Werkbuch «Die Schneiderin»
Hier erzĂ€hlt Gardi Hutter, wie sie zwischen 2007 und 2010 gemeinsam mit einer Reihe von Leuten ihr Programm «Die Schneiderin» entwickelte. Ein Werkbuch, das aufzeigt, wie viele Ideen wĂ€hrend eines Entstehungsprozesses gewĂ€lzt und verworfen werden, wie sich ein Plot, Szenen und Gags entwickeln. Gardi Hutter spricht von Inspirationen im Vorfeld und schiebt einen persönlichen Essay zu Clowns ein. Sie schildert, wie die Probearbeiten ablaufen, wie BĂŒhnenbild und KostĂŒme entstehen, und lĂ€sst uns teilhaben an der Freude und am Zweifeln, die Teil der kreativen Arbeit sind. Gleichzeitig macht Gardi Hutter ihr gesamtes Arbeitsmaterial aus der Entstehungszeit des StĂŒcks, inklusive Skizzen, Protokolle, Videos und Bilder online unter gardihutter.werkbuch.com zugĂ€nglich.
Von der Vorstellung im Kopf zur Vorstellung auf der BĂŒhne
Wie ein StĂŒck entsteht
Von Gardi Hutter
1. Basis
2. Konzept
3. Probeblock I â Schreiben
4. Probeblock II â Spiegel
5. BĂŒhnenbild
6. Probeblock III â Gags
7. Probeblock IV â Proben
8. Produktion
9. Probevorstellungen
10. Premiere
1. Basis
Die hĂ€ufigste mir gestellte Frage ist: Wie kommen Sie nur auf die Ideen? Auf diese einfache Frage habe ich ausfĂŒhrliche Antworten â und alle leuchten sie mit einer Taschenlampe in einen dunklen Wald. Eine einfache Antwort habe ich nicht. Auch meine Kollegenschaft nicht. Und auch nicht die Wissenschaft. Es ist komplexer als die Wettervorhersage. Sie kennen das PhĂ€nomen der SchmetterlingsflĂŒgel, die einen Tornado auslösen können? Eine Idee mag zwar «plötzlich» aufblitzen, doch sie hat immer einen langen Vorlauf. Ich kann nicht sagen, wie eine Idee entsteht â ich kann nur beschreiben, wie ich «das Feld bearbeite», um sie zu ermöglichen. Eine BĂ€uerin wĂŒrde vom Fruchtbarmachen der Erde reden â eine KĂŒnstlerin vom Entstehungsprozess. Die StĂŒckerfinder sitzen stunden- und wochenlang zusammen und reden, suchen, fantasieren, verwerfen, fĂŒgen ineinander, bis irgendwann ein Ganzes entsteht. Erde können wir in die Hand nehmen, daran riechen, aber Kopfarbeit ist flĂŒchtig und nicht zu fassen. Doch eine Art Dokumentation der Entstehung lĂ€sst sich nachlesen. Ich mache mir wĂ€hrend der Arbeit viele Notizen. Das hilft mir, in der Wirrnis klare Linien auszumachen, mich im Vielen an Einzelnes zu erinnern oder verworfene Ideen nochmals auf ihre Verwendbarkeit abzutasten.
Im Jahr 2021 ist der vierzigjĂ€hrige Geburtstag meiner Clownfigur Hanna. Ich bin in diesen vergangenen Jahren so reich vom Publikum beschenkt worden, dass ich ein Geschenk zurĂŒckgeben möchte: Ich mache mein ganzes Material aus der Produktion «Die Schneiderin» â Protokolle, Fassungen, Fotos und Videos â öffentlich zugĂ€nglich. In meinen AnfĂ€ngen als Studentin und KĂŒnstlerin hĂ€tte ich mir ein solches Werkbuch gewĂŒnscht. Es hĂ€tte einige Krisen abkĂŒrzen können. Ich weiss nicht, wie viele Biografien von grossen Komikern ich zerlesen habe, weil ich wissen wollte, wie sie arbeiten, wie sie ihre Szenen erfinden. Doch sie beschreiben nur, mit wem sie sich getroffen und welche gesellschaftliche Wichtigkeit sie hatten. Heute verstehe ich die Auslassung besser: Es ist unmöglich, kreative Prozesse stringent zu beschreiben.
Erst wollte ich meine Produktionsprotokolle chronologisch und kommentarlos aneinanderreihen. Lese ich diese Protokolle wieder, tun sich Erinnerungen auf, ich sehe ganze Szenen vor mir. Ich erinnere mich an das GefĂŒhl von Verlorenheit und an die grosse Leere, in die hinein ich erste Ideen ausformuliere. Doch unbeteiligte Leserinnen und Leser stehen vor einem Blatt mit Hieroglyphen. Die Notizen sind fĂŒr sie schwer zu entziffern, da die anfĂ€nglichen Ideen meist nur Gedankenblitze sind, Auslöser von Assoziationen.
Wie beim Stein, der ins Wasser geworfen wird, geht es nicht um den Stein, sondern um die Wellenkreise, die er bewirkt. Die Gedankenfetzen sind so zu lesen. Was lösen sie an GefĂŒhlen, Bildern, Erinnerungen, an Assoziationsketten aus? Sie sind nur in ihrer Wirkung verstĂ€ndlich. Sie sind GelĂ€nder im leeren Raum.
Die Protokolle sind ungekĂŒrzt und voller Wiederholungen. Das immer wieder Gleiche ist von zentraler Bedeutung, um voll und ganz in einen Stoff einzutauchen. Das ist das Schöne und das Schwierige: Aus diesem tĂ€glichen Sumpf blubbern ab und zu neue Ideen auf. Wenn ich die Protokolle kĂŒrze oder eine Auswahl treffe, dann bin ich schon zielgerichtet. Erst im Nachhinein lassen sich die Schritte aufzeigen, die zu einer Idee gefĂŒhrt haben. Stehe ich im Prozess, weiss ich nicht, wohin eine Ăberlegung fĂŒhrt, ob in eine Sackgasse oder in eine grosse Szene. Ein kreativer Prozess ist widersprĂŒchlich, eigenwillig und zieloffen.
Um diese kreativen Prozesse verstĂ€ndlicher zu machen, habe ich erklĂ€rende Texte zu den einzelnen Schritten verfasst. Sie sollen den «roten Faden» sichtbar machen, der durch Protokolle, Fassungen und Videos der Produktion «Die Schneiderin» fĂŒhrt. Anhand dieses «Leitfadens» lĂ€sst sich ansatzweise nachvollziehen und miterleben, wie ein StĂŒck entsteht. Wie viele «FĂ€den» aus der Schneiderwerkstatt doch in die Sprache gefunden haben âŠ
INSPIRATION
2007 entschliesse ich mich, ein neues StĂŒck zu produzieren, und entscheide mich fĂŒr eine seit Jahren in mir gĂ€rende Grundidee:
DIE NĂRRIN UND DER TOD
Spannend wĂ€re es, aufzuzeigen, woher diese Idee kommt. Aber Grundideen entstehen bei mir immer ĂŒber Jahre: Sie sind gedankliches Schwemmholz, das anlandet, eine Zeit lang liegen bleibt und wieder abtreibt â je nach Lebensströmung und Wasserstand. Sie tauchen in vielen GesprĂ€chen mit Freunden auf, in denen wir uns ĂŒber VerrĂŒcktes und Absurdes amĂŒsieren: «Man könnte doch einmal das und dieses machen, und dann wĂŒrde jenes passieren.» Wir witzeln, ĂŒbertreiben, lachen und vergessen es wieder. Aber einzelne Ideen kommen immer wieder hoch. Ich schreibe sie auf, damit ich sie loslassen kann. Einige sind so hartnĂ€ckig, dass ich sie, nur um der schönen Vorstellung willen, ausarbeite. Die meisten BilderstĂŒrme versanden. Doch plötzlich steht eine Idee gross vor mir und fordert mich heraus. Ich versuche ein mögliches Szenario auszuarbeiten, um zu prĂŒfen, ob sie Gehalt haben könnte.
Hier meine ersten Notizen:
Die Clownin entweicht dem Tod mit schlauem Witz. Ăberlistet ihn. Springt ihm von der Schippe. Hat Galgenhumor.
Sie ist eine Art Scheherazade, die, um am Leben zu bleiben, nicht Geschichten erzÀhlt, sondern Clownnummern spielt.
Dann entwickle ich mögliche Spielmechanismen:
Die Stunde der Clownin hat geschlagen. Der Tod steht vor ihr. Clownin: Moment, ich komme gleich. Nur noch âŠ
Sie erfindet alles Mögliche, um Zeit zu schinden, und zieht die kleinste Idee in schiere LÀnge. Der Tod nervt sich, will sie endlich packen. Doch sie hat schon eine, neue Idee:
â Eine letzte Zigarette rauchen â Slapstick mit Zigaretten und ZĂŒndhölzern â Tod raucht mit und hustet.
â Fordert ihr Recht auf die «letzte Mahlzeit» â ĂŒberlegt sich: Was will ich als Letztes essen? Stellt sich ein Zehn-GĂ€nge-MenĂŒ vor â beiden lĂ€uft das Wasser im Mund zusammen â stellt sich die Karte des Restaurants Tod vor: Verbrennen im Pizzaofen. Ertrinken im Fischsud.
â Sie will Abschied nehmen â Clownin verabschiedet sich von allen Zuschauern. Dann von allen Tanten und Onkeln. Und auch von allen Freunden und Schulfreunden. Von allen Fliegen und LĂ€usen im Publikumshaar. Und von allem Ungeziefer in den Ritzen der BĂŒhnenbretter âŠ
â Ein Testament machen â das Erbe verteilen: Wer kriegt das Taschentuch, die Schuhe, den Hut, die Nase, die TrĂ€ne, den Traum von letzter Nacht âŠ?
â Sich schön machen â wie will sie im Sarg aussehen? WĂŒrdevoll? Vorwurfsvoll? LĂ€chelnd? Traurig? Nasenbohrend? Sie probiert verschiedene Stellungen aus.
â Originelle Todesart finden â Clownin kann doch nicht einfach «banal» sterben: Sie ĂŒbt verschiedene Todesarten und TodeskĂ€mpfe. Es muss schon etwas Besonderes sein. Harlekins Art zu sterben: sich totlachen.
â Ein letztes Lied â Heullied? Seufzersonate?
â Ein letztes GlockengelĂ€ut â gestimmte Glocken am Körper (in der Art von SilvesterklĂ€usen) â oder auf der BĂŒhne, in Schneiderrequisiten versteckt.
â Ein letztes TĂ€nzchen â Tanz mit dem Tod â Totentanz
â Ein Schachspiel mit dem Tod â lebendiges Ein-Frau-Schachspiel: Sie spielt alle Figuren und erfindet verschiedene dramatische SpielverlĂ€ufe â Springer: elegant, eitel, affektiert â Turm: steif, bĂŒrokratisch, Capitano â Rösschen: wie der Hund Rantanplan in Lucky Luke, versteht alles falsch â Königin: hysterisch â König: verschlafen â Bauern: Zanni, Clowns.
â KĂ€ltetraining im KĂŒhlschrank â sie will sich auf den KĂ€lteschock im Totsein vorbereiten.
â Der Tod des Todes â am Schluss ist der Tod so erschöpft, dass er sterben will.
Wenn der Tod stirbt, leben alle Menschen und alle Lebewesen fĂŒr ewig, und die Erde platzt aus ihren NĂ€hten. Und wenn kein Tier und keine Pflanze mehr stirbt, dann verhungern alle â können nicht sterben und haben ewigen Hunger âŠ
Ich «spĂŒre», dass diese Ideen genĂŒgend Stoff fĂŒr ein abendfĂŒllendes Programm hergeben und nicht schon nach zehn Minuten ausgelaugt sind.
Ich stehe zwar allein auf der BĂŒhne, doch ich kreiere im Team. Um aus Ideen ein TheaterstĂŒck zu machen, brauche ich Regie und Co-Autorenschaft. 2008 frage ich Michael Vogel an, ob er interessiert wĂ€re, Regie zu fĂŒhren. Michael ist MitbegrĂŒnder und kĂŒnstlerischer Leiter der Theatertruppe Familie Flöz. Die Truppe spielt mit Masken (die den ganzen Kopf bedecken) und schreibt, inszeniert, produziert im Team. Ohne uns zu kennen, entdecken wir in unseren Kreationen einige Parallelen: «Teatro Delusio» und «Die Souffleuse» â die BĂŒhne ist gedreht, der Zuschauer sieht die «Unsichtbaren» auf der Hinter- oder UnterbĂŒhne. Auch der Tod ist bei Flöz ein stĂ€ndiger Gast, in «Infinita» und «Himmelerde». Die Truppe kommt ebenfalls ohne Worte aus und versucht, aus schweren Themen leichte, frohe Theaterabende zu machen.
Ich kenne Michael nicht wirklich. Ich habe aber mit ihm vor ein paar Jahren, als ich im Theater der Bremer Shakespeare Company «Die Souffleuse» spielte und er dort Shakespeares «WintermĂ€rchen» inszenierte, lange GesprĂ€che in der Theaterkneipe gefĂŒhrt. Ich spĂŒrte klar: Da ist ein Gleichgesinnter. Ein «Gleichgesinnlichter». Dass ich ihn, vier Jahre spĂ€ter, als Regisseur anfrage, ist ein Schritt ins Unbekannte und reine Intuition.
Michael hat grosses Interesse.
Ich fahre nach Berlin und erzĂ€hle ihm von meiner Grundidee. Er hat immer noch Interesse â fĂŒr mich die erste BestĂ€tigung, dass die Grundidee funktionieren könnte. Er sagt zu!
Wir vereinbaren fĂŒr 2009 und 2010 zwei grosse Probeblöcke und setzen die Premiere auf den 20. Oktober 2010 an. Diese symmetrischen Zahlen â 20.10.2010 â sollen uns GlĂŒck fĂŒr unser Abenteuer bringen, denn in der noch leeren Agenda sehen die EintrĂ€ge sehr mutig aus. Gar ĂŒbermĂŒtig. Wir planen vier Wochen fĂŒr die gemeinsame Autorenarbeit am StĂŒck und acht Wochen fĂŒr die Proben ein. Ich verspreche ein ausgearbeitetes Grundkonzept zu Probebeginn.
Diese Abmachungen verÀndern alles. Mit dieser Planung wandelt sich eine vage Idee in ein konkretes Projekt. Eine Produktion beginnt. Ich denke und schreibe ab jetzt gerichtet. Auf ein Ziel hin.
Grundidee. Grundkonzept. Das klingt nach Papier. DĂŒnn. Linear.
Ich muss FĂŒlle finden. Weite. Tiefe. Horizonte.
HINTERGRUND
Ich fahre fĂŒr zwei Wochen an die Ostsee. Mit Gerda Baumbach und einem Koffer voller BĂŒcher, die ich mir aus ihren ĂŒberbordenden BĂŒcherwĂ€nden auswĂ€hlen durfte. Seit Jahren pflegen wir einen regen Austausch. Sie ist Professorin am Theaterinstitut der UniversitĂ€t Leipzig und forscht mit Spezialgebiet Schauspiel, Stile und Theaterpraktiken der mittelalterlich-frĂŒhneuzeitlichen Akteure â also ĂŒber das Theater, aus dem sich unser Theater entwickelt hat. Sie ist Autorin und Herausgeberin einer langen Reihe von BĂŒchern zum Thema und vertritt die von ihr mitbegrĂŒndete theaterhistoriografische Methode der Leipziger Schule, die mit Rudolf MĂŒnz seinen Anfang nahm â und stĂ€ndig weiterentwickelt wird. Wir gehen stundenlang am Strand und geniessen die Weite. Und reden viel. Manchmal auch ĂŒber uns, aber meistens ĂŒbers StĂŒck und dessen mögliche Anbindungen. Wir tasten innere und Ă€ussere Horizonte ab.
Was fasziniert uns aneinander? Uns interessiert dasselbe, wir haben die gleiche Passion. Sie als Theoretikerin, ich als Praktikerin.
Theoretiker sind die mit den vielen Fussnoten.
Praktiker sind die mit den vielen Halbwahrheiten.
Sobald Wissenschaftler etwas betrachten, wird es kompliziert, komplex, und ĂŒberhaupt «ist alles nicht so einfach». Betrachten es Praktiker, schliessen sie die Augen und erspĂŒren, was sie durchströmt. Wenn die KanĂ€le bei beiden offen bleiben, können im Austausch ĂŒberraschende Ansichten gewonnen werden.
Nehmen wir ein harmloses Beispiel aus der Biologie: die Hagebuche. Sie gehört zur Gattung der Hainbuchen (Carpinus), zur Unterfamilie der HaselnussgewĂ€chse (Coryloideae), zur Familie der BirkengewĂ€chse (Betulaceae), zur Ordnung der Buchenartigen (Fagales). Weiter sind sie Eurosiden, Eukaryoten und schliesslich Lebewesen â ihr wissenschaftlicher Name ist Carpinus betulus. Mir schwirrt der Kopf.
Mich interessiert die Hagebuche, we...