MobilitÀt und Musik
eBook - ePub

MobilitÀt und Musik

Österreichische Musikzeitschrift 02/2017

  1. 104 pages
  2. English
  3. ePUB (mobile friendly)
  4. Available on iOS & Android
eBook - ePub

MobilitÀt und Musik

Österreichische Musikzeitschrift 02/2017

About this book

MobilitĂ€t ist eines der zentralen Themen unserer Zeit. Die Musikgeschichte prĂ€gt sie jedoch schon seit Jahrhunderten...An die 25.000 Kilometer soll Wolfgang A. Mozart bis zu seinem 25. Lebensjahr auf Konzertreisen zurĂŒckgelegt haben – gut die HĂ€lfte des Äquatorumfangs. So beschwerlich das Reisen zu jener Zeit noch war, ist es doch seit der frĂŒhen Neuzeit ein wesentlicher Bestandteil des Musikbetriebs – mit massiven Auswirkungen auf Werke und Biographien. Von den frĂŒhen Wandertruppen bis heute ist die notwendige MobilitĂ€t mit all ihren VorzĂŒgen und Nachteilen fĂŒr Kulturschaffende vom Dirigenten ĂŒber die OpernsĂ€ngerin und den Manager bis hin zur Journalistin immer wieder eine Herausforderung. Und in einer Zeit, da die unzĂ€hligen Krisenherde der Welt viele Menschen zur Flucht zwingen, ergeben sich auch neue musikalische Konstellationen, die den Betreffenden vielleicht manchmal dabei helfen können, das Erlebte zu verarbeiten.

Trusted by 375,005 students

Access to over 1.5 million titles for a fair monthly price.

Study more efficiently using our study tools.

Information

image
Holzschnitt v. Hans Burgkmair

Musikalische Migration in Renaissance und Barock

»Oltremontani« und »Italianità«: Wie zwei Wanderbewegungen die abendlÀndische Musikgeschichte prÀgten. Reinhard Strohm
Musikgeschichtliche Darstellungen verstehen geografischen Raum meist als Distanz oder als Differenz, welche die Einheit oder IdentitĂ€t behindern. Solche Differenzen können durch »Einfluss«, zum Beispiel zwischen Komponisten, oder durch »Migration« zwischen Nationen ĂŒberwunden werden. Die zeitliche Dimension von Musik baut auf einem Ă€hnlichen Prinzip auf: Je weiter etwas zeitlich entfernt ist, desto mehr Unterschiede mĂŒssen ĂŒberbrĂŒckt werden. Dies geschieht meist durch »Rezeption« oder alternativ durch »Tradition«. Aber was implizieren all diese Begriffe? Wie nĂŒtzlich sind sie wirklich? Die Termini »Migration« und »Reise« brauchen eine eigene Definition, wenn sie auf Musikgeschichte bezogen werden. Denn wer wandert eigentlich: Menschen, Produkte oder Klang?

Die Wanderung der Oltremontani

Das fĂŒnfzehnte und sechzehnte Jahrhundert wurden Zeuge eines der grĂ¶ĂŸten kulturellen Transferprozesse unserer Geschichte: der Renaissance. Von den eigenen Akteuren als »Wiedergeburt« betitelt, war es eigentlich mehr eine Übernahme oder ein »download« aus fremden Kulturen, und dabei wurde weniger aus weit entfernten Orten als vielmehr aus der vergangenen Zeit geschöpft.1 FĂŒhrende Institutionen und Gelehrte behaupteten ihre weltliche AutoritĂ€t, indem sie sich in großem Stil an den Überresten der vergangenen Kultur bedienten: ihre BĂŒcher kopierten, ihre Statuen wegtrugen, ihre Sprache lernten, ihre Architektur ausgruben und ihre Gedanken neu dachten. Der Versuch, ihre Musik wieder aufzufĂŒhren, scheiterte allerdings.
image
WÀhrend Gilles Binchois (rechts) vor allem in Burgund tÀtig war, verschlug es Guillaume Dufay bis nach Rom und Florenz. Bild: Aus Martin le Franc, Champion des Dames, ca. 1440, BibliothÚque nationale de France Ms Fr 12476
Unter den vielen KĂŒnsten und Wissenschaften, die das mittelalterliche Europa entwickelte hatte, ehe es sich bevorzugt der klassischen Antike zuwandte, war die Musik wohl die meist geschĂ€tzte und interaktivste Praxis; ihre großen Wanderungen setzten bereits vor dem Beginn der italienischen Renaissance ein. Die erste und grĂ¶ĂŸte dieser Migrationen war die frĂŒhmittelalterliche Verbreitung des Gregorianischen Chorals, die zweite die sogenannte franko-flĂ€mische Schule oder niederlĂ€ndische Vokalpolyphonie, die gegen Ende des vierzehnten Jahrhunderts begann. Als Grund fĂŒr die Migration der musikaffinen NiederlĂ€nder und Nordfranzosen hat der Musikwissenschaftler Andrew Tomasello die Politik der konkurrierenden Pontifikate wĂ€hrend des AbendlĂ€ndischen Schismas (1367–1415) identifiziert:2 Musiker, besonders aus den nördlichen Diözesen und speziell den Niederlanden, scharten sich in Avignon und Rom, wo die konkurrierenden PĂ€pste ihre Rechte ĂŒber die kirchlichen Ämter konzentrierten, um ihre beschĂ€digten AutoritĂ€ten zu stĂ€rken. Die Inhaber dieser Ämter waren hĂ€ufig ausgebildete Musiker.
Musiker aus dem Norden kamen jedoch auch unabhÀngig vom kirchlichen Netzwerk nach Italien, darunter flÀmische und deutsche Instrumentalisten, die sich in Florenz zur Bruderschaft von St. Barbara, auch »dei Fiamminghi«3 genannt, zusammenschlossen, oder die deutschen, tschechischen und polnischen Musiker, die nach Italien gingen, um die UniversitÀt zu besuchen.4

Die Diaspora der italienischen Musik

Die Migration der niederlĂ€ndischen Musiker in der Renaissance und die Verbreitung der italienischen Musik und Musiker vom 16. bis zum 18. Jahrhundert können zwar miteinander verglichen werden, doch sind die beiden Prozesse nicht im direkten Sinne von Aktion und Reaktion miteinander verbunden: WĂ€hrend die Oltremontani ĂŒberwiegend in eine Richtung zogen (nĂ€mlich nach SĂŒden), verbreitete sich die Diaspora der Italiener sternförmig auf nahezu alle europĂ€ischen LĂ€nder, darunter Spanien, England, Russland und Schweden. Des Weiteren war die Diaspora der Italiener an ihre Sprache gebunden. Sie transportierte nicht nur Musik, sondern fast alle Formen der Kunst, viele Wissenschaften, Literatur, Handwerk, Politik und natĂŒrlich Religion. Auf diese Weise gab Italien dem Rest Europas die KĂŒnste und FĂ€higkeiten zurĂŒck, die es zuvor aus der Antike geborgt hatte, plus Musik.
image
»FĂŒr den Export â€șproduziertâ€č«: Der Kastrat Farinelli sang unter anderem in Madrid, London, Paris und Wien. Bild: GemĂ€lde von Jacopo Amigoni, Staatsgalerie Stuttgart/wikimedia.org
Innerhalb der italienischen Diaspora sind zwei große Spannungen oder WidersprĂŒche zu beobachten. Erstens wurde – lange nach der EinfĂŒhrung von Notenschrift und Notendruck – die persönliche Überlieferung von Musik wieder wichtiger, denn die italienische Musik des 17. Jh. wurde von Musikern in die Welt hinaus getragen. Kurz zuvor war diese noch eher ĂŒber Drucke, speziell Madrigale mit italienischem Text, verbreitet worden. MĂ€zene wie Georg Knoff aus Danzig konnten im frĂŒhen 17. Jahrhundert große Sammlungen solcher Musik anlegen, ohne Italien jemals besucht zu haben.5 Italienische Musiker wurden aber selten geholt, um Madrigale aufzufĂŒhren. Anders war es mit dem Interesse europĂ€ischer Höfe an Opern und Oratorien: FĂŒr diese importierte man Librettisten, Architekten, BĂŒhnenbildner, Instrumentalisten, Komponisten und vor allem SĂ€nger.
Zweitens existierte offenbar eine grĂ¶ĂŸere Sehnsucht nach Assimilation, Absorption oder »Anverwandlung« der transalpinen Kultur als in frĂŒheren Zeiten: eine Sehnsucht vergleichbar der humanistischen Faszination von der antiken Kultur. Es ergab sich eine Essentialisierung italienischen Denkens und FĂŒhlens (als »Italianità«), die Ă€sthetischer und psychologischer Natur war. Andererseits wurden dynastischer Stolz und die Konkurrenz zwischen den HerrscherhĂ€usern maßgebend, und mit Importen aus dynastischen GrĂŒnden kamen praktisch-politische und ökonomische Motivationen ins Spiel. So darf die »Heranholung« italienischer KĂŒnstler und ihrer Arbeit als eine Art höfische Monopolbildung gedeutet werden. Man verfolgte sie in der Musik unter anderem durch die Weitergabe von geheimen Techniken der Gesangslehrer, durch Nepotismus und Familien-Seilschaften, und sogar durch (mehrfach belegte) gewaltsame EntfĂŒhrungen und Gefangennahmen italienischer OpernkĂŒnstler durch deutsche FĂŒrsten. Letztlich war solche Transferpolitik wieder ganz irrational. Denn viele begabte SĂ€nger nördlich der Alpen lernten den Operngesang genauso gut wie die Italiener. Aber vielleicht war ihre Aussprache nicht so, wie die der echten Italiener, sie sahen nicht so aus wie diese, bewegten sich nicht so wie diese, benahmen sich bei Tisch nicht so wie diese oder hatten nicht dieselben Namen. Wie vertrauenswĂŒrdig ist wohl eine SĂ€ngerin, die italienische Arien singt und » Döbricht«, »Schwartzmann« oder »van Oploo« heißt?6 Ein weiteres Monopol bildeten die Kastraten, die in den sĂŒdlichen Regionen der Halbinsel vor allem fĂŒr den Export »produziert« und ausgebildet wurden. War die »Italianità« ein soziales oder ein Ă€sthetisches Konzept? Und waren Kastratenarien in Zentral- und Nordeuropa beliebt, weil sie von Kastraten gesungen wurden, oder war es genau umgekehrt? Die Beliebtheit der Kastraten ĂŒberlebte jedenfalls das Ende des »ancien rĂ©gime«, möglicherweise nicht aufgrund von sozialen Aspekten, sondern von Ă€sthetischen, musikalischen Vorlieben.

Transportmöglichkeiten

Wie zuvor angedeutet, gab es einen möglichen Widerspruch zwischen dem erstarkten menschlich-persönlichen Element der musikalischen Diaspora und der Art und Weise, wie Musik wirklich wanderte. Schon seit der Zeit um 1500 wurde Musik auch per Brief und Paket verschickt. Mit der zunehmenden Bedeutung der Notation und des Notendruckes mussten im 17. Und 18. Jahrhundert auch reisende italienische Musiker ihr Publikum im Norden mit Noten versorgen. Und als ob sie sich geradezu ĂŒberflĂŒssig machen wollten, lehrten sie ihr Publikum die Sprache, den Gesang und auch die Komposition der italienischen Musik. Die reisenden Operngesellschaften von Mingotti und Locatelli verkauften Kopien der Arien an die Zuschauer;7 in London wurde nahezu jede neue Arie, die man im Opernhaus gehört hatte, veröffentlicht. Breitkopf in Leipzig entwickelte nicht nur den Operndruck, sondern erschloss auch den Markt des Klavierauszuges. Diese Waren wurden schnell unabhĂ€ngig von den reisenden Musikern und bildeten eine eigene Diaspora italianisierter Musik, die sich an die bĂŒrgerlichen Opernliebhaber in den StĂ€dten Europas richtete.
image
In vergangenen Jahrhunderten war »Pendeln« zwar weit weniger bequem, aber doch möglich: Wiener Zeiselwagen (um 1830). Bild: Kupferstich von Eduard Gurk nach Johann Nepomuk Hoechle/wikimedia.org
Die verschiedenen Möglichkeiten der Verbreitung der italienischen Oper durch Komponisten waren unter anderen folgende: Die KĂŒnstler konnten Noten einer kompletten Oper mit auf den Weg nehmen, diese im Ausland auffĂŒhren und nach dem Ende einer Spielzeit wieder heimkehren. Kann dies schon als Migration bezeichnet werden, oder war es nur ein Besuch? In einer anderen Variante pendelten Komponisten zwischen ihren HeimatlĂ€ndern und entfernten Arbeitgebern hin und her – wie zum Beispiel Hasse, Galuppi, Jommelli, Sarti und viele andere.
Fast das umgekehrte PhĂ€nomen waren deutschsprachige Komponisten wie HĂ€ndel, Gluck oder Mozart, die nicht wirklich an der Diaspora teilnahmen: Zwar verbrachten sie prĂ€gende Jahre in Italien, entwickelten ihre italianisierte Musik aber nördlich der Alpen. Und natĂŒrlich gab es auch bedeutende italienische Opernkomponisten, die in ihrem Land blieben und trotzdem viele Bewunderer in nördlichen Zentren hatten, wie Alessandro Scarlatti, Leonardo Vinci und Giambattista Pergolesi. Hier zeigt sich auf verschiedene Weise, dass das Wandern der Musik, selbst wenn es bisweilen Musiker als Vehikel benĂŒtzte, letztlich ein Vorgang war, der sich in den Köpfen abspielte. //
Reinhard Strohm lehrte an der Yale University und am Londoner King’s College, 1996 bis 2007 war er Professor an der University of Oxford.
Der Beitrag basiert auf der Bearbeitung seines Artikels aus dem bislang nur online verfĂŒgbaren Buch Music Migrations in the Early Modern Age, hg. v. Jolanta Guzy Pasiak und Aneta Markuszewska. Übersetzung von Julia Jaklin.

Anmerkungen

1 Reinhard Strohm, »â€șMedieval Musicâ€č or â€șEarly European Musicâ€č?« in: The Cambridge History of Medieval Music, hg. v. Mark Everist, Cambridge 2016 (in Vorb.).
2 Andrew Tomasello, Music and Ritual at Papal Avignon 1309–1403, Ann Arbor 1983.
3 Reinhard Strohm, The Rise of European Music, 1380–1500, Cambridge 1993, S. 567.
4 MirosƂav Perz, »Il carattere internazionale delle opere di MikoƂaj Radomski«, in: 1380–1430: An international style?, hg. v. Ursula GĂŒnther (= Musica Disciplina 41), S. 153–159.
5 Martin Morell, »Georg Knoff: Bibliophile and devotee of Italian music in late sixteenth-century Danzig«, in: Music in the German Renaissance: sources, styles and contexts, hg. v. John Kmetz, Cambridge 1994, S. 103–126.
6 Reinhard...

Table of contents

  1. UMSCHLAG
  2. TITEL
  3. IMPRESSUM
  4. VORWORT
  5. INHALT
  6. MOBILITÄT UND MUSIK
  7. RESPONSE
  8. EXTRA
  9. NEUE MUSIK IM FOKUS
  10. BERICHTE AUS WIEN
  11. BERICHTE AUS ÖSTERREICH
  12. BERICHTE AUS DEM AUSLAND
  13. BERICHTE MUSEUM UND UNIVERSITÄT
  14. REZENSIONEN
  15. DAS ANDERE LEXIKON
  16. NEWS
  17. ZU GUTER LETZT
  18. WERBUNG

Frequently asked questions

Yes, you can cancel anytime from the Subscription tab in your account settings on the Perlego website. Your subscription will stay active until the end of your current billing period. Learn how to cancel your subscription
No, books cannot be downloaded as external files, such as PDFs, for use outside of Perlego. However, you can download books within the Perlego app for offline reading on mobile or tablet. Learn how to download books offline
Perlego offers two plans: Essential and Complete
  • Essential is ideal for learners and professionals who enjoy exploring a wide range of subjects. Access the Essential Library with 800,000+ trusted titles and best-sellers across business, personal growth, and the humanities. Includes unlimited reading time and Standard Read Aloud voice.
  • Complete: Perfect for advanced learners and researchers needing full, unrestricted access. Unlock 1.5M+ books across hundreds of subjects, including academic and specialized titles. The Complete Plan also includes advanced features like Premium Read Aloud and Research Assistant.
Both plans are available with monthly, semester, or annual billing cycles.
We are an online textbook subscription service, where you can get access to an entire online library for less than the price of a single book per month. With over 1.5 million books across 990+ topics, we’ve got you covered! Learn about our mission
Look out for the read-aloud symbol on your next book to see if you can listen to it. The read-aloud tool reads text aloud for you, highlighting the text as it is being read. You can pause it, speed it up and slow it down. Learn more about Read Aloud
Yes! You can use the Perlego app on both iOS and Android devices to read anytime, anywhere — even offline. Perfect for commutes or when you’re on the go.
Please note we cannot support devices running on iOS 13 and Android 7 or earlier. Learn more about using the app
Yes, you can access MobilitÀt und Musik by in PDF and/or ePUB format, as well as other popular books in Media & Performing Arts & Music History & Criticism. We have over 1.5 million books available in our catalogue for you to explore.