Ethik in den Kulturen - Kulturen in der Ethik
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Ethik in den Kulturen - Kulturen in der Ethik

Eine Festschrift fĂŒr Regina Ammicht Quinn

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Ethik in den Kulturen - Kulturen in der Ethik

Eine Festschrift fĂŒr Regina Ammicht Quinn

About this book

Ethik als die Suche nach der BegrĂŒndung des Guten und des Gerechten ist Teil jeder Kultur; umgekehrt weisen auch Ethiken je unterschiedliche Kulturen ihrer Praxis auf. Die in diesem Band gesammelten BeitrĂ€ge nehmen unterschiedliche Blickwinkel ein, ohne dabei die Verbindung zu anderen Perspektiven aus dem Blick zu verlieren. So bietet das Buch einen breiten Überblick ĂŒber das Spektrum moderner ethischer Diskurse, von Grundfragen der Ethik ĂŒber die Aspekte Politik, Religion, Gender, Körper, Technik, digitale Medien, Sicherheit bis Literatur. Bei aller PluralitĂ€t verbindet die BeitrĂ€ge das BemĂŒhen um eine Auseinandersetzung ĂŒber Fachgrenzen hinweg und innerhalb der DiskussionsrĂ€ume einer Gesellschaft, die sich immer wieder ĂŒber ethische Orientierungen verstĂ€ndigen muss.

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Information

Year
2017
Print ISBN
9783772086113
eBook ISBN
9783772000171

Politik

Das Ethische und das Politische – Konturen einer (un-)möglichen Konstellation

Dietmar Wetzel
Wir haben unser Zuhause und damit die Vertrautheit des Alltags verloren. Wir haben unseren Beruf verloren und damit das Vertrauen eingebĂŒĂŸt, in dieser Welt irgendwie von Nutzen zu sein. Wir haben unsere Sprache verloren und mit ihr die NatĂŒrlichkeit unserer Reaktionen, die Einfachheit unserer GebĂ€rden und den ungezwungenen Ausdruck unserer GefĂŒhle. Wir haben unsere Verwandten in den politischen Ghettos zurĂŒckgelassen, unsere besten Freunde sind in den Konzentrationslagern umgebracht worden, und das bedeutet den Zusammenbruch unserer privaten Welt.
Hannah Arendt (2016: 10–11)

1. Einleitung

Viel besser als in diesem zentralen Ausschnitt aus der Arbeit „Wir FlĂŒchtlinge“ (orig. 1943) von Hannah Arendt, ist die Situation und die GefĂŒhlswelt von FlĂŒchtlingen und Migrant_innen wohl kaum auf den Punkt gebracht worden. Ausgehend von der gegenwĂ€rtigen Krise der Gesellschaften, die weit mehr als „nur“ eine „FlĂŒchtlingskrise“ ist, möchte ich grundsĂ€tzliche Fragen zum Ethisch-Politischen aufwerfen. Wie hĂ€ngen das Ethische und das Politische zusammen? In welchem VerhĂ€ltnis stehen diese Begriffe/Konzepte zueinander? Wie wird diese Konstellation in der Sozialphilosophie behandelt? Diese und weitere Fragen möchte ich im Folgenden nicht mit dem Anspruch auf eine erschöpfende Darstellung behandeln, sondern vielmehr programmatisch zu beantworten versuchen. Um dies leisten zu können, nehme ich eine Diskussion auf, mit der ich mich vor ĂŒber fĂŒnfzehn Jahren begonnen habe zu beschĂ€ftigen, und fĂŒhre diese zugleich weiter. In meiner Dissertationsschrift „Diskurse des Politischen. Zwischen Re- und Dekonstruktion“ (Wetzel 2003) habe ich Positionen und Theorien des Ethischen mit denen der Politik/des Politischen ins VerhĂ€ltnis zu setzen versucht. Aus den damals geleisteten Re- und Dekonstruktionen und unter BerĂŒcksichtigung aktueller Reflexionen zum Ethisch-Politischen resultiert meine These: Das Ethische und das Politische stehen in einem produktiven Widerstreit zueinander, den es nicht aufzulösen, sondern – normativ gesprochen – aufrechtzuerhalten gilt. Um diese These auszufĂŒhren respektive zu begrĂŒnden, gehe ich wie folgt vor. In einem ersten Schritt thematisiere ich den, wie ich es nennen möchte, „Stachel der Ethik“,1 indem ich die Bedeutsamkeit, aber auch die Schwierigkeiten bezĂŒglich einer ethischen Reflexion unterstreiche (Abschnitt 1). Daran anschließend problematisiere ich den in der gegenwĂ€rtigen Diskussion der politischen Theorie wichtigen Unterschied zwischen der Politik und dem Politischen. Mit diesem Schritt gelingt eine Öffnung eines rein normativen PolitikverstĂ€ndnisses hin zu einer Infragestellung der damit verbundenen Ordnungsvorstellungen (Abschnitt 2). Nach diesen, sozusagen vorbereitenden Überlegungen stelle ich drei Konstellationen des Ethischen und des Politischen vor, die sich exemplarisch in der einschlĂ€gigen Literatur wiederfinden lassen (Abschnitt 3).2 Die dabei stĂ€rker theoretischen Reflexionen versuche ich schließlich an einem aktuellen Beispiel kurz zu veranschaulichen. Thema dabei sind die Grenzen der Gastfreundschaft im Kontext der sogenannten „FlĂŒchtlingskrise“ (Abschnitt 4). Im Fazit nehme ich die verschiedenen StrĂ€nge auf und fasse meine Argumentation in drei Punkten nochmals zusammen (Abschnitt 5).

2. Der Stachel der Ethik

Ethik beziehungsweise die ethische Reflexion erfĂŒllen in unserer Zeit zweifellos eine wichtige Funktion. Gerade im Zusammenhang mit Fragen der AufklĂ€rung lĂ€sst sich ethisches Nachdenken nicht mehr aus dem gesellschaftlichen Diskurs der (Post-)Moderne wegdenken.1 Ob es um Fragen der Genetik, den Umgang mit der ÖkosphĂ€re oder schlicht um das Zusammenleben von Individuen und Gruppen geht, Ethik (und Moral) sind immer mit im Spiel. Ethik kommt praktisch ĂŒberall zum Einsatz, was einer inflationĂ€ren Handhabe eher zu- als abtrĂ€glich ist – und im schlimmsten Fall zu Heuchelei und zu einem „Tun-Als-Ob“ (siehe Ruhnau/Kridlo/Busch/Roessler 2000) fĂŒhren kann. Dennoch hilft uns Ethik dabei, unsere moralischen Grundlagen und Einstellungen zu durchdenken.2 Zudem möchte ich Ethik insofern als einen „Stachel“ begreifen, als dieser uns antreibt, ĂŒber ungerechte ZustĂ€nde der Welt nachzudenken (und womöglich etwas dagegen zu tun). In einem sehr instruktiven Beitrag hat Jelica Ć umič (1997) auf die schwierige Beziehung zwischen Ethischem und Politischem bereits hingewiesen. Nachdem lange Zeit die Ethik aus dem öffentlichen Diskurs der Moderne ausgeschlossen war, trifft man sie als eines der zentralen Themen wieder in eben diesem öffentlichen Diskurs an. Dazu schreibt Ć umič dezidiert:
Sie (die Ethik) scheint als eine Art schlechten Gewissens ĂŒberall dorthin zurĂŒckzukehren, von wo sie zuvor verbannt wurde. So kann heute sozusagen von einer ‘Rache der Ethik‘ gesprochen werden. Die Berufung auf die Ethik bzw. das Gute ist zum handlichen Rechtfertigungsmittel fast jeden Geschehens geworden (Ć umič 1997: 231).
So werden im Namen biopolitischer Maßnahmen Frauen in GebĂ€rmaschinen verwandelt; im Namen der Menschenrechte wird ĂŒberall dort (und nur dort) militĂ€risch eingegriffen, wo dies von MĂ€chtigen so entschieden worden ist, also genauer dort, wo die Nichtbeachtung der Menschenrechte mit den Interessen der jeweiligen Realpolitik zusammenfallen. Ethik und ethische Reflexionen existieren jedoch nicht in einem abstrakt-theoretischen Raum, sondern diese sind in gesellschaftliche und politische Ordnungsmuster eingebunden, so dass zwingend ĂŒber das VerhĂ€ltnis zwischen dem Ethischen und der Politik/dem Politischen nachgedacht werden muss (siehe Reese-SchĂ€fer 1997).

3. Die Politik und/oder das Politische?

Eine normative Ausrichtung der Politik (und des PolitikverstĂ€ndnisses), so wie es beispielsweise die liberalistisch-deliberative Theorietradition impliziert, kann den Wert der Unterscheidung zwischen der „Politik“ und dem „Politischen“ nicht erkennen (siehe Bedorf 2010). Ohne Politik immer schon mit polizeilicher Ordnung zu identifizieren, wie es an manchen Stellen beispielsweise das Werk des französischen Philosophen Jacques RanciĂšre nahelegt, steht Politik doch fĂŒr die parlamentarisch organisierte Form des demokratischen Regierens (RanciĂšre 2002). Das Politische dagegen verkörpert die „Logik des Widerstreits“, also gerade die Infragestellung der politischen Ordnung – und wird dadurch zu einer notwendigen Korrekturmöglichkeit derselben:
Das Politische [le politique] ist dieser dritte Raum des Streits, ein unbestimmter und stets sich wandelnder Punkt, an dem Polizei und Politik [la politique] zusammentreffen. Der Prozess der Politik beginnt mit der Identifikation eines Unrechts [le tort], einem fundamentalen Disput ĂŒber unterschiedliche Kalkulationen des Gemeinschaftlichen.“ (Tanke 2011: 51; Übersetzung von Thomas Claviez).
Dieses so verstandene Politische ereignet sich (wenn ĂŒberhaupt!) auf dem Gebiet der Politik immer nur im jeweils konkreten, historischen Fall (beschreibbar als Praxis), der darĂŒber entscheiden muss, was ĂŒberhaupt das Gemeinsame ausmacht und wer in diesem Zusammenhang etwas zu sagen und zu entscheiden hat. Mit einem solchen konzeptionellen VerstĂ€ndnis des Politischen verliert dieses seine gemeinhin angenommene SelbstverstĂ€ndlichkeit. Im Unterschied zur liberalen respektive diskursethisch beeinflussten politischen Theorietradition (allen voran Habermas) ist RanciĂšres Begriff des Politischen einer des Konfliktes, der Unstimmigkeit, ja des Polemischen. Nicht die kommunikative VerstĂ€ndigung (wenn auch nur als kontrafaktisch angenommener Idealfall), sondern das Streithandeln bestimmt das Geschehen im Raum des Politischen. Politisches Handeln und Kommunizieren gehen nicht einfach in einem rationalen (Verfahrens-)Diskurs auf, den es „nur noch“ institutionell zu etablieren gilt. Erforderlich wird vielmehr in diesem VerstĂ€ndnis, welches Politik zugleich als Handwerk und Kunst begreift, eine VerschrĂ€nkung von Argument und Metapher; dem politischen Handeln und der Kommunikation eignet demzufolge eine poetisch-polemologische Dimension. Mit RanciĂšre können wir aber noch etwas ZusĂ€tzliches akzentuieren: Im politischen Konflikt bemĂŒhen sich mindestens zwei Parteien um die Herstellung einer gemeinsamen Situation und um deren ReprĂ€sentation. Genau dort, wo ein Teil der Menschen aus dieser Situation ausgeschlossen ist, muss insofern dieses Gemeinsame/Allgemeine – an das Jean-Luc Nancy mit Jacques Derrida so oft erinnert – als zunehmend prekĂ€r beschrieben werden, zumal unter globalisierten Bedingungen (Nancy 2004: 59). In drei Konstellationen des Ethischen und des Politischen soll dieses VerstĂ€ndnis ĂŒberprĂŒft und etwas genauer ausgefĂŒhrt werden.

4. Drei Konstellationen des Ethischen und des Politischen

4.1 Das Ethische und das Politische im Modus der Versöhnung

Ethische Reflexionen haben sich weitestgehend gerĂ€uschlos in der SphĂ€re der Politik in unseren westlichen Gesellschaften etabliert.1 Die in der Sozial- und Politischen Philosophie so gelagerten AnsĂ€tze, beispielsweise die von JĂŒrgen Habermas, John Rawls und Michael Walzer, fokussieren auf eine VerschrĂ€nkung von Ethik und Politik in der normativen Ordnung der Gesellschaft.2 Im Hinblick auf Konstellationen des Politischen und des Ethischen erweisen sich die Menschenrechte und der Glaube an die WeltbĂŒrger_innen_rechte, unter Einschluss der SolidaritĂ€t als dem Anderen der Gerechtigkeit (Habermas) sowie die multikulturell ausgerichtete Zivilgesellschaft (Walzer), als normative Fluchtpunkte. Allerdings fokussieren diese AnsĂ€tze eher binnengesellschaftliche Gerechtigkeitsvorstellungen und verharren dabei im Bereich der Politik. Verwaltet wird das proklamierte differenzempfindliche Universelle von einer (Diskurs-)Polizei und einer Gemeinschaft, die ĂŒber die weltweite Einhaltung der Menschenrechte wachen. In diesem Kontext möchte ich die Aufmerksamkeit auf die Paradoxie eines derartigen zeitgenössischen VerstĂ€ndnisses von Politik und Ethik lenken. So gibt es auf der einen Seite die wohlmeinenden BemĂŒhungen und BegrĂŒndungen von Idealisten, die beharrlich Rechte als unabdingbare Menschenrechte hinstellen, deren sich jedoch nur die BĂŒrger_innen der zivilisiertesten LĂ€nder erfreuen, und auf der anderen Seite existiert die Situation der Entrechteten (beispielsweise der FlĂŒchtlinge), die sich ebenso beharrlich ĂŒber die Jahrzehnte verschlechtert hat. Ohne die Notwendigkeit des Beharrens auf Menschenrechte bestreiten zu wollen, existiert die reale Gefahr einer lediglich abstrakten BegrĂŒndung und Proklamation der Menschenrechte, was nicht selten zu einem reinen VerkĂŒndigungspathos verkommt. Welche Rolle spielt dabei genauer die Ethik? Sie gerĂ€t sehr schnell zu einer Alibiveranstaltung beziehungsweise zu einer UnterstĂŒtzungsgehilfin der politischen Ordnung der Herrschenden. So mutiert aber die bereits angefĂŒhrte „RĂŒckkehr der Ethik“ zu einer Versöhnung von Ethik (Moral) und Politischem, was „heute den wesentlichen Einsatz der vorherrschenden, sich auf Rawls oder Habermas berufenden politischen Reflexion darstellt. [Dies wiederum] ist als Versuch der demokratischen Ordnung zu verstehen, diesen ihr innewohnenden Mangel zu verneinen oder sich seiner imaginĂ€r zu entledigen“ (Ć umič 1997: 233). Stattdessen rĂŒckt das (internationale) Recht in den Fokus dieser Form der politischen Theorie/Philosophie, das gleichsam fĂŒr eine Einhegung der potenziellen Konflikte zwischen Ethischem und Politischem sorgen soll.3

4.2 Das Politische und das Ethische als radikal-unauflösbarer Konflikt

Die in der machiavellistischen Tradition stehenden AnsĂ€tze zeichnen sich hĂ€ufig dadurch aus, dass diese den Anteil des Ethischen fĂŒr gering, unwichtig oder sogar fĂŒr schĂ€dlich halten.1 Teile der sogenannten Postmoderne haben diese – neben Machiavelli an Nietzsche geschulte Auffassung – vertreten, auch deshalb, weil der Unterschied zwischen Ethik, Moral und Politik meines Erachtens nicht immer klar genug gezogen worden ist. Lange Zeit hat man sogar „der Postmoderne“ insgesamt das Fehlen jeglicher ethischen Dimension ihres Denkens attestiert.2 Aber auch Denker wie der französische Philosoph Jacques RanciĂšre verweigern den Anteil des Ethischen, obwohl dessen Werk insgeheim von einer Ethik tief durchzogen ist (siehe Wetzel/Claviez 2016: 141ff.). Noch radikaler vertritt Jean-François Lyotard einen unauflösbaren Konflikt zwischen dem Ethischen und dem Po...

Table of contents

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Inhaltsverzeichnis
  5. Vorwort
  6. Grundfragen
  7. Politik
  8. Religion
  9. Gender
  10. Körper
  11. Technik
  12. Digitales
  13. Sicherheit
  14. Literatur
  15. Autor_innenverzeichnis
  16. Schriftenverzeichnis (Auswahl) Regina Ammicht Quinn
  17. Fußnoten

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