Schulangst ist weitverbreitet und eine reale Angst, etwa vor PrĂŒfungen, vor BeschĂ€mung, Verletzung oder Bestrafung. Mobbing und Bullying sind Ausdruck dieser AtmosphĂ€re im sozialen Raum Schule. Aber auch PrĂŒfungs- und VersagensĂ€ngste plagen das moderne Kind.Ganz anders das Kind mit einer Schulphobie: Es hat Angst, die Schule zu besuchen, obwohl kein objektiver Grund dafĂŒr zu erkennen ist. Es leidet meist an Trennungsangst, die mit vielen seelischen und körperlichen Symptomen verbunden ist.Sowohl Eltern wie auch Lehrer werden in das Geschehen um SchulĂ€ngste hineingezogen. Sie mĂŒssen diese mit ihren Kindern bzw. SchĂŒlern mitverarbeiten. Das ist nicht immer einfach, und so bieten die Erfahrung und Kompetenz von Hopf in Sachen Angststörungen eine verlĂ€ssliche Grundlage, um ein komplexes psychisches Geschehen im sozialen Raum zu verstehen. Hopf gelingt es, dies auf anschauliche Weise hervorragend zu vermitteln.

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Schulangst und Schulphobie
Wege zum VerstĂ€ndnis und zur BewĂ€ltigung Hilfen fĂŒr Eltern und Lehrer
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Schulangst und Schulphobie
Wege zum VerstĂ€ndnis und zur BewĂ€ltigung Hilfen fĂŒr Eltern und Lehrer
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Information
Teil I:
Schulangst
Angst gehört zu unserem Leben!
Angst â ein Schreckenswort! Wird von Ăngsten gesprochen, so denken viele Mitmenschen sofort an schwere Leiden. Vielleicht haben manche einen Freund oder einen nahen Verwandten, der an Panikattacken leidet. Kinder von Bekannten mögen sich nicht von den Eltern trennen, andere leiden an SchulĂ€ngsten oder einer Schulphobie. Ein weiteres Kind kann sich nicht in der Höhe aufhalten, ohne Ăngste zu bekommen, jemand anderes traut sich nicht, mit dem Aufzug fahren âŠ
Dabei ist Angst zuallererst ein wichtiges Warnsignal vor echten Gefahren. Der groĂe Psychoanalytiker Horst Eberhard Richter, der viele Untersuchungen zu Ăngsten gemacht hat, meinte gar: »Angst ist eine Farbe unseres Lebens«! Wie wichtig sie ist, zeigt sich darin, dass sie auch bei allen Tieren vorkommt. Sogar Meeresschnecken, primitive Wesen, die eher Schleimhaufen gleichen, zeigen Angst. In einem stammesgeschichtlich alten Teil des Nervensystems, das der Mensch mit anderen SĂ€ugetieren gemeinsam hat, wird das Verhalten des Menschen gelenkt. Dies geschieht ĂŒber die Steuerung der Affekte fĂŒr Angriff, Verteidigung oder Flucht. Weil sie also vor Gefahren warnen, sichern Ăngste das Ăberleben und dienen unserer sozialen Anpassung. Sie folgen aber auch den Forderungen unseres Gewissens, das in der Psychoanalyse »Ăber-Ich« genannt wird. Der Angstaffekt unterstĂŒtzt unsere gesamten Sinneswahrnehmungen. Angst ist also kein krankhafter Zustand, sondern eine angeborene sinnvolle Reaktion (vgl. Hopf, 2009, S. 15f).
Angst wird von Körperempfindungen begleitet, von Ruhelosigkeit und VerĂ€nderungen des Herzschlags sowie des Blutdrucks. Die meisten Menschen empfinden Angst, wenn eigene Einstellungen, die eigene Person oder die Selbstachtung bedroht werden. Wir reagieren aber auch auf die Abwesenheit von Menschen oder Dingen, die uns Sicherheit geben oder die sogar Sicherheit fĂŒr uns bedeuten können. Vorbereitende Angst hilft uns, schwierige Situationen gut zu bewĂ€ltigen, weil wir besser vorausplanen.
Somit warnt und schĂŒtzt uns Angst vor echten Gefahren und Bedrohungen. Letztendlich unterstĂŒtzt sie unsere Wahrnehmungen. Eine solche reale Angst wird auch Furcht genannt. Sie ist auf ein bestimmtes Objekt gerichtet, wĂ€hrend »Angst« ungerichtet und diffus ist. Angst als Warnsignal kann allerdings nur funktionieren, wenn die Wirklichkeit von der Phantasie unterschieden werden kann.
Wir besitzen ein Bewusstsein, das auch »Ich« genannt wird. Es vergleicht alle Wahrnehmungen und versucht, sie zu integrieren, organisiert Lernen, Erfahrung und GedĂ€chtnis. Ein gesundes Ich kann deshalb Ă€uĂere Wahrnehmungen von inneren Phantasien trennen, wobei sich allerdings bei jedem Menschen zu bestimmten Zeiten die beiden vermischen können: Reale Ăngste können sich mit phantasierten, also »neurotischen« Ăngsten verschrĂ€nken. Bei bestimmten Entwicklungsstörungen können echte Gefahren als gröĂer oder irrealer, als sie es sind, wahrgenommen werden. Sie können aber auch kleiner erscheinen, gering geschĂ€tzt und sogar völlig ausgeblendet werden. Dann wird reale Angst verleugnet.
Wir können schon jetzt festhalten: Angst ist lebenswichtig. Ăngste können Kindern darum nicht erspart werden, sie steuern einen Teil der Entwicklung. Zu viel Angst und zu wenig Angst â beides ist störend.
SchulĂ€ngste sind reale Ăngste
Angststörungen sind die am hĂ€ufigsten vorkommenden seelischen Störungen bei Kindern und Jugendlichen. Mit »Angststörungen« werden ausschlieĂlich Störungsbilder bezeichnet, die deutliche Angst als Hauptsymptom zeigen und wo Angst das Erleben eines Kindes oder Jugendlichen bestimmt. Misslungene Angstverarbeitungen und unbewusste Ăngste sind bei jeder psychischen Störung vorhanden.
Bei Schulangst wird die Angst durch eine bedrohliche Situation in der Schule ausgelöst. Sie ist eine ganz reale Angst, etwa vor Strafe, BeschĂ€mung oder Verletzung; im Gegensatz zur Schulphobie, in der TrennungsĂ€ngste durch eine Verschiebung auf die Schule zu bewĂ€ltigen versucht werden (siehe das Kapitel zu Schulphobie). Doch so eindeutig ist das meist nicht: Immer muss auch bei den realen Ăngsten auf Ăberschneidungen mit innerseelischen Konflikten eines Kindes geachtet werden.
Bei Schulangst sollte nach realen GrĂŒnden gesucht werden, die verĂ€ndert, zumindest abgeschwĂ€cht werden mĂŒssen. Welche Ursachen können das sein? Hier ein erster Ăberblick!
Ist die Beziehung zwischen dem Kind und einem Lehrer gestört? FĂŒhlt es sich von ihm gedemĂŒtigt oder missachtet? Sind diese BefĂŒrchtungen real?
Gab es Streitereien mit MitschĂŒlern?
Wird das Kind gemobbt?
Existieren SchwÀchen, die das Lernen erschweren?
Besitzt das Kind keine ausreichende Motivation, keine Ausdauer, ist es vielleicht sogar intellektuell ĂŒberfordert?
Die Schule muss fĂŒr das Kind wieder akzeptabel werden, es muss bald wieder Erfolg erleben. Der geeignete Weg dahin muss gefunden werden, eventuell auch ĂŒber eine Therapie.
Wenn Eltern von Problemen ihres Kindes erfahren, sollten sie rasch das GesprĂ€ch mit den Lehrern suchen â nicht erst, wenn das Kind die Schule verweigert oder vom Wiederholen einer Klasse bedroht ist.
SchlĂ€ge und Misshandlungen â
Blick in die Vergangenheit
SchulĂ€ngste haben eine lange traurige Geschichte, denn immer gab es in der Vergangenheit auch grausame Lehrer, die Kinder misshandelten und das auch oft ungestraft tun durften. Im Archiv einer dörflichen Gemeinde fand ich beispielsweise die Aussagen eines Arztes, der die blutunterlaufenen HĂ€nde von Kindern behandeln musste, die von ihren Lehrern mit StockschlĂ€gen schwer maltrĂ€tiert worden waren. Oft sei es bei Erkrankungen von Kindern vorgekommen, dass sie von der Schule und von SchlĂ€gen phantasiert hĂ€tten. Ein Kind musste der Arzt sogar wegen einer »NervenĂŒberreizung in Folge von bestĂ€ndiger Angst vor strenger Behandlung« vom Schulbesuch befreien, ein anderes litt an »Veitstanz«, offensichtlich an epilepsieĂ€hnlichen ZustĂ€nden. Die Diagnosen des Arztes waren, da er die Ursache vieler Erkrankungen in der Schulangst der Kinder sah, erstaunlich fortschrittlich und von groĂem EinfĂŒhlungsvermögen getragen. Es ĂŒberrascht auch, dass der damalige BĂŒrgermeister Anzeige gegen diesen sadistischen Lehrer erstattete, als er davon erfahren hatte, denn PrĂŒgeln war damals in allen Familien ein alltĂ€gliches Erziehungsmittel.
Noch lange Zeit wurden Erkenntnisse groĂer PĂ€dagogen wie etwa Rousseau oder Pestalozzi nicht im Schulalltag umgesetzt. Die Vorstellung vom Kind als einem eigenstĂ€ndigen Wesen, eine von EinfĂŒhlung in das kindliche Wesen getragene Erziehung, waren noch lange nicht Leitbilder des Lehrers, und der autoritĂ€re Erziehungsstil mit körperlichen ZĂŒchtigungen existierte bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Noch meine Generation der Kriegskinder wurde wĂ€hrend der Adenauer-Nachkriegszeit von vielen traumatisierten Kriegsteilnehmern unterrichtet und oft misshandelt. Ich begegnete unter anderem einem malariakranken Volksschullehrer, einem traumatisierten Russlandheimkehrer, der seine Traumata mit Alkohol betĂ€ubte, und vielen schwadronierenden Altnazis. Gemeinsam war ihnen allen, vom Pfarrer bis zum Oberstudienrat, dass sie auch kleine Spannungen nicht aushalten konnten und sich schon bei geringsten Störungen mit grausamen SchlĂ€gen rĂ€chten. Meine Klassenkameraden und ich wurden gnadenlos von ihnen geprĂŒgelt und geschlagen, mit Stöcken und anderen Utensilien, mit der flachen Hand, mit FĂ€usten, mit SchlĂ€gen auf den Kopf â noch bis kurz vor dem Abitur. Niemand wagte es, sich zu wehren. Irgendwann habe ich festgestellt, dass nicht nur aus dem Affekt heraus gedemĂŒtigt und geschlagen wurde, sondern ganz gezielt eine bestimmte Gruppe ins Visier genommen wurde, von der keine Gegenwehr zu erwarten war: Die brutalste Gewalt erfuhren jene Kinder, deren Eltern arm waren und die sich darum nicht trauten, gegen die geballte gymnasiale AutoritĂ€t anzutreten (vgl. Hopf, 2014).
Straf- und PrĂŒgelpĂ€dagogik gehörte bis in die 1970er Jahre zum pĂ€dagogischen Alltag. Dazu gehörte die Vorstellung, dass das Kind »geschlagen, geprĂŒgelt, mit einer als notwendig erachteten HĂ€rte und strategischer GefĂŒhlskĂ€lte erzogen werden mĂŒsse, um es gesellschaftlich zu »zĂ€hmen« und zu einem wertvollen, nĂŒtzlichen, angepassten Mitglied der Gesellschaft zu machen« (Hafeneger, 2013, S. 21). Körperliche Gewalt war selbstverstĂ€ndlich und wurde als ein unvermeidliches Erziehungsmittel betrachtet. Ich habe Lehrer kennengelernt, die bis in die 1980er-Jahre Kinder mit SchlĂ€gen zu disziplinieren suchten, angeblich, weil es in manchen FĂ€llen eben nicht anders ginge. Was mich auĂerdem ĂŒberraschte, war, dass sie von den Eltern nur wenig Kritik erfuhren. Am heuchlerischsten waren jene, die dieses Vorgehen mit Bibelversen begrĂŒndeten und Kinder grausam mit dem Stock auf das GesÀà schlugen. Ein Satz des Salomon (13, 24), etwa 3000 Jahre alt, war das Leitmotiv: »Wer seine Rute schont, hasst seinen Sohn, doch wer ihn liebhat, nimmt ihn frĂŒh in Zucht«. Diese biblisch fundierte PrĂŒgelpĂ€dagogik berief sich noch auf Ă€hnliche SĂ€tze, die von »frommen« Lehrern und Pfarrern gerne zitiert wurden â von der Bergpredigt des Neuen Testaments haben sie leider weniger umgesetzt.
1995 habe ich in dem Dorf, in dem ich wohne, auf Wunsch einen Vortrag ĂŒber Strafen mit einem kleinen RĂŒckblick in die Vergangenheit gehalten. Ich forderte in meinem Referat, dass Kinder niemals geschlagen werden sollten. Eine Erziehung mĂŒsse durchgĂ€ngig von Liebe getragen sein, in Kindergarten und Schule sowie in der Familie. Ich bekam von einem Hörer einen langen, sehr aggressiven Brief. Darin wurde mir vorgeworfen, dass ich mit meiner Ablehnung der PrĂŒgelstrafe die Zuhörer zur SĂŒnde verfĂŒhrt hĂ€tte. Und dann fĂŒhrte er eines jener unsĂ€glichen Zitate an, die verkĂŒnden, dass man sein Kind erst liebe, wenn man es zĂŒchtige. Ich betonte in meiner Antwort nochmals, dass Schlagen Gewalt sei und niemand berechtigt sei, irgendwen zu schlagen, Kinder zu allerletzt. Ich schrieb zudem, dass ich von Liebe eine andere Vorstellung habe und eine Religion ohne Liebe nur trostlos und schrecklich fĂ€nde. Solcherart dogmatisches PrĂŒgeln und Misshandeln von Kindern bleibt eine unendliche Geschichte. 2013 wurde Mitgliedern einer Sekte in Bayern das Sorgerecht fĂŒr die ihnen anvertrauten Kinder entzogen. Sie hatten bereits DreijĂ€hrige mit RutenschlĂ€gen auf die Hand und den nackten Po gezĂŒchtigt. Das ZĂŒchtigen war ein alltĂ€gliches »gottgewolltes« Erziehungsmittel, um das Böse, also den Teufel, aus den Kindern zu treiben (SZ, Nr. 209, 10.09.2013, S. 30). Zum GlĂŒck bleiben solche AuswĂŒchse heutzutage eher EinzelfĂ€lle, und sie werden vor allem gebrandmarkt und geahndet.
Ein Kind ist nicht Besitz seiner Eltern. Es ist ein autonomes Wesen und jedes Kind gibt es in seiner Besonderheit nur einmal.
Eltern und Lehrer mĂŒssen auf die BedĂŒrfnisse von Kindern eingehen. Eltern sollten aber auch die BedĂŒrfnisse der Lehrer sehen und ihnen nicht einfach Schuld zuweisen, umgekehrt gilt Dasselbe. Ideal ist ein stĂ€ndiger, vertrauensvoller Kontakt.
Der Anteil der Menschen, die in ihrer Kindheit völlig gewaltfrei erzogen wurden, ist zwischen 1992 und 2011 von 26 auf 52 Prozent angestiegen. Bei den 16- bis 20-JĂ€hrigen sind es bereits 63 Prozent. Dies hat auch zur Missbilligung von Gewalt insgesamt gefĂŒhrt und möglicherweise hat auch der RĂŒckgang der JugendkriminalitĂ€t damit zu tun (Pfeiffer, C., in: SZ, 14.09.2013, S. 2).
Körperliche Gewalt kann auch aus Hilf- und Machtlosigkeit heraus entstehen. Wir sollten immer daran denken, dass die Belastungen in pĂ€dagogischen Beziehungen gegenseitig sind. Lehrer fĂŒhlen sich von schwierigen, störenden und verhaltensauffĂ€lligen SchĂŒlern oft stark belastet (Hafeneger, 2013, S. 83). Als ehemaliger Lehrer, Heimleiter und Supervisor kann ich das nur bestĂ€tigen: Sowohl in der Familie als auch in der Schule, vor allem jedoch im Heim, können Bezugspersonen allemal mit AggressionsdurchbrĂŒchen von Kindern und Jugendlichen konfrontiert werden. Das GefĂŒhl von Hilflosigkeit, wenn sie die kindlichen Aggressionen nicht verbieten oder stoppen können, kann auch fĂŒr erfahrene Erzieher oder Lehrer gelegentlich höchst beĂ€ngstigend sein. Die Wut des Kindes oder Jugendlichen kann dann so infizieren, dass auch der Erwachsene von eigenen GefĂŒhlen aus den Tiefen seines Unbewussten ĂŒberschwemmt wird. Der Schulalltag ist fĂŒr Lehrer voller Stressmomente, die nicht immer gleich zu erkennen sind. Oft sind es die ganz unscheinbaren Situationen, die aber hochbrisant sein können. Nur ein kleines Beispiel: Ein Lehrer hat ein Gedicht vorbereitet, das er selbst sehr liebt, das lebensgeschichtlich von groĂer Bedeutung fĂŒr ihn ist. Oder es ist Musik, die ihn selbst bewegt, sogar aufwĂŒhlen kann. Er hat sich lange ĂŒberlegt, wie er die Unterrichtsstunde didaktisch bestmöglich gestaltet. Am Höhepunkt des Ganzen zerstört ein SchĂŒler die Stimmung mit einem groben Witz, einer Albernheit oder mit einer Entwertung â die Stimmung, von der diese Interpretation lebte, ist zerstört. Es ist wohl nicht zu verhindern, dass der Lehrer darĂŒber extrem enttĂ€uscht ist und in Wut geraten kann. Ich muss gestehen, dass das jene Momente in meinem Lehrerleben waren, unter denen ich selbst am meisten gelitten habe. Aber auch das muss ein Lehrer aushalten, ohne sich rĂ€chen zu dĂŒrfen.
An dieser Stelle meiner erhabenen Ideale muss ich jedoch einhaken. Als ich selbst Lehrer war, habe ich meine hohen Ziele leider immer wieder verraten. In meinem Vorwort habe ich es bereits angedeutet: Immer wieder bin ich gereizt oder sogar wĂŒtend und laut geworden. Ich war gelegentlich ungerecht und â zwar selten, aber dennoch â auch verletzend. Ich fĂŒrchte, dass fast alle Lehrer gelegentlich von Stimmungen ĂŒberflutet werden, aber das entschuldigt nichts. Fast immer folgten groĂe SchuldgefĂŒhle darĂŒber, dass ich mich wieder einmal hatte hinreiĂen lassen â manche habe ich noch heute.
NatĂŒrlich werden â im Gegenzug â auch Lehrer gemobbt und beschĂ€mt, wie Umfragen bestĂ€tigt haben. Auch sie werden in der Schule geĂ€rgert, beleidigt und bedroht. Sie werden von SchĂŒlern schikaniert, aber auch von Vorgesetzten, Kollegen und vor allem von Eltern unter Druck gesetzt (Hafeneger, 2013, S. 102). Es kann deshalb jederzeit zur Eskalation kommen. Doch auch in solchen Situationen darf sich ein Lehrer niemals zu rĂ€chen versuchen.
Aber es gibt auch hier grenzwertige Situationen. So hat mir eine sehr fĂ€hige und einfĂŒhlsame Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin, die als Lehrerin in einer Hauptschulklasse unterrichtete, die folgende Szene anvertraut. Sie stand an der Tafel, mit dem RĂŒcken zur Klasse, und erklĂ€rte ein schwieriges Problem aus der Algebra. Ein 15-jĂ€hriger Jugendlicher schlich sich von hinten heran und hob ihren Rock hoch, so dass sie in UnterwĂ€sche dastand. Alle lachten. Die Scham der Lehrerin, aber auch ihre Verletzung und ihre Wut waren so groĂ, dass sie sich spontan umdrehte und dem ĂbeltĂ€ter eine gewaltige Ohrfeige gab. Das GelĂ€chter der Klasse wurde noch lauter, und der TĂ€ter schlich beschĂ€mt und mit rotem Kopf an seinen Platz zurĂŒck. Das Erschrecken der Lehrerin war groĂ; hatte sie doch einen SchĂŒler geschlagen, und damit sich selbst zur TĂ€terin gemacht. Jetzt war sie den Eltern und dem SchĂŒler ausgeliefert.
Aber war das eine PrĂŒgel»strafe«? Ich gehe davon aus, dass die Lehrerin zwar agiert, aber dennoch richtig gehandelt hat. Sie hat die pĂ€dagogische Situation, die MachtverhĂ€ltnisse sowie ihre IntegritĂ€t als Frau wiederhergestellt. Wenn sie es anders gekonnt hĂ€tte, wĂ€re das möglicherweise fĂŒr sie selbst einfacher gewesen, denn sie fĂŒhlte sich nach dem Vorfall sehr schuldig. Von einem Mann wĂŒrde ich erwarten, dass er auch in einer solchen Situation nicht mit Schlagen reagiert. Diese Frau war von dem SchĂŒler auch sexuell attackiert worden, ihr Backenschlag war Notwehr.
Strafen, BeschĂ€mungen und BloĂstellungen
Die PrĂŒgelstrafe ist abgeschafft und es ist zu hoffen fĂŒr alle Zeiten, denn sie ist ein Verbrechen am Kind. Jetzt folgten anstrengende Zeiten des Umbruchs. Denn viele Menschen standen â und stehen heute immer wieder â vor der Schwierigkeit, Kinder gewaltfrei zu erziehen. Der Weg zu einer Erziehung, deren Grundlagen Liebe und Dankbarkeit sind, ist nicht leicht. Erziehung ĂŒber Vorbildwirkung, Bewusstmachung und Einsicht? Das setzte von den Eltern und Lehrern mit einem Mal viel voraus und vor allem ganz anderes als bisher.
Es bedarf Empathie, um zu erspĂŒren, was in einem Kind vorgeht, und sinnvolle, wirksame Strafen setzen KreativitĂ€t und Phantasie voraus. Dies ist zweifellos anstrengender als autoritĂ€re Erziehung mit regelhaften Sanktionen. Diese neuen Forderungen zogen viele Zweifel, oft Hilflosigkeit nach sich. Zunehmend fehlten strukturierende, grenzsetzende VĂ€ter, mit denen sich Jungen auseinandersetzen und mit denen sie sich identifizieren konnten. Und im Kindergarten sowie in der Grundschule begegneten Jungen immer seltener MĂ€nnern; diese hatten sich aus den pĂ€dagogischen Bereichen weitgehend zurĂŒckgezogen.
VĂ€terliches Gesetz schwand immer mehr. Die bei manchen Kindern schon immer existierende Bewegungsunruhe war einst von einer Klammer eingegrenzt worden, die »auctoritas« oder auf Deutsch »AutoritĂ€t« heiĂt und »Ansehen« bedeutet. Der Wegfall ihrer begrenzenden und haltenden Wirkung hatte zur Folge, dass die Unruhe mehr und mehr zu ĂŒberborden begann. Der gesellschaftliche Rahmen hatte begonnen zu bröckeln.
Es war zu beobachten, dass viele Eltern die Dinge einfach laufen lieĂen. Sie fingen an, ihre Kinder zu verwöhnen, laissez-faire wurde zur Regel, Wohlstandsverwahrlosungen waren die Folge. Viele Kinder wurden immer unruhiger, unkonzentrierter. Mit der Abschaffung einer autoritĂ€ren Erziehung und der Ăchtung der PrĂŒgelstrafe wurden Kinder immer hĂ€ufiger mit Medikation ruhig gestellt und ihre Unruhe wurde quasi »weggedrĂŒckt«. PĂ€dagogische Probleme waren zu medizinischen geworden, die nicht mehr in Frage gestellt werden durften. Die ehemals klar abgegrenzte Störung ADHS wurde auf alle sozialen Störungen ausgedehnt. Nach psychodynamischen Ursachen durfte von jetzt an nicht mehr gefragt werden. Nach psychodynamischen Ursachen durfte von jetzt an nicht mehr gefragt werden, PĂ€dagogen konnten diese Problembereiche mit Fug...
Table of contents
- Cover
- Titel
- Impressum
- Inhalt
- Vorwort
- Teil I: Schulangst
- Teil II: Trennungsangst
- Teil III: Schulphobie
- Teil IV: Eltern suchen Hilfen fĂŒr ihr Kind â Verhaltenstherapie oder psychodynamische Verfahren?
- Gedanken zum Schluss
- Literatur
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