Wie aus Menschen MĂ€nner werden.Wie wird man zum Mann? Hierzu braucht der Mann fĂŒnf einschneidende Erlebnisse: 1. Beschneidung, 2. MilitĂ€rdienst, 3. Arbeit finden, 4. Heirat und 5. Vater (eines Sohnes) werden. Der MilitĂ€rdienst ist ein besonders anschauliches Beispiel: eine PrĂŒfung, die nur bestanden ist, wenn der Mann »gebrochen« wurde und seinen Platz in der AutoritĂ€tshierarchie eingenommen hat. Ăber Interviews mit 58 MĂ€nnern, die ihren MilitĂ€rdienst, ihre Sozialisation und ihre Empfindungen wĂ€hrend dieser Zeit schildern, beschreibt die Soziologin Pinar Selek, wie junge MĂ€nner in der TĂŒrkei die Zeit ihrer IdentitĂ€tsfindung erleben. Die GesprĂ€che zeigen einen Querschnitt durch die ganze Gesellschaft der TĂŒrkei. Unter den MĂ€nnern sind unter anderem auch Kurden und Armenier.»Zum Mann gehĂ€tschelt. Zum Mann gedrillt.« beleuchtet nicht nur die Erfahrungen in der TĂŒrkei, sondern fordert auf, Mannsein auf universeller Ebene zu hinterfragen. So bildet es die GesprĂ€chsgrundlage fĂŒr generelle Diskussionen darĂŒber, wie die sexistisch-patriarchalische Kultur die Menschen auch die MĂ€nner - unterdrĂŒckt.

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Zum Mann gehÀtschelt. Zum Mann gedrillt.
MÀnnliche IdentitÀten
- 240 pages
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Information
1. Kapitel:
Anstelle einer EinfĂŒhrung: Ăber mein Vorgehen
Ich sah Ihn1, gleichzeitig erstaunt und gequĂ€lt, im Fernsehen. Er brĂŒllte: »Pass bloĂ auf und sei ja vernĂŒnftig!« und versuchte, seiner Miene einen harten Ausdruck zu verleihen. Das war der Moment, in dem ich mich entschied, dieses Buch zu schreiben.
Ich zitterte. Ich fĂŒhlte mich an die Blicke der Menschen erinnert, die die Fenster der Transvestiten in der ĂlkerstraĂe zerschlugen und alles um sich herum in Flammen hatten aufgehen lassen. Und an die Mienen der FuĂballfans, die in Bursa geschrien hatten: »Tod den Transen!« Ich rief mir weitere Szenen ins GedĂ€chtnis. Ich sah verzerrte Gesichter, die »Pass bloĂ auf und sei ja vernĂŒnftig!« schrien und ich sah all die anderen, uns Frauen so vertrauten Bilder.
Mich beschĂ€ftigte die Frage, was ich aus all dem machen sollte. SchlieĂlich verspĂŒrte ich einen ausschlaggebenden Wunsch: Ich wollte die Geisteshaltung hinterfragen, »die aus einem Kind einen Mörder machte.« Ich wollte diesen »Mörder«, diesen »Mann«, diesen »Jungen« durch das Prisma des Feminismus betrachten.
Dieser Wunsch eröffnete mir ein weiteres Feld. Yasin, Hasan, Kemal ⊠. Noch mehr als der Grund, aus dem sie zu Mördern wurden, interessierte mich, wie es dazu kam, dass sie »Pass bloĂ auf und sei ja vernĂŒnftig!« schrien, wie sie zu MĂ€nnern geworden waren, warum und wofĂŒr sie sich so aufspielten. Also begann ich zu recherchieren. Gleich zu Beginn stellte ich fest, dass diese Recherche auch seitens feministischer Positionen notwendig geworden war.
Der Feminismus hat der in sexistisch-ideologischen Mustern gefangenen Frau ihr Wort zurĂŒckgegeben. Forschungen auf dem Gebiet des Feminismus entwickelten sich parallel zu weiteren gesellschaftlichen Bewegungen. Indem sie die verschiedenen Gesichter des Patriarchats sichtbar machten, konnten sie auch die Geschichtsschreibung neu interpretieren. LandlĂ€ufige wissenschaftliche Methoden und Annahmen wurden auf den Kopf gestellt. So genannte biologische Geschlechtsunterschiede wurden als eine Vorstellung, als ein gesellschaftliches Konstrukt entlarvt, das sĂ€mtliche politische und gesellschaftliche Institutionen durchdringt. Sowohl die weibliche als auch die mĂ€nnliche Sicht auf die Geschlechtertrennung wurden in einem anderen Licht beleuchtet und schlieĂlich erfolgte eine neue Betrachtungsweise auch weiterer gesellschaftlicher PhĂ€nomene.
Aufgrund der Unsichtbarkeit weiblicher Erfahrungen denkt man bei dem Begriff »Geschlechterforschung« zunĂ€chst an Untersuchungen ĂŒber Frauen. In den letzten zwanzig Jahren hat jedoch der Begriff der MĂ€nnlichkeit aus feministischer Sicht verstĂ€rkt Aufmerksamkeit erhalten.2 Die MĂ€nnlichkeitsforschung, die weltweit Ende der Siebziger Jahre und in der TĂŒrkei erst vor kurzem ihren Anfang nahm, hat in relativ kurzer Zeit ein beachtliches Repertoire an Arbeiten zusammengetragen. Anhand dieses Repertoires werden aktuell verschiedene Analysen entwickelt. Die Codes des Patriarchats können besser entziffert werden, wenn die Geschlechtertrennung aus weiblicher sowie mĂ€nnlicher Sicht analysiert wird. Es macht Sinn, das Augenmerk darauf zu lenken, durch welche Mechanismen »MĂ€nnlichkeit« produziert wird, wie MĂ€nner innerhalb dieser Mechanismen positioniert werden und wie diese Mechanismen untereinander verflochten sind.
Dennoch stehen wir immer noch ganz am Anfang dieses Weges. Eine tiefere Auseinandersetzung mit der »Erfahrung« der MĂ€nner steht noch aus. Der Geschlechterforscher Kandiyoti begrĂŒndet diesen Bedarf auch mit der Notwendigkeit neuer MĂ€nnlichkeitsmodelle: »Es lohnt sich, ĂŒber Institutionen (âŠ) nachzudenken, die Macht, Gewalt, RivalitĂ€t und Wettbewerb in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen schĂŒren, (âŠ) um bestehende Macht- und Herrschaftsbeziehungen zu erhalten. Ăberlegungen dieser Art schaffen die Gelegenheit fĂŒr neue MĂ€nnlichkeitsmodelle.«3
Auch Tayfun Atay, Journalist und Professor an der UniversitĂ€t Ankara, argumentiert, dass das Eindringen in die »IntimsphĂ€re des Mannes« eine Möglichkeit eröffnen wĂŒrde, zu sehen, in welchem MaĂ das »Menschsein« fĂŒr das »Mannsein« aufgegeben wird; als Mann beklagt er einen eklatanten Mangel auf diesem Gebiet: »Wir wissen nicht wirklich, wie viele MĂ€nner an der âșMĂ€nnlichkeitâč leiden, wie viel Anstrengung ein Mann darauf verwendet, âșMĂ€nnlichkeit zu meidenâč, um am Ende doch nur wieder mehr MĂ€nnlichkeit produzieren zu mĂŒssen.« 4
Gesellschaften verfĂŒgen ĂŒber verschiedene Mechanismen, die in Verbindung mit herrschenden Normen allgemein anerkannte Geschlechtsmuster entwerfen, nach denen einzelne Individuen geformt werden. Solche genderisierenden Mechanismen gliedern die grundlegendsten »BedĂŒrfnisse« und die »unverzichtbaren« Elemente des Alltags. Sie fĂŒgen sich in den verschiedenen Phasen gesellschaftlicher Geschlechterproduktion zu einer vielschichtigen Einheit zusammen, die das Denken ĂŒber die Geschlechtertrennung am Leben erhĂ€lt und mĂŒhelos mit den Werten gesellschaftlicher Institutionen einhergeht. Kinderspiele, Schulmannschaften, Sport, Freundesgruppen, familiĂ€re Milieus, ArbeitsplĂ€tze und Wehrdienst sind nur einige solcher Mechanismen, die in weibliche und mĂ€nnliche Geschlechtsmuster zerfallen. Diese Trennung wird gleichzeitig zur Grundbedingung einer gesellschaftlichen Existenz. Die Existenz eines Individuums wird erst dann akzeptiert, wenn es sich einer genderisierten, also imaginĂ€ren Gemeinschaft zuordnen lĂ€sst.
Geschlechternormen sind jedoch keine unverĂ€nderlichen Kategorien. Gesellschaftliche Systeme erschaffen ein Regime der Geschlechtertrennung, das den sozialen, politischen und ökonomischen BedĂŒrfnissen entspricht. Bedeutungen, mit denen die Geschlechtsunterschiede aufgeladen werden, Ă€ndern sich entsprechend dieser BedĂŒrfnisse. So, wie Frauen mithilfe unterschiedlicher Mechanismen vereinheitlicht werden, so werden auch MĂ€nner mithilfe dieser gesellschaftlichen Konstruktionen, ihren Mitteln und Ritualen, zu »richtigen MĂ€nnern« gemacht.
Meine Untersuchung bezieht sich vorwiegend auf die Situation in der TĂŒrkei. Wie erlernt ein Mann in der TĂŒrkei MĂ€nnlichkeit? Welche Institutionen spielen bei der Produktion mĂ€nnlicher IdentitĂ€t eine Rolle? Wie wird die Persönlichkeit der MĂ€nner in der Phase ihrer Mannwerdung beeinflusst, wofĂŒr können sie sich öffnen und wovor verschlieĂen sie sich? Vor welchem Hintergrund entwickelt sich ihr Verhalten gegenĂŒber Frauen? Wie nehmen sie ihre eigene MĂ€nnlichkeit wahr, wie definieren sie sie? Welche Rolle spielen Machtbeziehungen untereinander bei der Bildung des Patriarchats?
Mit diesem Buch mache ich mich auf die Suche nach Antworten. Im Mittelpunkt dieser Suche steht die Zeit des Wehrdienstes, um anhand dieses Beispiels Hinweise zu finden.
Isoliert von ihrem sozialen Umfeld, mit dem Ziel, einen »obligatorischen Dienst« abzuleisten, verbringen MĂ€nner einen festgelegten Zeitabschnitt in einer reinen »MĂ€nnergesellschaft«. Eine Erfahrung, die ihre GeschlechtsidentitĂ€t entscheidend formt. Sie zeigt einerseits alle geschlechtsspezifischen Mechanismen, die den gesellschaftlichen Alltag durchdringen; andererseits ĂŒbt sie eine tief greifende Wirkung auf das gesamte weitere Leben der MĂ€nner aus.
Aus feministischer Sicht gibt es verschiedene Fragen, die sich zum Thema der Wehrdiensterfahrungen stellen: Welche Rolle spielt der Wehrdienst bei der Schaffung von MĂ€nnlichkeit? Welchen Platz nimmt er in der Welt der MĂ€nner ein? Wie beeinflussen die Bedeutungen, mit der die Gesellschaft den Wehrdienst und die »obligatorische Dienstzeit« auflĂ€dt, die Entwicklung junger MĂ€nner? Auf welche Art nĂ€hren sich militaristische Mechanismen und das daran anschlieĂende Denken aus einer sexistischen Ideologie? Welche Rolle spielt die Maschinerie des MilitĂ€rs bei der Schaffung von MĂ€nnlichkeit?
Analysen der Verschmelzungen und Abgrenzungen, die in MÀnnlichkeitsrollen erlebt werden, können ebenfalls einen Beitrag zu verschiedenen Diskussionen und Fragestellungen leisten. In diesem Buch beschrÀnke ich mich darauf, eine Diskussion zu entfachen, die das zwischen MÀnnlichkeitsmythos, Gewalt und Machtbeziehungen eingepferchte Individuum sichtbar werden lÀsst.
Bei meiner Suche nach Antworten interessierte mich weniger die Schilderung des Erlebten selbst, sondern vielmehr die Art, in der sich MĂ€nner an das Erlebte erinnern. Um zeigen zu können, wie die Auseinandersetzung mit diesem Thema sich verĂ€ndert, befragte ich im Sinne der Oral History ausschlieĂlich Zeitzeugen und lieĂ sie frei erzĂ€hlen.
Die Auswahl der befragten MĂ€nner stellt reprĂ€sentativ die gesellschaftliche Vielfalt der TĂŒrkei dar. Wie machen sich unterschiedliche Klassenzugehörigkeiten wĂ€hrend des Wehrdienstes bemerkbar? Wie beeinflussen Bildungsstand und politisch-ideologische Neigungen die Deutung und das VerstĂ€ndnis dieses Zeitabschnittes? Wie verĂ€nderten sich im Laufe der Zeit Wehrdienst und das gesellschaftliche Bild von MĂ€nnlichkeit? Welche Verbindungen existieren zwischen der Kaserne und anderen Lebensbereichen? Wie beeinflussen unterschiedliche kulturelle oder geographische Herkunft die Erfahrungen? Oder unterschiedliche sexuelle Orientierungen? Oder der Umstand, beim MilitĂ€r zu sein, wĂ€hrend man sich eigentlich als Frau fĂŒhlt? Wie sehr werden MĂ€nnergemeinschaften geprĂ€gt von verschiedenen Kriegs- und Gewalterfahrungen, so wie in Korea, Zypern, Somalia, in GefĂ€ngnissen, bei kriegerischen Konflikten im Osten der TĂŒrkei oder der Mobilmachung im Westen des Landes? An was erinnern sich die MĂ€nner, was streichen sie aus ihrem GedĂ€chtnis? Um Antworten auf diese Fragen zu finden, interviewten wir in einem Team 58 MĂ€nner. Dabei achteten wir darauf, dass sie aus unterschiedlichen Klassen, Berufs- und Altersgruppen stammten und verschiedene kulturelle und ideologische HintergrĂŒnde mitbrachten. Das GesprĂ€chsmaterial, das so entstand, ist auch fĂŒr weitere Untersuchungen von Nutzen.5
Die Interviews fanden gröĂtenteils ausschlieĂlich unter MĂ€nnern statt, da es ihnen schwer fiel, ihre Erfahrungen mit einer Frau zu teilen. Leichter fiel es ihnen, sich mit MĂ€nnern zu unterhalten, die ebenfalls ihren Wehrdienst geleistet und Ă€hnliche Erfahrungen gemacht hatten wie sie selbst. Diese Aufgabe haben HĂŒseyin Deniz und İrfan Uçar ĂŒbernommen.
Als die gesellschaftlich sehr verbreiteten »MilitĂ€rerinnerungen«, die bei MĂ€nnergesprĂ€chen zur festen Tagesordnung gehören, auf einmal die Form einer wissenschaftlichen Untersuchung annahmen, traten verschiedene Probleme auf. Zahlreiche MĂ€nner, die zuerst einverstanden waren, ĂŒber ihre Wehrdiensttage zu sprechen, Ă€nderten ihre Meinung, als sie sahen, dass die GesprĂ€che aufgenommen werden sollten. Auch schreckte ein groĂer Teil der MĂ€nner davor zurĂŒck, dass ihr Name an irgendeiner Stelle veröffentlicht werden könnte. WĂ€hrend manche dies mit der Aussage: »Wir möchten uns nicht vor den Leuten blamieren« begrĂŒndeten, sagten andere: »Ich möchte nicht, dass mein Name ĂŒberall veröffentlicht wird« und: »Das ist doch jetzt vorbei (âŠ) die Vergangenheit soll ruhen. Ich erzĂ€hle, um Ihnen weiterzuhelfen, aber ich will nichts weiter damit zu tun haben.«
Also Ă€nderten wir die Namen der MĂ€nner, mit denen wir sprachen. Ist nicht das Vorhandensein dieser Beklommenheit allein schon Antwort auf die Fragen, denen dieses Buch nachgeht? Der Umstand, dass Erfahrungen nicht offen mitgeteilt werden können, sagt viel ĂŒber den Seelenzustand der MĂ€nner aus, die sie gemacht haben. Da oft ĂŒber den »Wehrdienst« gesprochen wird, ist er kein Tabuthema, jedoch eines, vor dem man Angst hat. Wie sonst lieĂe es sich erklĂ€ren, dass einige MĂ€nner von einem Interview Abstand nahmen, als sie erfuhren, dass es aufgenommen werden solle? Zudem wird das uneingeschrĂ€nkte Mitteilen von erlebten Schmerzen, ungerechter Behandlung und SchwĂ€chemomenten auch als Verweichlichung, als Effeminisierung erlebt. In der Regel verstummen MĂ€nner unter der Last des MĂ€nnlichkeitsmythos; sie sind nicht in der Lage, ĂŒber einen wichtigen Teil ihres eigenen Lebens zu reden; es fĂ€llt ihnen besonders schwer, ĂŒber GefĂŒhle zu sprechen und sie reden weniger unbeschwert ĂŒber ihre privaten Erlebnisse, als Frauen das in der Regel tun. Das AusmaĂ der wĂ€hrend der GesprĂ€che gemachten Bekenntnisse bringt einige innere Konflikte ans Licht, die MĂ€nner gewöhnlich nicht mit der Ăffentlichkeit teilen möchten. Zwar wird versucht, dieses Trauma zu ĂŒberwinden, indem es beispielsweise in der Form von Witzen stĂ€ndig zur Sprache gebracht wird. Eine tatsĂ€chliche Konfrontation damit fĂ€llt jedoch sehr schwer, ganz besonders in aller Ăffentlichkeit.6
Wir waren darum bemĂŒht, dass die MĂ€nner wĂ€hrend der GesprĂ€che nicht nur Vertrauen zu uns, sondern auch zu sich selbst fassen konnten; dass sie ĂŒber ihre Erfahrungen nachdenken, sie sich ins GedĂ€chtnis rufen und ihre Geschichten genau schildern konnten. Es gelang HĂŒseyin und İrfan, die ja selbst Ă€hnliche Erfahrungen gemacht hatten, diese Vertrauensbasis im Verlauf der VorgesprĂ€che aufzubauen. Das fĂŒhrte dazu, dass die Mehrheit der befragten Personen detailliert ĂŒber ihre Erfahrungen sprach. Selbst diejenigen, die wĂ€hrend der vorbereitenden GesprĂ€che angaben, nicht viel zu erzĂ€hlen zu haben, gaben spĂ€ter ausfĂŒhrliche Schilderungen.
Wir stieĂen in den ErzĂ€hlungen auch auf verschiedene WidersprĂŒche. Manche Geschichten vermitteln gar das GefĂŒhl des Fiktiven oder der Ăbertreibung. Da wir jedoch keinesfalls erwarteten, dass die MĂ€nner ihre Erlebnisse eins zu eins wiedergaben, stellt dieser Umstand kein Problem dar. Wir nahmen an, dass wir im Zuge der GesprĂ€che auf verschiedene Formen der Verzerrung treffen wĂŒrden. Zumal wir die LĂŒge als eine Form der Kommunikation anerkennen, waren wir auf das Erlebte selbst eigentlich weniger gespannt. Eher waren wir neugierig darauf, wie die Erfahrungen umgewandelt, was die MĂ€nner in welcher Form ĂŒbertreiben, verheimlichen, erfinden oder abwandeln wĂŒrden. Wir wollten nicht einfach nur darstellen, sondern sehen, welche Erfahrung auf welche Art gemacht, wie sich daran erinnert und wie sie zum Ausdruck gebracht wird.
Nach dem Abschluss der GesprĂ€che breiteten sich viele Stunden ErzĂ€hlmaterial vor mir aus. WĂ€hrend ich die Texte las, hatte ich auf den ersten Blick den Eindruck, immer wieder die gleiche Geschichte zu lesen. Es fiel mir anfangs schwer, die Schilderungen auseinander zu halten. Als ich spĂ€ter den gleichen Text erneut betrachtete, wurde mir klar, dass jeder Mann, genau wie Frauen, sein individuelles Abenteuer allein und auf eigene Art erlebt. Die Lebensgeschichten der MĂ€nner, die alle ĂŒber »den gleichen Ladentisch« gegangen waren, die eine sehr Ă€hnliche Sprache sprechen und zu fast identischen SchlĂŒssen kommen, waren dennoch alle einzigartig. Diese Einzigartigkeit zeigt, dass es kein allgemeingĂŒltiges Patriarchat gibt und macht zudem Geschlechterhierarchien sichtbar, die durch sich stĂ€ndig Ă€ndernde politischen Phasen und Machtbeziehungen entstanden und entstehen.
Trotz dieser Vielfalt zeichnete sich dennoch ein altbekanntes Bild ab. »Gewöhnliche Menschen, die in von anderen ĂŒber sie erstellten Dokumenten wie Strohfeuer erschei...
Table of contents
- Cover
- Titel
- Inhaltsverzeichnis
- Vorwort fĂŒr die deutsche Ausgabe
- 1. Kapitel: Anstelle einer EinfĂŒhrung: Ăber mein Vorgehen
- 2. Kapitel: Stationen der Mannwerdung
- 3. Kapitel: Das geht schon wieder vorbei, heul nicht
- 4. Kapitel: Gute Reise
- 5. Kapitel: Kein Weg zurĂŒck
- 6. Kapitel: Zum Mann gebrĂŒht
- 7. Kapitel: Kriechend zum Mann werden
- 8. Kapitel: Von Mann zu Mann
- 9. Kapitel: Ejakulierende »MÀnnlichkeit«
- 10. Kapitel: Kein Zutritt fĂŒr Weiblichkeit und »Schwuchtelkram«
- 11. Kapitel: Heldenhaftigkeit allein reicht nicht aus
- 12. Kapitel: Und der Mehmetçik wird zu Mehmet
- 13. Kapitel: RĂŒckkehr nach Hause
- 14. Kapitel: Rohen Teig kann man nicht essen
- 15. Kapitel: Anstelle eines Schlusswortes: Auch MĂ€nner weinen
- Liste der Interviewpartner
- Literaturliste
- Impressum
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