Mit »Meine seemĂ€nnischen Fehler« (Hinstorff 2012), einem launigen Bericht ĂŒber alles, was in Beruf und Segelsport misslingen kann, traf der frĂŒhere »FernsehkapitĂ€n« Gerd Peters beim Publikum voll ins Schwarze. Allerdings wurde ihm bei Lesungen, in Briefen und E-Mails immer wieder die Frage gestellt, wie seine Laufbahn bei der Deutschen Seereederei Rostock angesichts einer scheinbaren FĂŒlle von Pleiten, Pech und Pannen ĂŒberhaupt Erfolg haben konnte. Mit »Ich wollte zur See« beantwortet Peters diese Frage nach seinem Weg vom Schiffbauerlehrling zum KapitĂ€n zweier 10000-Tonnen-Frachter und eines Passagierschiffes: »Es gab immer WiderstĂ€nde zu ĂŒberwinden. Das ist der Lauf der Dinge und ich beklage mich darĂŒber nicht. Ich stelle nur fest, dass mir nichts geschenkt wurde.« Ein fesselnder Bericht ĂŒber eine besondere maritime Karriere, auf ehrliche Weise verankert im zeitgenössischen Hintergrund.

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Ich wollte zur See
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Information
In der 1. Flottille, Standort PeenemĂŒnde
Im Verlaufe jener Tage erhielten Helmut Theodor und ich die Anweisung, uns nach Urlaubsende in der 1. Flottille einzufinden. Wir freuten uns und machten uns frohgemut auf den Weg. Im Stab der Flottille erfuhren wir, dass nicht mehr die Kaderabteilung fĂŒr uns zustĂ€ndig sei, sondern die Abteilung NachweisfĂŒhrung. Der feine Unterschied bestand darin, dass die Kaderabteilung sich nur mit den Personalakten der Offiziere zu befassen hatte. Wir waren als ManöverrudergĂ€nger an Bord von Minenleg- und -rĂ€umschiffen vorgesehen, die aber fĂŒr lĂ€ngere Reparaturarbeiten in der Peenewerft Wolgast lagen.
So wurden wir kurzerhand der Personalreserve zugeteilt. In einem lĂ€ngeren, einstöckigen GebĂ€ude bezogen wir Kojen in einem Sechs-Mann-Zimmer. In diesem Block wohnte eine Anzahl von Besatzungsmitgliedern, mit denen man nicht recht etwas anzufangen wusste. Das technische Personal war an Bord in der Werft mit Reparaturen bzw. deren Aufsicht beschĂ€ftigt, die Funker waren zu einem Lehrgang, die Offiziere wohnten in einem anderen Block. Die Mannschaften unserer âM-Blöckeâ wurden lediglich zu Reinschiff-Aufgaben eingesetzt, zu Verschönerungsarbeiten in der Dienststelle, zum Reinigen der StraĂe und zu Malerarbeiten oder zu Hilfsdienstleistungen in WerkstĂ€tten oder Lagern bzw. zum Wachdienst. Die Maate fĂŒhrten dabei Aufsicht, fĂŒr die Meister und Obermeister gab es kaum etwas zu tun. Es war alles eine mehr oder weniger gut organisierte Gammelei.
Helmut und ich hatten MĂŒhe, uns daran zu gewöhnen. Wir baten um einen Dienstreiseauftrag nach Rostock, um uns ganz offiziell bei der Deutschen Seereederei ĂŒber Entwicklungsmöglichkeiten nach Ablauf unserer Verpflichtungszeit zu erkundigen. Das wurde sofort genehmigt und so fuhren wir eines Morgens mit dem Zug ĂŒber Zinnowitz, Wolgast-Hafen, ZĂŒssow, Stralsund nach Rostock. Durch das viele Umsteigen waren wir erst am spĂ€ten Vormittag am Ziel. In der Kaderabteilung der DSR empfing man uns freundlich und eine Sachbearbeiterin gab uns alle gewĂŒnschten AuskĂŒnfte. Wir erfuhren, dass es zwischen dem Ministerium fĂŒr Verkehrswesen und dem Kommando der SeestreitkrĂ€fte eine Vereinbarung gab, nach der Absolventen der Offiziersschule nach ihrer Dienstzeit und entsprechender Bordpraxis Anspruch darauf hatten, das Patent A 2, nautischer Offizier auf kleiner Fahrt oder auch das Patent A 3, KapitĂ€n auf kleiner Fahrt mit dem Zusatz T zu erhalten. T bedeutete: gĂŒltig nur fĂŒr den Einsatz an Bord von technischen Fahrzeugen. Alles, was mit Ladung zu tun hatte, mĂŒsste gegebenenfalls in einem Sondersemester an der Seefahrtsschule Wustrow nachgeholt werden, um das Patent A 5, nautischer Offizier in der groĂen Fahrt, und nach erfolgreicher Fahrtzeit das KapitĂ€nspatent zu erhalten.
Unsere Fahrtzeit wĂ€hrend der Flottenpraktika und unser jetziger Dienst auf Minenleg- und -rĂ€umschiffen wĂŒrden als Matrosendienst bzw. RudergĂ€ngerdienst anerkannt werden. Sofern wir den Dienst in den SeestreitkrĂ€ften in Ehren beenden wĂŒrden und dann immer noch die entsprechende Seetauglichkeit bzw. die Tropendiensttauglichkeit besĂ€Ăen, wĂŒrde uns die Reederei gern einstellen. Es gĂ€be zentrale BeschlĂŒsse, die einen weiteren Aufbau der DDR-Handelsflotte vorsehen, Bedarf an gut ausgebildeten Seeleuten wĂ€re also auf lange Sicht gegeben.
Wir bedankten uns fĂŒr die grĂŒndlichen AuskĂŒnfte, erhielten zwei Fragebogen fĂŒr die spĂ€tere Bewerbung und trieben uns noch zwei Stunden in Rostock herum. Dann traten wir den RĂŒckweg an und waren guter Dinge. Wir beschlossen, nach Beendigung unserer Dienstzeit in die Handelsschifffahrt zu wechseln. Etwa eine Woche spĂ€ter erhielt ich einen Brief von meiner Mutter. Sie schrieb mir, Tante Hilde hĂ€tte wieder mal einen ihrer berĂŒchtigten Briefe an eine staatliche Dienststelle geschrieben. Dabei ging es um Folgendes: Meine Tante Hilde Kumbier war mit dem damaligen Leiter der Hauptabteilung Valuta und Devisen im Finanzministerium der DDR verheiratet. Beide hatten sich in den 20er-Jahren in der damaligen Wandervogel-Bewegung kennengelernt und waren Mitglieder der Kommunistischen Partei Deutschlands. Onkel Wilhelm arbeitete als Dreher bei den Borsig-Werken in Berlin. Tante Hilde war Hausfrau und betreute ihre zwei kleinen Töchter. Nach 1933 blieben beide Mitglieder der nunmehr illegalen KPD und gaben auf der Flucht befindlichen Parteigenossen gelegentlich Unterschlupf in ihrer Wohnung in Berlin-Wittenau. Onkel Wilhelm wurde mehrmals von der Polizei deswegen vernommen, man konnte ihm nichts beweisen, aber er wurde verwarnt und mit KZ bedroht. Nach Kriegsende schickte ihn 1946 die SED zum Studium der Finanzwirtschaft an die Humboldt-UniversitĂ€t Berlin. Das Studium fiel ihm mit seiner achtklassigen Volksschulbildung sehr schwer. Aber er betrachtete das als Parteiauftrag. Tante Hilde hielt ihm den RĂŒcken frei, erzog die Kinder und sorgte durch sparsames Wirtschaften dafĂŒr, dass die Familie mit dem bescheidenen Stipendium auskam. Als meine Mutter ihrer jĂŒngeren Schwester von meiner gescheiterten Laufbahn als Seeoffizier und den nĂ€heren UmstĂ€nden der SportprĂŒfung erzĂ€hlte, war Tante Hilde, die sich ihre Ideale vom Wirken der Partei bewahrt hatte, auĂerordentlich empört. âAlso, Elli, das ist ja wohl unerhört. So kann man doch nicht mit jungen Menschen umgehen. Die Ausbildung von Gerd hat einen Haufen Geld gekostet und ist ja nicht ohne Erfolg geblieben. Wegen irgendwelcher albernen TurnĂŒbungen kann man doch einem jungen Menschen die Zukunft nicht versauen!â Sie meinte, sie wĂŒrde mit Onkel Wilhelm sprechen und einen entsprechenden Ă€rgerlichen Brief an die SeestreitkrĂ€fte schreiben. Das wollte nun wieder meine Mutter nicht. Sie war zwar derselben Meinung, konnte sich aber ausrechnen, dass dies fĂŒr mich nicht positiv ausgehen wĂŒrde.
Doch Tante Hilde war beratungsresistent. Sie hatte schon oft an das Zentralkomitee der Partei, an den OberbĂŒrgermeister von GroĂ-Berlin oder irgendeinen Minister geschrieben, wenn sie mit einem wahren oder scheinbaren Missstand in der Entwicklung der DDR nicht einverstanden war. Mehrere Briefe von ihr waren schon an die Sendeleitung von Radio DDR und den Deutschlandsender gegangen, weil nicht genĂŒgend Volksmusik gesendet worden wĂ€re, sondern immer nur Trallala-Musik, womit sie Schlager meinte. TatsĂ€chlich setzte sie sich hin und schrieb einen Beschwerdebrief an den Chef der SeestreitkrĂ€fte. Der landete zustĂ€ndigkeitshalber beim Chef des Stabes, Konteradmiral Heinz Neukirchen, in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der PrĂŒfungskommission an der Offiziersschule. Sie erhielt auch sehr bald eine kurze, aber sachliche Antwort, sinngemÀà mit dem Inhalt, dass ich âeine vierjĂ€hrige progressive Ausbildung nicht genĂŒgend genutzt hĂ€tte und daher nur zum Obermeister ernannt worden seiâ. In einem Brief an mich wurde mir mitgeteilt, dass der Chef des Stabes bereit sei, meine Entlassung aus dem Dienst zu genehmigen, wenn ich unter diesen UmstĂ€nden dazu nicht lĂ€nger bereit wĂ€re. Das war nun ein krĂ€ftiger Schlag ins Kontor, ĂŒberhaupt nicht das, was ich erreichen wollte und wozu ich mich entschlossen hatte. Aber das war typisch Tante Hilde. Handeln auf eigene Faust und ohne RĂŒcksicht auf Verluste. Ich wartete nun etwas nervös, dass ich zur Abteilung NachweisfĂŒhrung zitiert werden wĂŒrde in dieser Angelegenheit. Aber es geschah nichts. Eines Tages wurde ich plötzlich nach Rostock bestellt zu einem GesprĂ€ch in der Partei-Kontrollkommission der SeestreitkrĂ€fte. Als ich diesen Termin pĂŒnktlich einhielt und mich beim Kommando der SeestreitkrĂ€fte meldete, empfing mich nach kurzer Wartezeit ein weiĂhaariger, sehr schlanker KapitĂ€n zur See, offensichtlich Ă€lteren Jahrgangs. Er lieĂ mich Platz nehmen, wusste offensichtlich von meinem Fall, lieĂ sich von mir kurz noch einmal den Ablauf der Dinge schildern und es entwickelte sich â da er offenbar Zeit hatte â ein lĂ€ngeres GesprĂ€ch.
Er erzĂ€hlte, dass er schon vor 1933 im Auftrage der KPD Mitglied der SA geworden sei. Es gelang ihm, seine politische Auffassung zu tarnen und so konnte er nach 1933 seinen Genossen wichtige Informationen ĂŒber geplante Aktionen und Verhaftungen geben. Das ging ziemlich lange gut. Aber irgendwann brach ein verhaftetes Mitglied der KPD nach unbarmherzigen Folterungen zusammen und gab seinen Namen preis. Er wurde abgeholt und fĂŒrchterlichen Verhören ausgesetzt, schwer misshandelt, um Aussagen zu erpressen. Er hielt durch, erlitt aber innere Verletzungen und trug zerschlagene Rippen davon. Im Konzentrationslager war er Ă€rztlich nicht sachgerecht behandelt worden, so dass er ein ledernes StĂŒtzkorsett tragen musste. Ein kleines StĂŒck zeigte er mir, indem er zwei Knöpfe seines Oberhemdes öffnete. Im Verlaufe unserer Unterhaltung, in der wir auch ĂŒber Helmut Theodor sprachen, Ă€uĂerte er sinngemĂ€Ă: âIn den SeestreitkrĂ€ften herrscht das Prinzip der Einzelleitung. Infolgedessen ist sowohl die Entscheidung des Vorsitzenden der PrĂŒfungskommission als auch die des Chefs des Stabes, Konteradmiral Neukirchen, nicht mehr zu Ă€ndern. Aber ich werde mir etwas einfallen lassen, es gibt eine andere Möglichkeit: die BewĂ€hrung in der Praxis der Flotte. Ich prĂŒfe den Fall und kann heute noch nicht mehr sagen, aber ihr werdet von mir hören!â Er gab mir die Hand und ich war entlassen.

Konteradmiral Heinz Neukirchen als Chef des Stabes der DDR-SeestreitkrÀfte
Nachdenklich fuhr ich nach PeenemĂŒnde zurĂŒck. Eine ganze Weile geschah nichts. Etwa Mitte Februar 1959 erfuhren Helmut und ich, dass wir als ManöverrudergĂ€nger unserer Minenleg- und -rĂ€umschiffe abgelöst und mit sofortiger Wirkung als Offizierdiensttuer eingesetzt waren. Wir wurden der RĂ€umbootsabteilung der 1. Flottille zugewiesen, um als Kommandant eingesetzt zu werden. Bei der Gelegenheit erfuhren wir, dass die sechs Boote der dritten RĂ€umgruppe von einem Unterleutnant zur See und fĂŒnf Obermeistern gefĂŒhrt werden mĂŒssen, da in der Flotte ein groĂer Offiziersmangel besteht. Gefragt, ob wir dazu bereit sind, erklĂ€rten wir sofort unser EinverstĂ€ndnis. Auf dem Weg von der Kaderabteilung in die Unterkunft der Personalreserve konnten wir uns ein Feixen nicht verkneifen. FĂŒr die Ernennung zum Unterleutnant waren wir den SeestreitkrĂ€ften nicht gut genug. Aber durch den selbst verursachten Offiziersmangel wurden wir jetzt beide Kommandant eines Kriegsschiffes 4. Klasse und hatten damit eine Dienststellung, fĂŒr die eine Planstelle als Oberleutnant zur See vorgesehen war. Am Abend warfen wir uns in die Ausgehuniform und gingen in PeenemĂŒnde in die HO-GaststĂ€tte Zwiebel. Mit einer Flasche Sekt RotkĂ€ppchen halbtrocken feierten wir die ĂŒberraschende Wende in unserer Laufbahn.
Als Kommandant eines MinenrÀumbootes
In den SeestreitkrĂ€ften unterschied man zwischen Hilfs- und Kampfschiffen. Zu Ersteren zĂ€hlten z.B. Reede-, See- und Bergungsschlepper, Wohnschiffe, Torpedofangboote, Flottenversorger und Flottentanker. Als Kampfschiffe galten alle zum Gefechtseinsatz befĂ€higten Einheiten. Das reichte von Hafenschutzbooten und Reedeschutzbooten ĂŒber Minensuch- und -rĂ€umeinheiten bis hin zu KĂŒstenschutzbooten. Kampfschiffe, die neu in Dienst gestellt wurden oder eine auf diesem Fahrzeug noch nicht eingefahrene Besatzung erhalten hatten, galten als Kampfreserve. Erst wenn sie eine Einzelboots- und Abteilungsausbildung sowie eine VerbandsausfĂŒhrung samt SchieĂ- und anderen GefechtsĂŒbungen absolviert hatten, wurden sie dem Kommando des Warschauer Vertrages als verfĂŒgbare Kampfkerneinheiten gemeldet.
Der Offiziersmangel hatte in PeenemĂŒnde dazu gefĂŒhrt, dass auch ein Kampfkernboot, nĂ€mlich das MinenrĂ€umboot Nr. 411, im Februar 1959 keinen Kommandanten hatte. So entschloss sich der Abteilungschef, KapitĂ€nleutnant Karl Bleyl, mich als Kommandanten einzusetzen. Die Kampfkerngruppe, also die erste Gruppe der Abteilung, lag in SaĂnitz, um ungeachtet eventueller Eisbildung auf dem Greifswalder Bodden operieren zu können. Ich fuhr also nach SaĂnitz, meldete mich beim Gruppenchef, einem Leutnant, wurde von ihm kurz eingewiesen, ging an Bord, stellte mich der Besatzung vor und ĂŒbernahm das Kommando.
Die RĂ€umboote gehörten zum Projekt 8 der Schwalbe-Klasse. Es handelte sich um KĂŒstenminensucher, eingerichtet zum MinenrĂ€umen und -legen im unmittelbaren KĂŒstenvorfeld auf Ansteuerung und Reeden. Die SeestreitkrĂ€fte besaĂen 48 Einheiten dieses Typs, die zwischen 1953 und 1958 auf der Schiffswerft Brandenburg und der Yachtwerft Berlin gebaut worden waren. Sie verdrĂ€ngten 83 to, waren 28,7 m lang und 4,45 m breit. Durch einen Tiefgang von nur 1,13 m waren sie besonders zum Einsatz in flachen GewĂ€ssern der gesamten westlichen Ostsee geeignet. Zwei Dieselmotoren von insgesamt 570 kW gaben den Booten eine Höchstgeschwindigkeit von 12,5 kn. Sie waren mit zwei Propellern ausgerĂŒstet, sogenannten Schleppschrauben, damit sie verschiedenartige MinenrĂ€umgerĂ€te ausbringen und durchs Wasser schleppen konnten. Der Fahrbereich betrug 500 Seemeilen. Auf dem Vorschiff gab es eine 25-mm-Flak in Doppellafette, zu deren hydraulischer Bedienung nur ein Mann nötig war. An Deck konnten zwei Schienen zur Aufnahme von insgesamt sechs Minen vom Typ 08/1939 befestigt werden, wie sie in Ă€hnlicher Konstruktion schon in zwei Weltkriegen zum Einsatz gekommen waren.

RĂ€umboot 511 bei Verbandsfahrt
Die normale Besatzung bestand aus einem Offizier und zwölf Mann. Bislang hatte man als Kommandanten gewöhnlich Unterleutnants und Leutnants eingesetzt, nun neuerdings Obermeister, in der dritten RĂ€umgruppe sogar einen Meister. Normalerweise fuhr das Boot einen Obermeister als leitenden Maschinisten sowie zwei Motorengasten und einen E-Mot-Gast. FĂŒr die Navigation waren entweder ein Obermaat oder Maat an Bord sowie ein Matrose der Steuermannslaufbahn. Den Signaldienst versah ein Signalgast. Zum Minenpersonal gehörten ein Obermaat der Sperrlaufbahn sowie ein Matrose. Ein Funker und der Koch vervollstĂ€ndigten die Besatzung. FĂŒr normale Marschfahrt in See konnte sich das Maschinenpersonal bei einer Wachbesetzung von jeweils zwei Mann gegenseitig ablösen. Gleiches galt fĂŒr das Sperrpersonal. Artilleriegast und RudergĂ€nger konnten sich ebenfalls am Ruder ablösen. Auch der SignĂ€ler hatte eine Ablösung, zumindest dann, wenn der Steuermannsmaat ebenfalls eine Ausbildung als Signalgast hatte, was hĂ€ufig vorkam. Unentbehrlich war allein der Kommandant. Er hatte keine Ablösung und musste praktisch vom Auslaufen bis zum Einlaufen und Festmachen im nĂ€chsten Hafen ununterbrochen auf der BrĂŒcke sein. In der Kommandantenkammer gab es zwar eine zweite Koje fĂŒr einen Wachoffizier, aber die diente in der Praxis nur als Reserve.
Der Zusammenhalt auf diesen kleinen Fahrzeugen war im Allgemeinen sehr gut. Im Laufe eines Ausbildungsjahres hatten die MĂ€nner gelernt, sich aufeinander zu verlassen, waren sicher in ihrem Dienstabschnitt, konnten sich gegenseitig ersetzen. Es herrschten eine enge Vertrautheit und gute Kameradschaft. Das galt auch fĂŒr die Freizeitgestaltung, soweit sie möglich war. Wie in jeder Marine war der Umgangston an Bord kleiner Boote und auch die militĂ€rische Disziplin nicht ganz so zackig und offiziell wie auf groĂen Einheiten mit einer starken Besatzung.
Als ich in meiner kleinen Kommandantenkammer saĂ, wurde ich ein bisschen nachdenklich. Ich kannte die Manövriereigenschaften des Bootes nicht, die Crew hatte schon ein Jahr gemeinsame Ausbildung hinter sich und konnte demzufolge kein Vertrauen zu jemandem haben, der gerade von der Offiziersschule gekommen war. Das Vertrauen des Abteilungschefs in meine vierjĂ€hrige Ausbildung war ja sehr ehrenvoll, aber es war eben auch der Unterschied zwischen Theorie und Praxis. Ich verkniff mir daher jede Bemerkung von wegen âneue Besen kehren gutâ, sondern nahm mir vor, vorsichtig Schritt fĂŒr Schritt Erfahrungen zu sammeln. Daraus wurde aber nichts. Noch am ersten Abend an Bord, ich hatte kaum meine Sachen in dem nur wenige Zentimeter breiten blechernen Kleiderspind untergebracht und einen Blick in das Bootstagebuch geworfen, erreichte mich die Information, dass die Gruppe am nĂ€chsten Morgen um 8.30 Uhr nach PeenemĂŒnde zurĂŒckzulaufen hĂ€tte. Die GroĂwetterlage hĂ€tte ergeben, dass in den nĂ€chsten Wochen mit Eisgefahr nicht zu rechnen wĂ€re. Also studierte ich die Seekarte, fand navigatorisch keinerlei Schwierigkeiten, erfuhr, dass ich als taktische Nummer sechs, d.h. als letztes Boot der Gruppe, in der Kiellinie mitzusteuern hĂ€tte, lernte die Fahrtstufen und Umdrehungszahlen auswendig und vergewisserte mich, dass meine Trillerpfeife in der rechten Manteltasche lag, um die Ablege- und Anlegemanöver vorschriftsmĂ€Ăig âan-â bzw. âabpfeifenâ zu können. Ansonsten blieb mir nur ĂŒbrig, mich auf den Ausbildungsstand der Besatzung zu verlassen.
Am nĂ€chsten Morgen begann nach der Flaggenparade um 8 Uhr das allgemeine Seeklarmachen auf den Booten. Die Hauptmotoren wurden angelassen, sie sollten sich warmlaufen. Im Kartenhaus wurden alle NavigationsgerĂ€te, Seekarte, Tagebuch zurechtgelegt, der RudergĂ€nger probierte die Ruderlagen durch und prĂŒfte in Absprache mit dem Maschinenraum den elektrischen Maschinentelegrafen. Der Signalgast sortierte seine Flaggen und schlug âAntonâ an, was spĂ€ter den Beginn des Ablegemanövers anzeigen wĂŒrde. Der Funker saĂ in seinem Schapp und stimmte den AllwellenempfĂ€nger auf das Flotteninformationsnetz ab.
Als ich auf meiner BrĂŒcke stand, um mir das Ablegemanöver zu ĂŒberlegen, wurde mir schnell klar, dass die Dinge nicht so einfach sind. Die dritte RĂ€umgruppe lag nĂ€mlich im sogenannten Schwimmbad. Der SaĂnitzer Hafen wurde durch die lange Mole Richtung Osten und eine kurze SĂŒdmole nach SĂŒden begrenzt. Wir lagen in einem PĂ€ckchen, also sechs Boote nebeneinander an der SĂŒdmole mit der Nase Richtung Land nebeneinander festgemacht. Eine nur wenige Meter entfernte Holzpier trennte uns vom ĂŒbrigen Teil des Hafens. Dieses enge, winzige Becken war nur zum Festmachen von Hafenbarkassen und kleinen Dienstbooten und -fahrzeugen gedacht. Die Ausfahrt hatte zwar eine Breite von ungefĂ€hr 15 m, da war eigentlich gut durchzukommen. Aber man musste schon genau auf den Wind achten, um nicht zu vertreiben, die Maschine vorsichtig einsetzen mit geringen Drehzahlen, zugleich die Bewegung des Achter- und des Vorschiffes im Blick haben und die Auswirkungen jedes Befehls bzw. jedes Kommandos im Voraus beurteilen. Da mein Boot im PĂ€ckchen auĂen lag, war ich der Erste, der abzulegen hatte und dem infolgedessen am wenigsten Platz zur VerfĂŒgung stand.
Punkt 8.25 Uhr befahl ich dem RudergĂ€nger: âAnton ins Deck!â Er betĂ€tigte die Klingeltaste auf der BrĂŒcke und gab damit einen kurzen und einen langen Ton. Entsprechend des internationalen Morsealphabets war das der Buchstabe A wie Anton. Er bedeutete: Alle Mann auf Manöverstation! Dann pfiff ich mit meiner Trillerpfeife ebenfalls kurz lang das Signal âKlar zum Ablegen an Backbordâ. Der SignĂ€ler setzte im Top die Flagge Anton. Ich lieĂ die Achter- und die Vorleine wegnehmen und dampfte vorsichtig in die Backbordspringleine ein, um das Boot mit dem Heck in Richtung Ausfahrt zu bringen. Mit mittschiffs gelegtem Ruder lieĂ ...
Table of contents
- Cover
- Widmung
- Titel
- Impressum
- Inhalt
- Vorwort
- Meine Eltern und ich
- Der kleine Segelclub
- Die erste Liebe meines Lebens: Gisela
- Meine Mutter und die Startkanone
- Aufsatzthema: Mein schönstes Ferienerlebnis
- Der U-Boot-Kommandant
- Volksschule in Schlesien
- Auf dem Gymnasium in Glatz
- Mittelschule in Stadtroda/ThĂŒringen
- Auf der Oberschule in Westberlin
- Mein Vater schickt mich segeln
- Mein Skipper Erich Wolf
- Als Schiffbauerlehrling
- Die MĂ€dchen aus den Segelclubs
- Zwischen Erfolgen und Niederlagen
- Segeln mit Lore
- Als Instrukteur fĂŒr Seesport der GST
- Im zweiten Anlauf zur Marine
- An der Seeoffizierslehranstalt Schwedenschanze
- Als OffiziersschĂŒler im ersten Lehrjahr
- Die Standortregatta
- Wie ich Yachtbootsmann wurde
- Die Fachausschusssitzung
- Praktische Bordausbildung
- Segelausbildung im Winter
- Das geforderte Bekenntnis
- Als Weihnachtsmann im VEB Kunst und Mode
- Die AbschlussprĂŒfung
- In der 1. Flottille, Standort PeenemĂŒnde
- Als Kommandant eines MinenrÀumbootes
- Das Flottentaxi
- Im Bergungseinsatz
- Als Minenleger
- Pfingsturlaub in Prora
- Als Landungsschiff
- Scharfes MinenrÀumen
- Wie das Leben so spielt âŠ
- Mein Dienstende
- Endlich an Bord eines Segelschiffes
- Unter Segeln nach PeenemĂŒnde
- Mobbing
- Ostseereise 1961
- Als I. Offizier
- An der Seefahrtsschule Wustrow
- Wieder zur See
- Im Liniendienst nach Kuba und Mexiko
- Eine seltsame Geburtstagsfeier
- Mit der HEINRICH HEINE in die Werft
- Wieder im Kuba-Dienst
- Der nÀchtliche Spuk auf dem Bootsdeck
- Wieder auf der VĂLKERFREUNDSCHAFT
- Der KapitÀn
- Vom Arbeitsboot zur Segelyacht
- Die lÀngste Reise meiner Fahrenszeit
- Mein Brotschiff, MS VĂLKERFREUNDSCHAFT
- Der altersgerechte Stuhl
- Der KapitÀn kann nur Schiffe
- Das bisschen Pressearbeit âŠ
- Eine schwierige Ăbergangszeit
- RĂŒckblick
- Glossar
- Literatur- und Quellenverzeichnis
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