II.
OPER AM
WIENER KAISERHOF
*
DIE KAISERLICHE HOFOPER
DIE KAISERLICHE HOFOPER*
Die ersten Opern wurden um die Wende zum 17. Jahrhundert in Italien aufgefĂŒhrt. Sie waren die letzte Konsequenz von Bestrebungen gegen die polyphone Musik der Renaissance mit den Zielen der WortverstĂ€ndlichkeit sowie der einfachen akkordischen Begleitung einer Melodie. Dramen mit musikalischen Einlagen â Chören, Liedern und InstrumentalmusikstĂŒcken â hatte es schon lange gegeben, doch nun wollte ein Kreis von Adeligen und Musiktheoretikern in Florenz die vermeintliche Form des antiken Dramas wiederbeleben, das man fĂŒr durchkomponiert hielt. So muĂte man also fĂŒr den Dialog das Rezitativ erfinden, das dem Tonfall der Sprache nachgebildet war. AnlĂ€sse fĂŒr solche Darbietungen waren höfische Feste, zunĂ€chst vor allem Hochzeiten, dann auch Faschingsunterhaltungen. Der Schwerpunkt der Entwicklung verlagerte sich bereits im ersten Jahrzehnt der Existenz der neuen Gattung von Florenz nach Mantua. Dort herrschte nicht nur ein kunstverstĂ€ndiger Herzog; dort war vor allem eines der gröĂten musikdramatischen Genies der Musikgeschichte tĂ€tig, Claudio Monteverdi. Mit seinen Opern LâOrfeo (1607) und LâArianna (1608) schuf er nicht nur die ersten Meisterwerke der Gattung, die bis heute ihre GĂŒltigkeit behalten haben, sondern beeinfluĂte auch seine Zeitgenossen auĂerordentlich stark. Beide Stoffe stammen, wie es zu dieser FrĂŒhzeit noch die Regel war, aus der antiken Mythologie. Nur die Musik zu Orfeo ist â in einem zeitgenössischen Druck â vollstĂ€ndig erhalten; sie ist durch sorgfĂ€ltig charakterisierende Instrumentation, ĂŒberzeugend die Affekte verdeutlichende Harmonik und auch schon durch eine höchst virtuose Gesangspartie gekennzeichnet. Diese, die Titelrolle, sang der berĂŒhmte Tenor Francesco Rasi. Als er 1612 an den damals noch in Prag residierenden Kaiserhof kam, muĂte er Kaiser Matthias vorsingen und wurde reich beschenkt. Auf der RĂŒckreise nach Mantua machte er in Salzburg Station und widmete dem FĂŒrsterzbischof Marcus Sitticus von Hohenems eine Handschrift mit eigenen Kompositionen. Möglicherweise hat er ihm auch aus seiner Paraderolle vorgesungen, um sein Können ins rechte Licht zu rĂŒcken; jedenfalls beginnt 14 Monate nach diesem Besuch am Salzburger Hof eine Serie von OpernauffĂŒhrungen, die bis zum Tod des FĂŒrsten im Jahr 1619 dauerte und deren Ende der durchreisende Kaiser Ferdinand II. miterlebte. Eine der Opern hieĂ Orfeo; sie wurde wĂ€hrend mehrerer Jahre und auch bei dem zuletzt genannten hohen AnlaĂ gespielt, und es ist sehr wahrscheinlich, daĂ es die von Monteverdi war.
Am kaiserlichen Hof hielt die italienische Oper wenige Jahre spĂ€ter Einzug, begĂŒnstigt durch die ebenfalls aus Mantua stammende Kaiserin Eleonora. Vielleicht schon 1622, wahrscheinlich 1625, spĂ€testens aber 1627 â bei einem lĂ€ngeren Aufenthalt in Prag â wurde hier das erste durchkomponierte Drama gesungen. Einen frĂŒhen Höhepunkt der musikalischen Dramatik erlebte Wien 1631 anlĂ€Ălich der Hochzeit des Kronprinzen Ferdinand III. mit einigen vom Hochadel aufgefĂŒhrten Balletten, darunter ein RoĂballett auf dem Inneren Burgplatz, und die Pastoraloper La caccia felice, deren Handlung dem erfolgreichsten Pastorale, Giambattista Guarinis Il pastor fido, nachempfunden und deren Textautor, der Herzog von Guastalla, ein Verwandter der Kaiserin war. Der Komponist ist nicht genannt.
In den folgenden Jahren kamen im Fasching und zu Geburtstagen neben Balletten und Dramen nur vereinzelt Opern zum Einsatz. Erst nach der Krönung des musikliebenden Leopold I. zum Kaiser wurden die AuffĂŒhrungen ab 1659 regelmĂ€Ăiger angesetzt. Auch die musikalische Ăberlieferung setzt erst mit dieser Zeit ein; von den Opern vor 1660 sind nur Libretti bekannt. Fast bis zum Ende der Regierungszeit dieses Herrschers verĂ€nderte sich nicht viel am Erscheinungsbild dieser höfischen Festlichkeiten. AnlĂ€sse der meist nur einmaligen Darbietungen waren auĂer dem Fasching und den Geburtstagen spĂ€ter auch Namenstage der erwachsenen Mitglieder des Kaiserhauses, zusĂ€tzlich fallweise Hochzeiten und Geburten. TodesfĂ€lle der Kaiserinnen fĂŒhrten zu lĂ€ngeren Pausen, wĂ€hrend die kirchlich bedingte Theaterabstinenz der Fastenzeit durch Oratorien und âRappresentazioni sacreâ, allegorischen geistlichen Dramen, in den beiden Kapellen der Hofburg ausgefĂŒllt wurde.
Die italienischen Libretti gaben den Komponisten schon durch die Versform die Einteilung in Rezitative und Arien vor und hatten auĂerdem Gelegenheiten fĂŒr Ensembles und meist auch kurze ChorsĂ€tze zu bieten. An der Auswahl der Stoffe und ihrer Verarbeitung lĂ€Ăt sich der bestimmende EinfluĂ der Opernmetropole Venedig erkennen, doch wurden sie meist neu gedichtet und immer neu vertont, wenn auch in einem sehr Ă€hnlichen Stil. Eine Huldigung an die geehrte Person, âLicenzaâ genannt, schloĂ â auĂer im Fasching â die meist dreiaktigen Werke ab, und hĂ€ufig wurde ihnen ein Prolog vorangestellt.
Komische Diener und alte Ammen relativierten die steife Ernsthaftigkeit der Hauptpersonen aus dem FĂŒrstenmilieu. HĂ€ufig sind zeit- und hofkritische Bemerkungen diesen SekundĂ€rrollen in den Mund gelegt; noch deutlicher zeigen sich die Funktionen der Oper in ausgesprochenen SchlĂŒssel-Libretti, wo Personen und Ereignisse allegorisch fĂŒr entsprechende zeitgenössische stehen: Propaganda fĂŒr den Kaiser und gegen seine Feinde, besonders König Ludwig XIV., Verherrlichung der Vasallentreue und Kritik und Lehre fĂŒr den anwesenden Adel.
Gespielt wurde in dem 1630 eingerichteten und mehrmals verĂ€nderten Theatersaal der Hofburg, der mit seinem Vorsaal 1747 zu den noch heute bestehenden RedoutensĂ€len umgestaltet wurde, weiters in einem Saal der Amalienburg, in den RĂ€umen des Schweizer und des Leopoldinischen Trakts und â selten, aber spektakulĂ€r â in dem von Lodovico Ottavio Burnacini auf der Stadtmauer errichteten TheatergebĂ€ude, das 1668 mit der groĂen Hochzeitsoper Il pomo dâoro von Cesti eröffnet worden war. Wenn sich der Hof in den wĂ€rmeren Monaten in Laxenburg oder in der Favorita â dem heutigen Theresianum â aufhielt, fanden die musikdramatischen Darbietungen dort statt, und zwar hĂ€ufig im Freien. Die Komposition der Opern gehörte in das Aufgabengebiet der Hofkapellmeister und Hofkomponisten, weshalb wir nach Pietro Andrea Ziani, Antonio Cesti, Antonio Bertali und Giovanni Felice Sances ĂŒber 30 Jahre lang vor allem den Namen Antonio Draghi auf den Partituren finden. Er bildete in dieser Zeit mit dem Hofpoeten NicolĂČ Minato und dem BĂŒhnenbildner Lodovico Ottavio Burnacini ein konstantes Team, das die Erscheinungsform der Wiener Oper prĂ€gte. Erst seit der Jahrhundertwende kamen neue KĂŒnstler zum Zug, die zunĂ€chst bis auf den Steirer Johann Joseph Fux noch immer alle aus Italien berufen wurden: Giovanni Bononcini, Carlo Agostino Badia und MarcâAntonio Ziani noch unter Leopold I., bei Karl VI. dann der bedeutende Antonio Caldara und Francesco Conti fĂŒr die groĂen Opern sowie Giuseppe Porsile und Giuseppe Bonno fĂŒr die kleinen; in diese Gruppe fanden schlieĂlich mit Johann Reinhardt und Georg Reutter dem JĂŒngeren weitere Ăsterreicher Eingang.
Textlicher und musikalischer Aufbau der natĂŒrlich noch immer ausschlieĂlich italienischen Opern waren in der ersten HĂ€lfte des 18. Jahrhunderts im Gegensatz zu der Zeit davor einem strengen Schema unterworfen. Die Handlung wurde von komischen Elementen weitgehend gereinigt, die Szenen bestanden aus Rezitativ und einer Abgangsarie, deren lĂ€ngerer erster Abschnitt nach einem Mittelteil âDa Capoâ wiederholt wurde. Der instrumentale Anteil war jetzt gröĂer als frĂŒher, sowohl in der Form von OuvertĂŒren als auch von Vor- und Zwischenspielen zu den Arienabschnitten und von Begleitungen, die auch konzertierenden Soloinstrumenten wie zum Beispiel Violine, Theorbe (BaĂlaute), Posaune oder Chalumeau (einem Verwandten der Klarinette) anvertraut waren. Die OuvertĂŒren waren der französischen (langsam-schnell-lang- [171] sam) oder italienischen Tradition (schnell-langsam-schnell) verpflichtet oder in Mischformen komponiert; auch TanzsĂ€tze und die Kompositionstechniken von Concerto grosso und Solokonzert wurden hier eingesetzt, Die bedeutendsten Textdichter der Wiener Hofoper zu dieser Zeit waren Apostolo Zeno, Pietro Pariati und dann, seit 1731, vor allem Pietro Metastasio. Die BĂŒhnenbildner der Familie Galli Bibiena, Ferdinando, Francesco und Giuseppe, erreichten durch Drehung der frĂŒher ausschlieĂlich zentral ausgerichteten Perspektivachse ganz neue, groĂartige BĂŒhnenwirkungen.
Kaiserin Maria Theresia war zwar selbst eine gute SĂ€ngerin, opferte aber die bisherigen PrunkauffĂŒhrungen einer sparsameren Kulturpolitik. Mit ihrem Gemahl, Franz Stephan von Lothringen, setzte sich erstmals französischer EinfluĂ durch, und das Sprechtheater dieses Kulturkreises ersetzte teilweise die italienische Oper. Der ehemalige HoftĂ€nzer Joseph Karl Selliers, PĂ€chter des 1709 an der Stelle des heutigen Hotel Sacher gegrĂŒndeten bĂŒrgerlichen KĂ€rntnertortheaters, baute das kaiserliche Ballhaus am Michaelerplatz 1741 zum âTheater nĂ€chst der Burgâ aus und arrangierte sich mit dem Hof dahingehend, daĂ die Vorstellungen in diesen beiden HĂ€usern fĂŒr den Hofstaat gratis, sonst aber fĂŒr zahlendes Publikum stattfanden und dafĂŒr die kaiserlichen Musiker mitwirkten. Der Baron Rocco de Lo Presti ĂŒbernahm 1747 das Burgtheater und vier Jahre spĂ€ter auch das KĂ€rntnertortheater von Selliers. In der Folge wechselten Perioden der Verpachtung (Burgtheater: 1765â1776, 1794â1817; KĂ€rntnertortheater: 1765â1785, 1794â1817, 1821â1848) mit solchen der Verwaltung durch Hofbeamte.
Seit dem Jahr 1747 wurden auf den HofbĂŒhnen auch Christoph Glucks italienische und französische Opern gespielt und Ballette zu seiner Musik getanzt; seine Zusammenarbeit mit den Schöpfern der dramaturgischen Ballettpantomime, Gasparo Angiolini und Jean-Georges Noverre, war sehr fruchtbar. Die Musik von Glucks Reformopern Orfeo ed Euridice und Alceste, denen auch Ănderungen in der Librettodichtung zugrunde lagen, unterscheidet sich durch ihre radikale Vereinfachung, mit der er oft starke dramatische Effekte erzielte, von der seiner VorgĂ€nger und Zeitgenossen; gelegentlich fĂŒhrte seine gesuchte SimplizitĂ€t aber auch zu statischen Wirkungen. Die groĂe Arie wird zugunsten von kleineren, liedartigen Formen und von orchesterbegleiteten Rezitativen zurĂŒckgedrĂ€ngt; die OuvertĂŒre stellt erstmals kurz den Inhalt der folgenden Oper dar.
Im Jahr 1776 erklĂ€rte Joseph II. das Theater nĂ€chst der Burg zum deutschen Nationaltheater und ĂŒbernahm die Bezahlung der Schauspieler; die Opernunternehmen konnten wegen der hohen Kosten daneben nicht bestehen, und knapp zwei Jahre spĂ€ter wurde mit der EinfĂŒhrung eines âNationalsingspielsâ ein musikalisches Pendant zu dem programmatisch deutschen Sprechtheater geschaffen. Es wurde mit Ignaz Umlaufs Singspiel Die Bergknappen begonnen und hatte den Ersatz der italienischen und französischen Opern durch entsprechende deutsche Werke zum Ziel. Diese Originalsingspiele, die neben zahlreichen Ăbersetzungen, unter anderem Glucks Iphigenie in Tauris, aufgefĂŒhrt wurden, standen deutlich unter dem EinfluĂ der Opera buffa und der OpĂ©ra comique. Ein durchschlagender Erfolg wurde jedoch nur Mozarts EntfĂŒhrung aus dem Serail von 1782. Das deutsche Singspiel muĂte im Burgtheater 1783 wieder der italienischen Oper weichen, konnte sich aber einige Jahre lang noch am KĂ€rntnertortheater halten, wozu Karl Ditters von Dittersdorf (Doktor und Apotheker) einiges beitrug. Die weitere Entwicklung dieser Gattung fand an den privaten VorstadtbĂŒhnen statt.
Mozart, der die deutschsprachigen Versuche begrĂŒĂt hatte, war in der italienischen Komposition erfahren genug, um auch in dieser Sparte zu reĂŒssieren. Mit Le nozze di Figaro hatte er in Wien 1786 nur kurzen Erfolg, der sich dann in Prag fortsetzte; im Jahr danach nahm Don Giovanni den umgekehrten Weg und wurde auch vom Wiener Publikum angenommen. Beide Opern und CosĂŹ fan tutte von 1790 waren FrĂŒchte der Zusammenarbeit mit dem Mozart kongenialen, als Dichter an die italienische Oper in Wien verpflichte...