Tibethaus Journal - Chökor 53
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Tibethaus Journal - Chökor 53

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Tibethaus Journal - Chökor 53

About this book

Das Tibethausjournal Chökor, das halbjĂ€hrlich erscheint, kann auf eine 20-jĂ€hrige Geschichte zurĂŒckblicken. Artikel rund um das Thema Tibet - Buddhismus, Gesellschaft, Kultur, Kunst, Wissenschaft, Heilkunde, Biografien und Reisen - gehören zum Themenspektrum.

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Information

eBook ISBN
9783931442958
Subtopic
Buddhism

BUDDHISMUS

Einladungen, öffentliche Auftritte, politische Verpflichtungen – der junge Dagyab Rinpoche in Lhasa

Im Dezember hatte ich die Gelegenheit, Rinpoches Mutter Sönam Lhamo zu treffen. Dezom Dagyab, ihre Enkelin, war dabei, um die ErzĂ€hlungen aus dem Tibetischen ins Deutsche zu ĂŒbersetzen. Der folgende Text ist ein Ausschnitt aus unseren GesprĂ€chen.
Annette Kirsch

Die Grundlagen tibetisch-buddhistischen Denkens

S.E. Dagyab Kyabgön Rinpoche
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S.E. Dagyab Rinpoche © Chöling
Die buddhistische Lehre, das Fundament der tibetischen Kultur, ist vor allem in den letzten zwanzig Jahren in so vielen Veröffentlichungen dargelegt und kommentiert worden, dass ich mich hier auf die wichtigsten Stichworte beschrĂ€nken kann: Der Buddhismus ist ein System von ErklĂ€rungen und Methoden zur Beendigung des Leidens. Dieses Ziel erreicht der Praktizierende durch Beachtung ethischen Verhaltens – indem er vermeidet, irgendeinem Lebewesen, und sei es das kleinste Insekt, Schaden zuzufĂŒgen – sowie durch meditative Versenkung und tiefe Einsicht in die Natur der RealitĂ€t.
Wenn ich mich nun frage, was, verglichen mit dem westlichen Denken, das Spezifische am tibetisch-buddhistischen Denken ist, stoße ich sofort auf den unterschiedlichen RealitĂ€tsbegriff. Obwohl der Buddhismus von jeher unter die Weltreligionen gerechnet wird, ist bis heute nicht entschieden, ob man ihn ĂŒberhaupt zu Recht eine Religion im ĂŒblichen Sinne nennen kann. Darauf hinzuweisen scheint mir an dieser Stelle besonders wichtig. Gerade wenn es um unseren RealitĂ€tsbegriff geht, sollten wir vielleicht zunĂ€chst vermeiden, mit dem Wort „Religion“ zu operieren, damit wir nicht irrtĂŒmlicherweise davon ausgehen, dass es um „Glauben“ statt um „Wissen“ geht.

Die konventionelle RealitÀt

Eine festgefĂŒgte RealitĂ€t, die als substantielle Einheit in Raum und Zeit existiert, gibt es dem tibetisch-buddhistischen Denken nach nicht. Jede Erscheinung, jeder beliebige Gegenstand, der uns vor Augen kommt, besteht seiner Natur nach lediglich als ein momentanes, vorĂŒbergehendes Zusammenspiel von physischen und nichtphysischen Faktoren, zusammengefasst als „Ursachen und Bedingungen“ (rgyu-dan rkyen), als da sind: das Vorhandensein einzelner Bestandteile bis hin zu den feinsten Partikeln und Sub-Partikeln in ihrer jeweiligen Anordnung, aber auch die Prozesse der Zusammensetzung oder Herstellung bzw. der Wiederauflösung jedes einzelnen Objekts, ferner der Betrachter als wahrnehmendes Subjekt und der Wahrnehmungsvorgang der Erfassung, Identifizierung und Benennung. Es gibt demnach nichts, aber auch wirklich gar nichts, worauf wir den Finger legen und sagen könnten: „Hier steckt das eigentliche, inhĂ€rente Wesen eines Objekts. Hier ist die „Tisch-heit“ des Tisches, die „Baumheit“ des Baumes, die „Thomas-heit“ von Thomas.“
Alle Erscheinungen sind diesem bedingten Entstehen bzw. diesem Bestehen in AbhĂ€ngigkeit unterworfen. Der tibetische Terminus dafĂŒr lautet rten-ÂŽbrel (gesprochen: tendrel). Interessanterweise setzt sich dieses Wort aus rten (StĂŒtze) und ÂŽbrel (AbhĂ€ngigkeit, Bedingtheit) zusammen. Wer gewohnt ist, in buddhistischen Begriffen zu denken, assoziiert sofort: Alles, was existiert, stĂŒtzt sich auf etwas bereits Vorhandenes, nĂ€mlich auf Ursachen und Bedingungen (rten). Aber nichts, auch nicht die stĂŒtzenden Faktoren, existiert unabhĂ€ngig aus sich selbst heraus (ÂŽbrel). Damit ist in nur zwei Silben ausgedrĂŒckt, dass von Nichtexistenz der Erscheinungen keine Rede sein kann, sie existieren lediglich „anders“ als wir bisher dachten – nĂ€mlich, infolge ihrer Bedingtheit, leer von Eigenexistenz. Eben das ist die berĂŒhmte Leerheit (ston-pa-nyid), einer der Hauptpunkte des Buddhismus. Die schlichte Beschreibung dieser Betrachtungsweise lĂ€sst kaum erahnen, wie umwerfend ihre Konsequenzen in der tatsĂ€chlichen Erfahrung sind. Ich will trotzdem versuchen, einiges davon anzudeuten: Das lockere GefĂŒge von physischen und nichtphysischen Faktoren, das unsere RealitĂ€t – uns selbst natĂŒrlich eingeschlossen – bildet, verĂ€ndert sich ununterbrochen von allen Seiten her. Diese VerĂ€nderungsprozesse und damit die Anordnung der RealitĂ€t selbst sind insofern durch uns beeinflussbar, als wir ĂŒber unsere Wahrnehmung daran beteiligt sind. Wir können davon ausgehen, dass unsere derzeitige WahrnehmungskapazitĂ€t begrenzt und oberflĂ€chlich ist, es gibt also noch vieles zu entdecken. Aufgrund des Fehlens einer inhĂ€renten Existenz wird uns die RealitĂ€t dabei keinen Widerstand entgegensetzen. Eine umfassendere Wahrnehmung wird uns wahrscheinlich eine umfassendere RealitĂ€t enthĂŒllen. Überlegungen dieser Art lassen Neugier und Offenheit entstehen, und die gewohnheitsmĂ€ĂŸige „freiwillige SelbstbeschrĂ€nkung“ unseres Bewusstseins wird damit, vielleicht erstmals, leicht erschĂŒttert.
LĂ€sst man sich weiter darauf ein, so lernt man durch fortgesetztes Üben die RealitĂ€t direkt zu erfassen. Wenn das so ein erstrebenswertes Ziel sein soll, muss man schon fragen: Wie nehmen wir denn dann jetzt eigentlich wahr? Die Antwort, die jeder selbst leicht nachvollziehen kann, lautet: Alles, was an EindrĂŒcken und Wahrnehmungsreizen auf uns zukommt, wird vor jeder weiteren Verarbeitung zunĂ€chst sortiert, und zwar in eines von drei möglichen FĂ€chern: angenehm – unangenehm – neutral. Einziges Sortierkriterium ist dabei die vermutete Auswirkung, die das Objekt auf uns selbst haben könnte. Angenehm ist, was unser Ego stabilisiert; unangenehm ist, was es bedroht oder ihm Unbehagen verursacht; alles andere ist neutral. Es ist erstaunlich, wie viele Reize blitzschnell als angenehm oder unangenehm bewertet werden. Aber immerhin haben wir uns jahrzehntelang im Sortieren geĂŒbt und nehmen uns selbst und unser Wohlbefinden – im Brennpunkt sĂ€mtlicher Ereignisse – so wichtig, dass wir schon deshalb unter dem Zwang stehen, die Auswertung unserer EindrĂŒcke schnell und sicher vornehmen zu mĂŒssen.
In Wirklichkeit ist dieser simple Sortiervorgang natĂŒrlich mit einer hohen Fehlerquote behaftet, aber wir schaffen es mit Leichtigkeit, diese Tatsache unser ganzes Leben lang vor uns selbst zu verschleiern. Nach der Sortierung erfolgt dann automatisch die Handlung: Wir greifen nach dem Angenehmen und versuchen, das Unangenehme abzuwehren oder zu zerstören. Was neutral ist, ignorieren wir grĂ¶ĂŸtenteils. Aus diesem Verfahren resultiert eine enorme Macht der Objekte ĂŒber uns und unser Verhalten. Wir werden stĂ€ndig von ihnen in Atem gehalten, und diese Anspannung findet nie ein Ende. Dauernd werden wir mit etwas Angenehmem konfrontiert, das wir noch nicht haben, aber dringend haben wollen, oder mit etwas Unangenehmem, das uns bedroht. Totale Kontrolle ist nicht möglich, das mĂŒssen wir immer wieder schmerzhaft erfahren. Deshalb ist dieser ganze frustrierende Prozess, obwohl auf GlĂŒck und Wohlbefinden ausgerichtet, in Wirklichkeit reines Leiden. Das Tragische daran ist, dass wir ununterbrochen agieren wie Marionetten, ohne zu verstehen, wie und warum. Es gibt tatsĂ€chlich keine Hoffnung auf VerĂ€nderung unserer Lage, solange diese grundlegende Unwissenheit (ma-rig-pa) weiterbesteht.
Kommen wir nun zurĂŒck auf die buddhistischen Aussagen ĂŒber die Leerheit aller Erscheinungen und wenden wir sie auf unsere eigene Person an, so dĂ€mmert uns eine verblĂŒffende Erkenntnis: Auch unser Ego, um das wir stĂ€ndig zittern und das wir unbedingt glĂŒcklich sehen wollen, ist nur ein bedingtes PhĂ€nomen, es hat keinerlei unabhĂ€ngige Eigenexistenz. Genauso steht es mit allen wahrgenommenen Erscheinungen. Wenn das so ist, warum sortieren wir dann wie besessen? Warum rĂ€umen wir den Objekten so viel Macht ĂŒber uns ein? Eben – das lassen wir sofort bleiben, wenn wir durch die Erkenntnis der Leerheit die Unwissenheit besiegt haben. Wir existieren dann immer noch, wir besitzen auch nach wie vor die FĂ€higkeit, uns ĂŒber schöne Dinge zu freuen und bei Verlust Schmerz zu empfinden. Aber die fieberhafte Spannung des Jagens und Gejagtwerdens ist fĂŒr immer von uns gewichen. Wir geben die Sucht nach Kontrolle auf und lernen, uns im Strom der Erscheinungen ohne Widerstand zu bewegen. Paradoxerweise vervielfĂ€ltigen sich genau durch diese Haltung unsere Einflussmöglichkeiten. Durch die ĂŒbertriebene Ego-Fixierung sind unsere Energien gebremst und gebunden. Wenn sie wegfĂ€llt, geht es uns besser, und wir können mehr erreichen.
Die Einsicht in die Leerheit wird deshalb als die schĂ€rfste Waffe gegen die grundlegende Unwissenheit und gegen alle Hindernisse betrachtet. Sie stoppt den Prozess des „Wahrnehmens unter Irrtum“ und die Überfrachtung der Objekte, ja der gesamten RealitĂ€t mit einer dicken Schicht von Konzepten. Sie hebt die kĂŒnstliche Trennung zwischen dem „Ich“ und dem „Rest der Welt“ auf und beendet dadurch unsere Isolierung. VerstĂ€ndlicherweise wird sie deshalb als das Instrument zur unmittelbaren, sofortigen, endgĂŒltigen Befreiung vom Leiden angesehen.
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© Jangbu Dorje Chenagtsang
Solche Überlegungen beantworten auch gleich die Fragen, die aus einem nur intellektuellen LeerheitsverstĂ€ndnis heraus auftauchen: „Wenn unsere RealitĂ€t tatsĂ€chlich leer von Eigenexistenz ist, wird sie damit öde, langweilig und wertlos? Und wenn ich die Leerheit meines Egos realisiere, bin ich dann nicht ein Automat ohne GefĂŒhle?“ Die Antwort ergibt sich einmal aus dem oben Gesagten, nĂ€mlich, dass das höchste Wissen, also die Erkenntnis der Leerheit, die Unwissenheit aufhebt und damit das Leiden (nicht die Freude!) beendet. Was das RealitĂ€tsverstĂ€ndnis selbst angeht, so ergibt sich aber auch noch eine weitere Antwort aus der Betrachtung der anderen Seite der Medaille: Das „Nichtvorhandensein“ von inhĂ€renter Existenz ist gleichbedeutend mit dem „Vorhandensein“ einer grenzenlosen FĂŒlle von Möglichkeiten. Alle von uns wahrgenommenen Erscheinungen mit ihrer unendlichen Anzahl von Facetten und AusprĂ€gungen sind lediglich ein kleiner Ausschnitt, nĂ€mlich der gerade jetzt erfahrbare Ausdruck einer sehr viel grĂ¶ĂŸeren möglichen RealitĂ€t mit einer unbeschreibbaren Bandbreite von Varianten, die in Form der abhĂ€ngigen Existenz jederzeit manifestiert werden können. Jede VerĂ€nderung auch nur eines einzigen der oben genannten Einflussfaktoren (Bestandteile, Prozesse, wahrnehmendes Subjekt, Wahrnehmungsvorgang) eröffnet neue „GestaltungskanĂ€le“. Schon der Ansatz eines Versuchs, diese Potentiale in uns selbst und den Erscheinungen um uns herum zu erfassen und zu wĂŒrdigen, Ă€ndert unsere Lebenss...

Table of contents

  1. Cover
  2. INHALT
  3. Editorial
  4. Impressum
  5. Tibethaus Deutschland in Frankfurt
  6. BUDDHISMUS
  7. BIOGRAPHIE
  8. WISSENSCHAFT
  9. HEILKUNDE
  10. KUNST + KULTUR
  11. PERSÖNLICHKEIT + GESELLSCHAFT
  12. TIBET
  13. BĂŒcher und Filme
  14. Service & Kontakt
  15. Buddhismus Begreifen – Studienprogramme
  16. ProgrammĂŒbersicht Juli bis Dezember 2012

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