FrĂŒher kamen die Matrosen, die Fischer und die Huren. Wenn sie die Zeche nicht zahlen konnten, lieĂen sie etwas am Tresen zurĂŒck: eine ausgestopfte Robbe, einen Rettungsring oder das Gebiss eines Hais. Heute machen die Schiffe in den Containerterminals weit drauĂen fest. Die Haifisch Bar ist wie ein verblichenes Tattoo des alten Hamburger Hafens.In unserem Ebook sammeln wie 15 Geschichten aus der legendĂ€ren Bar an der Wasserkante von Altona. Geschichten, die von der Romantik der Seefahrt erzĂ€hlen, von der Toleranz des Hafens, von einer Sturmflut und natĂŒrlich von wilden NĂ€chten.Wo ein Haifisch ĂŒber der TĂŒr hĂ€ngt, ist kein Ponyhof drin.Ăber Jahre hinweg haben wir diese Geschichten gesammelt. Sie handeln von der Freundschaft alter Seeleute, einem stotternden Hans Albers, einem mutigen Lebensretter oder der Frau mit dem Leguan. Wenn der Hamburger Hafen das Tor zur Welt ist, dann ist die Haifisch Bar der Tresen der Welt.

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DER TRESEN ZUR WELT
Wenn der Hafen das Tor zur Welt ist, dann ist die Haifisch Bar der Tresen. FrĂŒher kamen vor allem Matrosen und Huren, heute sind es GeschĂ€ftsleute, Touristen, StraĂenkehrer und manchmal auch ein Opernstar. Besuch in einer letzten Oase des Alten Hafens.
Die meisten Geschichten spielen tief in der Nacht und haben mit Alkohol zu tun, so ist das an der Hafenkante. Gert Schlufter, der Barbesitzer, 70, ein Mann mit krĂ€ftigen Armen und dem Slang von Sankt Pauli, erinnert sich an die MĂ€nnergruppe, die sich in der Ecke gleich rechts im Nebenraum festtrank. Auf der Bank unter dem GemĂ€lde, das ein Schiff in schwerer See zeigt, mit Ăl gemalt. Es waren Fischdampferleute, finstere, tĂ€towierte Kerle, nach wochenlanger, harter Arbeit zurĂŒck von See, mit dem Ziel, aufgestauten Druck abzulassen. WofĂŒr ihnen nicht viel Zeit blieb, bis der Trawler wieder auslief.
Die Fischer gerieten in einen Streit. Wirt Gert hörte Schreie und einen dumpfen Schlag, dann war Ruhe. Als er um die Ecke kam, sah er den Tomahawk. Er steckte in einer Welle, in der Wand, in seinem GemĂ€lde. âIch habe nichts gesagtâ, sagt Gert. âWas sollte ich auch sagen?â
Die Fischer waren ruhig, offenbar war es ihnen peinlich.
âJetzt stell dich nicht anâ, sagte einer, offenbar derjenige, der das Beil geworfen hatte. Er knallte mehrere Hundert-Mark-Scheine auf den Tisch. âSoll wohl reichenâ, brummte er. âUnd jetzt Bier!â
Hamburg, Altona, GroĂe ElbstraĂe 128, gegenĂŒber der alten KrĂ€ne, wo die groĂen Schiffe tuten: Die Haifisch Bar ist viel mehr als eine Kneipe, sie ist wie ein verblichenes Tattoo des alten Hafens. Wenn Hamburg das Tor ist, dann ist sie der Tresen zur Welt. Alle landen hier im Laufe einer Nacht: Manager und Werftarbeiter, japanische Touristen und StraĂenkehrer. Hinter dem Tresen hĂ€ngt eine gerahmte Galerie der Stars, die hier getrunken haben. Heidi Kabel, Götz George, Jan Fedder, allesamt aus der Abteilung âSchenk noch mal nachâ. Vor Kurzem schaute Massimo Giordano vorbei, der Startenor aus Italien, bevor er in der Staatsoper âToscaâ gab.
Direkt aus der TĂŒr kann man beobachten, wie die groĂen Frachter mit mehr zehntausend Containern an Bord drehen, und dann abbiegen in die Terminals, weit weg von Sankt Pauli und der Haifisch Bar. Die Matrosen haben kaum eine Chance, in die Stadt zu kommen. In der Seemannsmission nebenan, in Torkelweite des Hais, ĂŒbernachten immer mehr Touristen. Blohm+Voss, die alte Werft, baut wieder Stellen ab. Manche sorgen sich, dass aus dem arbeitenden Industriehafen eine Art Disneyland mit angeschlossenen Becken wird. Blau angeleuchtet von KĂŒnstlern, eine BĂŒhne fĂŒr viele GroĂfeiern und eines der beliebtesten Kreuzfahrtziele der Welt. Die Nachbarschaft ist schick geworden, viel Glas, viel Stahl, viel Latte macchiato.
Nur im Hai ist vieles noch wie frĂŒher, Klischee ahoi: Im Hai trinkt man Astra, isst Labskaus statt Sushi, und die Musikbox spielt Hans Albers, Freddy Quinn und Wolfgang Petry. Auch wenn es heute nicht mehr mechanisch schnarrt, wenn eine CD umspringt, sondern das neue GerĂ€t Dateien abspielt. Als der alte Laser defekt war und nicht mehr repariert werden konnte, begannen die SchlagersĂ€nger zu stottern. Nun geht alles digital, so viel Moderne muss dann doch sein.
Manche Nacht im Hai ist wie ein Flug in einer Zeitmaschine, nur das Publikum ist anders als frĂŒher. FrĂŒher kamen vor allem die Matrosen und Fischer, frĂŒher wĂ€rmten sich die Huren auf und besoffen sich die Seeleute aus aller Welt. Wenn sie nicht zahlen konnten, lieĂen sie etwas da: eine Lampe aus Schnapsflaschen, eine ausgestopfte Robbe, einen Rettungsring, ein Schiffsmodell, das Gebiss eines Hais. Oder ein ĂlgemĂ€lde, das einen Trawler in schwerer See zeigt und von dem niemand weiĂ, wer der KĂŒnstler ist. Eines Nachts hing es an der Wand, weil jemand seine Zeche so bezahlte.
Zum Hai gehören Charaktere wie der âblinde Herrmannâ, der zwar nichts sah, aber sehr gut Akkordeon spielte. Je mehr er trank, desto schneller spielte er auf. Dazu gehört die Hure âMicky Mausâ, die wegen ihrer GröĂe und ihres Aussehens so gerufen wurde und die manchmal vergaĂ, ihren Lohn einzufordern. Oder eine Baronin, eine echte Hochadlige, die in einer bierbewegten Nacht am Tresen auftauchte, um nach einem harten Tag einige Sorgen zu vergessen. In einer Ecke stand eine junge, sehr betrunkene Frau auf, drĂ€ngelte sich an den Tresen, knallte Frau Baronin die Hand auf die Schulter und lallte laut: âMach dich mal locka. Sonne von und zus wie du kommân hier öfta!â Danach war groĂes GelĂ€chter, der Kreis der Trinker schloss sich, und Gloria vom Geier zu Wittgenstein war endgĂŒltig in der Haifisch Bar angekommen.
Auch das ist eine Botschaft, die von diesem Tresen ausgeht: Der Hafen ist ein Ort, an dem Menschen aus allen Kulturen zusammenkommen, sich treffen, wieder auseinandergehen. Ein groĂer Hafen bietet die Vielfalt der Welt im Kleinformat, bunt und hektisch und schnell geht es zu, und es ist ein Ort, an dem Toleranz gelebt werden muss, weil es sonst gar nicht a...
Table of contents
- Cover
- Titel
- Impressum
- INHALT
- Haifisch Bar â der Tresen zur Welt
- Sturmflut
- Eine Hure namens âMicky Mausâ
- Woodstock fĂŒr BĂŒrofachangestellte
- Der blinde Herrmann
- Wenn Hans Albers stottert
- Letzter Hafen in der Heiligen Nacht
- Die letzten KrÀne des alten Hafens
- Von der Freundschaft alter Seeleute
- Der Lebensretter aus der Haifisch Bar
- KĂ€ptÂŽn Chuck Norris
- Die Nacht der Kasperschnitzer
- Der Wolpertinger
- Das kleine Schiffchen der groĂen Helden
- Die Frau mit dem Leguan
- Danksagung
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