Das kompakte Handbuch fĂŒhrt praxisorientiert in den Einsatz von Geschichten in der internen und externen Unternehmenskommunikation ein. Nach einem kurzen Blick in die HintergrĂŒnde des Storytelling werden die Elemente einer guten Geschichte anhand von zahlreichen Beispielen dargestellt und die verschiedenen Möglichkeiten des ErzĂ€hlens und der Konstruktion von Stories aufgezeigt. Ein Blick in unterschiedliche AnwendungsfĂ€lle und Anwendungsbeispiele schlieĂt diesen Praxisleitfaden ab."Storytelling - Die Kraft des ErzĂ€hlens fĂŒr die Unternehmenskommunikation nutzen" versteht sich als Werkzeugkasten fĂŒr Kommunikatoren, bei dem alle Inhalte so aufbereitet sind, dass sie vom Leser sofort umgesetzt werden können. Checklisten, Toolboxes und Schritt-fĂŒr-Schritt-Anleitungen unterstĂŒtzen die Kommunikationsmanager bei der Anwendung.Autor: Prof. Dr. Michael MĂŒller

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Storytelling
Die Kraft des ErzĂ€hlens fĂŒr die Unternehmenskommunikation nutzen
- 135 pages
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DIE ARCHITEKTUR EINER GUTEN GESCHICHTE
Wenn wir den Stoff, aus dem man gute (Unternehmens-)Geschichten macht, zur VerfĂŒgung haben, können wir daran gehen, die Geschichte zu âbauenâ. Falls Sie den Stoff noch nicht haben sollten â keine Angst, Geschichten kommen auch beim GeschichtenerzĂ€hlen. Das schöne beim ErzĂ€hlen ist, dass es ein sogenannter ârekursiverâ Prozess ist: Geschichten ergeben Geschichten, die wieder neue Geschichten ergeben. Meine eigene Erfahrung und die sehr vieler Teilnehmer meiner Seminare ist, dass einem die Geschichten nicht irgendwann ausgehen, wenn man sich einmal auf das âAbenteuer Storytellingâ einlĂ€sst, sondern dass der Schatz an Geschichten, die man zur VerfĂŒgung hat, immer gröĂer wird: Man entwickelt nach und nach ein GefĂŒhl fĂŒr Geschichten, eine Art ânarrativer Intelligenzâ die zu immer neuen Geschichten fĂŒhrt.
Wie bei jedem effektiven Training ist eine der Voraussetzungen fĂŒr Storytelling, dass man die Grundlagen dessen, was man trainiert, kennt: Wer Muskelaufbau betreibt, sollte ĂŒber die Grundbeschaffenheit der Muskulatur und des Bewegungsapparats Bescheid wissen. Und wer seine FĂ€higkeit trainieren möchte, Geschichten im Unternehmenskontext zu erzĂ€hlen, sollte die Grundbausteine einer guten Story-Architektur kennen.
Im Zentrum jeder Geschichte: Der Protagonist
Jede Geschichte, die erzĂ€hlt wird, ist die Geschichte einer Person oder Personengruppe: Im Mittelpunkt stehen immer ein oder mehrere Individuen, die man Held, oder Hauptfigur, oder Protagonist nennt. Die Odyssee ist die Geschichte von Odysseus (und seiner Freunde), âKrieg der Sterneâ ist die Geschichte von Luke Skywalker (und seiner Freunde), âDer Medicusâ ist die Geschichte von Rob Cole, und die GrĂŒndungsgeschichte von Siemens ist die Geschichte von Werner von Siemens. Die erste Frage, die man sich beim GeschichtenerzĂ€hlen stellen sollte, lautet also: Wer ist der Protagonist der Geschichte? Wessen Geschichte ist es, die ich erzĂ€hlen möchte, wer steht im Mittelpunkt? Manchmal ist diese Frage sehr leicht zu beantworten: Wenn Sie die Geschichte der GrĂŒndung Ihres Unternehmens erzĂ€hlen möchten, ist klar, wer der Protagonist ist: SelbstverstĂ€ndlich der GrĂŒnder und Unternehmer. Wenn Sie aber die Geschichte eines neuen Produkts oder einer Dienstleistung erzĂ€hlen wollen, haben Sie mehrere Möglichkeiten: Sie können den Entwickler des Produkts als Protagonisten in den Mittelpunkt stellen und die Geschichte der Erfindung dieses Produkts erzĂ€hlen. Sie können aber auch einen Nutzer dieses Produkts zum Protagonisten machen und eine Geschichte aus seiner Perspektive erzĂ€hlen: welche Herausforderungen er in seinem Alltag zu bewĂ€ltigen hat und wie ihm das Produkt oder die Dienstleistung Ihres Unternehmens dabei hilft. Oder Sie stellen Ihr eigenes Unternehmen (oder seinen GeschĂ€ftsfĂŒhrer) in den Mittelpunkt und erzĂ€hlen die Geschichte, wie das neu entwickelte Produkt zum GeschĂ€ftserfolg beitrĂ€gt. Hinter jedem Stoff stecken immer mehrere Geschichten, und die Entscheidung fĂŒr den Protagonisten ist gleichzeitig die Entscheidung fĂŒr eine von ihnen. Die Hauptfigur(en) festzulegen ist also die erste strategische Entscheidung, die Sie bei der Entwicklung der Story-Architektur treffen mĂŒssen.
NatĂŒrlich hĂ€ngt diese Entscheidung auch immer vom Stoff ab: Mit welchem Protagonisten gibt der Stoff die beste Geschichte her? Oder erzĂ€hle ich verschiedene Geschichten mit unterschiedlichen Protagonisten fĂŒr unterschiedliche Zielgruppen und Medien? In der Praxis des Storytelling ist es jedenfalls hĂ€ufig so, dass man ein wenig herumprobieren, mit den Möglichkeiten experimentieren muss, bis man den am besten passenden Protagonisten fĂŒr die Geschichte gefunden hat.
Sehen wir uns ein Beispiel an. Sie wollen eine Geschichte erzĂ€hlen ĂŒber einen neuen Versicherungstarif, den Ihr Unternehmen (eine Versicherung) auf den Markt bringt. Keine leichte Aufgabe â Finanz- und Versicherungsprodukte sind ja auf den ersten Blick ziemlich spröde Themen. Nehmen wir ein fiktives Beispiel: Ihr neues Versicherungsprodukt garantiert eine Versicherungsleistung bei einem Totalverlust Ihrer Computerdaten. Wir könnten nun als einen Protagonisten einen beliebigen Kunden wĂ€hlen, nennen wir ihn Herrn K., und beispielsweise erzĂ€hlen, welche Probleme und Schwierigkeiten er ohne seine persönlichen Daten hat. FĂŒr seinen neuen Computer schlieĂt er dann diese Versicherung ab, in Zukunft wird er zumindest finanziell dafĂŒr entschĂ€digt, wenn er sich um die Wiederherstellung seiner Daten kĂŒmmern muss. Die Geschichte mit diesem Protagonisten zu erzĂ€hlen, ist natĂŒrlich in der Kundenkommunikation die erste Wahl.
In der internen Kommunikation könnte dagegen eine andere Geschichte interessanter sein: Die Geschichte der Mitarbeiter oder des Teams, die sich das neue Produkt ausgedacht hat: Was waren die Fakten, die ihn oder sie zum Nachdenken gebracht haben? Wie wurden mögliche Konkurrenzangebote recherchiert? Welche HĂŒrden oder Herausforderungen stellten sich bei der Entwicklung der Policen? Eine dritte Geschichte könnte den strategischen Partner fĂŒr das neue Produkt, einen Computerhersteller zum Beispiel, in den Mittelpunkt stellen und den Weg zu einem neuen Angebot aus seiner Sicht erzĂ€hlen.
Damit ein Individuum oder eine Gruppe als Protagonist funktioniert, muss sie bestimmte Grundbedingungen erfĂŒllen:
>>Checklist: Kriterien fĂŒr den Protagonisten einer Geschichte:
âą Der Protagonist muss im Rahmen des zu erzĂ€hlenden Stoffs handeln und Entscheidungen treffen können: In der Regel ist es im Kontext der Unternehmenskommunikation keine gute Idee, einen Anti-Helden, einen âleidendenâ Protagonisten in den Mittelpunkt einer Geschichte zu stellen â eine Person also, die wie ein Spielball den KrĂ€ften um sich herum ausgeliefert ist und selbst kaum mal die Initiative ergreift. In der Literatur vielleicht kennen Sie die ErzĂ€hlungen und Romane Franz Kafkas) wird zwar mit solchen Protagonisten experimentiert (und zwar nach kĂŒnstlerischen MaĂstĂ€ben höchst erfolgreich). FĂŒr die Unternehmenskommunikation ist es jedoch wichtig, dass sich der Rezipient mit dem Protagonisten identifizieren kann â und das fĂ€llt bei einem rein passiven Helden weitaus schwerer. Damit sind wir schon beim zweiten Punkt:
âą Der Protagonist sollte so angelegt sein, dass sich der Rezipient mit ihm identifizieren kann. Und das bedeutet:
âą Der Protagonist sollte nah an der Wirklichkeit des Rezipienten sein â oder anders gesagt: Er sollte dem Rezipienten in irgendeiner Form Ă€hnlich sein.
âą Er sollte nicht zu stark idealisiert dargestellt sein. Auch wenn Sie den GrĂŒnder und Vorstandsvorsitzenden sehr schĂ€tzen: Als Protagonist der Unternehmensgeschichte sollte er dennoch wie ein ânormalerâ Mensch erscheinen und nicht wie ein Ăbermensch.
âą Der Protagonist sollte eine möglichst interessante Persönlichkeit sein: Der Rezipient sollte an ihm Seiten entdecken können, die ihn faszinieren. Das bedeutet aber eben nicht, dass der Protagonist wie im Hollywoodfilm ĂŒberlebensgroĂ sein muss, ein Alleskönner, dem das, was er anpackt, immer gelingt. Ganz im Gegenteil: Er sollte realistisch gezeichnet sein und sympathisch auftreten.
Der Held, sein Ziel und seine Helfer: Das Ensemble einer guten Geschichte
Es gibt natĂŒrlich Geschichten, die nur mit einer Person, eben dem Protagonisten, auskommen. âRobinson Crusoeâ ist so eine Geschichte, zumindest bis zu dem Moment, an dem sein GefĂ€hrte Freitag auftaucht. In der Regel haben Geschichten mehrere Figuren, und das gilt besonders fĂŒr Unternehmensgeschichten. SchlieĂlich ist hier ja auch in besonderer Weise die Zusammenarbeit mit Kollegen, Partnern und Kunden gefragt, und nicht die autistischsingulĂ€ren Handlungen eines EinzelgĂ€ngers, und wĂ€ren sie noch so groĂartig. Die Figuren nehmen bestimmte Rollen im VerhĂ€ltnis zum Protagonisten ein; man kann diese âGrundlandkarteâ der wichtigsten Rollen und Funktionen folgendermaĂen darstellen:

SCHAUBILD 4: DIE AKTANTEN EINER GESCHICHTE
Man nennt, nach dem französischen ErzĂ€hltheoretiker A. J. Greimas diese Landkarte auch das âAktantenschemaâ einer Geschichte, denn sie gibt wieder, welche Akteure und Aktanten die Geschichte antreiben (vgl. Grimm 1996: 172). Ăber den Protagonisten haben wir uns schon ausgiebig Gedanken gemacht; sehen wir uns die anderen Aktanten einmal genauer an.
ZIEL/WUNSCHOBJEKT: Jeder Protagonist einer Geschichte hat ein bestimmtes Ziel, einen Wunsch, ein Objekt, das er erlangen möchte: Er möchte einen Schatz ausgraben (Indiana Jones), er möchte die Galaxis von Darth Vader und dem bösen Imperium befreien (Luke Skywalker in âKrieg der Sterneâ), er will den Mörder fassen (der Kommissar in jedem Fernsehkrimi), oder sie möchte âMr. Rightâ finden (die Heldin in einer Liebesgeschichte). Das Ziel kann sich der Protagonist selbst setzen (âich will den Schatz findenâ), es kann ihm aber auch durch die UmstĂ€nde aufgezwungen werden â etwa wenn der Protagonist von Gangstern entfĂŒhrt wird und sich nun wieder aus dieser misslichen Lage befreien muss. In jedem Fall ist es wichtig, dass der Protagonist ein Ziel/einen Wunsch hat. SĂ€Ăe er einfach nur zu Hause herum, wĂŒrde nichts geschehen.
AUFTRAGGEBER: HĂ€ufig gibt es eine Instanz, die dem Protagonisten gewissermaĂen den Auftrag gibt, ein Ziel bzw. sein Ziel anzusteuern. Das kann eine Einzelperson sein, die etwa den Detektiv beauftragt, eine Person zu finden oder ein Verbrechen aufzuklĂ€ren. Der Auftraggeber kann aber auch eine Institution sein â etwa die Gesellschaft, die die Polizei stillschweigend beauftragt, ein Verbrechen aufzuklĂ€ren. Und natĂŒrlich kann der Protagonist auch sein eigener Auftraggeber sein â in Unternehmensgeschichten ist das gar nicht so selten: Jemand hat die Nase voll vom Angestelltendasein und beschlieĂt, sich selbststĂ€ndig zu machen, ein eigenes Unternehmen zu grĂŒnden. Manchmal können auch die UmstĂ€nde der Auftraggeber sein, wie bei einem mir bekannten Unternehmer: Er war ein hochspezialisierter Ingenieur, der mit Mitte 50 arbeitslos wurde, weil sein Unternehmen das GeschĂ€ftsfeld, fĂŒr das er spezialisiert war, aufgab. Einen neuen Job zu finden war sowohl vom Alter als auch von seiner Ausrichtung auf ein ganz eng umrissenes Gebiet her schwierig. Letztlich blieb ihm, wollte er nicht bei Hartz IV landen, nichts anderes ĂŒbrig, als sich selbststĂ€ndig zu machen. Er sprach mit seinem bisherigen Arbeitgeber, und da dieser das Spezialgebiet ohnehin aufgeben wollte, unterstĂŒtzte er den Unternehmer in spe, auf genau diesem Gebiet eine Firma zu grĂŒnden. Heute, ein paar Jahre spĂ€ter, hat er ĂŒber 30 Mitarbeiter und ist auf seinem Gebiet die Nummer 2 auf dem Weltmarkt.
NUTZNIESSER: Erreicht der Protagonist sein Ziel, hat irgendjemand etwas davon. Das kann natĂŒrlich er selbst sein â wenn er sich etwa aus den HĂ€nden der EntfĂŒhrer befreit, oder wenn es ihm gelingt, seine Geliebte zum Altar zu fĂŒhren. Es können aber auch noch andere Personen oder Institutionen NutznieĂer sein: Die Geliebte natĂŒrlich hat auch etwas davon, wenn der Protagonist sein Ziel erreicht (zumindest wenn wir einmal annehmen, dass er sich nicht kurz nach der Hochzeit als Supermacho entpuppt). Im klassischen Krimi vom Typus âTatortâ ist zum Beispiel die Gesel...
Table of contents
- Cover
- Titel
- Impressum
- INHALTSVERZEICHNIS
- Einleitung: Storytelling â mehr als nur ein Hype?
- Unser Gehirn denkt in Geschichten
- Geschichten sind ĂŒberall
- Geschichten und andere Dramaturgien
- Die Architektur einer guten Geschichte
- Geschichten in tausend Gestalten â Dramaturgien des ErzĂ€hlens
- Geschichten gut erzÀhlen: Drei Storytelling-Tipps
- Drei Masterplots fĂŒr die Unternehmenskommunikation
- Storytelling 2.0: Digitales GeschichtenerzÀhlen
- Die narrative Kommunikations- und PR-Strategie
- Trainieren Sie Ihre narrative Intelligenz!
- Literaturverzeichnis
- DER AUTOR
- BUCHREIHE SCM KOMPAKT
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