BeurteilungsgesprÀche in der Schule
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BeurteilungsgesprÀche in der Schule

Eine gesprĂ€chsanalytische Studie zur Interaktion zwischen Lehrpersonen, Eltern sowie SchĂŒlerinnen und SchĂŒlern

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BeurteilungsgesprÀche in der Schule

Eine gesprĂ€chsanalytische Studie zur Interaktion zwischen Lehrpersonen, Eltern sowie SchĂŒlerinnen und SchĂŒlern

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Schulische BeurteilungsgesprĂ€che sind inzwischen vielerorts fester Bestandteil der inter-institutionellen Kommunikation zwischen Schule und Familie. Dennoch ist bis heute noch wenig bekannt ĂŒber die kommunikativen Anforderungen und Aufgaben, welche von den beteiligten Lehrpersonen, Eltern und den mitanwesenden SchĂŒlerinnen und SchĂŒlern in der Interaktion bewĂ€ltigt werden mĂŒssen. Dieser Band beschĂ€ igt sich mit Praktiken der Leistungs- und Verhaltensbeurteilung, mit PositionierungsaktivitĂ€ten und Beteiligungsstrukturen im GesprĂ€ch und fokussiert dabei insbesondere die Rolle der Kinder bzw. Jugendlichen. HierfĂŒr wurden authentische GesprĂ€che an Deutschschweizer Schulen aufgenommen, transkribiert und mit Methoden der gesprĂ€chslinguistischen Sequenzanalyse und der Positionierungsanalyse untersucht.Der Band richtet sich an Studierende, Forschende und Lehrende in den Fachrichtungen Linguistik, PĂ€dagogik und Sozialwissenscha en sowie an (angehende) Lehrpersonen und Fachleute im Bildungsbereich.

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Information

Year
2017
eBook ISBN
9783772000140

1 Einleitung

„[W]ithin educational folklore, teacher-parent meetings [
]
are taken to be essentially a public relations exercise
where nothing much is accomplished.“
(Baker & Keogh 1995: 264)
In schulischen BeurteilungsgesprĂ€chen treffen sich Lehrpersonen, Eltern sowie hĂ€ufig auch die SchĂŒlerInnen zu einem Dialog ĂŒber die erzielten oder erwĂŒnschten Leistungen und Verhaltensweisen der Lernenden in der Schule. Dabei werden jedoch nicht nur Beurteilungen verhandelt, sondern es findet ebenfalls ein Austausch ĂŒber soziale Rollen und IdentitĂ€ten statt. Auf diese ‚inoffiziellen’ Aufgaben der schulischen BeurteilungsgesprĂ€che ist in der vorliegenden Arbeit ein besonderes Augenmerk gerichtet.
Der GesprĂ€chstyp des schulischen BeurteilungsgesprĂ€chs wurde basierend auf Vorstellungen einer Erziehungspartnerschaft1 zwischen den Institutionen Schule und Familie etabliert und institutionalisiert (vgl. z.B. Epstein 1995; Epstein & Sanders 2002; Keck & Kirk 2001; Sacher 2014; Textor 2009) und ist demnach als inter-institutionelle Kommunikation zu verstehen (vgl. z.B. Baker & Keogh 1995; Kotthoff 2012a). Textor (2009: 22) bezeichnet dabei das BeurteilungsgesprĂ€ch bzw. ElterngesprĂ€ch, wie es in der Praxis auch genannt wird, als „KernstĂŒck der Erziehungs- und Bildungspartnerschaft“ und nennt die folgenden GesprĂ€chsziele und -inhalte:
Hier sollte nicht nur ĂŒber Kompetenzen und Leistungen geredet werden – vielmehr soll das ‚ganze’ Kind im Mittelpunkt stehen, mit seinen StĂ€rken und SchwĂ€chen, Interessen und Hobbys, Verhaltensweisen und Angewohnheiten, Freundschaften und Feindschaften, Freuden und Problemen. Weitere Themen können die Auswirkungen der der [sic!] Schule auf das Familienleben und die Familiensituation sein (z.B. bevorstehende Trennung/Scheidung, Erkrankung eines Elternteils, Arbeitslosigkeit).
Erziehungs- und Bildungspartnerschaft bedeutet aber nicht nur den Austausch von Informationen ĂŒber Verhalten, Entwicklung und Erziehung des Kindes im jeweiligen System, sondern geht einen entscheidenden Schritt weiter: Familie und Schule versuchen, ihre Erziehungs- bzw. Bildungsziele, -methoden und -bemĂŒhungen aufeinander abzustimmen, den Erziehungs- und Bildungsprozess gemeinsam zu gestalten, sich wechselseitig zu ergĂ€nzen und zu unterstĂŒtzen. Durch Erziehungs- und Bildungspartnerschaft kann KontinuitĂ€t zwischen den Lebensbereichen gewĂ€hrleistet werden. Das Kind wird nicht nur so gesehen, wie es sich in allen Systemen verhĂ€lt, sondern es kommt auch ein ganzheitliches Erziehungs- und Bildungsprogramm zustande. Je Ă€lter das Kind ist, umso mehr kann es in diesen Austausch einbezogen werden. (Textor 2009: 22, Hervorhebung im Original)
Die Partnerschaft zwischen der Schule und der Familie soll damit nicht nur einen offenen Informationsfluss in Bezug auf die jeweiligen Lebensbereiche gewĂ€hrleisten, sondern auch eine effektive Zusammenarbeit fördern und wechselseitige UnterstĂŒtzungen ermöglichen. Denn gemĂ€ss Epstein (1987) sind die Familie, die Schule sowie die Gesellschaft overlapping spheres und Ziel des Austausches zwischen Lehrpersonen und Eltern ist es, gemeinsam zur Sozialisation der Kinder beizutragen, indem allgemeine Werte in Bezug auf die Schule, die Bildung, das Lernen aufeinander abgestimmt werden. Dass die Eltern bzw. das Elternhaus massgeblich am Lernerfolg des Kindes beteiligt sind, zeigen verschiedene Studien (vgl. z.B. Hattie 2009: 61ff.) und fĂŒhren Helmke (2012: 80) zum Schluss: „Auch die beste schulische Förderung ist zum Scheitern verurteilt, wenn die Eltern gar kein Interesse an der Bildung und dem Schulerfolg ihrer Kinder haben“. Die Involvierung der Eltern in den Bildungsdiskurs muss daher als notwendige Aufgabe fĂŒr die Schule und die Lehrpersonen aufgefasst werden.2
Die tatsĂ€chlichen Begegnungen und individuellen Kontakte zwischen Lehrpersonen und Eltern können aus unterschiedlichen AnlĂ€ssen entstehen und dementsprechend finden sich in der Praxis verschiedene Gestaltungsmöglichkeiten. Sacher (2014: 61ff.) unterscheidet dabei Elternsprechstunden, Elternsprechtage,3 spontane GesprĂ€che, TelefongesprĂ€che und Hausbesuche. Gegenstand dieser Arbeit sind ausschliesslich die ersteren, welche als ElternsprechstundengesprĂ€che oder allgemeiner als ElterngesprĂ€che benannt werden. Diese lassen sich gemĂ€ss Sacher (2014: 61ff.) weiter unterteilen in Willkommens- und BegrĂŒssungsgesprĂ€che, anlassungebundene GesprĂ€che (Lern- und EntwicklungsgesprĂ€che), BeratungsgesprĂ€che sowie Kritik-, Beschwerde- und KonfliktgesprĂ€che. Diese Kategorien zeigen eine Vielfalt von GesprĂ€chsanlĂ€ssen, sollen jedoch nicht dazu verleiten, die vorliegenden GesprĂ€chsdaten vorschnell zuzuordnen. Gerade die Kategorie BeratungsgesprĂ€ch erscheint als Bezeichnung des GesprĂ€chstyps nicht passend fĂŒr das Korpus, da sich bei den GesprĂ€chen nicht die fĂŒr BeratungsgesprĂ€che als konstitutiv herausgearbeiteten AblĂ€ufe finden (vgl. dazu z.B. Nothdurft, Reitemeier & Schröder 1994). Dennoch lassen sich – neben anderen – auch beratende Sequenzen ausmachen. Ebenso ist die Kategorie Kritik-, Beschwerde- und KonfliktgesprĂ€che problematisch, wenn davon ausgegangen wird, dass der Anlass sowie das GesprĂ€ch konfliktgeladen sind (vgl. Sacher 2014: 65ff.). Auch wenn dem GesprĂ€ch ein Konflikt vorausgeht, muss das GesprĂ€ch dadurch nicht konfliktgeladen sein, sondern kann konstruktiv gefĂŒhrt werden und beispielsweise wiederum auch beratende Sequenzen aufweisen. Der Kontext bestimmt also nicht den GesprĂ€chsmodus und diese Kategorien vermögen den GesprĂ€chstyp nur unzulĂ€nglich einzuordnen. Eine Kategorie, nĂ€mlich die der WillkommensgesprĂ€che, kann ausgeklammert werden, da sie sich im Korpus nicht findet. Am zutreffendsten fĂŒr einen grossen Teil der GesprĂ€chsdaten ist die Kategorie der anlassungebundenen GesprĂ€che. Damit wird betont, dass diese GesprĂ€che nicht aufgrund eines Problems stattfinden, sondern, wie im Falle der untersuchten GesprĂ€che des ersten bis fĂŒnften sowie des achten Schuljahres, regelmĂ€ssig mit allen Eltern einer Klasse gefĂŒhrt werden. In der Praxis wird diese GesprĂ€chsform wie bei Sacher (2014: 62) als Lern- und EntwicklungsgesprĂ€che bezeichnet, oder beispielsweise als StandortgesprĂ€che, StandortbestimmungsgesprĂ€che, BeurteilungsgesprĂ€che oder LernberichtsgesprĂ€che. Diese Begriffe variieren von Schule zu Schule.
Im Allgemeinen findet der Oberbegriff ElterngesprĂ€ch eine breite Verwendung. Jedoch wird bei dieser Bezeichnung vernachlĂ€ssigt, dass es in den GesprĂ€chen noch weitere Beteiligte gibt. So mĂŒsste prĂ€ziser von Eltern-Lehrperson-GesprĂ€chen oder dann von Eltern-Lehrperson-SchĂŒlerIn-GesprĂ€chen gesprochen werden. Nun sind aber unter UmstĂ€nden noch andere Personen an diesen GesprĂ€chen beteiligt, so beispielsweise SchulsozialarbeiterInnen, HeilpĂ€dagogInnen, Schulleitungen oder DolmetscherInnen. Auch aufseiten der Familienangehörigen ist der Begriff Eltern problematisch, da generell Erziehungsberechtigte oder aber auch andere Bezugspersonen mitgemeint sein können.4 Da also die Beteiligungsstruktur auf unterschiedliche Art variieren kann, scheint es mir wenig sinnvoll, diesen Begriff auf nur eine Beteiligtengruppe oder auf eine prototypische Beteiligungskonstellation zu reduzieren. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit spreche ich daher von BeurteilungsgesprĂ€chen und verwende damit einen in der schweizerischen Bildungslandschaft vermehrt verankerten Begriff (vgl. z.B. AVS 2005: Kap. 5; Vögeli-Mantovani 2011), der den Fokus nicht auf die Beteiligten, sondern auf die KernaktivitĂ€t der GesprĂ€che setzt.
Im Folgenden wird das Forschungsfeld genauer betrachtet (Kap. 1.1), um dann die eigenen Forschungsinteressen und Fragestellungen (Kap. 1.2) sowie den Aufbau der vorliegenden Arbeit vorzustellen (Kap. 1.3).

1.1 Schulische BeurteilungsgesprÀche als Forschungsgegenstand

Die gesprĂ€chsanalytische und ethnografische Erforschung von Schul- und Unterrichtskommunikation hat in der Linguistik, der Soziologie und der PĂ€dagogik eine lĂ€ngere Tradition und wurde ab den 1970er Jahren u.a. durch Arbeiten von Ehlich und Rehbein (1983; 1986), Kalthoff (1995), Mehan (1979), McHoul (1978; 1990) und neuere BeitrĂ€ge von Becker-Mrotzek und Vogt (2009) sowie Vogt (2002) geprĂ€gt. Auch zur Nebenkommunikation innerhalb und ausserhalb des Unterrichts gibt es einige empirische, mehrheitlich ethnografische, Forschungsarbeiten (vgl. z.B. Baurmann, Cherubim & Rehbock 1981; Breidenstein & Kelle 1998; Breidenstein 2006), jedoch bleibt die Kommunikation an der Schnittstelle von Schule und Familie zunĂ€chst unerforscht. So stellt Sucharowski (2001) in einem Handbuchartikel zu GesprĂ€chen in der Schule zwar verschiedene GesprĂ€chskontexte inner- und ausserhalb des Unterrichtsgeschehens vor, erwĂ€hnt BeurteilungsgesprĂ€che aber nur kurz im Rahmen von BeratungsgesprĂ€chen. Bis vor Kurzem gab es erst vereinzelte Fallstudien aus dem angelsĂ€chsischen Raum sowie aus Schweden, weshalb auch die empirische Zuwendung zur Thematik des schulischen BeurteilungsgesprĂ€chs als Forschungsdesideratum erklĂ€rt wird (vgl. auch Kotthoff 2012a: 292). In der Zwischenzeit gibt es verschiedene laufende Projekte zu BeurteilungsgesprĂ€chen, die einen dezidiert empirischen Zugang verfolgen und so ist zu hoffen, dass in den kommenden Jahren neue Erkenntnisse ĂŒber den GesprĂ€chstyp erlangt werden können.
WĂ€hrend die Erforschung des BeurteilungsgesprĂ€chs also noch eine relativ junge Disziplin darstellt, ist der GesprĂ€chstyp aber im Bereich der Ratgeberliteratur mit regelmĂ€ssigen Neuerscheinungen dominant vertreten (vgl. aus den letzten Jahren z.B. Beier 2012; Richter 2011; Roggenkamp, Rother & Schneider 2014). Jedoch verfolgen ratgebende Texte grundlegend andere Interessen als gesprĂ€chsanalytische Studien. In Ratgebern wird in der Regel eine problemorientierte Perspektive eingenommen und es werden Lösungen und praktische Tipps vermittelt. Das bedeutet auch, dass gewisse Normvorstellungen darĂŒber existieren, was ‚gute’ oder ‚gelungene’ GesprĂ€che sind (vgl. auch Hauser & Mundwiler 2015a: 10). In der gesprĂ€chsanalytischen Forschungsrichtung hingegen wird ein GesprĂ€chsereignis nicht normativ bewertet, sondern das Erkenntnisinteresse liegt auf der Frage nach den tatsĂ€chlich vorkommenden Praktiken in authentischen GesprĂ€chssituationen: „Es geht also nicht darum, danach zu fragen, wie gut die Interagierenden ihre kommunikative Aufgabe lösen, sondern wie sie sie lösen“ (Hauser & Mundwiler 2015a: 12, Hervorhebung im Original).
Im Folgenden werden Ergebnisse aus den neuesten empirischen Forschungsarbeiten vorgestellt. Dabei geht es einerseits um Studienergebnisse aus der pÀdagogischen Forschungsliteratur (Kap. 1.1.1) und andererseits sollen erste Ergebnisse aus gesprÀchsanalytischen Studien diskutiert werden (Kap. 1.1.2), um den derzeitigen Forschungsstand abzubilden.

1.1.1 Ergebnisse aus Interview- und Fragebogenstudien

Walker (1998) berichtet in einer Interviewstudie aus England ĂŒber grundsĂ€tzlich widersprĂŒchliche Erwartungen an die GesprĂ€che: Eltern möchten sich selbst einbringen können und sind frustriert ĂŒber die fehlenden Fragen nach ihrer (Experten-)Sicht sowie ĂŒber das monologische Abarbeiten von Themen vonseiten der Lehrpersonen. Diese hingegen betrachten di...

Table of contents

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Inhaltsverzeichnis
  5. Vorwort und Danksagung
  6. 1 Einleitung
  7. 2 Konversationsanalyse und darĂŒber hinaus
  8. 3 Methodenreflexion und Datenmaterial
  9. 4 Interaktive Konstituierung des BeurteilungsgesprÀchs
  10. 5 PositionierungsaktivitÀten und soziale Rollen
  11. 6 Gemeinsame Herstellung interaktiver Beteiligung
  12. 7 Beteiligung, Positionierung und Beurteilung durch Animation und Imagination
  13. 8 Fremdbeurteilung versus Selbstbeurteilung
  14. 9 Schlussbetrachtungen
  15. Literaturverzeichnis
  16. Anhang
  17. Fußnoten

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