex ĂŒbertragen wird, doch als der Ăbersetzer meine Worte weitergab, wurde schnell deutlich, dass es ihm in seiner Frage nicht darum ging.
Der Mönch unterbrach ihn, schĂŒttelte den Kopf und versuchte es aufs Neue. »Ich schaue.« Pause. »Ich sehe eine Blume. Erstes Mal.« Er bewegte den Kopf wie zuvor, doch dieses Mal fuhr er fort, indem er den Kopf nochmal in derselben Weise bewegte und wiederholte: »Ich schaue« Pause. »Ich sehe eine Blume. Erstes Mal. Was passiert?« Ich war verblĂŒfft! (Ich werde noch auf die verschiedenen Dinge eingehen, die mir in diesem Augenblick klar wurden, aber ich will zunĂ€chst die Geschichte fertig erzĂ€hlen.)
Er erklĂ€rte mir, dass, wenn er auf eine Blume schaut, sie zuerst nicht sieht, und sie erst dann Form annimmt. Er schien sich dessen bewusst zu sein, dass sein Geist aus den Lichtwellen, die von der Blume ausgehen, ein Signal bildet. In der Wissenschaft nennen wir das feature binding. (= Die Integration von Einzelmerkmalen eines wahrgenommenen Objekts zu einer kohĂ€renten Gestalt.) Jeder von uns tut es, aber es passiert so schnell, dass uns in der Regel dieser Prozess ĂŒberhaupt nicht bewusst ist. Ich dachte, er wĂŒrde vielleicht wissen wollen, wie dieser Strukturierungsprozess erfolgt, also erklĂ€rte ich, wie das Gehirn diese Signale aus der allgemeinen neurologischen Reizflut herausfiltert. Die Zellen plappern sozusagen stĂ€ndig vor sich hin, doch wenn sich eine Gruppe von ihnen in Reaktion auf einen bestimmten Reiz zusammenschlieĂt, entsteht ein Signal, welches diesen »HintergrundlĂ€rm« ĂŒbertönt. Dieses Signal besteht aus kohĂ€renten Informationen, es bildet ein bestimmtes Wellenmuster, welches sich von dem Geplapper abhebt. Dieses neurologische »Geplapper« bildet eine Art chaotischen Hintergrund, vor dem selbst das zarteste kohĂ€rente Signal deutlich herausragt.
Diese ErklĂ€rung gefiel ihm offensichtlich. Er schaute mich aufmerksam an, wĂ€hrend der Ăbersetzer ihm meine Worte vermittelte. Doch bei dem Wort chaotisch blieb der Ăbersetzer stecken. Es schien kein tibetisches Wort dafĂŒr zu geben. Dem Mönch war klar, dass dieses Wort von zentraler Bedeutung war. Nach einer Weile sagte er erfreut: »Ah, Zhangi Zhingi, Zhangi Zhingi.«
»Ja«, antwortete ich, in dem festen Glauben, dass Worte mit so vielen Z bestimmt irgendwie das Chaos beschreiben. Damit war das Interview zu Ende. Man dankte mir und verabschiedete mich.
Vier Jahre spĂ€ter saĂ ich bei einem Retreat der Naropa FakultĂ€t neben Sarah Harding, einer hervorragenden Gelehrten und Kennerin der tibetischen Sprache, und erzĂ€hlte ihr diese Geschichte. »Was bedeutet âșZhangi, Zhingiâč?«, fragte ich sie.
»Es bedeutet âșverfilztes Haarâč«, erklĂ€rte sie.
Was fĂŒr ein passendes Bild fĂŒr Chaos! Und was fĂŒr eine wunderbare Frage, die er gestellt hatte! An ihr wird deutlich, wie sehr sich sein durch jahrelange Meditation geschulter Geist von den Begrenzungen des westlichen Denkens unterscheidet, die ihm merkwĂŒrdig erschienen sein mĂŒssen. Der westlich konditionierte Geist lĂ€sst gewöhnlich nicht zu, dass sich Bilder auflösen. Er arbeitet hart daran, sich ein verstĂ€ndliches Weltbild aufzubauen, und hĂ€ngt an dem Wissen und der Fachkenntnis, die er sich erworben hat. So werden die Bilder festgeschrieben, und eine Blume wird beim zweiten Blick automatisch als dieselbe Blume eingeordnet.
Diese Geschichte wirft zwei wichtige Fragen auf. Wenn der Mönch zuerst keine Blume sieht, was sieht er dann, bevor das Bild der Blume auftaucht? Und zum Zweiten: Wie kann er das Bild der Blume auslöschen, um die Blume beim zweiten Mal wieder »zum ersten Mal« zu sehen? Merken Sie sich diese zwei Fragen bitte, wÀhrend Sie weiterlesen. Sie gehören zu dem Muster, welches ich erkannte, als ich die Frage des Mönches verstanden hatte.
Diese Geschichte beschreibt eine relative hohe geistige Kompetenz. Doch Sie können ganz einfach anfangen, diese Perspektive einzuĂŒben. Unterbrechen Sie ein bis zwei Mal am Tag ihre gewohnten AktivitĂ€ten und verĂ€ndern Sie Ihren Fokus. Probieren Sie, einen Moment lang einfach das Licht, die Farben und die Bewegungen um sich herum wahrzunehmen, bevor die Stimme in Ihrem Kopf anfĂ€ngt, das Gesehene zu benennen. Vielleicht denken Sie jetzt, Sie mĂŒssten dafĂŒr einen Spaziergang in der Natur machen, doch es geht genauso gut im Supermarkt, im BĂŒro oder in Ihrer Wohnung. Diese isolierten SinneseindrĂŒcke bieten sich ĂŒberall an! Die folgenden Abschnitte werden Ihnen helfen, diese FĂ€higkeit zurĂŒckzugewinnen.
SEHEN WIE EIN SĂUGLING
Betrachte Dinge, wie es ein SÀugling tut, ohne Vorwissen ⊠lass diese Sicht in dich einsinken
und erfahre sie ganz und gar,
ohne zu verstehen.
und erfahre sie ganz und gar,
ohne zu verstehen.
Murshid Fazal Inayat-Khan
bedeutender Sufi-Lehrer, ehemaliger Leiter der internationalen Sufi-Bewegung
SĂ€uglinge sehen die Dinge nicht, wie wir sie kennen, sondern die Bewegungsspuren, die sie hinterlassen. Vor allem biologische Bewegungsspuren sind faszinierend fĂŒr sie. Woher wir das wissen? Ein paar clevere Forscher haben folgendes geniale Experiment durchgefĂŒhrt: Sie haben eine Person ganz in Schwarz gekleidet, ihr auch Gesicht und HĂ€nde geschwĂ€rzt und an den wichtigsten Gelenken â Ellenbogen, Handgelenke, Schultern, HĂŒften und so weiter â kleine LED-Leuchten befestigt. Dann haben sie gefilmt, wie sich diese Person vor einem schwarzen Hintergrund durch einen abgedunkelten Raum bewegt. Den Film, auf dem nur die Bewegungsspuren der Gelenke zu sehen waren, fĂŒhrten sie SĂ€uglingen vor. Die Babys liebten es offenbar, diesen Film zu sehen, denn sie schauten lange Zeit unverwandt hin. Dann verĂ€nderten die Forscher den Film ein wenig, indem sie die Bewegungsspur eines Ellenbogenlichts so verĂ€nderten, dass sie unzusammenhĂ€ngend vor- und zurĂŒcksprang. Die Babys waren von diesem Anblick offenkundig verstört und wandten schnell den Blick ab. Der verĂ€nderte Film brach mit dem natĂŒrlichen Fluss menschlicher Bewegungsspuren. Die SĂ€uglinge konnten das offenbar wahrnehmen, obwohl auf den Bildern kein Mensch zu sehen war. Aus dem Hinschauen oder Abwenden des Blicks ziehen die Forscher RĂŒckschlĂŒsse darĂŒber, was SĂ€uglingen angenehm oder unangenehm ist.
Auch die Reaktion eines SĂ€uglings auf Schönheit hat vielleicht nicht mit dem zu tun, was wir auf einem Bild wahrnehmen. Forscher baten eine Gruppe von College-Studenten, aus je einhundert Fotos von Studentinnen und Studenten jeweils die zehn attraktivsten und die zehn unattraktivsten herauszusuchen. Dann zeigten sie diese Bilder nacheinander einer groĂen Anzahl von sechs Wochen alten Babys. Bei jenen, die von den Studenten als attraktiv eingestuft worden waren, schauten die Babys lange hin, und bei den unattraktiven wandten sie den Blick ab oder zeigten Anzeichen von Unbehagen. PortrĂ€tmaler sagen, der Unterschied zwischen einem als schön und einem als hĂ€sslich empfundenen Gesicht sei vor allem eine Frage der Proportionen. Wenn ein Aspekt nur ein wenig verĂ€ndert wird, kann ein Gesicht plötzlich seine Schönheit verlieren, als ob es eine mathematische Formel oder eine Schablone fĂŒr »schöne Gesichter« gĂ€be. Was sahen diese Kinder also? Babys lernen rasch, das Gesicht ihrer Mutter zu erkennen, doch sie brauchen Monate, um andere Gesichter so weit zu fokussieren, dass sie sie erkennen können. Die Kinder in dieser Studie waren dafĂŒr noch zu jung, sie haben also keine Gesichter in unserem Sinne gesehen. Ihre Reaktion scheint vielmehr von der Harmonie oder Disharmonie der Proportionen abzuhĂ€ngen.
Mit unserem bewussten Verstand können wir diese Bewegungsspuren nur noch schwer wahrnehmen. Woran das liegt? Als kleine Kinder waren wir von den Bewegungsspuren um uns herum fasziniert und verbrachten unsere gesamte wache Zeit damit, verschiedenen Kombinationen von Sinneswahrnehmungen nachzuspĂŒren. AllmĂ€hlich lernten wir, die Dinge hinter diesen Bewegungsspuren zu erkennen. Wir lernten, wie sie klingen, wie sie sich anfĂŒhlen, wie sie aussehen, vielleicht auch wie sie schmecken und riechen. Unser Gehirn hat ein neuronales Programm entwickelt, um Bewegungsspuren und Wellen in Dinge zu ĂŒbersetzen. Wenn wir im Alter von etwa sechs Jahren in die Schule kommen, ĂŒbersetzt das Gehirn diese Wellen bereits so schnell in Dinge, dass wir diese Vorstufe nicht mehr bemerken. Das stellt uns vor ein RĂ€tsel. Wie können wir wissen, was unsere Augen sehen wĂŒrden, wenn unser Gehirn kein derartiges Ăbersetzungsprogramm entwickelt hĂ€tte?
Vielleicht können uns die Erfahrungen jener besonderen Menschen weiterhelfen, die erst als Jugendliche oder Erwachsene sehen lernten. Viele von ihnen haben davon berichtet, was ihre Augen wahrnahmen, als sie zum ersten Mal etwas sahen und versuchten, der Welt einen visuellen Sinn abzugewinnen. Sie beschreiben eine faszinierende Erfahrung.
Wenn ihnen der Verband abgenommen wurde, sahen sie zunĂ€chst kein Gesicht, das sie begrĂŒĂte. Wenn sie in Richtung der vertrauten Stimme schauten, zeigte sich etwas Verschwommenes. Wochenlang fesselte sie vor allem der Farbeindruck, denn darauf waren sie durch BerĂŒhrung und Hören nicht vorbereitet. Manchmal waren sie von der Flut der visuellen Stimulation, dieser verwirrenden Mischung aus Licht, Farbe und Bewegung, schier ĂŒberwĂ€ltigt. Es ist offenbar ziemlich schwierig, das Ertastete in Sichtbares zu ĂŒbersetzen. Das ErspĂŒren der Form eines Elefantes ist offenbar keine ausreichende Vorbereitung auf den Anblick einer ganzen Elefantenstatue. Ihr Verstand hatte sich daran gewöhnt, die Dinge in zeitlich versetzten Teilabschnitten zu erfassen. Das Sehen ermöglichte es ihnen, alle Teile gleichzeitig rĂ€umlich wahrzunehmen. Doch wenn sie mĂŒhsam gelernt hatten, den Elefanten allein durch das Sehen zu erkennen und sich die Statue dann aus einem anderen Blickwinkel zeigte, war es wieder ein völlig neuer, unbekannter Eindruck. Ihr Gehirn hatten noch kein visuelles Programm entwickelt, die Drehung von Dingen spontan nachzuvollziehen.
Auch konnten sie rĂ€umliche Tiefe nur wahrnehmen, wenn sich etwas bewegte. Bis dahin hatten sie Entfernungen immer an der GröĂe eines Objektes gemessen. Treppenstufen erschienen ihnen zunĂ€chst als flache OberflĂ€che mit Streifen. Eine Person beschrieb, wie sie sich mit Hilfe innerlich gezogener Linien und Pfade zwischen den Zimmern und den wichtigsten MöbelstĂŒcken durch ihre Wohnung bewegte. Wenn sie diese Pfade verlieĂ, verlor sie leicht die Orientierung. Die visuelle Welt dieser Menschen war zunĂ€chst völlig von Farben, Licht und Bewegungen dominiert. Nur mit viel Ăbung lernten sie, diese EindrĂŒcke zu verbinden und somit Dinge zu erkennen. Die Ăbungen in diesen ersten zwei Kapiteln können Ihnen helfen, wieder auf diese ursprĂŒngliche Weise Wellen und Bewegungen wahrzunehmen. Die erste Ăbung ist, aufmerksam sehr kleine Kinder zu beobachten. Bemerken Sie, wie oft sie sich mehr fĂŒr Licht, GerĂ€usche, Bewegungen und LuftzĂŒge interessieren als fĂŒr die Dinge um sich herum.
Solche Ăbungen sind in diesem ganzen Buch verteilt. Manche sind am Ende eines Abschnitts deutlich gekennzeichnet, andere sind im Text eingestreut. Bestimmte Kapitel, wie zum Beispiel das sechste, sind vollgepackt mit solchen Anregungen.
LERNEN, SICH ANZUGLEICHEN
Ein Kind ging hin, Tag um Tag,
und wurde zu dem ersten Ding, was es erblickte.
Und dieses Ding wurde Teil von ihm,
fĂŒr jenen Tag oder einen Teil des Tages.
Oder fĂŒr viele Jahre oder ĂŒber ganze Zyklen von Jahren hinweg.
und wurde zu dem ersten Ding, was es erblickte.
Und dieses Ding wurde Teil von ihm,
fĂŒr jenen Tag oder einen Teil des Tages.
Oder fĂŒr viele Jahre oder ĂŒber ganze Zyklen von Jahren hinweg.
Walt Whitman
Leaves of Grass
Wenn Sie ĂŒben, die Welt mit frischem, unverstelltem Blick zu betrachten, bemerken Sie vielleicht, wie Sie mit dem Geschauten manchmal eins werden. Das ist herrlich! Wir bezeichnen es hier in unserem Zusammenhang als Matching ( = angleichen, zueinander passen, passend machen, ĂŒbereinstimmen, zusammen fĂŒhren). Wenn wir im weiteren Verlauf zu den Spiegelneuronen kommen, werden wir dieses Thema noch vertiefen.
Diese FĂ€higkeit zum Matching ist uns angeboren. In den ersten Lebensjahren gebrauchen wir sie intensiv, doch im Laufe der Zeit entwickeln wir andere kognitive FĂ€higkeiten und verlernen es ein StĂŒck weit wieder. Manches davon bleibt uns jedoch erhalten. Wenn wir bei Sportereignissen oder TanzauffĂŒhrungen zuschauen, vollziehen wir die SprĂŒnge, Drehungen, WĂŒrfe und LĂ€ufe innerlich nach. Manchmal spĂŒren wir richtiggehend die Anstrengung dieser inneren körperlichen Angleichung. Die daraus erfolgende Befriedigung trĂ€gt dazu bei, uns zur nĂ€chsten Veranstaltung zu locken. Auch auf der emotionalen Ebene findet Matching statt. Wenn wir jemandem in seinem Leiden beistehen oder mit Freunden etwas feiern, können sich unsere GefĂŒhle weitgehend denen der anderen anpassen. Dann können wir wirklich sagen: Ich fĂŒhle Schmerz beziehungsweise Freude mit dir.
Mit etwas Ăbung und Geschick können wir uns sogar dem Geist eines anderen anpassen. Ironischerweise ist selbst das nicht mit Hilfe des Intellekts möglich, so...
Table of contents
- Cover
- Titel
- Impressum
- Widmung
- Inhalt
- Vorwort: Willkommen zu den Wundern Ihres Geistes
- 1. ZurĂŒck zum AnfĂ€ngergeist
- 2. Vom Sinneseindruck zur Wahrnehmung und zurĂŒck
- 3. Stufen der Charakterbildung
- 4. Ein selten gewordener Weg: Lehren aus oralen Kulturen
- 5. Das Aufkommen des Lesens und Schreibens
- 6. Neue Betrachtung des geschulten Geistes
- 7. Auf der Suche nach Weisheit: Von der KomplexitÀt zur Leere
- Epilog: Die Segnungen eines leeren Geistes
- Danksagung
- Ăber die Autorin
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