Dori
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Doris Freud und Leid

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Doris Freud und Leid

About this book

Nach dem Tod ihres Vaters ziehen Dori und ihre Mutter fort aus Cavandone. In Schuls in GraubĂŒnden, der Heimat der Mutter, richten sie sich in der NĂ€he von Verwandten ein. Die Familie hat wenig VerstĂ€ndnis fĂŒr Doris Wissbegier und Freude am Lernen. Freunde findet das MĂ€dchen in dem alten GĂ€rtner Melchior und dem freundlichen Dr. Strahl. Trotz allem DrĂ€ngen der Verwandtschaft lehnt Dori den Heiratsantrag ihres Vetters ab und beschließt, ihren eigenen Weg zu gehen: Mit der Mutter kehrt sie in die alte Heimat zurĂŒck und beginnt, Pflegekinder aufzunehmen. Dort trifft sie Dr. Strahl wieder, der nach dem Tod seiner Frau seine Söhne in ihre Obhut gibt. Mit den Jungen verbindet Dori bald ein inniges VerhĂ€ltnis, und auch der Doktor ist immer noch tief beeindruckt von der intelligenten jungen Frau.

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Information

Dori findet ihr GlĂŒck

Dori hatte sich darauf gefreut, einen Tag ganz still mit Waldemar zu verbringen. Dem geplanten Ausflug wollte sie gern entgehen. Sie war ein wenig enttÀuscht, als Oskar angerannt kam, um zu berichten, dass der Ausflug verschoben worden sei.
„Die anderen gehen nicht, weil Papa nicht will, und Papa will nicht, weil Waldemar nicht kann“, erlĂ€uterte er. Dann fĂŒgte er noch hinzu: „Herr Maurizius hat plötzlich auch nicht mehr gewollt, weil ich nĂ€mlich sagte, dass Sie nicht mitkommen, Tante Dori. Das habe ich wohl gemerkt. Er muss nicht denken, dass ich so dumm bin. Aber mir soll es schon recht sein, hier zu bleiben.“
Es wurde ein hĂŒbscher Tag, den alle fĂŒnf miteinander verbrachten. Sie lachten, erzĂ€hlten und spielten, bis Dori den Eindruck hatte, dass Waldemar wieder Kopfschmerzen bekam. Außerdem hatte sich der Junge so darauf gefreut, seiner neuen Tante noch manches erzĂ€hlen zu können. So bat Dori den Doktor recht herzlich, mit Oskar und Otto wenigstens noch einen kleinen Abendspaziergang zu machen.
Der Doktor zog mit seinen Söhnen los. Eine Stunde war lĂ€ngst vorĂŒber, bald auch die zweite. Lange schon hatte die Glocke zum Abendessen gerufen, und noch waren die drei SpaziergĂ€nger nicht zurĂŒckgekehrt. Sonst war Doktor Strahl immer so pĂŒnktlich, dass Dori sich besorgt fragte, was ihn wohl an der RĂŒckkehr hindern könne. Sie wollte nicht zu Tisch gehen, bevor die anderen da waren.
Endlich hörte sie die Jungen auf der Treppe. Sie kamen auch sogleich hereingestĂŒrzt. Sie wollten alle beide sofort erzĂ€hlen, was sich zugetragen hatte. Aber Dori sagte schnell: „Wir dĂŒrfen den Vater nicht warten lassen.“
Sie trat eben mit den Jungen in den Speisesaal, als von der anderen Seite Doktor Strahl in lebhaftem GesprĂ€ch mit Richard Maurizius eintrat. Erst nach einiger Zeit erschienen auch die Damen Maurizius. Dass große Aufregung herrschte, merkte Dori wohl, verstand aber nicht um was es sich handelte. Bis jetzt waren nur unzusammenhĂ€ngende Worte ĂŒber eben Erlebtes, Danksagungen und BeglĂŒckwĂŒnschungen gefallen.
„Ich sage nur das eine“, wandte sich Richard jetzt ĂŒber den Tisch hinweg Dori zu, „wĂ€ren Sie mitgekommen, FrĂ€ulein Cousine, so wĂ€re das alles nicht passiert. Das beweist deutlich, wie sehr es vom Übel ist, wenn Sie sich der Gesellschaft entziehen.“
Dori sagte, sie habe keine Ahnung, wovon die Rede sei. Nun erzĂ€hlte Richard. Doktor Strahl war mit seinen Söhnen im Garten von den Geschwistern Maurizius angehalten worden. Auch diese waren im Begriff, einen Spaziergang zu machen. Im Olivenwald, wo sich so viele Pfade kreuzen, verlor man den richtigen Weg, ging zu weit links und gelangte auf eine Höhe. Kerner beachtete Ottos Behauptungen, dass man nach rechts gehen mĂŒsse. Er habe mit der Tante Dori diesen Spaziergang öfter gemacht „Plötzlich“, fuhr Richard fort, „stehen wir auf einem steil abfallenden Felsen. Erna, die mit dem Doktor vorangeht bemerkt im Eifer der Unterhaltung nicht wo sie hintritt. Schon hat sie den einen Fuß ins Nichts gesetzt—aber zwei feste Arme halten sie fest und ziehen sie zurĂŒck. Doktor Strahl hatte unsere Schwester gerettet.“
„Du kannst gut lachen, Richard“, sagte Erna. „Aber ich werde nie den Augenblick vergessen, als ich unter meinen FĂŒĂŸen keinen Boden mehr fĂŒhlte. Ich verliere so bald die Besinnung nicht, in dieser Sekunde jedoch wusste ich nicht mehr, was um mich herum geschah. Ich hatte bereits mit dem Leben abgeschlossen.“
„Doch der Retter war nahe“, fiel Richard ein und erhob sein Glas. „Auf Ihr Wohl, Herr Doktor!“
Auch Erna Maurizius erhob ihr Glas und lĂ€chelte nun dem Doktor dankbar zu. Nach dem ĂŒberstandenen Schrecken erinnerte sie sich gern, dass Doktor Strahl sie fest in den Armen gehalten hatte.
Dori zog sich mit Otto, der von dem Umherirren auf falschen und gefĂ€hrlichen Pfaden sehr ermĂŒdet war, leise zurĂŒck. Oskar kam ihnen nachgelaufen. Sie gingen zu Waldemar ins Zimmer, doch
er war bereits eingeschlafen. Auch den anderen beiden fielen bald die Augen zu.
Nur Dori konnte keinen Schlaf finden. Immer wieder sah sie Erna Maurizius vor sich. Diese Frau wĂŒrde nun die Mutter der drei Doktorkinder werden. Und wieder wĂŒrden die Söhne vergeblich auf Liebe und VerstĂ€ndnis hoffen. Dori hatte zu oft beobachten können, dass die Jungen der Dame auf die Nerven fielen. Und der Doktor? Sicher wĂŒrde auch seine zweite Frau eine glĂ€nzende gesellschaftliche Erscheinung sein. Er wĂŒrde mit ihr gebildete GesprĂ€che fĂŒhren können. Aber brauchte er nicht gerade nach seiner anstrengenden Arbeit eine Entspannung?
Jetzt hörte Dori Stimmen im Garten. Sie lauschte hinaus. Da—unter ihrem Fenster gingen FrĂ€ulein Erna und Doktor Strahl. Sie sprachen beide so lebhaft, wie Dori sie noch nie gehört hatte. Jetzt, mitten aus dem GesprĂ€ch heraus, reichten sie sich die HĂ€nde. Dori schloss die Fenster.
Bald darauf hörte sie heftigen Regen daranschlagen. Sturm war ausgebrochen. Er schĂŒttelte die BĂ€ume, rasselte an den LĂ€den und toste, als wollte er das Haus umwerfen. Dori hörte ihn die ganze Nacht hindurch heulen. Am Morgen war es grau draußen, Meer und Himmel schienen ineinander zu fließen, grau in grau.
Am anderen Tag ging es Dori sehr schlecht. Sie sah blass und krank aus. Der Schirokko schien auch ihr nicht bekommen zu sein.
Nach Tisch zog sie sich in ihr Zimmer zurĂŒck. Otto kam hinter ihr her. Er fand sie am Fenster stehend, den Kopf in die HĂ€nde gelegt. Sie schluchzte. Der Junge schmiegte sich zĂ€rtlich an sie: „Hast du Heimweh, Tante Dori?’ Oh, ich weiß, wie schrecklich weh das tut Wir wollen nach Cavandone Zusammengehen, damit du wieder froh werden kannst. Dort weht auch kein Schirokko. Ja, wir wollen heim!“
„Ja, wir wollen heim“, wiederholte Dori, „heim, Otto, so bald wie möglich.“
Otto jubelte auf: „O wie herrlich! Wie herrlich! Ich will es gleich dem Papa sagen!“
Otto wollte fortrennen, aber Dori hielt ihn fest. „Das will ich selbst tun“, sagte sie. „Ich muss ja deinen Vater bitten, dass er es uns erlaubt. Vielleicht will er dich lieber noch hier haben. Hat er nichts dagegen, so fahren wir in wenigen Tagen.“
Als Dori wieder allein war, setzte sie sich hin und versuchte, sich zu beruhigen. Aber in ihrem Inneren war ein Aufruhr, wie sie ihn noch nie erlebt hatte. Ja, fort nach der stillen Heimat, das war das rechte fĂŒr sie. Ihrem Otto wollte sie noch die Freude machen, Cavandone wiederzusehen. Vielleicht war es ja nicht fĂŒr lange Zeit und jedenfalls das letzte Mal fĂŒr ihn.
Bei Doktor Strahl wurde angeklopft. Dori trat in sein Wohnzimmer. Er lud sie ein, auf dem Sofa Platz zu nehmen, er setzte sich in einen Lehnstuhl.
„Ich komme mit einer Bitte, Herr Doktor“, begann Dori.
„Sie mit einer Bitte an mich, FrĂ€ulein Dori?“, fragte er erstaunt und erfreut zugleich. „Sonst bin ich immer der Bittende. Und welche Bitten habe ich schon an Sie gerichtet! Und wie wunderbar sind sie mir erfĂŒllt worden! Ihre Bitte an mich ist schon im voraus gewĂ€hrt“
„Ich möchte gern in den nĂ€chsten Tagen nach Cavandone zurĂŒckkehren“, sagte Dori und versuchte mit Gewalt, ihre Stimme zu beherrschen. „Damit ist eine weitere Bitte verbunden: ich möchte nĂ€mlich Otto mitnehmen. Ich glaube, fĂŒr seine Gesundheit kann der Wechsel jetzt nur gut sein. Ich wĂ€re Ihnen sehr dankbar, wenn Sie ihn mir anvertrauen und den Sommer ĂŒber dalassen wĂŒrden.“ „Ihre Worte haben mich so ĂŒberrascht dass ich zu gar keiner Antwort fĂ€hig bin“, sagte der Doktor endlich. „Eine Bitte enthalten sie freilich nicht FĂŒr das GlĂŒck, das Sie meinem Jungen bereiten wollen, kann ich nur danken. Sie von hier fortgehen zu lassen, kann keine Bitte an mich sein, denn Sie allem haben zu entscheiden. Aber wenn ich eine Frage stellen darf: Wie kommen Sie so plötzlich zu diesem Entschluss?“
Auf diese Frage war Dori nicht vorbereitet. Sie hatte keinen Augenblick daran gedacht, dass er dies wĂŒrde wissen wollen. Sie konnte ihm keine Antwort geben. Die Wahrheit mochte sie nicht aussprechen. Schon der Gedanke daran trieb ihr das Blut heiß in die Wangen.
„Oh, ich bitte um Entschuldigung“, sagte der Doktor schnell, „ich habe ja gar kein Recht nach Ihren GrĂŒnden zu fragen. Aber Sie mĂŒssen es mir zugute halten, wenn ich mit meiner Frage zu weit gegangen bin. Ich hatte nur den Wunsch, Sie vielleicht doch noch von Ihrem Entschluss abbringen zu können. Ich glaubte fest daran, dass wir hier noch mehrere Wochen zusammen sein wĂŒrden. Nun sind erst wenige Tage vergangen, und es soll schon vorbei sein.“ Dori schaute Doktor Strahl an, als könnte sie nicht fassen, was er sprach. Sie blieb stumm.
„Ich kann es ja begreifen“, begann er wieder, „Sie sehnen sich nach Ihrem ungezwungenen Leben in Cavandone zurĂŒck. Aber Ihnen ist es, wie selten einem Menschen, gegeben, andere glĂŒcklich zu machen. Bedeutet es Ihnen gar nichts, zu wissen, dass wir uns ein Leben ohne Sie schon gar nicht mehr vorstellen können?“
Aus Doris Wangen war alles Blut gewichen. Sie verstand gar nicht, was er sprach.
„Sie bleiben stumm. Haben Sie kein entgegenkommendes Wort fĂŒr mich? Mein eigenes Empfinden hat mich wohl irregefĂŒhrt, wenn ich einen Augenblick lang dachte, unsere alte Freundschaft könnte auch bei Ihnen einen wĂ€rmeren Ton angenommen haben. Ich hoffte immer, Sie wĂŒrden eines Tages mein Verlangen verstehen, dass Sie Ihr Leben mit mir teilen möchten, dass Sie mit mir nach Norddeutschland kommen wĂŒrden.“
„Oh, Herr Doktor, wohin Sie nur wollten—durch die ganze Welt wĂŒrde ich mit Ihnen ziehen—aber es ist ja unmöglich.“
Der Doktor blickte zu Dori auf. „Sie wollten mir folgen, wohin es wĂ€re? Aber es ist unmöglich!“ wiederholte er langsam. „Wie soll ich das verstehen? Ja, es gibt eine Deutung: Sie hĂ€tten mir vielleicht folgen können, aber—es ist zu spĂ€t. Ich bin zu spĂ€t nach der Riviera gekommen. Ist es so?“
„Nein, nein, so nicht, niemals! Aber 
 Oh, Herr Doktor, es liegt ja nicht an mir“, stieß Dori hervor.
Der Doktor war aufgesprungen. Er löste die HĂ€nde von Doris Gesicht und hielt sie beide fest. Mit seinen durchdringenden Augen blickte er sie an. „Dori, Dori“, sagte er innig, „willst du meine Frau werden? Hast du mich lieb genug dazu? Sprich es aus, sage mir, dass du mich liebst, dass ich es glauben kann.“
„Oh, ich habe Sie mehr lieb als alles auf der Welt, aber 
“
Der Doktor hatte Dori umschlungen. „Wie...

Table of contents

  1. Cover
  2. Titel
  3. Inhalt
  4. Nun wird alles anders
  5. Der neue Gast
  6. Frohe Stunden
  7. Eine schwierige Entscheidung
  8. Dori gewinnt ein Kinderherz
  9. Endlich wieder im SĂŒden!
  10. Wenn Dori nicht wÀre

  11. Der fremde Vetter
  12. Ein gutes ZwiegesprÀch
  13. Dori findet ihr GlĂŒck
  14. Impressum

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