Wie gehen gymnasiale FremdsprachenlehrkrĂ€fte mit der lebensweltlichen und schulischen Mehrsprachigkeit ihrer SchĂŒlerschaft um, und wie thematisieren und nutzen sie diese in ihrem Fremdsprachenunterricht? Anhand von qualitativen Interviews mit Lehrenden auf der Basis eines explorativen Designs wird die Bandbreite von Einstellungen und erlebter Praxis deutlich. Hieraus folgen abschlieĂend Ăberlegungen zur Fremdsprachenlehrerausbildung unter dem Gesichtspunkt sprachlich und kulturell heterogener Lerngruppen.

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Mehrsprachigkeit im Fremdsprachenunterricht
Eine qualitativ-empirische Studie zu Einstellungen von Fremdsprachenlehrerinnen und -lehrern
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Mehrsprachigkeit im Fremdsprachenunterricht
Eine qualitativ-empirische Studie zu Einstellungen von Fremdsprachenlehrerinnen und -lehrern
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Information
Index
LiteratureEr suchte zu allen Menschen in âihrerâ Sprache zu sprechen, und da er diese nur nebenher auf seinen Reisen gelernt hatte, waren seine Kenntnisse, mit Ausnahme der Sprachen des Balkans, zu denen auch sein Spanisch gehörte, höchst mangelhaft. Er zĂ€hlte gerne an den Fingern auf, wieviel Sprachen er spreche, und die drollige Sicherheit, mit der er es bei dieser AufzĂ€hlung â Gott weiĂ wie â manchmal auf 17, manchmal auf 19 Sprachen brachte, war trotz seiner komischen Aussprache fĂŒr die meisten Menschen unwiderstehlich. Ich schĂ€mte mich dieser Szenen, wenn sie sich vor mir abspielten, denn was er da von sich gab, war so fehlerhaft, dass er selbst in meiner Volksschule beim Herrn Lehrer Tegel damit durchgefallen wĂ€re, wie erst bei uns zu Hause, wo die Mutter uns mit erbarmungslosem Hohn den kleinsten Fehler verwies. DafĂŒr beschrĂ€nkten wir uns zu Hause auf bloĂ vier Sprachen, und wenn ich die Mutter fragte, ob es möglich sei, 17 Sprachen zu sprechen, sagte sie, ohne den GroĂvater zu nennen: »Nein! Dann kann man keine!« (Elias Canetti 1977: Die gerettete Zunge. Geschichte einer Jugend, S. 103)
1. Einleitung
1.1 Meine BeweggrĂŒnde, dieses Projekt durchzufĂŒhren
Die Ideen fĂŒr die vorliegende Studie entstanden schon lange bevor ich als Lehrerin fĂŒr Französisch an baden-wĂŒrttembergischen, sĂ€chsischen und brandenburgischen Schulen unterrichtete, oder an verschiedenen UniversitĂ€ten lehren konnte. Der Themenkomplex Mehrsprachigkeit ist mir als Französin, die seit mehr als 25 Jahren in Deutschland lebt, immer bewusst gewesen. Mein eigener Migrationshintergrund unterscheidet sich in vielen Punkten von dem der meisten Migranten und FlĂŒchtlinge, weil ich aus freien StĂŒcken und voller Begeisterung nach Deutschland kam, um als Auslandsgermanistin meine Sprachkenntnisse zu perfektionieren und in Deutschland zu leben und zu arbeiten. Meine Motive sind nicht aus körperlicher und materieller Not geboren, niemand hat mich verfolgt oder bedroht, niemand hat mir in Deutschland unangenehme Fragen gestellt oder Hindernisse aufgebaut. Die junge Französin, die ich war, wurde als assistante de langue in Esslingen am Neckar herzlich in die Schulgemeinde aufgenommen, mein Ansehen bei den SchĂŒlerinnen und SchĂŒlern war groĂ, wie im Jahr darauf auch bei den ThomasschĂŒlern in Leipzig. Mein Aufenthalt in Deutschland ist dauerhaft gesichert, ich genieĂe (natĂŒrlich) völlige Reisefreiheit und verfĂŒge ĂŒber alle Rechte einer BĂŒrgerin der EuropĂ€ischen Union.
Die RealitĂ€t der meisten Migranten in Deutschland ist dagegen vielfach eine ganz Andere. Aufgrund verschieden motivierter Migrationsbewegungen wie Arbeitsmigration, politische Verfolgung und Terror, Folter, (BĂŒrger-)Kriege und Flucht ist die aktuelle Zuwanderungsbewegung durch Furcht und Existenzangst geprĂ€gt und von einer allgemeinen Ablehnung durch populistische, diskriminierende Parolen verunsichert. Die Migrantensprachen werden nicht wertgeschĂ€tzt, sondern als lĂ€stig und hinderlich fĂŒr eine mögliche Integration angesehen.
Meine eigene Mehrsprachigkeit hingegen war ein Vorteil fĂŒr meine rasche Integration in Deutschland, und als Fremdsprachenlehrerin hat es mich immer interessiert, wie Kolleginnen und Kollegen mit der in ihren Klassen vorgefundenen â schulischen und lebensweltlichen â Mehrsprachigkeit umgehen. In diesem Zusammenhang zeichnete sich mein beruflicher, wissenschaftlicher Werdegang Anfang der 2000er Jahre durch die langjĂ€hrige Begleitung einer sprachlich sehr heterogenen SchĂŒlergruppe aus, die ich im Rahmen des an der UniversitĂ€t in TĂŒbingen angesiedelten Pilotprojektes WIBE â Wissenschaftliche Begleitung der Pilotphase Fremdsprache in der Grundschule; Zielsprache Englisch und Zielsprache Französisch â kennenlernte und wissenschaftlich und unterrichtlich begleitete. Vier Jahre lang, wĂ€hrend der gesamten Grundschulzeit der jungen Lernenden (damals 6 bis 10 Jahre), nahm ich am immersiv angelegten, zweistĂŒndigen Französischunterricht teil bzw. unterrichtete zuweilen selbst, beobachtete, beschrieb, analysierte und interpretierte nach und nach ihre anfĂ€nglichen und allmĂ€hlich hĂ€ufiger verwendeten fremdsprachlichen Kommunikationsstrategien. Diese befĂ€higten die Lernenden zur aktiven Beteiligung an der Interaktion mit der Lehrkraft im Unterricht. Dieses umfangreiche, von mir erhobene Datenmaterial konnte ich anschlieĂend in mein Dissertationsprojekt mĂŒnden lassen (vgl. Publikationen MĂ©ron-Minuth, insbesondere von 2009 bis 2012). Die eigene Mehrsprachigkeit, die Beobachtungen des frĂŒhen Fremdsprachenlernens und der Lern- und Kommunikationsstrategien von Lernenden, mit einem nicht-romanischen, herkunftssprachlichen Hintergrund und schlieĂlich der Kontakt mit Fremdsprachenlehrerinnen und -lehrern im Zusammenhang mit studentischen Praktika lieĂen immer deutlicher die Frage in mir reifen, in welcher Weise die Schule und hier speziell der Fremdsprachenunterricht mit vorhandener Mehrsprachigkeit umgehen wĂŒrde.
Hinzu kamen sprachenpolitische Bestrebungen und schulische Zielsetzungen, die mich letztendlich dazu bewogen haben, einen Perspektivenwechsel von den jungen Lernenden zu den Lehrenden vorzunehmen und im Rahmen meines Habilitationsprojektes NĂ€heres ĂŒber die Einstellungen und die Unterrichtspraxis von FremdsprachenlehrkrĂ€ften zu erfahren, die im Kontext realer Mehrsprachigkeit in ihren Klassen in der Institution Schule arbeiten. Infolgedessen habe ich diese Studie in der Erwartung durchgefĂŒhrt, Informationen ĂŒber ihre Innenperspektive, ihre subjektiven Sichtweisen zur Mehrsprachigkeit ihrer SchĂŒlerinnen und SchĂŒler zu sammeln und zu analysieren, um letztendlich daraus mögliche Schlussfolgerungen fĂŒr eine verĂ€nderte Praxis der Lehreraus-, -fort und -weiterbildung, vor allem mit Blick auf eine sich verĂ€ndernde SchĂŒlerschaft, ableiten zu können.
Denn durch Flucht, Vertreibung und Arbeitsmigration hat sich die SchĂŒlerschaft in den letzten Jahren betrĂ€chtlich verĂ€ndert (vgl. dazu Kapitel 4.2). Bei den Ergebnissen der PISA -Studie von 2000 stammt bereits ĂŒber ein FĂŒnftel (21,7 %) der fĂŒnfzehnjĂ€hrigen Jugendlichen aus Familien mit Migrationshintergrund (vgl. Baumert, Klieme et alii, Deutsches PISA -Konsortium 2002). Bereits die Arbeitsmigranten (Italien, Spanien, TĂŒrkei) der ersten Generation hatten mit Problemen der Integration zu kĂ€mpfen, und die Nachkommen der zweiten und dritten Generation sind teilweise heute noch die Verlierer des deutschen Bildungssystems (vgl. Bildungsbericht der Bundesregierung 2016):
âHinsichtlich der Beteiligung an den weiterfĂŒhrenden Schulen zeigen sich â zunĂ€chst in der schulstatistischen Unterscheidung nach deutschen und auslĂ€ndischen Jugendlichen â eklatante Unterschiede: WĂ€hrend deutsche Jugendliche im Schuljahr 2014/15 fast zur HĂ€lfte am Gymnasium sind (rund 44 %) und nur zu 8 % an Hauptschulen, besucht lediglich knapp ein Viertel (24 %) der auslĂ€ndischen Jugendlichen das Gymnasium und ein weiteres Viertel (25 %) die Hauptschule [âŠ].â (Deutsches Institut fĂŒr Internationale PĂ€dagogische Forschung 2016: 173)
Der folgende Auszug aus demselben Bericht hebt die hohen Diskrepanzen hervor, die auf dem Arbeitsmarkt zwischen AuslÀndern und Deutschen besteht:
âDie DisparitĂ€ten in der Ausbildung setzen sich auf dem Arbeitsmarkt fort. Die Differenz im Erwerbsstatus zwischen jungen Erwachsenen ohne und mit Migrationshintergrund erweist sich als betrĂ€chtlich. Bei der ErwerbstĂ€tigkeit macht sie 13 Prozentpunkte (86 gegenĂŒber 73 %) aus (Abb. H2â5). Die Differenz erklĂ€rt sich weniger aus Arbeitslosigkeit als aus der Quote der Nichterwerbspersonen, die bei jungen Erwachsenen mit Migrationshintergrund mehr als doppelt so hoch ist wie bei Personen ohne Migrationshintergrund (21 zu 10 %).â (Deutsches Institut fĂŒr Internationale PĂ€dagogische Forschung 2016: 178; Hervorhebungen im Text)
Dabei ist schulische Bildung der Kinder der wichtigste Faktor der Hoffnungen der Migrantenfamilien auf Integration ihrer Sprösslinge in Deutschland. Diese Hoffnungen werden durch deren schlechte Schullaufbahnchancen hĂ€ufig gedĂ€mpft. Schulische Anforderungen orientieren sich an der MajoritĂ€tskultur und der schulische Habitus ist weiterhin monolingual (vgl. Göbel & Schmelter 2016; Gogolin 1994, 2011). Die noch unzureichende Beherrschung der Schulsprache und mögliche Bildungsferne sind dabei die HauptgrĂŒnde fĂŒr das Scheitern der Kinder mit Migrationshintergrund. Aus diesem Grunde haben alle BundeslĂ€nder diverse Sprachförderprogramme mit dem Anspruch der Verringerung von DisparitĂ€ten aufgelegt (vgl. Bundesministerium fĂŒr Bildung und Forschung 2007). Die meisten Familien- und (vor allem) Minderheitensprachen stehen in einer möglichen Beliebtheitsliste der Sprachen ganz unten; sie werden gar im institutionellen Schulkontext ignoriert, wie es Senem Aydin (2016) hervorhebt:
â[âŠ] the already existing migration-related multilingualism of pupils speaking minority languages is generally ignored in the school context.â (Aydin 2016: 8)
Weiterhin betrachtet Aydin kritisch, dass die Forschung im Bereich von Mehrsprachigkeit und Fremdsprachenunterricht die BedĂŒrfnisse sowie das Potenzial der MigrationsschĂŒlerinnen und -schĂŒler mit Minderheitensprachen vernachlĂ€ssigt beziehungsweise geringgeschĂ€tzt wird. Die entsprechenden Studien in diesem Feld sind â[âŠ] still very modestâ (Aydin 2016: 9), obgleich die migrationsbedingte sprachliche HeterogenitĂ€t lĂ€ngst zur Landschaft des deutschen Schullebens gehört:
â[âŠ] Although migration-related linguistic heterogeneity has become part of school life in Germany, the needs of pupils with a migration background have been neglected in research in the field of multilingualism and foreign language education.â (Aydin 2016: 8)
DemgegenĂŒber genieĂen die romanischen Sprachen beziehungsweise die institutionell gelehrten Fremdsprachen ein erheblich höheres Ansehen. Es bleibt allerdings festzustellen, dass dieser negative Blick kein komplettes Spiegelbild der Leistungen von SchĂŒlerinnen und SchĂŒlern mit Migrationshintergrund reprĂ€sentiert, weil diese eben auch bemerkenswerte Erfolge aufweisen, wenn ihre sprachlichen Kompetenzen und individuelle, familiĂ€re und (schul-)kontextuale Merkmale als positive Einflussfaktoren fĂŒr effizientes Englischlernen als dritte Sprache berĂŒcksichtigt werden (vgl. Ăzkul 2015 und Aydin 2016). Diese Aussagen sind insofern wichtig, als Berichte jĂŒngeren Datums zeigen, dass auslĂ€ndische Kinder weniger Bildungschancen haben bzw. bildungserfolgreich und demgemÀà weniger an Gymnasien anzutreffen sind. Dies zeigen vor allem beispielsweise Flam und Schönefeld in einem Beitrag von 2007 oder auch Siegert in einem Bericht von 2008 zur schulischen Bildung von Migrantenkindern in Deutschland:
âAuslĂ€ndische SchĂŒler besuchen hĂ€ufiger eine Hauptschule und seltener eine Realschule oder ein Gymnasium als deutsche. DarĂŒber hinaus gehen sie hĂ€ufiger auf eine Förderschule und speziell auf eine Förderschule mit dem Förderschwerpunkt Lernen.â (Siegert 2008: 32)
Es ist also Aufgabe der Schule, die IntegrationsbemĂŒhungen der Kinder mit Migrationshintergrund zu fördern und ihre verschiedenen Sprachkompetenzen und vorgĂ€ngige Sprachlernerfahrungen in den Unterricht zu integrieren und zu persönlichen Erfolgserlebnissen zu verdichten. Die seit den letzten zwei Jahren prĂ€senten Fluchtbewegungen werden zukĂŒnftig Einfluss auf die Bildungseinrichtungen der ZiellĂ€nder â hier Deutschlands â haben. Denn die neu zugewanderten Menschen bringen neue Herkunftssprachen sowie bedingt durch Kriege, Konflikte etc. traumatisierende Erfahrungen mit sich, die das Leben in der Gemeinschaft in der schulischen Institution sowie in weiteren Bildungseinrichtungen in den kommenden Jahren prĂ€gen werden.
âDabei wird aber auch deutlich, dass von âdemâ auslĂ€ndischen SchĂŒler prinzipiell nicht gesprochen werden kann. Differenziert man die auslĂ€ndischen SchĂŒler nach ihrer Staatsangehörigkeit, so zeigen sich zwischen den einzelnen Gruppen teilweise deutliche Unterschiede: Polnische, russische und kroatische SchĂŒler können sich im deutschen Schulsystem vergleichsweise gut positionieren, SchĂŒler aus Serbien und Montenegro, der TĂŒrkei und Italien dagegen vergleichsweise schlecht.â (Siegert 2008: 32f.; Hervorhebungen im Text)
Aber im Zentrum der vorliegenden Arbeit stehen nicht nur die SchĂŒlerinnen und SchĂŒler mit ihren herkunftssprachlichen DiversitĂ€ten, sondern auch die ĂŒbrigen Lernenden, die ja bereits in ihrer Schullaufbahn Fremdsprachen gelernt haben und bis zu einem Punkt ihrer jeweiligen Interimssprache mehrsprachig sind. Die Einstellungen der Lehrenden zu den beiden unterschiedlichen Populationen und ihrer jeweiligen Mehrsprachigkeit soll untersucht werden, um der Antwort auf die Frage: âMehrsprachigkeit als Ressourceâ (Göbel & Schmelter 2016: 274) nĂ€her zu kommen. Die letztgenannten Autoren bemĂ€ngeln zu Recht, dass in den letzten Dekaden i...
Table of contents
- Cover
- Titel
- Impressum
- Inhaltsverzeichnis
- Pour Christian, mon mari ...
- Vorwort
- 1. Einleitung
- 2. Historischer Exkurs und theoretische Grundlagen zum Konzept der Mehrsprachigkeit
- 3. Zur Erforschung der Binnensicht von FremdsprachenlehrkrÀften
- 4. Forschungsmethodischer Ansatz und Erhebungsdesign
- 5. Die Vorstudie
- 6. Die Hauptstudie â Einzelfalldarstellungen
- 7. Gesamtauswertung der Ergebnisse der Lehrerinterviews
- 8. Ausblick und Forschungsperspektiven
- 9. Literaturverzeichnis
- FuĂnoten
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