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"Humor ist der Knopf, der verhindert, dass uns der Kragen platzt", heiĂt es bei Joachim Ringelnatz. Zum Dampfablassen eignet sich dabei besonders die humoristische Form der Satire, die den menschlichen Verfehlungen sĂ€mtlicher Lebensbereiche den Spiegel vorhĂ€lt. Auch in der Musikwelt begegnet sie uns, meist in textgebundenen Gattungen wie der Oper, der Operette sowie Kunst- und Kabarettliedern. Ist die Musik also ĂŒberhaupt per se zu Satire fĂ€hig oder nur im Kontext anderer Kunstdisziplinen wie der Literatur, der bildenden Kunst oder dem Film? Und was kann genuin musikalisch sein an musikalischer Satire?
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Subtopic
Music History & CriticismTHEMA

Jean-Jacques Grandville, NotengemÀlde, um 1840, abgedruckt in: Karl Storck, Musik und Musiker in Karikatur und Satire, Oldenburg 1910
Satire in der Musik oder die Kunst der bissigen Gleichzeitigkeit
Bedarf es immer eines Textes, um Satire in der Musik zu schaffen? Kann Musik aufgrund ihres hohen Abstraktionsgrades und damit ihres Mangels an konkreten Bedeutungsinhalten nicht nur sehr unbeholfen parodistische Wirkungen generieren? Und was ist Satire ĂŒberhaupt? Maria Goeth
Die Beantwortung der letzten Frage ersparen sich beinahe alle Musiklexika, indem sie den Begriff »Satire« gar nicht erst behandeln. Eine Ausnahme macht das Ăsterreichische Musiklexikon, das einen lĂ€ngeren Eintrag zu »Satire/satirisch« anbietet, nur um gleich im ersten Satz klarzustellen, dass sich Satire im Grunde genommen gar nicht exakt definieren lĂ€sst: »In der Musik fehlt eine genaue gattungsmĂ€Ăige Bestimmung der Satire zugunsten der durch besondere Kompositionsweisen erzielten satirischen PrĂ€gung oder FĂ€rbung unterschiedlicher Gattungen; eine strenge Trennung von der Parodie ist nicht immer möglich.«1 Leider hilft auch die Literaturwissenschaft nicht erschöpfend weiter. Satire sei keine Gattung, sondern eine Bezeichnung fĂŒr »von aggressiv-ironischer Rhetorik geprĂ€gte Ă€sthetische Werke«2, fĂŒr die »abwertende Darstellung von Personen, StĂ€nden, politischen Positionen, sozialen Verhaltensweisen oder Weltanschauungen mit Ă€sthetischen Mitteln«3. Nun, was die beiderseits betonte »Àsthetische« Komponente betrifft, sollte Musik ja geradezu prĂ€destiniert sein zur Satirenbildung, ist sie als Kunstgattung doch per se Gegenstand der Lehre vom Schönen.
Komplizierter als mit der Ăsthetik verhĂ€lt es sich mit den von den zitierten Autoren eingeforderten Elementen der Parodie oder Ironie, die ihrerseits eng mit den SphĂ€ren des Humors in Verbindung stehen. Dass Musik â auch ohne Text â humoristisch sein kann, dĂŒrfte inzwischen einigermaĂen unstrittig sein. Ihre Möglichkeiten dazu sind mannigfaltig: Sie reichen vom humoristischen Einzelton wie Haydns vielbeschworenem Paukenschlag â eigentlich einem Tutti-Schlag â in seiner Sinfonie Nr. 94, bis hin zu humoristischen GroĂwerken wie Mozarts rund zwanzigminĂŒtigem Sextett Ein musikalischer SpaĂ, das diverse gĂ€ngige Spielfehler von Laienmusikanten parodiert. Musik bietet einen reichhaltigen Fundus an Manipulationsmöglichkeiten zur Humorproduktion, sofern man musikalischen Humor als aktive Strategie von Komponisten versteht, ihre Hörer potenziell zum Lachen zu bringen.
Komische musikalische Effekte
Neben dynamischen Effekten wie bei Haydn erfreuen sich beispielsweise auch folgende â auf einzelne Elemente der Musik bezogene â Methoden musikalischer Humorkonstruktion4 groĂer Beliebtheit: Was den Rhythmus betrifft, so lĂ€sst sich vor allem mittels dessen stolpernder, torkelnder Anlage der Eindruck von Trunkenheit, Unbeholfenheit oder Unvollkommenheit vermitteln, wie etwa im Menuet alla zoppa (Menuett auf hinkende Art) aus Haydns 58. Sinfonie oder der Imitation watschelnder Enten in Emmanuel Chabriers Villanelle des petits canards. Hinsichtlich der Klangfarbe eignen sich insbesondere solche Instrumente oder Spielweisen von Instrumenten fĂŒr humoristische Wirkungen, die Assoziationen an (minderwertige) auĂermusikalische KlĂ€nge erwecken, etwa an Tierlaute wie Eselsgeschrei, an Störungen der menschlichen Stimme wie KrĂ€chzen oder Röcheln oder an KörpergerĂ€usche wie RĂŒlpsen, Husten oder Furzen â etwa auf dem Fagott imitiert. Melodisch können kontextabhĂ€ngig insbesondere unerwartet groĂe SprĂŒnge und Pausen â letztere zum Beispiel in LĂŒckentextliedern â komisch wirken; auf die Harmonik bezogen sind es geschickt platzierte Dissonanzen. SchlieĂlich kann auch musikalische Form lustig sein, etwa indem einzelne Melodiefloskeln Ă€hnlich einer Schallplatte mit Sprung immer und immer wieder stupide und ohne Weiterentwicklung wiederholt werden, einzelne Töne ĂŒberlange Dehnung erfahren oder sich bestimmte Formteile in ihren Proportionen mit ihrer Umgebung reiben â wie beispielsweise in Beethovens Bagatelle op. 20 Nr. 7, wo ein »unangemessen« langer Triller ein Drittel des ganzen, nur 27 Takte umfassenden, StĂŒcks einnimmt. Gerade bei solchen Arten von musikalischem Formhumor kann Ăbertreibung diagnostiziert werden, ein Stilmittel, das vielfach auch als zentral fĂŒr den Bau von Satire gilt.

Von der Parodie âŠ
LĂ€sst sich bei solchen Spielarten musikalischen Humors aber bereits von Satire sprechen? Wohl nicht oder nur sehr bedingt, denn wo wĂ€re die geforderte Aggression, wo die humoristisch geschĂ€rften EckzĂ€hne? Auch fehlt zur »abwertenden Darstellung« einer Person oder eines (auch abstrakten) Gegenstands die konkrete Zielscheibe, das »Opfer«. Vereint ein Komponist oder Arrangeur nun einen oder mehrere dieser Einzelstrategien und macht sich damit ĂŒber einen bestimmten Musikstil, eine musikalische Gattung oder ein konkretes Werk her, so entsteht etwas, was man zumindest schon einmal als »musikalische Parodie«5 bezeichnen könnte: Da »bereichert« Spike Jones etwa Rossinis berĂŒhmte Wilhelm Tell-OuvertĂŒre um GerĂ€uschklĂ€nge wie Vogelgezwitscher, Hundegebell, PistolenschĂŒsse und GurgelgerĂ€usche oder lĂ€sst Camille Saint-SaĂ«ns in den Schildkröten aus seinem Karneval der Tiere den berĂŒhmten Cancan aus Jacques Offenbachs Orpheus in der Unterwelt in fĂŒnffach verlangsamtem Tempo erklingen â jeweils mit klar humoristischer Intention.


Oft reicht bereits der Kontrast eines bestimmten Werkes mit seinem neu gewirkten »stilistischen Gewand«, um Parodien zu erzeugen. So erklingt im KlavierstĂŒck âs kommt ein Vogel geflogen von Siegfried Ochs das gleichnamige Volkslied im Stile von vierzehn bekannten Komponisten â Bach, Mozart, Chopin, Wagner etc. â oder begibt sich in Franz Schöggls Chorsatz Die launige Forelle Schuberts Kunstlied auf musikalische Reise durch kompositorische Personal-, aber auch durch charakteristische Nationalstile Ăsterreichs, Italiens oder Russlands. Je höher das â subjektiv empfundene â StilgefĂ€lle zwischen Parodieobjekt und neuer Darreichungsform, desto drastischer die Wirkung: So dĂŒrfte HĂ€nschen klein im Stile Beethovens plastischer wirken als ein Motiv Mozarts im selben Gewand, da der niedere Stellenwert des Kinderliedes in gröĂerem Kontrast zu der Klangwelt des ehrwĂŒrdigen und besonders fĂŒr seine ernsten Werke gefeierten Komponisten steht.
⊠zur Satire
Besonders dann, wenn bestimmte Stile, Gattungen oder Werke mit auĂermusikalischen Bedeutungen verknĂŒpft sind, können deren Parodien bissig und aggressiv wirken, zu Satiren werden. Kirchenmusik ist oft mit der ganzen SphĂ€re von religiöser ErfĂŒllung bis religiösem Fanatismus aufgeladen, Nationalhymnen illustrieren Nationalstolz bis Nationalwahn und MĂ€rsche symbolisieren Kriegseifer und Kriegskatastrophe. Alle drei Arten von Musik sind deshalb fĂŒr Parodie und Satire beliebt. In Maurizio Kagels Zehn MĂ€rschen um den Sieg zu verfehlen torkeln die Soldaten durch permanente Synkopen und Akzentverschiebungen regelrecht ĂŒbereinander. Kaum besser wĂŒrde es den Truppen im Armeemarsch 606 aus Hindemiths Minimax ergehen: Hier wird der Marsch nicht nur statt von den ĂŒblichen strahlenden Blechblasinstrumenten von einem Streichquartett interpretiert â wobei zu allem Ăberfluss auch noch ein Ventil der vom Cello reprĂ€sentierten Kontrabasstuba »eingefroren« ist â, das Heer purzelt auch noch in permanenten Wechseln zwischen 3/4-, 4/4-, 5/4- und 3/2-Takten ĂŒbereinander. Im Faschingsschwank aus Wien liefert Robert Schumann nicht nur eine rhythmisch bizarre Version der Marseillaise, sondern spottet auch der Zensur â war das französische Kampflied doch zu dieser Zeit offiziell verboten. Parodien von Kirchenmusik sind vor allem in der Vokalmusik beliebt, dort aber auch vielfach ohne Textbeigabe funktionsfĂ€hig, etwa in den Quodlibets der Renaissance, in denen profane Volkslieder mit weihevollen SakralgesĂ€ngen ĂŒberlagert wurden. Manchmal erlangen selbst kurze Motive oder gar Einzelakkorde eine so starke Bedeutung, dass Satirebildung damit möglich wird: Das meistparodierte Vierton-Motiv der jĂŒngeren europĂ€ischen Musikgeschichte ist der Anfang von Beethovens 5. Symphonie, seit langem das musikalische Schicksalssymbol schlechthin; der meistparodierte Einzelklang ist Wagners Tristan-Akkord, der grenzenlose Liebe ausdrĂŒckt. Insgesamt steht die Musik also in ihrem Reichtum, auch rein instrumental parodistische und satirische Wirkungen erzeugen zu können, den anderen KĂŒnsten nicht nach.

Entlarvung durch Kombination
Doch Musik besitzt auch eine auĂergewöhnliche FĂ€higkeit zur Gleichzeitigkeit, ĂŒber die auf andere Weise nur noch die Bildende Kunst verfĂŒgt, indem sie in einem einzelnen Bild viel Heterogenes zu vereinen vermag. Unterschiedliche Melodieschichten lassen sich ohne Störung der Gesamtharmonie ĂŒbereinanderlegen, wie in besagten Quodlibets. Allein solche Schichtungen heterogenen Materials können satirisch sein, indem etwa ein Friedenslied mit einem Marsch kombiniert wird. Vielleicht besonders interessant sind jedoch Arrangements von Musik mit Text, in denen beide Komponenten fĂŒr sich genommen noch nicht unbedingt parodistisch sind, sich die satirische Wirkung jedoch im intertextuellen Zusammenspiel entfaltet. Ein Beispiel dafĂŒr ist schwarzer Humor, wie er sich in der Gattung des Wienerlieds und etwa bei Georg Kreisler findet: WĂ€hrend die Musik heiter, sorglos, glĂŒckselig tĂ€nzelt, erzĂ€hlt der Text von Gewalt, Verbrechen und Mord. D...
Table of contents
- UMSCHLAG
- TITEL
- IMPRESSUM
- VORWORT
- INHALT
- ACHTUNG SATIRE!
- EXTRA
- NEUE MUSIK IM DISKURS
- BERICHTE AUS WIEN
- BERICHTE AUS ĂSTERREICH
- BERICHTE AUS DEM AUSLAND
- REZENSIONEN
- DAS ANDERE LEXIKON
- NEWS
- ZU GUTER LETZT
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