Klaus Hofmanns literarisches StĂŒck handelt von einer fiktiv-utopischen Republik Kanaan, die das heutige Israel mit den PalĂ€stinensern in einem Staat vereinigt. Das StĂŒck ringt um niedrigschwellige Formen eines friedlichen Zusammenlebens und ist ebenfalls vor allem temperamentsensibel.

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Das MĂ€rchen von Kanaan
Eine literarische Utopie fĂŒr Israel und PalĂ€stina
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Klaus Hofmann
Das MĂ€rchen von Kanaan
Eine literarische Utopie fĂŒr Israel und PalĂ€stina
Das MĂ€rchen von Kanaan
Eine literarische Utopie fĂŒr Israel und PalĂ€stina
Wieder und wieder, in jeder Nachrichtensendung, ist es heute zu sehen: das Hissen der Fahne der Kanaanitischen Republik. Auf dem Bildschirm das tiefe Rot des Fahnentuchs, das den alten Namen sinnfĂ€llig macht: Kanaan, Purpurland. Ziel und Ende des langen Prozesses, der den jĂŒdischen Staat Israel durch EinbĂŒrgerung der PalĂ€stinenser zu einem »Greater Israel« zwischen Meer und Jordan aufblĂ€hte und in einer demokratischen Revolution liquidierte. FĂŒr mich ist die Zeremonie Wiederholung, ein DĂ©ja-vu aus Aris Roman, Aris Zukunftsreport. Dort, auf den ersten Seiten, ist der Flaggenwechsel aufgefĂŒhrt als Bild aus der Zukunft, einer Zukunft, an die Ari womöglich selbst nicht glaubte, die er nur als Fiktion wagte. So sollte es unter die Leute kommen. So kam es mir vor die Augen. Als Skript. Auf Englisch. The Canaanite Republic.
Wir kannten uns flĂŒchtig, aus Seminaren, aus der Mensa. Ari kam auf mich zu auf der Suche nach einem Ăbersetzer seines Buchs. Sicherlich sollte ich auch Testleser sein, dessen Reaktionen er erfahren wollte. Ich sollte der Erste eines Publikums sein, das er aus der Erstarrung einer politischen Korrektheit herausreiĂen wollte, die das Existenzrecht Israels beteuerte und darĂŒber die Unhaltbarkeit der Existenz Israels verkannte. Und dieses Publikum war fĂŒr ihn ein deutsches. In Deutschland wollte er sein Buch gelesen wissen.
Mich engagierte er. Und ich war engagiert. Gepackt. Vor den Kopf gestoĂen. Ari Almog, Israeli, Doktorand der Politikwissenschaft in Frankfurt, gibt mir sein Buch zu lesen, die Vision vom Ende des Staates Israel. Es war die Zeit, da die Errichtung eines palĂ€stinensischen Separatstaates noch das Ziel der Progressiven war. Die Zeit, da eine Roadmap unter Politikern und Journalisten herumgereicht wurde, auf welcher zwei souverĂ€ne Staaten ihre gemeinsame Grenze einzeichnen. Als ReaktionĂ€re, Extremisten, als Kriegstreiber galten die, die auf einem ungeteilten Territorium zwischen Meer und Jordan bestanden, unter israelischer Flagge nach dem Wollen der einen, unter palĂ€stinensischer Flagge nach dem Wollen der andern: Greater Israel hier, Filastin dort. Heute stellt sich heraus, die reaktionĂ€re Absicht war, ĂŒber den Horizont der ReaktionĂ€re hinaus, politische Weitsicht auf den einen Staat, der das Land nicht spaltet. Weitsicht auf das, was sich heute konstituiert: Kanaan, das Purpurland â wie es Aris Vision vorsah.
Damals kam sie mir verwegen vor. Unglaublich. War sie nicht Verrat des Juden Ari Almog, des israelischen BĂŒrgers, an dem Staat, der die Juden Nation werden lieĂ, sie als seine BĂŒrger schĂŒtzte und denen, die noch nicht BĂŒrger waren, Zuflucht versprach. So war es mir zu verstehen gegeben worden, so hatte ich es verstanden, als SchĂŒler, als Student. Israel, das historische Projekt, dessen Gelingen Heil versprach nach dem Unheil, das den Juden von uns Deutschen zugefĂŒgt worden war. Israel, in dessen Aufbau und Sicherung wir Deutsche das, was wir Wiedergutmachung nannten, einsetzen konnten. Und nun Aris Attacke auf dieses fromme Weltbild.
»WeiĂt du«, sagte er â wir saĂen ĂŒber einer Tasse Kaffee in der Rotunde des Frankfurter Campus â »weiĂt du, euer Enthusiasmus fĂŒr Israel, ihr macht euch was vor â und uns Israelis auch. Wenn der FĂŒhrer, so flĂŒstert ihr euch und uns ein, wenn der FĂŒhrer Millionen Juden umbringen lieĂ, dann muss das seinen guten Sinn und Zweck gehabt haben, und siehe da, als guter Zweck stellt sich die GrĂŒndung des Staates Israel heraus. Indem ihr dazu steht, steht ihr zu den Verbrechen, die die GrĂŒndung beförderten.«
Aris Manuskript öffnete mir die Augen fĂŒr die Ăbereinstimmung nationalsozialistischer und zionistischer Interessen und Programme in den DreiĂigerjahren. Ich ging den da aufgezeigten Spuren nach. Ich erinnerte mich an ein Döblin-Seminar wĂ€hrend meines Studiums und an ein Referat ĂŒber Döblins Engagement in der Freilandbewegung der DreiĂigerjahre, wo dieser enthusiastisch ins völkische Horn stieĂ. Die Referentin las uns damals eine bittere Polemik von Marcuse â warâs Herbert, warâs Ludwig? â vor, der vom Zeitalter der nationalistischen Idiotie sprach, der auch die Juden verfallen seien. Ari sah sich bestĂ€tigt, wollte wissen, wo dieser Marcuse nachzulesen sei. Ich lieh mir Joachim Prinzâ Buch Wir Juden aus, geschrieben 1933, veröffentlicht 1934, und fand darin den damals aktuellen Antisemitismus begrĂŒĂt als Erwecker eines neuen, selbstbewussten Judentums, fand die Judenfeindschaft geschĂ€tzt als Abweisung drohender Assimilation, als Aufruf zur »Nationwerdung des Judentums« und zum Aufbau eines »nationalen Sozialismus« in PalĂ€stina. Schon Herzl verlieĂ sich auf den Antisemitismus: »Die Volkspersönlichkeit der Juden kann, will und muss aber nicht untergehen. Sie kann nicht, weil Ă€uĂere Feinde sie zusammenhalten. [âŠ] Wir sind ein Volk â der Feind macht uns ohne unseren Willen dazu, wie das immer in der Geschichte so war. In der BedrĂ€ngnis stehen wir zusammen und da entdecken wir plötzlich unsere Kraft. Ja, wir haben die Kraft, einen Staat, und zwar einen Musterstaat zu bilden« â so las ich in Herzls Judenstaat. Unter solchem Aspekt lieĂ sich die Kollusion der Vertreibung der Juden aus Deutschland mit der zionistischen Besiedlung PalĂ€stinas gut begreifen. Die Befreiung von den Juden lieĂ sich als die Befreiung der Juden ausgeben. Die Praxis dieser Ăbereinkunft lernte ich kennen, als ich Aris Hinweis auf das Haavara-Abkommen nachging, das von 1933 bis 1942 den Transfer von Teilen jĂŒdischen Vermögens nach PalĂ€stina reg...
Table of contents
- Klaus Hofmann: Das MĂ€rchen von Kanaan. Eine literarische Utopie fĂŒr Israel und PalĂ€stina
- Anhang
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