Zu den Standards systemischer Therapie und Beratung gehört die Drei-Generationen-Perspektive. Wer sie nachvollziehbar visualisieren will, macht das am besten mit einem Genogramm. Es erschlieĂt den sozialen Hintergrund der Klienten, hilft Beziehungen rekonstruieren, zeigt Muster auf und liefert Ideen fĂŒr alternative Entscheidungen.Bruno Hildenbrand vermittelt neben den klassischen AnsĂ€tzen der Genogrammarbeit ein theoretisch fundiertes Vorgehen, das gleichzeitig konsequent am Fall orientiert bleibt. Er schöpft dabei einerseits aus seiner akademischen TĂ€tigkeit als Mikrosoziologe an der UniversitĂ€t Jena und aus seiner Erfahrung als Lehrtherapeut und Supervisor am Meilener Ausbildungsinstitut fĂŒr Systemische Therapie und Beratung andererseits.Der Autor geht auf maĂgebliche Aspekte ausfĂŒhrlicher ein â wie etwa Vornamen als "Deutungsressourcen" oder Geschwisterbeziehungen â, behĂ€lt aber auch die Weiterentwicklung der Genogrammarbeit als Ganzes im Blick. Die vorgestellten Konzepte flieĂen in das ausfĂŒhrliche Fallbeispiel einer Paarberatung ein. Einen weiteren didaktischen Zugang bieten die Antworten auf hĂ€ufig gestellte Fragen zur Genogrammarbeit am Ende des Buches.

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Genogrammarbeit fĂŒr Fortgeschrittene
Vom Vorgegebenen zum Aufgegebenen
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1Von der EinfĂŒhrung in die Genogrammarbeit zur Genogrammarbeit fĂŒr Fortgeschrittene
1.1Anschluss an Vorhandenes
Es wĂ€re albern, aber zeitgemĂ€Ă, mit dem Anspruch aufzutreten, die Grundlagen der Genogrammarbeit seien etwas ganz Neues, Unerhörtes. Ein Blick in die Geschichte der Literatur und der Philosophie zeigt, dass es anders ist. In Dichtung und Wahrheit von Johann Wolfgang von Goethe (entstanden zwischen 1809 und 1831) heiĂt es im Vorwort (Goethe 1961, S. 8, Hervorheb. d. Autors):
»Denn dieses scheint die Hauptaufgabe der Biografie zu sein, den Menschen in seinen ZeitverhĂ€ltnissen darzustellen und zu zeigen, inwiefern ihm das Ganze widerstrebt, inwiefern es ihn begĂŒnstigt, wie er sich eine Welt- und Menschenansicht daraus gebildet hat und wie er sie, wenn er KĂŒnstler, Dichter, Schriftsteller ist, wieder nach auĂen abgespiegelt. Hierzu wird aber ein kaum Erreichbares gefordert, dass nĂ€mlich das Individuum sich und sein Jahrhundert kenne, sich, inwiefern es unter allen UmstĂ€nden dasselbe geblieben, das Jahrhundert, als welches sowohl den Willigen als Unwilligen mit sich fortreiĂt, bestimmt und bildet, dergestalt, dass man wohl sagen kann, ein jeder, nur zehn Jahre frĂŒher oder spĂ€ter geboren, dĂŒrfte, was seine eigene Bildung und die Wirkung nach auĂen betrifft, ein ganz anderer geworden sein.«
Goethe stellt sich hier, ohne Propaganda drum herum zu machen, dem damals aufkommenden Zeitgeist entgegen. Dieser Zeitgeist setzt, angestiftet von dem französischen Philosophen RenĂ© Descartes (1596â1650), dem Geist den Körper entgegen, dem AuĂen das Innen. Hier die Res cogitans, dort die Res extensa, die zudem den Vorteil hat, dass man sie, dem Naturwissenschaftler gleich, messen kann. Ăbersehen wird durch ein solches Konstrukt, das bis heute das europĂ€ische Denken bestimmt, dass man das Individuum auch anders beschreiben kann: Es ist in der Welt und zur Welt.
Der groĂe Vorteil der Genogrammarbeit besteht darin, dass sie den Kartesianismus unterlĂ€uft. Wer, sich als der Welt gegenĂŒbergestellt begreifend, einigermaĂen nĂŒchtern auf seinen eigenen Lebenslauf zurĂŒckblickt, wird feststellen,
âądass er nicht unbedingt seines GlĂŒckes Schmied war,
âądass er die Welt, in die er hineingestellt wurde, nicht unbedingt beherrscht hat,
âądass einiges an ZufĂ€llen zusammenkommen musste, damit das herausgekommen ist, worauf er heute zurĂŒckblicken kann.
Diese RĂŒckschau ist allerdings eine mitunter prekĂ€re Angelegenheit: ZufĂ€lle werden als Resultat eigener Entscheidungen ausgegeben, Biografie wird geglĂ€ttet und geschönt. Max Frisch sagte dazu: »âșJeder Mensch erfindet sich frĂŒher oder spĂ€ter eine Geschichte, die er fĂŒr sein Leben hĂ€ltâč, sage ich, âșoder eine ganze Reihe von Geschichtenâč, sage ich.âč« So heiĂt es in Mein Name sei Gantenbein (Frisch 1964, S. 52). Dieses Thema hat ihn sein Arbeitsleben lang nicht verlassen, man denke nur an den Roman Stiller (ders. 1954).
Vor solchen IrrtĂŒmern, wie Frisch sie benennt, bewahrt eine regelgerecht durchgefĂŒhrte Genogrammrekonstruktion.
Wer mit einer nichtkartesianischen Konzeption Berater und Therapeuten1 interessieren will, hat einen dominanten Zeitgeist gegen sich. Das muss man aushalten, da hilft kein Jammern. Die Gedanken sind frei.
1.2Vorgeschichte, Teil 1
2011 erschien die dritte, ĂŒberarbeitete Auflage meiner EinfĂŒhrung in die Genogrammarbeit in der Buchreihe Carl-Auer Compact. Das ist eine Buchreihe, die sich im Hinblick auf Format und Umfang als EinfĂŒhrung in ein Sachgebiet eignet. Die Farbe, die ich damals fĂŒr den Umschlag ausgesucht habe und die vom Verlag Petrol genannt wird, gefĂ€llt mir heute noch. Der Buchtitel ist unterlegt mit einen knapp 6 cm groĂen, roten Punkt. Das wird dann wohl heiĂen, dass in dieser EinfĂŒhrung die Dinge auf den Punkt gebracht werden sollen.
Bringt man die Dinge auf den Punkt, bleibt aber so manches auf der Strecke. Dazu gehören BegrĂŒndungen fĂŒr das, was man da als Vorgehen vorschlĂ€gt. Die eiligen Leser sind damit zufrieden.
Andere wollen es vielleicht genauer wissen. FĂŒr sie ist dieses Buch geschrieben.
Das vorliegende Buch wird die EinfĂŒhrung in die Genogrammarbeit nicht ersetzen, und es geht im Folgenden auch nicht (nur) um BegrĂŒndungen der Genogrammarbeit. Seit 2011 haben andere und ich Erfahrungen mit der hier vorgeschlagenen Form der Genogrammarbeit gemacht, die es mitzuteilen gilt. Es ist deutlich geworden, in welchen Arbeitsfeldern Genogrammarbeit sich mit welchem Erfolg durchfĂŒhren lĂ€sst. Diese Erfahrungen mĂŒssen bedacht werden. Zudem hat sich herausgestellt, dass sich der Zugang zur Genogrammarbeit je nach Berufsgruppe unterschiedlich gestaltet. Auch das ist ernst zu nehmen.
Auf Betreiben von Gunthard Weber, MitbegrĂŒnder und geschĂ€ftsfĂŒhrender Gesellschafter des Carl-Auer Verlags, erschien 2012 mein Buch EinfĂŒhrung in die Genogrammarbeit auch in russischer Ăbersetzung. Die Umschlaggestaltung dieser Ausgabe halte ich fĂŒr bemerkenswert. Da hat sich jemand etwas gedacht (Abb. 1).

Abb. 1: Umschlagmotiv der russischen Ausgabe von »EinfĂŒhrung in die Genogrammarbeit«
Ich sehe zwei BĂ€ume mit ihrem Wurzelwerk. Dieses Wurzelwerk erzeugt ĂŒber dem Boden ganz andere Formen als die des Wurzelwerks selbst. Das bedeutet in meinem VerstĂ€ndnis: Die Gestalt der Wurzeln (diese stehen gemeinhin als Metapher fĂŒr Herkunft) eines Menschen bildet sich nicht notwendig ab in dem, was sich oberhalb dieses Wurzelwerks zeigt. Durch die spiegelbildliche Darstellung beider BĂ€ume wird dieser Eindruck noch verstĂ€rkt.
Dann sehe ich im Hintergrund einen von Wolken ĂŒberzogenen Himmel. Es handelt sich um jene Sorte von Kumuluswolken, die der Laie mit schönem Wetter in Verbindung bringt. Genogrammarbeit ist also schönwettermĂ€Ăig grundiert, Regenwolken wĂ€ren unpassend.
Fazit: Die Wurzel bestimmt nicht notwendigerweise das, was sich oben zeigt, denn was da unten wurzelt, ist noch lange nicht identisch mit dem, was schlieĂlich oben erscheint. Die Wurzeln bilden einen Rahmen von Möglichkeiten, und was oben zum Ausdruck kommt, zeigt, wie dieser Rahmen genutzt wird. AuĂerdem fĂŒhrt Genogrammarbeit nicht ins Unwetter, sondern allenfalls zur Schönwetterlage.
Mein Kompliment an den Grafiker, der dieses gestaltet hat2 und den ich gerne einmal kennenlernen wĂŒrde. Ich werde in Kapitel 2 zur Bedeutung von Vornamen auf eine Möglichkeit zurĂŒckkommen, das Wurzelwerk noch anders zu gestalten und ihm eine andere Bedeutung zu unterlegen.
1.2.1Fallverstehen in der Begegnung im Rahmen von Genogrammarbeit
Konzepte
Im Zentrum des Meilener Konzepts3 steht das Fallverstehen in der Begegnung (Welter-Enderlin u. Hildenbrand 2004, unter Mitarbeit von Reinhard Waeber und Robert Waeschle). In diesem Abschnitt werde ich mich mit dem Thema Fallverstehen auseinandersetzen und dabei mit einem Fallbeispiel beginnen. Danach werde ich das Fallverstehen im wissenschaftlichen Kontext verorten.
Zuvor komme ich noch auf die Begegnung zu sprechen. DiesbezĂŒglich haben sich inzwischen Erweiterungen gegenĂŒber dem ursprĂŒnglichen Kontext ergeben, nachdem ich mich mit dem von Ralf Koerrenz (2004) vorgeschlagenen Konzept von Begegnung in der PĂ€dagogik auseinandergesetzt habe. In Anlehnung an Martin Buber meint Begegnung gemÀà dem ursprĂŒnglichen Konzept die Bildung eines Wir im GesprĂ€ch; in einer Situation, in der das Ich, das in Not ist, auf ein Du trifft, von dem das Ich erwartet, dass es ihm helfen kann. Im nun erweiterten Konzept ist dieses ursprĂŒngliche Konzept nicht aufgegeben, sondern aufgehoben. Zusammengefasst heiĂt das:
âąErstens mĂŒssen die Erziehenden4 ĂŒberhaupt in der Lage sein, die Besonderheit von Klienten in bestimmten Augenblicken wahrzunehmen.
âąZweitens geht es darum, solche PhĂ€nomene wie die Krise, in der der Klient sich befindet, als positive Situation zu akzeptieren, die zum menschlichen Lebenslauf in all ihrer Unberechenbarkeit und Unstetigkeit dazugehören.
âąDamit ist als dritter Aspekt die Einsicht in die Grenzen der Gestaltbarkeit dieser Situationen verbunden. Die Erziehenden sollen sich nicht anmaĂen, solche Situationen planmĂ€Ăig durchgestalten und in diesem Sinne beherrschen zu wollen. Es gilt, die eigenen Gestaltungsgrenzen zu akzeptieren. Das zugrunde liegende pĂ€dagogische Verhaltensmodell ist das der eher passiven Begleitung, des Zu- und Hinhörens und nicht das des aktiven Lenkens (Koerrenz 2004, S. 96).
Es ist aus meiner Sicht nicht allzu weit hergeholt, diese dem PÀdagogen zugeschriebenen Haltungen auch dem Therapeuten ins Stammbuch zu schreiben, obgleich die Aufgabenstruktur und die Rahmenbedingungen therapeutischen Handelns sich von denen pÀdagogischen Handelns unterscheiden (Hildenbrand 2017b, S. 14). Was mir an diesem Konzept gefÀllt, ist
âądie Abkehr von jeder Technokratie im pĂ€dagogischen (und eben auch im beraterischen und therapeutischen) Handeln,
âądie Zuschreibung von Handlungskompetenzen sowie
âądie Betonung des Konzepts von WiderstĂ€ndigkeit in der Begegnung (das ist das Neue gegenĂŒber dem von uns verwendeten Konzept von Begegnung).
Als NĂ€chstes komme ich zum Fallverstehen. Unter einem Fall verstehe ich eine Einheit autonomer Lebenspraxis mit angebbaren Grenzen. Mit Verstehen ist gemeint, dass FĂ€lle SinnzusammenhĂ€nge aufweisen, die es zu erschlieĂen bzw. zu rekonstruieren gilt.5
FĂŒr die Genogrammarbeit, wie ich sie verstehe, kommt als Besonderheit hinzu, dass je nach Arbeitsform eine Begegnung nicht möglich ist. Hat man nur das nackte Genogramm vor sich liegen, also eine Zusammensetzung von KĂ€stchen, Kreisen, Linien und Jahreszahlen etc., kann man ZusammenhĂ€nge herstellen und sich einen Reim darauf machen (Mustererkennen), d. h. eine Deutung produzieren.6
Begegnung in der Genogrammarbeit ist v. a. dann möglich, wenn man das Genogramm zusammen mit Klienten erhebt. Dann kann man auch die Geschichten hören, die der Klient zu seinem Genogramm zu erzĂ€hlen weiĂ.
Nun komme ich zu einem Fallbeispiel, mit dem ich beabsichtige, die soeben vorgetragenen WorterklĂ€rungen mit Leben zu fĂŒllen.
Ein Beispiel fĂŒr das Mustererkennen
Beim Mustererkennen kommt es darauf an, einige wenige Daten in ihrem Zusammenhang zu erkennen und diesem Zusammenhang einen Namen zu geben.
Die Familie Dittrich steht im Mittelpunkt meines Buchs Fallrekonstruktive Familienforschung (Hildenbrand 2005a). Als ich diese Familie in einem abgelegenen Tal des Rothaargebirges zum ersten Mal besuchte, stellte ich fest, dass
âdas Wohnhaus dieser Familie am Ortsrand liegt, und zwar direkt am Weg zum Friedhof;
âdas gröĂte Fenster des Hauses vis-Ă -vis des am Haus vorbeifĂŒhrenden Weges liegt;
âdieses Fenster gelb getönt und geriffelt ist, sodass man von innen und auĂen nicht hindurchblicken kann.
Zieht man diese vier Informationen zusammen, stöĂt man auf einen zentralen Widerspruch, allerdings nicht sofort, sondern erst nach einer Zeit, nachdem man sich mit dieser Familie gesprĂ€chsweise und beobachtend auseinandergesetzt und ĂŒber den Fall nachgedacht hat: auf den Widerspruch von NĂ€he und Distanz. (Das ist ein abduktiver Schluss,7 auf dessen Logik ich in...
Table of contents
- Cover
- Titel
- Impressum
- Inhalt
- Vorwort
- 1 Von der EinfĂŒhrung in die Genogrammarbeit zur Genogrammarbeit fĂŒr Fortgeschrittene
- 2 Vornamen als Deutungsressourcen bei der Genogrammarbeit
- 3 Geschwisterbeziehungen
- 4 Weiterentwicklungen in der Genogrammarbeit
- 5 Integrative Darstellung der hier entwickelten Konzepte zur Genogrammarbeit mit einem Fallbeispiel einer Paarberatung
- 6 Immer wieder gestellte Fragen
- Anhang
- Literatur
- Namens- und Personenverzeichnis
- Ăber den Autor
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