Die Geschichte vor, wĂ€hrend und nach dem Zweiten Weltkrieg war auch in der neutralen Schweiz geprĂ€gt durch die Wirtschaftskrise, durch MilitĂ€rdienst und Lebensmittelrationierungen, durch technische Entwicklungen und durch die Aufbruchstimmung nach dem Krieg. FĂŒr diejenigen, die sie erlebt haben, fand diese Geschichte in kalten, verdunkelten Wohnzimmern statt, im engen Luftschutzkeller, beim Radiohören mit der Familie, mit dem ersten Chewing Gum und mit dem ersten, einzigen Auto im Quartier. 28 prominente Zeitzeuginnen und Zeitzeugen schauen zurĂŒck und erzĂ€hlen in ihren BeitrĂ€gen davon, wie sie den Krieg und die Vor- und Nachkriegszeit als Kinder und Jugendliche erlebt haben. Ihre persönlichen Geschichten und Schilderungen des Alltags lassen die Vergangenheit lebendig werden und hinterlassen einen fesselnden Eindruck vom LebensgefĂŒhl jener Zeit.

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Jugendjahre in der Schweiz 1930-1950
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Jugendjahre in der Schweiz 1930-1950
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Der neunte Neunte
Das grelle Licht der St. Josefs-Klinik an der Basler SchĂŒtzenmatte und damit das Licht der Welt erblickte ich am neunten Neunten. Was fĂŒr eine GlĂŒckszahl! Das fand ich Jahrzehnte spĂ€ter in China heraus. Aber nicht nur von der glĂŒcklichen Neun durfte ich profitieren, im Familiennamen habe ich ausserdem noch eine Acht. Viele chinesische Bekannte beneiden mich wegen der Neun-Acht. Weil das so ist, gaben mir chinesische Freunde und damit auch die Behörden einen chinesischen Namen, der fast so klingt wie «Achten» aber eine besonders schöne Bedeutung hat: A Cheteng, was so viel heisst wie: «der Kranich, der sich in die LĂŒfte erhebt».
An jenem neunten Neunten war meine Mutter ĂŒberglĂŒcklich und soll mich als das hĂŒbscheste Kind auf Erden bezeichnet haben. Erst spĂ€ter, als meine Freunde die ersten eigenen Kinder bekamen, dĂ€mmerte es mir, dass ĂŒberhaupt alle Babys die hĂŒbschesten Kinder der Welt sind.
Weniger glĂŒcklich war an jenem neunten Neunten der Kinderarzt. Wie er mir Jahre danach schmunzelnd erzĂ€hlt hat, bin ich blau auf die Welt gekommen. Keine Luft hĂ€tte ich beim Anblick des grellen Kliniklichts im irdenen Jammertal bekommen. Deshalb habe er mir bereits am Anfang meines Erdenlebens eine wohldosierte Tracht PrĂŒgel auf den zarten, butterweichen Hintern applizieren mĂŒssen.
ĂberglĂŒcklich war natĂŒrlich auch mein stolzer Vater. Nach einer Tochter im Jahr zuvor war ihm nun auch ein Stammhalter geboren worden. Weil Mama eine begeisterte Johanna-Spyri-Leserin war, bekam meine Schwester den Namen Heidi und ich gezwungenermassen den Namen Peter. Immerhin nicht Geissenpeter, dafĂŒr mit dem Zusatznamen Georges, weil mein Vater französischer Zunge war.
Das reine GlĂŒck war jedoch getrĂŒbt durch den Lauf der Zeiten. Nur neun Tage zuvor hatte Nazi-Deutschland den Zweiten Weltkrieg entfesselt. Vor dem Reichstag rief Adolf Hitler am i. September 1939 aus: «Polen hat heute Nacht zum ersten Mal auf unserem eigenen Territorium auch mit bereits regulĂ€ren Soldaten geschossen. Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurĂŒckgeschossen! Und von jetzt ab wird Bombe mit Bombe vergolten!» Mein Vater rĂŒckte zum Aktivdienst ein.

Heidi und Peter Achten im Basler Zolli in den spÀten Kriegsjahren
Das lang durchzogene, schrille Heulen der Sirenen gehört zu meinen frĂŒhesten Kindheitserinnerungen. Verschlafen rannte ich an der Hand der Mutter in den Keller hinunter. Das war ein ganz gewöhnlicher Keller, kein bundesgenormter Luftschutzkeller wie nach dem Krieg. DafĂŒr war der improvisierte Bombenkeller recht gemĂŒtlich. Jedenfalls ist er das in meiner Erinnerung. Es gab fĂŒr uns Kinder zunĂ€chst immer einen kleinen Riegel Schokolade, eine rare Köstlichkeit in jenen Tagen. Dann durfte ich mich mit meinem Bruder und meiner Schwester auf die am Kellerboden ausgebreitete Matratze legen und friedlich weiterschlafen. Auf zwei mit buntem Segeltuch bespannten GartenstĂŒhlen hielten Vater und Mutter Wache. Es war ein GefĂŒhl der absoluten Geborgenheit. Bis dann plötzlich leicht verĂ€ndert, aber unĂŒberhörbar das langdurchzogene schrille Heulen der Sirenen Entwarnung gab. An den mit Notvorrat und Wasser belegten Kellergestellen vorbei ging es die Treppe wieder hoch ins warme, eigene Bett.
Als kleiner Knirps konnte ich das seltsame Geschehen natĂŒrlich nicht einordnen. Was ein Flugzeug wirklich war oder gar eine Bombe oder Krieg, davon hatte ich keine Ahnung. Dass Vater oft abwesend war und gelegentlich in Uniform nach Hause kam, schien mir seltsam. Aber all meinen KindergartengspĂ€nli ging es ja genauso. Erst viel spĂ€ter begriff ich, dass dies der sogenannte Aktivdienst war. Meine Mutter war weit ĂŒber 1000 Diensttage lang alleinerziehend.
Etwas konkreter wurde der Krieg fĂŒr mich am 4. MĂ€rz 1945. Damals bombardierte die US-Airforce den GĂŒterbahnhof Wolf ganz in der NĂ€he des Basler Hauptbahnhofs. An der Hand meines Vaters spazierte ich ins Gundeli-Quartier und inspizierte wie Aberhunderte von anderen Baslern die Bombenkrater. Anders als in ZĂŒrich oder Schaffhausen waren in Basel keine Menschen ums Leben gekommen.
Zu den frĂŒhen Kindheitserinnerungen gehört fĂŒr mich das Einkaufen mit meiner Mutter. Man brauchte wĂ€hrend des Krieges dafĂŒr nicht nur Geld, sondern auch Marken, denn die Grundnahrungsmittel waren rationiert. Das habe ich eigentlich in guter Erinnerung, regelmĂ€ssig gingen wir ins RationierungsbĂŒro in der NĂ€he des MĂŒnsterplatzes. Ich sehe die MĂ€rkli noch heute vor meinen Augen. Es gab welche fĂŒr Milch und Brot, dann welche fĂŒr Fett, Butter, Eier, Zucker, Teigwaren und Reis. In was fĂŒr einem Schlaraffenland wir im Vergleich zu den NachbarlĂ€ndern trotz der Rationierung lebten, wusste ich damals natĂŒrlich noch nicht. Meine Mutter war, wie ich heute vermute, auch eine begnadete HĂ€ndlerin. Mit Freundinnen nĂ€mlich tauschte sie Marken, Fett gegen Eier, Brot gegen Reis oder Zucker gegen Schokolade.
Erst kurz nach dem Krieg fiel es mir wie Schuppen von den Augen. NatĂŒrlich lebte ich als Kind auch nicht im Schlaraffenland, fĂŒr meine Begriffe wenigstens. In den Sommerferien in Saanenmöser musste ich als vierjĂ€hriger Knirps frische Milch vom Bauern nebenan trinken. So weit, so gut. Nur hatte die Milch leider einen feinen Rahmschleier auf der OberflĂ€che, von uns Kindern kurz «SchlĂ€mpe» genannt. Meine Geschwister liebten das, ich weniger. Mein Vater verdonnerte mich aber zum SchlĂ€mpen-Trinken, mit dem schlagenden Argument: «Denk an die armen Kinder in Deutschland und Ăsterreich, fĂŒr die wĂ€re dies das Manna vom Himmel.» So wĂŒrgte ich denn das SchlĂ€mpen-Manna herunter. Als dann nach dem Krieg zuerst Dagmar aus Hamburg und danach der Adi und der Otti aus Linz fĂŒr je drei Monate zu uns nach Hause in die Schweiz zur Erholung kamen, war es offensichtlich. Besonders Dagmar aus Hamburg war spindeldĂŒrr. Mein Vater sagte: «Da siehst du es, ich habe es dir ja in Saanenmöser gesagt. Das arme Kind.» Gewiss. Doch Milch kann ich bis auf den heutigen Tag nicht mehr trinken.

In der Kandererstrasse in Kleinbasel 1945: Peter und Heidi Achten vorne links, dahinter Adi und Otti aus Linz, hinten Martha Achten und das DienstmĂ€dchen Micheline mit dem jĂŒngsten Bruder Franz auf dem Arm
Im Zusammenhang mit Essen und Rationierung darf Hansi nicht unerwĂ€hnt bleiben. Wie viele Familien hielten wir wĂ€hrend des Krieges auch KĂŒngel. Das hing wohl, wie ich spĂ€ter erfuhr, mit der Anbauschlacht oder dem «Plan Wahlen» zusammen. «Plan Wahlen» war benannt nach dem Agronomen und BGB- (heute SVP-)Politiker Professor Friedrich Traugott Wahlen. Das war Hansi natĂŒrlich egal. Er freute sich mit seinen vier Mit-Kaninchen des Lebens in einer, wie man heute sagen wĂŒrde, tierfreundlichen Stall-Gruppenhaltung. Auch Auslauf auf Gras genossen die glĂŒcklichen KĂŒngel. Doch die glĂŒcklichen KĂŒngeltage waren gezĂ€hlt. Eines Tages verkĂŒndete die Mutter in der grossen KĂŒche, dass es etwas besonders Feines zum Sonntagsessen geben wĂŒrde. Wir waren alle gespannt. «Kaninchenbraten», verkĂŒndete das DienstmĂ€dchen. Mein Blick wanderte zur Mutter, zum Vater und wieder zurĂŒck. Ja, es war Hansi, das KĂŒngeli mit den roten Augen und dem weissen Fell. Weinend flĂŒchtete ich in mein Kinderzimmer und selbst eine Sonderration Kriegsschokolade konnte mich nicht trösten.
In den Sommerferien in Saanenmöser kaufte mein Papa ein Huhn beim Bauern nebenan, wiederum fĂŒr ein Sonntagsessen. Ein lebendiges Huhn. Der Bauer griff zum Beil, legte den Hals des Huhns auf einen Holzblock und schlug zu. Einer kleinen Unachtsamkeit wegen entglitt dem wackeren Bauern das Huhn nach erfolgter Schlachtung aus der Hand. Der Kopf lag auf dem Holzblock und der kopflose Körper hĂŒpfte, halb flog er, noch einige Meter. Es hat mich tief beeindruckt, nicht aber wirklich schockiert.
WĂ€hrend des Krieges stand ich mit meiner Mutter, die eine hervorragende Köchin war, oft in der KĂŒche. Da ich noch nicht lesen konnte, fragte ich, was denn auf dem schönen grossen, an der Wand hĂ€ngenden Teller geschrieben stehe. Mama las vor: «Hartes Brot ist nicht hart, kein Brot ist hart.» Es war eine Lektion fĂŒrs Leben. Auch altes Brot wurde zu Hause nicht weggeworfen. Die Mutter machte daraus leckeres «Vogelheu». Mit etwas Ei, KonfitĂŒre und Zucker oder mit Ei, GartenkrĂ€utern und etwas Salz â damals wie heute eine herrliche Mahlzeit. Selbst meine verwöhnten Enkelkinder Maximilian und Anna wĂ€ren voll des Lobes, wenn der Nonno wieder einmal zum Kochlöffel greifen und «Vogelheu» zubereiten wĂŒrde.
Die ersten Jahre meiner Kindheit verbrachte ich wĂ€hrend des Krieges in der NĂ€he des Rheins in der Kandererstrasse beim Erasmusplatz. Unvergessen bleibt mir von dort unter anderem die Heilsarmee. Nicht wegen deren guten Taten, dafĂŒr war ich noch zu jung, sondern wegen der Heilsarmee-Blasmusik, welche jeden Sonntagabend von der Klybeckstrasse her kommend in Richtung Erasmusplatz marschierte, wo die Heilsarmee ein Lokal hatte. FĂŒr uns Kinder war die flotte Marschmusik eine Freude. Stolz im Gleichschritt und erhobenen Kopfes marschierten wir mit. Noch heute bin ich deshalb, wenn ich um die Weihnachtszeit in der Schweiz bin, bei der Topfkollekte grosszĂŒgig. Dann nĂ€mlich treibt mir â ich bin sonst ziemlich unsentimental â das BlasmusikstĂ€ndchen in Erinnerung an die Sonntagabende in der Kandererstrasse die TrĂ€nen in die Augen.
Etwas spĂ€ter sind wir von der Kandererstrasse im Kleinbasel in ein Haus beim Neuweilerplatz am DorebĂ€chli umgezogen. Als Knirps in kurzen Hosen durfte oder musste ich jeden Sonntagabend die Zeitungen holen. Damals gab es tĂ€glich noch drei Ausgaben. Am Sonntag wurden zwar keine Zeitungen publiziert, doch am Sonntagabend ab 18 Uhr war die erste Ausgabe des Montagmorgenblatts erhĂ€ltlich. Zwei Zeitungen musste ich kaufen: die «Basler Nachrichten» und die «Nationalzeitung». Zu Hause angekommen ĂŒbergab ich die â wie ich spĂ€ter erfuhr â konservativen «Basler Nachrichten» dem Vater und die eher progressive «Nationalzeitung» der Mutter. Nach etwa einer halben Stunde wechselten Vater und Mutter die Zeitungen. Rund eine Stunde war fĂŒr uns Kinder absolute Ruhe geboten.
Das Zeitungholen am Sonntagabend am Neuweilerplatz hat mich wohl fĂŒrs Leben geprĂ€gt. Zum einen lese ich Tageszeitungen immer noch so, wie meine Mutter sie damals gelesen hat, nĂ€mlich von der hintersten Seite nach vorne zur Frontseite. Heute allerdings elektronisch als e-Paper. Zum anderen wurde ich dann selbst Journalist, ganz am Anfang bei den «Basler Nachrichten» bei meinem journalistischen Ziehvater Oskar Reck, danach noch kurze Zeit bei der «Nationalzeitung». Nicht von ungefĂ€hr hat meine journalistische Karriere aber zunĂ€chst als Korrektor und dann vor allem als ZeitungsverkĂ€ufer am Sonntagabend begonnen â lernen von der Pieke auf, sozusagen. Die Schlagzeilen auf meiner VerkĂ€ufermĂŒtze habe ich jeweils selbst verfasst. All die Jahre danach hatte ich immer eine besondere Beziehung zu ZeitungsverkĂ€ufern â bis zum heutigen Tag. In den Ferien in Estavayer-le-Lac bedient mich immer freundlich Frau Schaller. Am Kiosk in Peking weiss seit Jahr und Tag Xiao Wang, welche Tages- und Wochenzeitungen ich liebe. Mit ihm diskutiere ich ĂŒber Gott und die Welt, den Smog und die Familie. Wir sind Freunde geworden. Der beste ZeitungsverkĂ€ufer jedoch stand einst auf der Grossbasler Seite der Mittleren RheinbrĂŒcke quer vis-Ă -vis vom LĂ€lle-Keenig beim CafĂ© «Spillmann». Als 1959 erstmals die Boulevardzeitung «Blick» erschien und das Schweizer Volk sich in eine die «NZZ» und die «Basler Nachrichten» lesende, vermeintliche Elite und den von diesen verachteten Plebs teilte, stand er â der bekennende Plebejer â da mit seinen «Blicks» und rief mit einem fiesen Grinsen: «<Blick>, nur fĂŒr Intellektuelle!»
An Kirchen in meiner frĂŒhen Kindheit mag ich mich nicht erinnern, aber an ein Tischgebet. Vor jeder Mahlzeit sprach es meine fromme Mutter. Es war immer das gleiche und ging â auf Baseldytsch â folgendermassen: «Schbiis Gott, drĂ€nk Gott, dreescht Gott alli arme Kind, wo uff dr Arde sind. Amen» (Speise Gott, trĂ€nke Gott, tröste Gott alle armen Kinder auf der Erde). Dieses Tischgebet gab mir schon als vierjĂ€hriger Knabe schwer zu denken. Warum, fragte ich mich monatelang, speist und trĂ€nkt Gott die armen Kinder, nur um sie dann am Schluss zu rösten? Das wollte mir einfach nicht in den Kopf. Als FĂŒnfjĂ€hriger fragte ich dann eines Tages meinen Vater. Eine schallende Ohrfeige war die Antwort. Lange Jahre spĂ€ter erklĂ€rte mein Vater die Reaktion damit, dass er den Verdacht hatte, ich wolle ihn mit Absicht auf den Arm nehmen. Verschmitzt hĂ€tte ich bei der Frage leise gelĂ€chelt. Ich hatte es aber todernst gemeint. Auch im Katechismusunterricht. Der Vikar sprach von der unbefleckten EmpfĂ€ngnis Marias. Auch das gab mir, unterdessen achtjĂ€hrig, schwer zu denken. Ich konnte mir ganz einfach nichts darunter vorstellen. Ich fragte also den Vikar. Die Antwort war eine Ohrfeige. Zu Hause beklagte ich mich darĂŒber und fragte dann meinen Vater, was es denn mit der unbefleckten EmpfĂ€ngnis auf sich habe. Diesmal gab es zwar keine Ohrfeige mehr, dafĂŒr die knappe Antwort: «Frag spĂ€ter».
Zu meinen frĂŒhen Kindheitserinnerungen gehören auch Hausierer. Sie klingelten an der HaustĂŒr und prĂ€sentierten dann in einem kleinen Koffer oder einem sogenannten Bauchladen ihre Ware. Von SchuhbĂ€ndeln bis zu Knöpfen, Garn und vielem mehr war alles zu haben. Meine Mutter hatte immer ein freundliches Wort bereit und kaufte diese oder jene Kleinigkeit.
Nach dem Krieg kamen oft auch Bauern aus dem Elsass mit ihren von Pferden gezogenen Wagen und boten quasi frisch vom Acker GemĂŒse, Kartoffeln, Milch, KĂ€se oder Fleisch an. Auch die Bauernsame aus dem Baselbiet und dem Kanton Solothurn entdeckte die nahe Stadt als willkommenes Absatzgebiet. Das ging damals noch ohne eidgenössische und europĂ€ische Vorschriften und so unbĂŒrokratisch wie heute auf den unzĂ€hligen MĂ€rkten in der Megalopolis Peking.
Besonders freute ich mich im Herbst auf den Buttenmost. Meine Mutter hatte zwei Lieferanten: Eine Bauersfrau aus dem solothurnischen Hochwald und eine aus dem Elsass. Aus einem grossen Holzbottich wurde mit der Kelle das leckere, sĂŒsse Hagebuttenmus der Hundsrose ins Kesseli geschöpft. Ob es das heute noch gibt?
FĂŒr mich als bald sechs Jahre altes Kind hörte der Krieg am 1. August 1945 auf. Es war der erste Nationalfeiertag mit Feuer, Schweizerkreuz-Lampions und allem, was dazugehört. Wir Kinder machten uns im Hof bereit und harrten der unbekannten Dinge, die da kommen sollten. Wir waren sehr gespannt. Um die Wartezeit zu vertreiben, turnte ich an der Teppichstange herum, den Kopf nach unten. Eine kleine Unachtsamkeit und ich fiel â ungespitzt sozusagen â auf den mit kantigen Kieselsteinen bedeckten Boden. Meine Mutter verarztete mich mit Jod, einem Pflaster und einem riesigen Kopfverband und obwohl also buchstĂ€blich auf den Kopf gefallen, stolzierte ich mit meinem Schweizerkreuz-Lampion an der Hand meiner Mutter ans nahe Rheinufer. Es gab eine Rede, die mich als Kind natĂŒrlich nicht interessierte, dann VorfĂŒhrungen des Turnvereins im Lichte bengalischen Feuers und schliesslich sangen alle zusammen die Landeshymne und «zâBasel a mym Rhy». Vater und Mutter hatten TrĂ€nen in den Augen.
Nach dem Krieg kamen amerikanische Soldaten regelmĂ€ssig fĂŒr Kurzferien zur Erholung («Rest and Relaxation», kurz R&R) in die Schweiz. Das Zentrum Basels auf dem Marktplatz vor dem imposanten roten Rathaus war natĂŒrlich eine touristische Attraktion erster GĂŒte fĂŒr die amerikanischen GIs. Vor der ersten Begegnung unterrichtete mich mein Vater kurz in dem, was man wohl heute als FrĂŒhenglisch bezeichnen wĂŒrde: «Hello, Welcome in Basel!», «Chewing Gum, please!» und â dies vor allem blĂ€ute mir Papa ein â «Camel, please!!» Als gescheites Kind lernte ich schnell. Eines Tages befand ich mich mit einem Primarschulfreund auf dem MĂ€rt. Und was sah ich? Einen schwarzen Amerikaner beziehungsweise, wie man heute politisch korrekt sagt, einen Afroamerikaner. Gekonnt applizierte ich mein FrĂŒhenglisch. Und siehe da, bevor ich richtig ĂŒberlegen konnte, hatte ich schon einen Kaugummi im Mund. Der schwarze GI duckte sich auf Augenhöhe zu uns und zeigte, wie man mit einem Kaugummi durch feines, korrektes Blasen und mit der richtigen Mundstellung grosse, blassrosa Ballönchen fabrizieren konnte. Ich beherrsche diese Kunst noch heute. Zum Schluss gab mir der amerikanische Soldat noch einige Camel-Zigaretten â mit erhobenem Zeigefinger, wohl in der Annahme, dass wir knapp achtjĂ€hrigen Bengel selbst rauchen wollten. Vermutlich hatte er im kriegszerstörten Deutschland schon solche Erfahrungen gemacht. Zum Abschied schĂŒttelte er uns die Hand. Mein Schulfreund und ich rannten so schnell es ging um die nĂ€chste Ecke und sahen uns unsere HĂ€nde an. Wir waren hoch erstaunt, denn nein, sie waren nicht schwarz. Es war meine erste Begegnung mit dem Fremden.

Peter Achten 1949
Besonders ...
Table of contents
- Cover
- Titel
- Impressum
- Inhalt
- Georg Kreis - Vorwort
- Lys Wiedmer-Zingg - Das verschwundene DreilÀndereck
- JĂŒrg Ramspeck - Zinnsoldatenmarsch
- Emil Steinberger - Emil und Miggu â Kindheit und Jugend wĂ€hrend der Kriegsjahre
- Rolf Lyssy - Einer kurzen Filmszene gleich
- Peter Gross - Das Toggenburg. Mein Transsylvanien
- Peter Zeindler - «Klinge Munotglöckelein âŠÂ»
- Arnold Hottinger - In Basel vor und wÀhrend dem Krieg
- Marco Solari - Von Schmugglern, Krieg und Hermann Hesse
- Ruth Binde - Mein Soldat hiess Otto Kopp
- Eugen Gomringer - Nach Auskunft des DienstbĂŒchleins
- Elisabeth Kopp - Was war nur mit den Eltern los?
- Kurt Wyss - Maria und ein gebranntes Kind
- Guido A. ZĂ€ch - Das muss einen Sinn haben
- Werner Arber - Eine Jugend auf dem Land
- Erich Gysling - Ein Jeep! Da wussten wir, dass Gegenwart Zukunft geworden war
- Lilian Uchtenhagen - Ein Blick zurĂŒck, mit Dank und ohne Reue
- Werner von Mutzenbecher - Flashback to Riehen
- Heinz LĂŒthi - Skiferien in Parpan
- Bruno Spoerri - Eine Jugend mit Jazz
- Yvette Kolb - Neu-Allschwil, Narzissenweg
- Werner Catrina - Viel Apfelmus und wenig Bananen
- Buddy Elias - Das Eis, das die Welt bedeutet
- Dorine Abegg - Wir sind doch keine Sauschwaben
- Iso Camartin - Kinderohren
- Peter Achten - Der neunte Neunte
- Angeline Fankhauser - Die Köstlichkeit von gebackenen Kartoffeln
- Georg Kreis - Im Zuge der Zeit: Aus dem Archiv einer Kindheit
- Franz Hohler - Aufwachsen
- Werner von Mutzenbecher - Das alte Haus
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