Die Zeit um 1400 war nicht nur die BlĂŒtezeit der Hanse, sie war auch eine BlĂŒtezeit der Piraterie. Das Buch bietet einen Einblick in die Entwicklung des Bundes der VitalienbrĂŒder um den SeerĂ€uber Störtebeker, zeigt, auf welche Weise der Kampf um Beute ausgetragen wurde und andere Details aus dem Piraten- und SeefahrergeschĂ€ft. Die Bedeutung der Schifffahrt fĂŒr den spĂ€tmittelalterlichen hansischen Handel war enorm, aber erst in jĂŒngerer Zeit gab es entsprechende Wrackfunde, um belegen zu können, wie die Koggen genau aussahen und auf welche Weise navigiert wurde. In kurzen, prĂ€gnanten und reich bebil- derten BeitrĂ€gen schildert die Autorin den (SeerĂ€uber-)Alltag an Bord der Koggen und in den HĂ€fen der Hanse. Erstmals werden die zahlreichen Facetten von spĂ€tmittelalterlicher Schifffahrt, Piraterie und dem Leben auf See in einem Werk zusammengefasst. Das Buch fĂŒllt damit eine LĂŒcke zwischen historischen Fachtiteln und den in der Bevölkerung kursie- rendenGeschichten ĂŒber die legendĂ€ren Freibeuter von Nord- und Ostsee.

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Information
Mythos Störtebeker â GroĂer unter Gleichen
Ein Mann â eine Legende. UnzĂ€hlige Geschichten stilisieren Klaus Störtebeker zu einem Mythos, einem Helden, der sich souverĂ€n und selbstlos gegen die Obrigkeit auflehnte, einem Outlaw, der mit ungeheurem Mut gegen die göttliche Ordnung verstieĂ, in der Ă€rmere Menschen sich gefangen sahen. Nach wie vor ist Störtebeker eine Figur, mit der man sich, zumindest in norddeutschen Gegenden, gerne identifiziert, war der SeerĂ€uber doch in etlicher Hinsicht ein PhĂ€nomen:






Zusammengenommen vermitteln diese Attribute den Eindruck einer vielschichtigen Persönlichkeit, die zwar kopflos starb, es aber auch nach sechshundert Jahren immer noch schafft, in den Köpfen der Menschen herumzuspuken. Wahrscheinlich erscheint, dass er ein charismatischer FĂŒhrer und gewandter KĂ€mpfer war, der von seinen Leuten ĂŒber die MaĂen bewundert wurde. Als gesichert kann angesehen werden, dass er als RĂ€uber zur See ungewöhnlich groĂen Erfolg hatte, denn dies geht eindeutig aus den Klageschriften bestohlener Kaufleute hervor.
FreiheitskĂ€mpfer und Pirat. Robin Hood der Meere ist wohl die gelĂ€ufigste Bezeichnung des SeerĂ€ubers Störtebeker. Gerechtigkeit soll ihm ĂŒber alles gegangen sein. Der Sage nach nahm er Hab und Gut von den reichen Hansekaufleuten und teilte die Beute fair mit seinen Kameraden aus der Piraten-Bruderschaft.
AuĂerdem wird er als mildtĂ€tiger Retter beschrieben, der auf der Seite der Ărmsten und Ausgebeuteten stand und ihnen aus der Not half, indem er sie entweder mit Geld oder Lebensmitteln versorgte. Andererseits stellten die VitalienbrĂŒder eine enorm groĂe Bedrohung dar, und auch im Mittelalter wusste man schon, dass Piraten extrem gewalttĂ€tig und skrupellos agierten.
GrĂŒnde, weshalb SeerĂ€uber dennoch als draufgĂ€ngerische Abenteurer angesehen wurden, die gegen die als ungerecht empfundene Macht- und Geldverteilung in der Welt angingen, sind auch in massiven UmbrĂŒchen und Katastrophen des 14. Jahrhunderts zu suchen. Der Beginn der sogenannten Kleinen Eiszeit hatte Missernten zur Folge, und zwischen 1347 und 1353 starb nach SchĂ€tzungen circa ein Drittel der europĂ€ischen Gesamtbevölkerung an der Pest. In Hamburg erlagen beispielsweise 16 von 21 Ratsherren der totbringenden Seuche, in LĂŒbeck kamen wĂ€hrend dreier PestschĂŒbe rund 40 Prozent der Mitglieder aus Kaufmanns- und Handwerksfamilien ums Leben. Nur ein Jahrzehnt spĂ€ter spĂŒlte die Zweite Marcellusflut, auch GroĂe ManndrĂ€nke genannt, allein an der deutschen NordseekĂŒste mehr als 30 Kirchengemeinden ins Meer und kostete schĂ€tzungsweise 100000 Menschen das Leben. Infolge dieser schrecklichen Ereignisse, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellten, brachen Hungersnöte und teils anarchische ZustĂ€nde aus. Ein ganzes Weltbild geriet ins Wanken. Erstmals in der europĂ€ischen Geschichte erlaubten es sich die unteren Bevölkerungsschichten in gröĂerem MaĂe, die herrschenden, »gottgegebenen« MachtverhĂ€ltnisse anzuzweifeln und ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. AufstĂ€nde, zum Beispiel 1374 in Braunschweig (GroĂe Schicht) oder zehn Jahre spĂ€ter in LĂŒbeck (Knochenhaueraufstand), transportierten ein Gedankengut, das mit den angeblichen Werten der Piraten von Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit gut zusammenpasste.
Ăber die Handelsrouten auf dem Wasser verbreitete sich die Pest noch schneller als im Binnenland. So trug im Mai 1349 eine Kogge englischer Kaufleute den Schwarzen Tod ins norwegische Bergen, kurze Zeit spĂ€ter erreichte die Seuche die deutsche NordseekĂŒste. Ăber die Ostsee gelangte sie in weitere LĂ€nder, bis hin zum hansischen Kontor in Nowgorod.
Gefangennahme Störtebekers â Mythos und Wirklichkeit. Der Sage nach gelang die ĂberwĂ€ltigung Störtebekers auf folgende Weise: Ein EwerfĂŒhrer aus Blankenese (damals ein Fischerdorf an der Elbe, heute ein Stadtteil Hamburgs), der im Sold der Hanse stand, kundschaftete auf der Nordseeinsel Helgoland zunĂ€chst heimlich aus, welches der Like-deelerschiffe unter dem Kommando Störtebekers stand. Dann goss er geschmolzenes Blei auf diejenigen Stellen, an denen das Ruderblatt am Heck befestigt war, und machte es dadurch bewegungsunfĂ€hig. Nun lag Störtebeker mit seiner Kogge in der Bucht von Helgoland eingeklemmt und hatte keine Möglichkeit mehr, den zahlenmĂ€Ăig deutlich ĂŒberlegenen Angreifern zu entkommen. GemÀà der Ăberlieferung konnte Klaus Störtebeker also nur durch eine List besiegt werden. Aus historischer Sicht dagegen stellt sich die Expedition der Hamburger eher wie ein exakt geplanter und straff durchgefĂŒhrter militĂ€rischer Schachzug dar. Durch ihre Spione wussten die Angreifer, dass Störtebeker seinen StĂŒtzpunkt auf Helgoland eingerichtet hatte und dass seine Schiffe in der einzigen Bucht der Insel lagen. Diese bot den Fahrzeugen zwar ein gutes Versteck, hatte aber auch den Nachteil, dass sie bei Gegenwind nicht verlassen werden konnte. Genau dieser Wind jedoch begĂŒnstigte die PlĂ€ne der PiratenjĂ€ger, die nach neuesten Erkenntnissen nicht direkt aus Hamburg kamen, sondern von der Dithmarscher KĂŒste aus angriffen. Um ihren nĂ€chtlichen Ăberraschungsangriff zu starten, brauchten sie dort nur den richtigen Wind abzuwarten.
Die Sage enthĂ€lt also folgende Ăbereinstimmungen mit der Wirklichkeit:



Hintergangen, geköpft und aufgenagelt. Auch um die Hinrichtung Störtebekers ranken sich einige Legenden. So habe er zum Beispiel den Hamburger Ratsherren ungeheuer kostbare SchĂ€tze gegeben, im Tausch gegen sein Leben und das seiner MĂ€nner. Die Hamburger schmolzen die Sachen ein, um mit dem Gold entweder â hier erhalten die Schilderungen verschiedene AusprĂ€gungen â das Turmdach der Katharinenkirche zu decken, die Nikolaikirche mit einer Krone zu schmĂŒcken oder eine goldene Kette anfertigen zu lassen, die um die gesamte Stadt herumreichte. Die Ratsherren nahmen das Gold, brachen jedoch ihr Versprechen und richteten die Piraten gnadenlos hin.
Eine andere Legende erzĂ€hlt, dass Störtebeker den Hamburger Ratsherren die Zusage abrang, zwar nicht ihn selbst, aber doch so viele seiner MĂ€nner freizulassen, an denen er ohne Kopf noch vorbeilaufen könne. Man streitet darĂŒber, wie groĂ die Anzahl letztendlich war (sie schwankt zwischen fĂŒnf und zwölf), ist sich aber dahingehend einig, dass es noch mehr Gerettete hĂ€tten sein können, wenn die Hamburger nicht den Scharfrichter bzw. seinen Gehilfen angewiesen hĂ€tten, Störtebeker ein Bein zu stellen.
Aber auch ohne derartig mythische Geschehnisse werden die beiden Massenhinrichtungen der Likedeeler in den Jahren 1400 und 1401 schon spektakulĂ€r genug gewesen sein, um sich in den Köpfen von Generationen festzusetzen. Hinzu kommt, dass Störtebekers und Gödeke Michelsâ Totenköpfe nach der Exekution vermutlich noch jahre- oder sogar jahrzehntelang am Hafen posierten. Solch eine PrĂ€senz, zusammen mit dem weitverbreiteten Aberglauben an WiedergĂ€ngertum (welches durch das AufspieĂen der SchĂ€del ja eigentlich verhindert werden sollte), kann vermutlich die abstrusesten Geschichten produzieren.
Störtebekerlied. Die Ereignisse rund um die PiratenfĂŒhrer Klaus Störtebeker und Gödeke Michels werd...
Table of contents
- Cover
- Titel
- Dank der Autorin
- Inhalt
- Einleitung
- VitalienbrĂŒder. Aus Raubrittern werden Piraten
- Likedeeler. Zu gleichen Teilen
- Klaus Störtebeker. BerĂŒhmtheit ohne Gesicht
- Störtebekers Kumpane. Freunde bis in den Tod
- Koggen. Innovative Schlickrutscher
- Koggen-Zubehör. Koggen-ABC
- Hanse und Handel. Vom reisenden HĂ€ndler zum Global Player
- Schifffahrt. Ankommen ist das Ziel
- Waffen/Entern/Kampf. Feuertöpfe und andere Fernwaffen
- Beute. Geiseln, Silber, Salzheringe
- Leben an Bord. Haferbrei und HĂŒlsenfrĂŒchte
- Arbeiten an Bord. Mit der Kogge vor dem Wind
- Berufe. Geachtete Knochenjobs
- Regeln und Strafen. Gemeinsam sind wir stark
- Krankheiten und Verletzungen. Husten, Holzbein, Hakenhand?
- Schlupfwinkel und Schatzverstecke. Von Inseln, Höhlen und Legenden
- Hafen. Umschlag mit Know-how
- Navigation. Ohne Karte und Kompass
- Nordsee. Gefahrvolles Meer
- Schiffbruch. Von Monsterwellen und Seeungeheuern
- Verfolgung und Gefangennahme. Eine »Bunte Kuh« auf Kopfgeldjagd
- Hinrichtungen. Mitgefangen, nicht gehangen
- Störtebekers SchÀdel. Ein SchÀdel schreibt Geschichte
- Entwicklung nach 1400. Alles vorbei?
- Schiffswracks und ihre SchÀtze. Zeugen auf dem Meeresgrund
- Kogge-Nachbauten. Gelebte Geschichte
- Mythos Störtebeker. GroĂer unter Gleichen
- Impressum
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