Sprachliche Höflichkeit ist ein breit diskutiertes Thema in Wissenschaft und Ăffentlichkeit. Oft wird ein Mangel an Höflichkeit oder gar deren Verfall beklagt. Neue Medien und die zunehmende InterkulturalitĂ€t scheinen das Problem zu verschĂ€rfen. In der Sprachwissenschaft greifen zahlreiche AnsĂ€tze solche Fragen auf und versuchen eine wissenschaftliche KlĂ€rung und Einordnung in neuere theoretische und methodische Entwicklungen. Der Band dokumentiert ausgewĂ€hlte BeitrĂ€ge einer internationalen Fachkonferenz. Er prĂ€sentiert aktuelle Entwicklungen in der deutschen Sprache und neue AnsĂ€tze in der Höflichkeitsforschung, auch in kontrastiver Perspektive und in verschiedenen Anwendungsfeldern. Kulturhistorische EinschĂ€tzungen ĂŒber Ursprung und Entwicklung von Höflichkeitskonventionen sowie Ausblicke auf kĂŒnftige Herausforderungen runden den Band ab.

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Sprachliche Höflichkeit
Historische, aktuelle und kĂŒnftige Perspektiven
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Angewandte Studien
Zum Umgang mit (Un)Höflichkeit in generationeller Perspektive
Eva Neuland / Benjamin Könning / Elisa Wessels
The paper presents the theoretical and methodological outlines of the Wuppertaler DFG -supported research project in the intersection of verbal politeness and youth language. Does the young generation still know and use the conventional meaning and expressions of politeness or do different styles of politeness exist according to general conventions and to the young generation and variing corresponding to contexts, recipients and modality? Some of our data from questionnaires and from corpus analysis of spontaneous peer communication offer innovative insights concerning impoliteness, especially face threatening acts like verbal insults and swearwords. Young people often use ftas which conventionally indicate impoliteness in a humorous and joking modality which finally strengthens as sort of cooperative rudeness the solidarity of the peer group.
1. Zur Relevanz des Faktors Generation
Fast immer, wenn in Ăffentlichkeit vom Verlust sprachlichen Benehmens, von respektlosem Umgangston und sprachlicher Unhöflichkeit die Rede ist, werden Jugendliche dafĂŒr verantwortlich gemacht. Obwohl diese Argumentationsfigur in der Ăffentlichkeit so verbreitet ist, hat sie doch in der sprachwissenschaftlichen Forschung â zumindest im deutschsprachigen Raum â noch kaum Niederschlag gefunden. Diesem bezeichnenden Widerspruch wollen wir mit einem Einblick in unsere laufenden Forschungen zum Umgang von Jugendlichen mit sprachlicher Höflichkeit und Unhöflichkeit nachgehen.
1.1 Kurzer RĂŒckblick
Anhaltspunkte fĂŒr einen kulturgeschichtlichen RĂŒckblick sind vornehmlich der pragmatischen Sprach- und Kulturgeschichte zur Anstandsliteratur und zu Konversationslehren des spĂ€ten 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts zu entnehmen. Anleitungen zu einem âguten Tonâ und zu âfeinen Sittenâ richten sich, so Linke (1988), oft an junge Leute aus dem gehobenen BĂŒrgertum und mahnen sie, auf Sprechstil und Wortwahl zu achten, jugendsprachlichen Wortschatz zu vermeiden (damals v.a. WertungsausdrĂŒcke wie feudal, famos, patent, superbe und kolossal), GesprĂ€chsvorrechte Ălterer und höher gestellter Personen zu achten, emotionale Themen zu meiden (v.a. Politik und Religion), nicht zu unterbrechen, nicht zu laut zu lachen oder besser nur zu lĂ€cheln. Dies spiegelt zugleich Konversationsideale und Höflichkeitsvorstellungen der damaligen Zeit (vgl. dazu Krumrey 1984).
1.2 âKnigge fĂŒr junge Leute von heuteâ
Ăhnliche Belehrungen lassen sich bis in die heutige Anstandsliteratur verfolgen, wobei sich allerdings die Vorstellungen sprachlicher Etikette durchaus gewandelt haben. So prĂ€sentiert ein âJugend-Kniggeâ fĂŒr junge Leute von heute (Hanisch 3. Aufl. 2014) in einem schmalen Kapitel: âKommunikation und Konfliktvermeidungâ (S. 56ff.) eine Liste von zu vermeidenden Wörtern: dazu rechnen âStraĂenwörterâ (Mist, aber Hallo, meine Fresse), Schwamm- und FĂŒllwörter, Mode- und FĂ€kalwörter (cool, in und out), sog. âUnwörterâ. GegenĂŒber der reichhaltigen ânot to do-Listeâ befindet sich auf einer âto do-Listeâ nur der Hinweis auf âdie Zauberwörterâ bitte und danke.

Abb.1: âZauberwörter nach Hanischâ (2014, 64)
Viele Etikette-Ratgeber fĂŒr die Zielgruppe von Jugendlichen enthalten allerdings keinerlei Hinweise fĂŒr den sprachlichen Umgang mit Höflichkeit. GrundsĂ€tzlich bietet solche rezeptologische Literatur vorschnelle und oberflĂ€chliche Lösungen fĂŒr ein durchaus grundlegendes Problem des gesellschaftlichen Umgangs, das mit dem kulturellen Wandel von Vorstellungen und Ausdrucksformen von Höflichkeit und Respekt bzw. Unhöflichkeit und Respektlosigkeit zusammenhĂ€ngt und fĂŒr fortwĂ€hrende intergenerationelle Friktionen und Konflikte sorgt1.
1.3 Generationelle Differenzen von (Un)Höflichkeitsvorstellungen?
Denn die Vorstellungen von Höflichkeit und gutem Ton haben sich ja nicht nur gewandelt, sie weisen vielmehr auch aufschlussreiche Ambivalenzen auf: Und zwar wird Unhöflichkeit heute â in gewissen Kontexten â besondere Prestigefunktion zugeschrieben. Dies zeigt sich etwa an dem zum Kultfilm avancierten: âFuck ju göhteâ, dessen neu-grobianistischer, cooler Umgangston im Klassenraum nicht etwa Empörung, sondern zugleich auch viel Zustimmung bis Begeisterung ausgelöst hat.
Bei aller Klischeehaftigkeit vermittelt der Film doch die Botschaft, dass sich der Lehrer Zecki gerade durch seinen völlig unprofessionellen, unhöflichen, aber eben coolen Kommunikationsstil â entgegen aller Handreichungen fĂŒr die Lehrersprache im Unterricht â den Respekt der Jugendlichen erwirbt.
Die Frage liegt nahe, ob Höflichkeit und Respekt heute fĂŒr Jugendliche noch bedeutungsvolle Kategorien darstellen und ob wir nicht von grundlegenden Bedeutungsdifferenzen von Höflichkeit und Unhöflichkeit, von Respekt und Respektlosigkeit zwischen Jugendlichen und Erwachsenen ausgehen mĂŒssen.1 Damit sind zugleich einige wesentliche Fragestellungen unseres Forschungsprojekts angesprochen.
2. Schnittstellen der Jugendsprachforschung und der Höflichkeitsforschung
Das Projekt ist an der Schnittstelle von Jugendsprachforschung und Höflichkeitsforschung angesiedelt. Dazu seien allerdings an dieser Stelle nur einige kurze Bemerkungen erlaubt. Diese möchten wir unter die drei folgenden Unterpunkte subsummieren:

Abb.2: Schnittstellen der Jugendsprach- und der Höflichkeitsforschung
2.1 Interaktionskontexte
GegenĂŒber fĂŒr allgemeingĂŒltig angesehenen strukturellen Merkmalen spielt die BerĂŒcksichtigung pragmatischer und kommunikativer Spezifika und stilistischer Mittel in unterschiedlichen Interaktionskontexten fĂŒr die linguistische Jugendsprachforschung wie Höflichkeitsforschung eine immer gröĂere Rolle. Dies zeigt sich in den aktuell gebrĂ€uchlichen Bezeichnungen jugendtypische Sprachstile einerseits (u.a. Neuland 2008) und Höflichkeitsstile andererseits (LĂŒger 2002, Ehrhardt/Neuland/Yamashita 2011).
2.2 Adressatenorientierung
Im Interaktionskontext wird der Adressatenorientierung und damit verbunden der Adressatendifferenzierung von Sprachgebrauchsweisen in beiden Forschungsbereichen eine zunehmend gröĂere Bedeutung beigemessen. Dies fĂŒhrt auch zur Unterscheidung intra- und intergenerationeller Sprechweisen (vgl. dazu Neuland 2013) und weist der Beziehungsarbeit in beiden Forschungsfeldern eine wichtige Rolle zu.
2.3 Sprachgebrauch im kulturellen Wandel
Der kulturelle Wandel manifestiert sich in VerÀnderungen von Einstellungen...
Table of contents
- Cover
- Titel
- Impressum
- Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- Kulturhistorische Dimensionen
- Aktuelle Tendenzen
- Kontrastive Analysen
- Angewandte Studien
- Autorenverzeichnis
- Sachregister
- FuĂnoten
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