Bernhard Körner eröffnet Heft 2 mit einer Notiz zu JĂŒrgen Habermas' Reflexion dogmati-scher GeltungsansprĂŒche in den Geisteswissenschaften und befragt sie nach Impulsen fĂŒr die Unterscheidung einer wissenschaftlich-theologischen AuĂenperspektive von einer glĂ€ubigen Innenperspektive. Der inhaltliche Schwerpunkt dieser Ausgabe ist der französischen Schrift-stellerin und Mystikerin Madeleine DelbrĂȘl gewidmet. WĂ€hrend der Beitrag von Edith KĂŒr-pick FMJ von Madeleines Gedicht "FahrradspiritualitĂ€t" inspiriert ist, kommt die renommier-te DelbrĂȘl-Forscherin Annette Schleinzer in einem Interview, das interessante neue Einsich-ten vermittelt, zu Wort. Mathias Moosbrugger begibt sich auf die Spur des eloquenten Pet-rus Canisius SJ, der eigentlich dem KartĂ€user-Orden beitreten wollte und der jesuitischen SpiritualitĂ€t zunĂ€chst nur wenig abgewinnen konnte. Felix Körner SJ beschlieĂt die Rubrik "Nachfolge" mit einer ignatianischen Betrachtung der Markuspassion, deren Zentrum das Motiv der Verborgenheit Gottes bildet.Zweifellos stellt die lĂŒckenlos transparente Aufarbeitung des sog. "Missbrauchsskandals" gegenwĂ€rtig die gröĂte Herausforderung fĂŒr die Kirche dar. Deshalb adressiert François Cassingena-TrĂ©vedy OSB kritische RĂŒckfragen an die kirchliche Rede ĂŒber SexualitĂ€t und votiert fĂŒr ein "Projekt fĂŒr den Leib", welches die SexualitĂ€t nicht als Tabu, sondern vielmehr als Ressource begreift. Unter dem Eindruck der Corona-Krise befragt Stefan Kopp den Be-griff der "Geistlichen Kommunion" nach seinen noch unentdeckten sakramental-spirituellen Potenzialen. Roman Winter beleuchtet das Martyrium und ökumenische MĂ€rty-rer(innen)gedenken in der Spannung von Freiheit und Gnade. Die Bedeutung der "RĂ€nder" fĂŒr die Evangelisierung der Kirche erhellt die Kleine Schwester Jesu Ulrike, indem sie den Leser(inne)n von prĂ€genden Begegnungen in ihrem beruflichen, wie seelsorgerlichen Um-feld erzĂ€hlt. Im Bereich der "Jungen Theologie" beschreibt Agnes Slunitschek das Zueinander von Liturgie und Diakonie anhand der theologischen Ăberlegungen Edward Schillebeeckx'.Vor einem Jahr, am 6. April 2020, gedachte die Welt des 500. Todestages Raffaels, den die ZEIT als "Genie der Hochrenaissance" bezeichnete. Willibald Hopfgartner OFM wagt sich an eines seiner bekanntesten Werke, die "Sixtinische Madonna", heran und interpretiert die Funktion der weltberĂŒhmten "lĂŒmmelnden" Engelchen auf der unteren BrĂŒstung des Bildes. Im Nachgang reflektiert Johannes Lorenz apersonale SpiritualitĂ€ten alternativspiritueller "Lebenskunst-Labore" anhand des New Age-Denkers Ken Wilber. Hans Brandl SJ geht der geistlichen Dimension des Lernens und ihrer Bedeutung fĂŒr die Bildung des Menschen bei Ignatius von Loyola auf den Grund. SchlieĂlich fĂŒhrt Egbert Ballhorn die Leser(innen) an Jo-chen Kleppers Lied "Die Nacht ist vorgedrungen" (1938) heran und stellt dessen RelektĂŒre in den Kontext der Passionszeit.

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Geist & Leben 2/2021
Zeitschrift fĂŒr christliche SpiritualitĂ€t
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Edith KĂŒrpick FMJ | Köln
geb. 1967, Priorin der Monastischen Gemeinschaft der Schwestern von Jerusalem, Köln, Beiratsmitglied von GEIST & LEBEN
PlĂ€doyer fĂŒr eine Fahrrad-SpiritualitĂ€t
Viele starten regelmĂ€Ăig mit einer Reihe guter VorsĂ€tze ins neue Jahr. Dazu gehört nicht selten auch die Absicht, in Zukunft wirklich mehr Sport zu machen. FĂŒr einen guten Vorsatz braucht es oft eine kleine Motivationshilfe. Und weil Sport ja durchaus etwas Ganzheitliches ist und nicht nur die Muskeln, sondern auch Geist, Herz und Verstand betrifft, soll hier ein kurzes PlĂ€doyer fĂŒr eine Fahrrad-SpiritualitĂ€t skizziert werden.
UnĂŒbersehbar ist der Titel angelehnt an einen Text von Madeleine DelbrĂȘl1. Die folgenden AusfĂŒhrungen haben aber auch ein wenig bei Romano Guardini vorbeigeschaut. Im Hintergrund steht die Vermutung, dass Christsein heute, in welcher Lebensform auch immer, tatsĂ€chlich ein bisschen mehr Bewegung braucht.
Eine kurze Vorbemerkung noch, um im Bild zu bleiben: Das Fahrradfahren verlangt einiges ab. Ob mit Gangschaltung oder ohne â in die Pedale treten muss man allemal. Ohne Selbstbewegung geht es nicht, auch wenn man fest im Sattel sitzt. Ein bisschen flexibel sollte man schon sein, denn manchmal, vor allem beim Abbiegen, ist es besser, sich mit in die Kurve zu legen. DafĂŒr kann man aber auch etwas auf den GepĂ€cktrĂ€ger klemmen oder im Fahrradkorb mitnehmen. Und man kann, wenn man es denn kann, wunderbar freihĂ€ndig fahren.
Seit einiger Zeit ist in unseren StĂ€dten ein hĂ€sslich-praktisches KonkurrenzgerĂ€t aufgetaucht: der E-Scooter. Den Zugang dazu gewĂ€hrt kein SchlĂŒssel zu einem altbackenen Rundschloss, sondern das Smartphone. Dann geht es auch schon los, wenn er (der Akku, nicht die Beine) denn aufgeladen ist. Man steht darauf senkrecht wie eine Eins, wie mit einem unsichtbaren Brett im RĂŒcken, und wird ohne Anstrengung unbewegt fortbewegt. Mitnehmen kann man so gut wie nichts, beugen muss man sich nicht und ins Schwitzen kommt man garantiert nicht. Man hat alles im Griff und, so scheint es, den kompletten Ăberblick ĂŒber jede Situation, durch die man souverĂ€n hindurchrauscht. Nur eines sollte man in jedem Fall â nicht nur wegen des angedrohten BuĂgeldes â tunlichst vermeiden: versuchen, freihĂ€ndig zu fahren! Alles in allem vielleicht kein optimales Bild fĂŒr eine heutige SpiritualitĂ€t ⊠Von daher also ein PlĂ€doyer fĂŒr die des Fahrrads.
Nur âeineâ SpiritualitĂ€t?
NatĂŒrlich drĂ€ngt sich sofort eine RĂŒckfrage auf: Ja, gibt es denn nur eine SpiritualitĂ€t? Die â richtige â SpiritualitĂ€t? Die Frage ist nicht neu2 und ist hier nicht zu vertiefen. Christliches geistliches Leben soll in diesem Zusammenhang, verkĂŒrzt gesagt, verstanden werden als Widerhall, als Ankommen der Heilsgeschichte im Leben des oder der Einzelnen3 und SpiritualitĂ€t entsprechend als reflektiertes und verantwortbares Leben aus eben dieser Heilsgeschichte. Die aber artikuliert sich prozesshaft: Sie bewegt sich zwischen Himmel und Erde, Gott und Menschen, Gnade und Freiheit, Aktion und Passion, aber auch Treue und Versagen, Suche und ErfĂŒllung ⊠Zwischen diesen Koordinaten sind wir, wenn man so will, mit unseren RĂ€dern unterwegs.
Christsein auf Erden meint: werden, was wir sind. Treue zu unserer Taufgnade kann es ohne Werden nicht geben. Im Prisma der SpiritualitĂ€t brechen sich die Lebensfarben in vielfĂ€ltigen Facetten, gezeichnet von Bewegung und Wandel. Man könnte sich fragen, ob es nicht Grundelemente gibt, die fĂŒr eine Beweglichkeit und Lebendigkeit unverzichtbar sind. Oder, anders gesagt, notwendige Grundhaltungen fĂŒr eine Fahrrad-SpiritualitĂ€t. Vermutlich gibt es viele. Aber weil Fahrradfahren ja im Grunde kinderleicht ist, seien hier nur vier in Erinnerung gerufen.
Ein Glaube, der die Erde liebt
Keine Frage: Unsere Zeit, unsere Zivilisation, unsere Kontexte werden immer weitrĂ€umiger und zugleich individualistischer, immer schneller und multikultureller, immer komplexer und unlesbarer. Ob wir es wollen oder nicht, wir sind eingebunden in vielschichtige und einflussreiche Prozesse wirtschaftlicher, sozialer, kultureller, medialer oder politischer Art. Dem ungeahnten Reichtum an Möglichkeiten und Angeboten, den stimulierenden Herausforderungen steht ein hohes MaĂ an Ăberforderung und schmerzvollem Scheitern und Nicht-Mithalten-Können gegenĂŒber. Es drĂ€ngt sich manchmal der Eindruck einer multioptionalen Zerfahrenheit, einer âangestrengten Diesseitigkeitâ (P. M. Zulehner) auf. Der Mensch ist immer noch ein Homo viator, er klickt sich existenziell einfach anderswo weiter, tritt die sĂ€kulare Flucht in die Welt an: Erfahrung to go und scheinbar um jeden Preis, âTranszendenz bestenfalls im Selbstversuchâ4. Das kann einen glĂ€ubigen Menschen schon manchmal entsetzen und ziemlich zusetzen.
Und doch liegt das Problem des glĂ€ubigen Menschen nicht so sehr in diesem Entsetzen, sondern vor allem darin, dass die allererste und bleibend gĂŒltige Geste Gottes ĂŒber alles Geschaffene vergessen wird: sein Segen. Vom ersten Blick Gottes, der sah, dass es âsehr gutâ war (Gen 1,31), bis hin zu der Zusage des Auferstandenen âIch bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Weltâ (Mt 28,20) liegt auf dieser Welt, auf den Menschen und auf ihrem Wachstum Gottes Segen. Erstaunlich, wie sehr der Segen heute unterschĂ€tzt wird! Wir können eben nicht auf einem spirituellen E-Roller mit heimlicher Verachtung im Herzen und groĂem Jammern auf den Lippen souverĂ€n ĂŒber unsere Zeit hinwegfliegen und uns vermeintlich geistlich, d.h. billig aus ihr herausstehlen. Das wĂ€re eine arge Illusion: âEs gibt Menschen, die, weil sie nicht ihrer Zeit angehören, meinen, der Ewigkeit anzugehören.â5 Es wĂ€re auch nicht der Weg Gottes, der, ob es uns passt oder nicht, âdiese Welt so sehr geliebt hatâ (Joh 3,16).
Hinter diesen Gott also, der sich definitiv auf die Welt zubewegt hat, sich mit seiner Menschwerdung in sie hineinbewegt hat, kann unser Glaube und darf auch eine SpiritualitĂ€t heute nicht mehr zurĂŒck. Fahrrad-SpiritualitĂ€t könnte also heiĂen: in diese Bewegung einschwingen, sich bewegen und bewegen lassen hin zu einer liebenden, nicht naiven, aber unmissverstĂ€ndlichen Zeitgenossenschaft â kein RĂŒckzug aus den heute so extrovertierten Lebenswelten hinein in eine innere Sicherheits- und Komfortzone, in eine klar abgegrenzte, vertraute Umgebung ohne Risiken und Nebenwirkungen, in der man nicht mehr viel erklĂ€ren muss, weil alle gleich denken und gleich fĂŒhlen, und in der man alles unter Kontrolle hat; kein Lagerfeuer, um das sich in dunklen Zeiten die kleine Herde versammelt, trotz oder gerade wegen Corona eng zusammenrĂŒckt und unmerklich die Kirche und die Welt und die gesamte Wirklichkeit auf dieses so warm flackernde Feuerchen reduziert. Der Herr hat nirgendwo schön asphaltierte Fahrradwege verheiĂen, die mit Null-Risiko-Schildern ausgewiesen wĂ€ren: âGefĂ€hrlich ist das Lebenâ, schreibt Romano Guardini, âman kann ihm nicht trauen. Es ist untreu, sobald man unter Treue versteht, dass angebbare Sicherheiten dafĂŒr bestĂŒnden, es werde sich spĂ€ter verhalten wie gestern und heute.â6
Eine SpiritualitÀt also tut not, die sich nicht scheut, auch die holprigen Wege der Erde und der Menschen einzuschlagen, und die sich unterwegs selbst von fremden Welten anreden lÀsst; eine SpiritualitÀt, deren Bewegung und Lebendigkeit nicht darin besteht, sich einfach der Zeit anzupassen oder ihr hinterherzuhecheln, sondern sich ihr auszusetzen und in Kauf zu nehmen, dabei auch einmal auf die Nase zu fallen (das kann beim Fahrradfahren passieren); ab und zu mal einen Gang runter- oder auch raufzuschalten und sich immer wieder neu anzustrengen, im GegenwÀrtigen Gott zu suchen, zu finden, zu bezeugen und ⊠wiederum zu suchen. Mit einem Glauben, der die Erde liebt (K. Rahner) und der dem Leben dann doch traut, weil Gott es mit uns lebt7.
Damit das Fahrrad dennoch nicht in eine Schieflage gerÀt, braucht es eine weitere Grundhaltung.
Ein Glaube, der den Himmel liebt
Die KomplexitĂ€t unserer Zeit und die multi-optionalen Möglichkeiten heute bergen nĂ€mlich auch die Versuchung, die Wirklichkeit auf einer rein horizontalen, immanenten Ebene anzusiedeln, ohne Tiefgang und ohne Höhenluft (höchstens mit ein paar exzentrischen Höhepunkten oder recht derben TiefschlĂ€gen) â aber ohne Fenster zum Himmel. Christliche SpiritualitĂ€t kann sich da nicht einfach einrichten und es sich bequem machen oder, schlimmer noch, mit Ă€hnlich zivilen Reflexen satt werden an den eigenen vermeintlichen Sicherheiten. Im Gegenteil: âDer Herr hat uns die Unruhe und die Verantwortung ins Herz gebrannt, und man verrĂ€t den Himmel, wenn man die Erde nicht liebt, und man verrĂ€t die Erde, wenn man nicht an den Himmel glaubt, weil man der Erde Gewalt antut und nicht mit segnenden, helfenden HĂ€nden zu ihr kommt.â8 Das Johannesevangelium bringt diesen Anspruch so auf den Punkt: in der Welt â aber nicht von der Welt (vgl. Joh 17,11ff.). Vielmehr von einer anderen Welt oder besser: aus einem Geh...
Table of contents
- Cover
- Inhalt
- Impressum
- Notiz
- Nachfolge
- Nachfolge | Kirche
- Nachfolge | Junge Theologie
- Reflexion
- LektĂŒre
- Buchbesprechungen
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