Wahlversprechen
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Alles nur Schwindel?

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Alles nur Schwindel?

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Sichere Renten, niedrigere Steuern und noch mehr Wohltaten von Vater Staat - unzĂ€hlige Wahlversprechen, die in jeder Legislaturperiode gebrochen werden. Und doch scheint es, als wolle der BĂŒrger betrogen werden. Wer möchte schon mit KĂŒrzungen und Steuerbelastungen bei sich selbst anfangen? Politiker, Journalisten und Unternehmer untersuchen Ursachen gebrochener Versprechen, die fatalen Folgen mutwilliger TĂ€uschungen und die damit einhergehende Politikverdrossenheit sowie die TĂŒcken unseres politischen Systems.Die EDITION LINGEN STIFTUNG durchleuchtet in diesem Band das PhĂ€nomen des Wahlversprechens und stellt die GutglĂ€ubigkeit der mĂŒndigen BĂŒrger in Frage. Wie viel "Schwindel" kann sich eine demokratische Zivilgesellschaft in einer krisengeschĂŒttelten Welt leisten?EDITION LINGEN STIFTUNG - Publikationen fĂŒr politisch interessierte BĂŒrgerMit BeitrĂ€gen von: Roland AlexanderDjango AsĂŒlDaniel BahrDorothee BĂ€rGĂŒnter BannasAnna von BayernNorbert BlĂŒmHermann BĂŒhlbeckerWolfgang ClementStephan EiselJĂŒrgen W. FalterErnst HinskenMichael HĂŒtherKarl-Rudolf KorteNorbert LammertMaria MenzelDirk NiebelBernard NussHeribert PrantlChristoph SchwennickeJosef Winkler

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Michael HĂŒther

Was kosten die Wahlversprechen?

Es ist gute Tradition, dass die Parteien im Vorlauf zur nĂ€chsten Wahl mehr oder weniger umfangreiche, mehr oder weniger konkrete Wahlprogramme verabschieden. Man kann darin lediglich ein Ritual ohne politische Folgen sehen, mit der Konsequenz, dass es einer ernsthaften Auseinandersetzung mit den programmatischen Angeboten nicht bedarf. Doch das wĂ€re zu kurz gesprungen. Irgendetwas findet sich immer im politischen Handeln der spĂ€teren Regierungsparteien wieder. Das ist fĂŒr jede Partei unverzichtbar, wenngleich meist ein fairer Deal mit einem Koalitionspartner fĂŒr Kompromisslösungen Abstriche von den eigenen Vorstellungen verlangt.
Ignoranz gegenĂŒber der großen Aufgabe: Sicherung des Industriestandorts Deutschland
Die Parteien legen Wahlprogramme vor, damit die WĂ€hler Orientierung ĂŒber die großen Linien der nĂ€chsten Legislaturperiode gewinnen können. Solche Orientierung erfordert freilich mehr als nur die Auflistung von VorschlĂ€gen und Versprechen. Es erfordert zugleich die konzeptionelle Einordnung, den parteiĂŒbergreifenden Vergleich und den Versuch einer Wirkungsanalyse. Bill Clinton hatte 1992 seinen PrĂ€sidentschaftswahlkampf in den USA unter anderem an dem Sinnspruch „It’s the economy stupid!“ ausgerichtet, um die besondere Bedeutung eines glaubwĂŒrdigen Wohlstandsversprechens fĂŒr den Wahlerfolg zu markieren. Das gilt im Grundsatz unverĂ€ndert in allen Demokratien; nur in Ausnahmesituationen einer spezifischen politischen Krise oder Herausforderung mag dies in den Hintergrund treten.
Im Bundestagswahlkampf 2013 geht es, getrieben durch die ökonomischen Krisen der vergangenen fĂŒnf Jahre, vorrangig um die Frage, ob und wie das deutsche Wohlstandsmodell in die Zukunft gefĂŒhrt werden kann. Dabei kennzeichnet die öffentliche wie die politische Debatte ein eigenartiges Spannungsfeld. So wird einerseits die StĂ€rke der deutschen Volkswirtschaft und ihre relativ stabile Entwicklung in einem recht instabilen Umfeld betont, andererseits aber wird trotz höchstem BeschĂ€ftigungsstand und deutlich gesunkener Arbeitslosigkeit die soziale Frage nahezu im Stil des 19. Jahrhunderts thematisiert. Überdies werden die Sorgen ĂŒber die europĂ€ische Staatsschuldenkrise artikuliert, insbesondere die Frage, welche Risiken sich fĂŒr Deutschland mittelfristig in tatsĂ€chlichen Lasten materialisieren.
In dieser Großwetterlage ist der Spielraum fĂŒr wirtschaftspolitische Programme bei den Parteien jenseits der Linken geringer als gewöhnlich, denn sowohl an der Reformpolitik der Agenda 2010 von Rot-GrĂŒn unter Kanzler Schröder als auch an der europĂ€ischen Krisenpolitik von Schwarz-Gelb unter Kanzlerin Merkel sind diese Parteien gleichermaßen konstruktiv beteiligt, jedenfalls so weitgehend, dass sich eine fundamentale Ablehnung im demokratischen Parteienspektrum verbietet. Differenzierungen sind allenfalls in Nuancen vermittelbar.
Vor dieser Kulisse ist es nicht erstaunlich, dass die wirtschaftlich bedeutsamen Teile der Wahlprogramme bei keiner Partei einen großen Entwurf anbieten. Alles, was wir finden, ist kleinteilig und nicht wirklich in einem grĂ¶ĂŸeren Zusammenhang eingeordnet. Dabei fĂ€llt auf, dass die Programme nur am Rande und kaum explizit wirtschaftspolitische Ziele so weit konkretisieren, dass sich daraus Orientierungen ableiten lassen. WĂ€hrend die Oppositionsparteien SPD und BĂŒndnis90/Die GrĂŒnen verteilungspolitische Ziele in den Vordergrund stellen und die wirtschaftliche Entwicklung selbst nicht zum Thema machen, leben die Regierungsparteien CDU/CSU und FDP – typischerweise – von der EinschĂ€tzung, dass die Lage – nicht zuletzt durch eigenes Zutun – gut ist und deshalb keine besondere wirtschaftspolitische Strategie fĂŒr die kommenden vier Jahre verlangt.
Der Blick auf die einzelnen Programme und Versprechen im Sinne einer fiskalischen und gesamtwirtschaftlichen Wirkungsanalyse sollte indes nicht ĂŒbersehen, dass die wirtschaftliche Situation in der Bundesrepublik tatsĂ€chlich einen neuen umfassenden politischen Ansatz verlangt. Denn nach der krisenpolitischen Dominanz und Absorption der vergangenen fĂŒnf Jahre muss nun die Frage in den Mittelpunkt gerĂŒckt werden: Was ist heute zu tun, damit 2023 sowie 2013 im RĂŒckblick gelten kann, dass WettbewerbsfĂ€higkeit gestĂ€rkt, BeschĂ€ftigung aufgebaut und Löhne gesteigert werden konnten? Das GeschĂ€ftsmodell der deutschen Volkswirtschaft – industriebasiert, dienstleistungsergĂ€nzt, ­inno­vationsstark und exportorientiert – wird heute von nahezu allen politischen KrĂ€ften in höchsten Tönen gelobt. Doch seine Zukunftssicherung steht nicht gleichermaßen im Fokus der Parteien. Fragen nach der InnovationsstĂ€rke und der WettbewerbsfĂ€higkeit finden sich völlig unzureichend in den Wahlprogrammen reflektiert.
Insofern gilt als erster genereller Befund: Die Wahlversprechen der Parteien ignorieren die zentrale wirtschaftspolitische Herausforderung – die Sorge fĂŒr den Industriestandort Deutschland – und sie sind allein deshalb mit erheblichen volkswirtschaftlichen Kosten verbunden. Freilich: Diese Kosten lassen sich als Folgen von angekĂŒndigtem Unterlassen und Nichthandeln nicht sinnvoll in Zahlen ĂŒberfĂŒhren. Dennoch ist dieser generelle Hinweis, dieses allgemeine Caveat (EinschrĂ€nkung) den konkreten Ableitungen zu den Wahlversprechen voranzustellen.
Zwischen Prinzip Hoffnung und Prinzip Zumutung: die VorschlÀge der Parteien
Die Kosten der Wahlprogramme können immer nur GrĂ¶ĂŸenordnungen im Vergleich vermitteln, nicht aber exakt auf Euro und Cent bemessen werden. Das ergibt sich aus den notwendigen methodischen und empirischen BeschrĂ€nkungen. Ebenso ist zu betonen, dass nur ein Teil der VorschlĂ€ge ĂŒberhaupt in quantifizierbare Wirkungen ĂŒberfĂŒhrt werden kann. Die Analyse erfolgt in zwei Schritten. ZunĂ€chst werden die fiskalischen Auswirkungen der sozialpolitischen und der steuerpolitischen VorschlĂ€ge ermittelt. Anschließend folgt die SchĂ€tzung möglicher Wachstums- und BeschĂ€ftigungseffekte im Rahmen eines Wachstumsmodells[1]. Bereits das Beziffern der fiskalischen Folgen ist kein einfaches Unterfangen (Tabelle 1). Denn die Parteien geben in sehr unterschiedlichem Umfang preis, was sie im Fall einer Regierungsbildung vorhaben. So weit wie möglich wird unter Nutzung vorliegender Politikkonzepte versucht, eine Vergleichbarkeit zwischen den Programmen herzustellen.
(1) Steuerpolitische ReformvorschlÀge
Zentrale steuerpolitische Forderungen der SPD sind die Anhebung des Spitzensteuersatzes auf 49 Prozent, eine Anhebung der Abgeltungssteuer auf KapitalertrĂ€ge von 25 auf 32 Prozent sowie eine EinschrĂ€nkung des Ehegattensplittings fĂŒr zukĂŒnftige Ehepaare. Allein diese Maßnahmen fĂŒhren zu einer Mehrbelastung des Steuerzahlers um 9,4 Milliarden Euro. Ferner soll eine Vermögenssteuer eingefĂŒhrt werden. Auch wenn letztere nicht im Wahlprogramm spezifiziert wird, erlaubt die jĂŒngste Bundesratsinitiative einiger SPD-gefĂŒhrter BundeslĂ€nder einen Blick hinter die Kulissen. Mit einem Steuersatz von 1 Prozent, einem Freibetrag von 1 Million Euro fĂŒr natĂŒrliche Personen und einer Freigrenze von 200.000 Euro fĂŒr juristische Personen sollen 11,5 Milliarden Euro eingenommen werden – allerdings ohne RĂŒcksicht auf mögliche Ausweichreaktionen der EigentĂŒmer und potenzieller Investoren sowie nicht unerhebliche Kosten der Vermögensbewertung. Nimmt man die PlĂ€ne zur EinfĂŒhrung einer Finanztransaktionssteuer sowie alle ĂŒbrigen steuerpolitischen VorschlĂ€ge hinzu, dann belaufen sich die fiskalischen Folgekosten der sozialdemokratischen SteuerplĂ€ne auf nĂ€herungsweise knapp 41 Milliarden Euro pro Jahr.
BĂŒndnis 90/Die GrĂŒnen wollen nicht nur den Spitzensteuersatz, sondern ebenso den Grundfreibetrag erhöhen. Auch die GrĂŒnen wollen den Splittingvorteil begrenzen. Außerdem soll die Abgeltungssteuer auf KapitalertrĂ€ge durch die Besteuerung mit dem individuellen Einkommensteuersatz ersetzt werden. Insgesamt steigt die einkommensteuerliche Belastung der BĂŒrger um etwa 13,5 Milliarden Euro – die geplante Erhöhung des Kindergelds um monatlich 22 Euro pro Kind bereits eingerechnet. Die GrĂŒnen planen ebenfalls mit einer Vermögenssteuer, die allerdings als einmalige Abgabe 1,5 Prozent betragen soll und ĂŒber zehn Jahre zu entrichten ist. Weitere Erhöhungen wie zum Beispiel der Unternehmenssteuern oder die EinfĂŒhrung einer Finanztransaktionssteuer treiben die Mehrbelastungen insgesamt auf nĂ€herungsweise 45 Milliarden Euro.
Bei der SchĂ€tzung der Effekte, die aus dem Programm der Partei DIE LINKE resultieren wĂŒrden, ist man in weiten Teilen auf die Angaben dieser Partei angewiesen. Zu extrem muten die Forderung etwa nach einer 5-prozentigen Vermögensbesteuerung oder eines Spitzensteuersatzes von 75 Prozent an. DIE LINKE erwartet mittelfristig Steuermehreinnahmen von 171 Milliarden Euro pro Jahr. Bei CDU/CSU sorgen die Vermeidung der kalten Progression sowie die Anhebung der KinderfreibetrĂ€ge und des Kindergelds fĂŒr eine Mindereinnahme von 9,4 Milliarden Euro. Bei der FDP bewirken die PlĂ€ne zur Vermeidung der kalten Progression „nur“ eine Entlastung um 5,5 Milliarden Euro, weil im Gegensatz zu CDU/CSU lediglich der Kinderfreibetrag verĂ€ndert wird.
(2) Rentenpolitische Versprechen
GroßzĂŒgig sind nahezu alle Parteien bei der Rentenpolitik. Damit wird ein 20 Jahre gĂŒltiger impliziter Konsens aufgegeben, der darauf zielte, durch Reformen die Umlagerente demografiefester zu machen, was im Kern auch erreicht wurde. Nun ist offenkundig wieder Zeit fĂŒr Geschenke, und dafĂŒr glauben mit Ausnahme der Liberalen alle Parteien eine GerechtigkeitslĂŒcke zu erkennen. Im Mittelpunkt von Lebensleistungs-, Solidar- oder Garantierente steht unisono die Vorstellung, dass eine vollstĂ€ndige Erwerbsbiografie – nach welchen Kriterien auch immer definiert – zu einer gesetzlichen Altersversorgung oberhalb des Grundsicherungsniveaus fĂŒhren mĂŒsse. Dabei ist die gesetzliche Rente gar kein hinreichender Indikator fĂŒr die ArmutsgefĂ€hrdung im Alter. Ohne RĂŒcksicht auf den Haushaltskontext drohen deshalb vor allem teure Mitnahmeeffekte. Schlimmer noch: Wenn Geringverdiener aufgrund ihrer Erwerbs- und Vorsorgebiografie in der Grundsicherung gĂŒnstiger gestellt werden als andere BedĂŒrftige, droht eine Zwei-Klassen-Grundsicherung. Die Kosten dieser missverstandenen Hilfe werden grosso modo auf zehn Milliarden Euro im Jahr 2030 hinauslaufen – ob aus Steuern (SPD, GrĂŒne) oder BeitrĂ€gen finanziert (CDU/CSU).
Der SPD reicht das aber noch nicht: Einfrieren des Rentenniveaus, Verzicht auf AbschlĂ€ge bei vorzeitigem Rentenbezug fĂŒr langjĂ€hrig Versicherte, die Koppelung der „Rente mit 67“ an eine BeschĂ€ftigungsquote Älterer – all das lĂ€sst die fiskalischen Kosten bis zum Jahr 2030 auf gut 40 Milliarden Euro auflaufen. Drei Viertel mĂŒssten allein die Beitragszahler schultern...

Table of contents

  1. VorwortNorbert Lammert
  2. Daniel Bahr
  3. Norbert BlĂŒm
  4. Dirk Niebel
  5. Ernst Hinsken
  6. Stephan Eisel
  7. Josef Winkler
  8. Dorothee BĂ€r
  9. Wolfgang Clement
  10. Mainhardt Graf von Nayhauß
  11. GĂŒnter Bannas
  12. Heribert Prantl
  13. Christoph Schwennicke
  14. Anna von Bayern
  15. Maria Menzel
  16. JĂŒrgen W. Falter
  17. Karl-Rudolf Korte
  18. Michael HĂŒther
  19. Hermann BĂŒhlbecker
  20. Roland Alexander
  21. Bernard Nuss
  22. Django AsĂŒl
  23. Impressum

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