Fast 20 Jahre lang sammelte Eigel Wiese Material für sein Buch über die Sklavenschiffe. Ob in der unendlichen Weite der Sahara, in Lissabon oder den Südstaaten der USA, ob auf Madagaskar oder in der Karibik und nicht zuletzt in Europa - überall wurde er fündig, und es enthüllte sich ein Bild unmenschlicher, skrupelloser Geschäftemacherei.Eigel Wiese vermittelt ein realistisches Bild dessen, was damals an Bord von Sklavenschiffen wirklich geschah, und gibt damit tausenden von Afrikanern, die zu den Zuckerrohrplantagen in Westindien und zu den Baumwollfeldern der amerikanischen Südstaaten in die Sklaverei segelten, eine Stimme.Der Titel erscheint als reflowable ebook.

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Information
Die Abschaffung der Sklaverei
vergrößerte zunächst die Leiden
Dänemark hatte als erste Kolonialmacht im Jahre 1803 die Sklaverei abgeschafft. Die Französische Revolution mit ihren Idealen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit bereitete innerhalb Europas den Boden für das Umdenken und lieferte Gegnern der Sklaverei, sogenannten Abolitionisten, ihre Argumente. Doch trotz seiner Revolution mit der zündenden Parole »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit« verbot Frankreich selbst den Sklavenhandel erst 1818, und zwar unter massivem Druck aus England, wo er bereits seit 1807 untersagt war. Doch auch die Briten hatten sich nicht so einfach für die Humanität entschieden, Gegner und Befürworter führten lange und heftige Diskussionen in der Bevölkerung, im Parlament und in den Zeitungen, die je nach politischer Einstellung die Sklaverei verharmlosten oder als besonders brutal darstellten.

Mit dem Modell eines britischen Sklavenschiffes, das die enge Belegung auf der Mittelpassage zeigte, überzeugte William Wilberforce das englische Parlament von der Notwendigkeit, den Sklavenhandel abzuschaffen.
Es gab rückblickend viele Vermutungen, weshalb ein europäischer Staat, der jahrzehntelang am Sklavenhandel gut verdient hatte, ihn nun innerhalb recht kurzer Zeit verbot. Neben den humanitären Beweggründen ist eine der Hypothesen, daß mit Nutzung der Dampfkraft eine Energiequelle zur Verfügung stand, die bald viele menschliche Arbeitskräfte überflüssig machen würde. Da die Regierung bei weiteren Importen afrikanischer Sklaven in die Kolonien fürchtete, diese könnten nach Umstrukturierung der Wirtschaft zur erheblichen Belastung des dortigen Gesellschaftsgefüges werden, trafen sie Maßnahmen, die Sklavenfahrt zu unterbinden.

Nach dem Verbot der Sklaventransporte landeten Schmuggler ihre menschliche Fracht in Orten wie der kleinen Karibikinsel Dominique an.
Eine weitere Hypothese besagt, England hätte zu dieser Zeit bereits die Absicht gehabt, Kolonien in Afrika zu erwerben, und wollte deshalb die Bevölkerung der Länder schonen.
Das am 1. März 1807 in Kraft tretende Verbot umfaßte nur die neue Einfuhr von Sklaven aus Afrika und befreite sie keinesfalls im Mutterland und den Kolonien. Der Handel von bereits in Amerika lebenden Sklaven war ebenfalls nicht verboten. Es war sogar erlaubt, sie per Schiff von einer Kolonie in eine andere zu bringen. Ein Passus, den die von Sklavenhändlern zu Sklavenschmugglern gewordenen Kapitäne der Segler im Dreieckshandel zu nutzen wußten. So brauchten sie nur unbehelligt einen Hafen der Neuen Welt anzulaufen, erhielten dort gegen Geld neue Ladungspapiere, die aus den frisch eingetroffenen Schwarzen welche machten, die schon lange in den Kolonien lebten, und konnten sie ungehindert weitertransportieren und verkaufen.
Besonders Kuba entwickelte sich zur Drehscheibe zwischen illegalem und legalem Sklavenhandel. Der amerikanische Konsul in Havanna, Nicolas P. Trist, war ein Verfechter der Sklaverei hatte sich, um die Territorien zu vergrößern, auf denen innerhalb der USA Sklavenhaltung erlaubt war, für die Annexion von Texas stark gemacht und wollte ihr baldmöglichst die Annexion Kubas folgen lassen. Bei diesem Mann fanden Sklavenschmuggler bereitwillige Unterstützung, obgleich auch die Vereinigten Staaten am 1. Januar 1808 die weitere Einfuhr afrikanischer Sklaven in ihr Land verboten hatten und den Handel kontrollierten. Sie hatten jedoch, ähnlich wie später die Franzosen, vereinbart, daß amerikanische Schiffe nur von amerikanischen Patrouillen aufgebracht werden dürften. Dank der Hilfe des Konsuls brauchte kein Kapitän eines Sklavenschiffes Ladungspapiere zu fälschen, sondern erhielt Unterlagen, die jeder Uberprüfung standhielten. So gab Trist Blankopapiere aus, in die Kapitäne je nach der Situation, in der sie aufgebracht wurden, entlastende Daten über Reiseziel und Art der Ladung eintragen konnten. Trist händigte sogar mehrere Sätze von Schiffspapieren aus. Ein Mitglied der Untersuchungskommission des amerikanischen Kongresses erklärte deren Verwendung bei einer Sitzung im Jahre 1838 folgendermaßen: »Werden solche Schiffe von britischen Kriegsschiffen aufgebracht, dann geben sie sich als amerikanische Handelsschiffe aus und können nicht durchsucht werden. Werden sie aber, so selten es auch vorkommen mag, von einem amerikanischen Kriegsschiff gestoppt, dann sind sie eben spanisch oder portugiesisch …«


Es gab heftige Gefechte vor der afrikanischen Küste zwischen Sklavenhändlern und englischen Wachtschiffen.


Mit Ruderbooten enterten die englischen Mannschaften der Wachtschiffe Sklavenschmuggler und durchsuchten sie.
Um des Sklavenschmuggels Herr zu werden, verschärfte das englische Parlament zunächst die Gesetze. Ab 1811 wurde Sklavenhandel in allen englischen Kolonien als Schwerverbrechen mit Kerker, ab 1824 sogar mit dem Tode bestraft. Eine hohe Strafe für ein Verhalten, das bislang durchaus als bürgerlich geachtet galt.
Außerdem bemühte sich die englische Regierung auf diplomatischer Ebene, andere Staaten gleichfalls zur Abschaffung des Sklavenhandels zu bewegen. So bot sie 1808 pikanterweise der spanischen Regierung, für die sie früher einmal Sklaven importiert hatte, eine Entschädigung von 850 000 Pfund Sterling und eine Anleihe von zehn Millionen Dollar bei einem entsprechenden Verbot. Allerdings ohne Erfolg, anscheinend brachte der Dreieckshandel mehr ein.
Kaum war das englische Verbot des Sklavenhandels in Kraft getreten, da übernahm auch schon die britische Flotte die Kontrolle der afrikanischen Küste. Der Anfang war bescheiden: 1808 war für die Überwachung eines 3000 Kilometer langen Küstenstreifens eine Fregatte mit 32 Kanonen und eine Schaluppe mit 18 Kanonen zuständig. Die Gegner der Sklaverei bemängelten jahrelang, es würden zu wenige und zu alte Schiffe eingesetzt.
Um 1820 wurden vier weitere Schiffe vor die Guineaküste beordert. Was die Sklavereigegner immer noch erboste, denn zur gleichen Zeit schickte die englische Regierung zwölf Schiffe nach St. Helena, um den dort gefangenen französischen Kaiser Napoleon zu bewachen. Erst um 1840 war die Zahl der Schiffe auf 25 bis 30 gestiegen. Bis 1870 gab es zeitweise rund 50 englische Kriegsschiffe mit zusammen 1000 Mann Besatzung, die jedes Schiff aufbrachten, das sie verdächtigten, Sklavenhandel zu betreiben. Die Besatzungen dieser Schiffe zahlten für ihren befohlenen Einsatz für die Menschlichkeit einen hohen Preis – zwischen 1825 und 1845 waren die Verluste bei den vor Afrika eingesetzten Verbänden dreimal so hoch wie in den übrigen Einheiten der britischen Flotte. Kämpfe mit Sklavenfahrern und tropische Krankheiten forderten ihren Tribut.
Um in den Regionen schwacher Winde an der Guineaküste Sklavenschmugglern auf jeden Fall überlegen zu sein, konstruierte eine englische Werft eine Korvette, die über der Royalrah, der üblicherweise höchsten Rah von Segelschiffen, noch Skysegel, Mondsegel, Himmelskratzer, Engelskratzer und Wolkenfeger fuhr.
Auf europäische und überseeische Staaten übte die britische Regierung diplomatischen Druck aus, damit auch sie den Sklavenhandel verboten und es britischen Schiffen gestatteten, verdächtigte Schiffe zu entern, sie zu kontrollieren und ihre Besatzungen in Haft zu nehmen, wenn sich der Verdacht bestätigte.
Im April 1822 segelte Leutnant Wildenay mit einigen Schiffen vom Geschwader des Kommandierenden Admirals Sir Robert Wends an die Guineaküste. Vor der Küste von Sierra Leone entdeckte er zwei Schoner und vier Briggs. Es waren die YEANAM, ein spanischer Schoner aus Havanna mit 380 Sklaven an Bord, die ebenfalls spanische LA VINCA mit 325 Sklaven, die französische Brigg PETITE BETZY aus Nantes mit 318 Sklaven und die französische Brigantine URSULE aus Saint-Pierre-Martinique mit 347 Sklaven. Die französische Brigg THEODORE hatte noch keine Ladung übernommen.
Die Besatzungen wehrten sich verzweifelt, fielen aber doch in die Hände der Engländer. Während der Gefechte waren eine große Zahl von Sklaven über Bord gesprungen, weil sie Angst vor den einschlagenden Geschossen hatten, doch nun wurden sie von Haien angegriffen.

Die Sklavenschmuggler versuchten alle Beweise zu vernichten, indem sie bei einer Verfolgung Sklaven lebend über Bord warfen.
Als der Schoner LA VINCA erobert wurde, entdeckte ein Matrose eine brennende Lunte und löschte sie sofort. Keinen Augenblick zu früh, sie hing über dem gutgefüllten Pulvermagazin. Hätte sie gezündet, wäre nicht nur das englische Prisenkommando, sondern auch 325 aneinandergekettete Sklaven in einem riesigen Feuerball zerrissen worden.
Nachdem Frankreich ebenfalls ein Verbot des Sklavenhandels unterzeichnet hatte, unterhielt es eine etwa 20 Schiffe umfassende Flotte von Jagdschiffen in seinem Einflußbereich. Die USA schickten ganze drei Schiffe an die Guineaküste, der Kongreß hatte für den Patrouillendienst im Jahre 1819 100 000 Dollar bewilligt, die 1823 schon auf die Hälfte zusammengestrichen wurden.
Aufgebrachte Schiffe wurden nach Sierra Leone oder in amerikanische Häfen gebracht, wo international besetzte Gerichte, sogenannte mixed commissions, den Fall untersuchten und ihre Urteile sprachen. Doch die riesigen Entfernungen der afrikanischen Küsten ließen sich kaum lückenlos kontrollieren. Auch die Sklavenhändler verbesserten ihre Methoden, andere Nationen nahmen die Stelle der Engländer im Handel ein, und so hatte der Sklavenhandel nach kurzer Zeit wieder Ausmaße wie vor dem britischen Verbot erreicht.
Es gibt Berechnungen, nach denen zwischen 1825 und 1865 eine Million Sklaven nach Amerika verschifft wurden, während nur etwa 130 000 Sklaven von 1287 aufgebrachten Schiffen befreit wurden.
Bei so geringem Risiko und den nach dem Importverbot erheblich gestiegenen Preisen für Afrikaner auf dem amerikanischen Markt entwickelte sich der Sklavenschmuggel zu einem Geschäft, das noch mehr Gewinne abwarf als zu Zeiten des legalen Handels.
Aber die Händler mußten eben doch damit rechnen, daß hin und wieder eines ihrer Schiffe verlorenging. Sie reagierten darauf, indem sie diese nun voller stopften als in den Jahren des legalen Handels; es gibt Berichte, nach denen früher für 400 Sklaven vorgesehene und zugelassene Schiffe 650, 700 und noch mehr transportierten. Mehrere Fälle wurden bekannt, in denen die Afrikaner übereinandergestapelt wurden – nicht wie zu früheren Zeiten auf Zwischendecks, sondern unmittelbar, Körper über Körper. Und das für eine 40 oder 50 Tage dauernde Reise in tropischen Gewässern.
Da das Beladen eines Schiffes nach dem Verbot heimlicher und schneller ablaufen mußte, verzichteten die Kapitäne auf gesundheitliche Kontrollen. Epidemien Bereiteten sich aus. Unter ...
Table of contents
- Cover
- Titel
- Impressum
- Inhalt
- Weiße Seeleute als Sklaven und die »Casse der Stücke von Achten«
- Las Casas – ein Freund der Indianer vergrößerte das Leid der Afrikaner
- Brandenburger, Schleswiger und andere Deutsche in der Sklavenfahrt
- Der Menschenhandel war bürokratisch geregelt
- Eisenplatten, Schnecken und Kattun – Währung für den Kauf von Menschen
- Auf Gorée begann für viele afrikanische Sklaven der Leidensweg nach Amerika
- Die berüchtigte Mittelpassage
- Ein Preuße als Sklavenkapitän und ein afrikanischer Sklave erinnern sich
- Sklavenaufstände auf Schiffsplanken
- Piratenschiffe – Tod, Verderben und große Chance für die Sklaven
- Zitadelle La Ferrière – Ausdruck der Angst vor neuer Versklavung
- Die Abschaffung der Sklaverei vergrößerte zunächst die Leiden
- Sklavenhandel der Araber im Osten Afrikas
- Quellennachweis
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