DĂŒstere Legenden
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Buch des Grauens

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Buch des Grauens

About this book

Ob es die BlutbĂ€der der BlutgrĂ€fin Elisabeth BĂĄthory sind, Rasputins teuflische Ausschweifungen oder die nĂ€chtlichen UmgĂ€nge der Vampirprinzessin von Krumau: In einer einzigartigen Geschichtensammlung prĂ€sentiert der Autor noch nie erzĂ€hlte Legenden und neue Einblicke in bekannte Sagen. Grauenerregende Geschehnisse, verschwundene Dörfer, dĂŒstere Machenschaften, faszinierende Einblicke in die historischen HintergrĂŒnde und schauerliche Sagen - das und viel mehr lĂ€dt zum wohlig-gruselnden Weiterlesen ein.

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Information

Year
2014
Topic
History
eBook ISBN
9783945152980

GILLES DES RAIS – DAS UNGEHEUER DER BRETAGNE

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Am Morgen des 30. Mai 1431 wurde auf dem Place du Vieux MarchĂ© in der französischen Stadt Rouen ein Scheiterhaufen entzĂŒndet. Delinquentin war eine gewisse Jeanne d‘Arc, jene junge Frau, welche fĂŒr einige Jahre die Geschicke Frankreichs maßgeblich beeinflusst hatte. Allerdings soll es in diesem Kapitel nicht um die legendĂ€re Jungfrau Frankreichs gehen, sondern vielmehr um einen Mann, welcher mit versteinerter Miene der Hinrichtung beiwohnte. Jeanne d‘Arcs Leben war jedoch so eng mit der Person jenes Mannes verknĂŒpft, dass ich ihre Hinrichtung an den Beginn meiner AusfĂŒhrungen gesetzt habe. Bei der bewussten Person handelt es sich um Gilles de Montmorency-Laval, besser bekannt als Gilles de Rais, hochrangiger Adliger, französischer Marschall und gleichzeitig einer der bestialischsten Massenmörder der europĂ€ischen Geschichte.
Gilles de Rais’ Verbrechen waren so ruchlos, dass seine Person heute als historische Vorlage fĂŒr „Das MĂ€rchen vom Ritter Blaubart“ gilt. Auf den ersten Blick scheint es jedoch keine glaubwĂŒrdige Verbindung zwischen dem historischen Gilles de Rais und der MĂ€rchengestalt des Ritters Blaubart zu geben. Blaubart ermordete seine jeweiligen Ehefrauen, wogegen Gilles ein Knabenmörder war. Eine Verbindung von beiden Personen erschließt sich erst, wenn man sich nĂ€her mit der schon kurz nach Gilles’ Hinrichtung einsetzenden Legendenbildung beschĂ€ftigt. Zum besseren VerstĂ€ndnis möchte ich an dieser Stelle eine beliebte bretonische Legende wiedergeben:
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Die Ermordung und Folterung von Kindern in den Schlossgewölben.
„MĂŒde vom Krieg gegen die EnglĂ€nder hatte sich Messire Gilles de Laval in sein Schloss Rais zwischen Elven und Questembert zurĂŒckgezogen. All seine Zeit verfloss in Schwelgerei, Festen und VergnĂŒgungen. Eines Abends kam auf dem Wege nach Morlaix ein Ritter, der Comte Odon de TrĂ©mĂ©ac, Herr von Krevent und anderen Orten, am Schloss vorbei; neben ihm ritt ein schönes junges MĂ€dchen, seine Verlobte Blanche de L’HerminiĂšre. Gilles de Rais lud die beiden zur Rast ein und leerte mit ihnen ein Glas WĂŒrzwein. Dabei zeigte Gilles de Rais sich so unwiderstehlich und liebenswert, dass der Abend kam, ohne dass man an Aufbruch dachte. Plötzlich bemĂ€chtigten sich auf ein Zeichen des Burgherrn hin BogenschĂŒtzen des Comte Odon de TrĂ©mĂ©ac und warfen ihn in einen tiefen Keller; dann sprach Gilles zu dem jungen MĂ€dchen, dass er sie heiraten wolle. Blanche vergoss Ströme von TrĂ€nen, derweil man die Kapelle mit tausend Kerzen erhellte, die Glocke fröhlich lĂ€utete und alles zur Hochzeit vorbereitet wurde. Blanche wurde zum Altar gefĂŒhrt; sie war bleich wie eine schöne Lilie und zitterte am ganzen Körper. Köstlich gekleidet und mit seinem Bart von schönstem Rot stellte Monseigneur de Laval sich neben sie: „Rasch, Messire Kaplan, verheiratet uns.“
„Ich will den Herrn nicht zum Gemahl!“ schrie Blanche de L‘Herminiùre.
„Ich aber will, dass man uns traut.“
„Tut es nicht, Herr Priester“, wiederholte das MĂ€dchen schluchzend.
„Gehorcht, ich befehle es Euch!“
Als nun Blanche zu fliehen versuchte, nahm Gilles de Rais sie fest in die Arme.
„Ich werde dir“, sagte er, „den schönsten Schmuck geben.“
„Lassen Sie mich!“
„Ich gebe dir meine Schlösser, meine WĂ€lder, meine Felder, meine Wiesen!“
„Lassen Sie mich!“
„Mein Leib und meine Seele seien dein!“
„Ich nehme an! Ich nehme an! Hörst du es wohl, Gilles de Rais? Ich nehme an, und von Stund an gehörst du mir.“ Blanche hatte sich augenblicks in einen azurblauen Teufel verwandelt, der nun neben dem Baron stand.
„Verflucht!“, schrie dieser.
„Gilles de Laval“, sagte der DĂ€mon mit finsterem GelĂ€chter, „Gott ist deiner Missetaten ĂŒberdrĂŒssig; du gehörst jetzt der Hölle, und von diesem Tag an wirst du ihre Livree tragen.“ Gleichzeitig machte er ein Zeichen und Gilles de Lavals Bart, der rot war, nahm eine tiefschwarze FĂ€rbung an. Das war nicht alles; der DĂ€mon fuhr fort: „In Zukunft bist du nicht mehr Gilles de Laval; du wirst Blaubart sein, der schrecklichste der Menschen, ein Schreckbild fĂŒr die kleinen Kinder. Dein Name wird in alle Ewigkeit verflucht und deine Asche nach deinem Tod in alle vier Winde gestreut werden, wĂ€hrend deine garstige Seele in die SchlĂŒnde der Hölle hinabsteigen muss.“ Gilles schrie, dass er bereue. Der Teufel zĂ€hlte ihm seine vielen Opfer auf, die sieben Ehefrauen, deren Leichname in den GrĂŒften des Schlosses lagen. Er fĂŒgte hinzu: „Sir Odon de TrĂ©mĂ©ac, den ich in Gestalt von Blanche de L‘HerminiĂšre begleitete, reitet in diesem Augenblick auf der Straße von Elven in Begleitung aller EdelmĂ€nner aus Redon.“
„Und was wollen sie tun?“
„Den Tod derer rĂ€chen, die du getötet hast.“
„Also bin ich verloren?“
„Noch nicht, denn deine Stunde hat noch nicht geschlagen.“
„Wer wird die Edelleute aufhalten?“
„Ich, der ich deine Hilfe brauche, mein werter Ritter.“
„Du willst das tun?“
„Ja, ich werde das tun, denn lebendig wirst du mir tausendmal besser dienen als tot. Und jetzt auf Wiedersehen, Gilles de Rais; und denke immer daran, dass du mir mit Leib und Seele gehörst.“
Er hielt sein Wort, indem er das Einschreiten der EdelmĂ€nner aus Redon verhinderte; aber von diesem Augenblick an war Gilles nur noch unter dem Namen des Mannes mit dem blauen Bart bekannt.“1)
Auch wenn diese bretonische Geschichte noch so schön ist, mĂŒssen wir die Verbindung zwischen Ritter Blaubart und Gilles de Rais kritisch betrachten. Schon der französische Historiker Charles Petit-Dutaillis schrieb 1902: „Wir wollen nicht sagen, daß Gilles de Rais der Prototyp Blaubarts wĂ€re. Das MĂ€rchen von Blaubart und seinen sieben Gattinnen scheint alten und volkstĂŒmlichen Ursprungs zu sein und hat an sich keine Analogie zu Gilles de Rais, der sich nur einmal verheiratet hat und von seiner Frau getrennt lebte; sicher aber ist, dass in der Bretagne und in der VendĂ©e das Volk die Geschichte von Gilles de Rais und das MĂ€rchen von Blaubart miteinander verquickt hat.“2)
In der volkstĂŒmlichen Welt von Gilles’ ehemaligem Herrschaftsbereich sind die Geschichten von Ritter Blaubart aber seit jeher mit den Untaten des französischen Marschalls verbunden. Schon der AbbĂ© Bossard, welcher sich Ende des 19. Jahrhunderts mit dem PhĂ€nomen Gilles de Rais beschĂ€ftigte, schrieb: „Wir haben sehr viele alte Leute in der Gegend von Tiffauges, Machecoul oder ChamptocĂ© befragt. Der wirkliche Blaubart war oder ist fĂŒr sie noch heute der Herr von ChamptocĂ©, darin stimmen ihre ErzĂ€hlungen ĂŒberein.“3)
So ist es auch noch heute. Voller Stolz zeigen die Bewohner von Tiffauges, Machecoul und ChamptocĂ© auf die Burgruinen in ihren StĂ€dten und erklĂ€ren den staunenden Touristen, dass dort einst der gefĂŒrchtete Ritter Blaubart lebte.
Noch anzumerken sei, dass sich neben der Gleichsetzung von Gilles de Rais mit dem Ritter Blaubart des MĂ€rchens in der bretonischen Legende noch andere Aspekte der Legendenbildung verbergen. Gemeint ist die Gilles vorgeworfene Teufelsbeschwörung. In der von mir wiedergegebenen Legende gerĂ€t der Protagonist zwar eher zufĂ€llig in die HĂ€nde des Satans, doch ist anhand der Verhörprotokolle des Gerichtsprozesses gegen Gilles eindeutig nachgewiesen, dass jener auch Teufelsbeschwörung betrieb. Seinen unrĂŒhmlichen Bekanntheitsgrad „verdankt“ Gilles de Rais allerdings nicht seinen satanischen Beschwörungen, sondern vielmehr den Morden an einer Vielzahl von Knaben, welche er auf unvorstellbare Weise quĂ€lte, schĂ€ndete und ermordete.
Was ließ aus einem angesehenen Marschall von Frankreich eine menschliche Bestie werden?
Verschiedene Historiker bescheinigen Gilles eine krankhafte Psyche. Dieser Sichtweise kann ich mich nur anschließen, möchte aber noch weitergehen und behaupten, dass der entscheidende Grundstein fĂŒr Gilles pervertierten Charakter schon in dessen frĂŒhester Jugend gelegt wurde. Ich möchte an dieser Stelle jedoch in meinen AusfĂŒhrungen nicht vorgreifen, sondern das Leben und die Untaten von Gilles de Rais chronologisch betrachten.
Das Schicksal schien es zunĂ€chst ziemlich gut mit Gilles zu meinen, denn unter ungewöhnlichen UmstĂ€nden wurde ihm das Privileg zu Teil, in gewaltigem Reichtum und MachtfĂŒlle geboren zu werden. Jeanne de Chabot, die letzte Vertreterin des Geschlechts der de Rais, war kinderlos geblieben und sorgte sich um ihre immensen ReichtĂŒmer und LĂ€ndereien. Als einzigen Ausweg, ihre Familiendynastie zu erhalten, sah sie eine Adoption. Ihre Wahl fiel zunĂ€chst auf Guy de Laval aus dem traditionsreichen Adelsgeschlecht der Montmorency-Laval. Jenes Geschlecht fĂŒhrte seit dem frĂŒhen 14. Jahrhundert den Titel „Erste Barone von Frankreich“. Aus unbekannten GrĂŒnden löste Jeanne de Chabot die Verbindung zu Guy de Laval jedoch nach kurzer Zeit und setzte Catherine de Machecoul de Craon als Alleinerbin ein. Ich persönlich sehe Jean de Craon, den Sohn von Catherine de Machecoul, als Triebkraft hinter der verworrenen Erbschaftspolitik. Die Craons gehörten zu den bedeutendsten Adelsgeschlechtern der Provinz Anjou und Jean wollte den Einfluss seiner Familie auch auf die Bretagne ausweiten.
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Gilles de Rais wurde 1404 auf Schloss Champtocé bei Angers geboren.
Der verschmĂ€hte Guy de Laval wollte aber keinesfalls auf die GĂŒter der de Rais verzichten und strengte mehrere richterliche Prozesse gegen die de Craons an. Schließlich einigte man sich auf einen Vergleich. Guy heiratete Marie de Craon, Enkelin von Catherine de Machecoul und Tochter Jean de Craons. Der frischgebackene Ehemann nannte sich fortan Guy de Montmorency-Laval, Baron de Rais und brachte zudem seine Frau dazu, ihm vertraglich alle Rechte am Besitz der Familie de Rais abzutreten.
Im Jahr 1404 erblickte Gilles de Rais in ChamptocĂ©, dem Stammsitz der Craons, das Licht der Welt. Von dessen Geburt an war Jean de Craon regelrecht vernarrt in seinen Enkel. Craon musste Guy de Laval zĂ€hneknirschend als Schwiegersohn akzeptieren, mit seinem erstgeborenen Enkelsohn hatte er jedoch ganz eigene PlĂ€ne. Er wollte ihn in seinem Sinne erziehen und Gilles sollte einmal in der gewalttĂ€tigen Manier der Craons ĂŒber deren LĂ€ndereien herrschen. Guy de Laval, ein eher feinsinniger und gebildeter Mensch, war vom Wesen seines Schwiegervaters von jeher abgestoßen. Um Gilles dem Einfluss von Jean de Craon zu entziehen, bezog die junge Familie 1407 die Festung Machecoul, wo im selben Jahr ihr zweiter Sohn RenĂ© zur Welt kam. In Machecoul wurde der junge Gilles in die Obhut zweier geistlicher Lehrer gegeben, welche ihn auf Geheiß seines Vaters im Sinne des stolzen Geschlechts der Montmorency-Lavals erziehen sollten. Der Knabe machte gute Fortschritte und seinen Lehrern gelang es, in Gilles das Interesse an den „schönen KĂŒnsten“ zu wecken, was sich in dessen spĂ€terem Hang zur Musik und zur Literatur widerspiegelte.
Das Jahr 1415 sollte jedoch zur schicksalhaften Wende fĂŒhren und Gilles’ Leben in eine Richtung lenken, die schlussendlich in seinem eigenen Untergang endete. In jenem Jahr starben Gilles’ Mutter und Vater im Abstand von nur wenigen Monaten. Testamentarisch war von Guy de Laval verfĂŒgt worden, dass sein Cousin Jean Tournemine de La Hunaudaye die Vormundschaft fĂŒr Gilles ĂŒbernehmen sollte. Außerdem war angedacht, dass die Priester Georges de La Bossac und Michel de Fontenay weiterhin die Erziehung des Knaben innehaben sollten. Jean de Craon scherte sich jedoch nicht um das Testament und nahm den Enkel in seine Obhut, wobei er gleichzeitig die GĂŒter seines verstorbenen Schwiegersohns mit ĂŒbernahm. Ebenfalls im Jahr 1415, genauer gesagt am 25. Oktober, fiel Jean de Craons einziger Sohn Amaury in der Schlacht von Azincourt. Dessen Tod sollte endgĂŒltig die Weichen fĂŒr Gilles’ Zukunft stellen. Er war nun der Erbe eines gewaltigen Vermögens und gleichzeitig das Instrument der Interessen seines Großvaters. Als erwachsener Mann war Gilles spĂ€ter selbst davon ĂŒberzeugt, dass die Erziehung durch Jean de Craon einen nicht zu vernachlĂ€ssigenden Einfluss auf seine spĂ€teren Missetaten gehabt hatte. Laut eigener Angaben, welche Gilles im Prozess machte, lag es „an der schlechten FĂŒhrung in seiner Jugend, wo er sich zĂŒgellos seinen GelĂŒsten ĂŒberlassen und sich in allen Schandtaten gefallen habe“, dass aus ihm spĂ€ter jener Mensch wurde, welcher ohne Moral und Gewissen unzĂ€hlige Knaben missbrauchte, verstĂŒmmelte und ermordete.4)
Jean de Craon gehörte zu jener Sorte Adliger, die sich auf Grund ihres sozialen Status ĂŒber dem Gesetz stehen sahen. Er galt als gewalttĂ€tig, habgierig, bar jeglicher Moral und hatte den Ruf, seine Interessen rĂŒcksichtslos durchzusetzen. Das Adelshaus Craon war eines der Ă€ltesten Geschlechter Frankreichs und stellte mit Robert de Craon sogar den zweiten Großmeister des Tempelritterordens. Jean de Craon galt neben dem Herzog als reichster Lehnsherr von Anjou. Seine Methoden, diesen Reichtum immer weiter zu vergrĂ¶ĂŸern, ließen sich jedoch eher mit Raubrittertum vergleichen und hatten keinerlei Ähnlichkeit mit unseren heutigen romantischen Vorstellungen vom edlen Ritter. Craon schreckte auch vor Verbrechen nicht zurĂŒck, wenn es galt, sich Vorteile fĂŒr seine Herrschaft zu sichern. Sein Vater, Pierre de Craon, war ein enger Vertrauter des Herzogs von OrlĂ©ans gewesen, was der Familie eine gewisse Autonomie verlieh, welche Jean schamlos ausnutzte. Nach dem Tod seiner Kinder und des verhassten Schwiegersohns Guy de Laval sah Jean de Craon in Gilles den zukĂŒnftigen Erben der Familie de Craon, welcher in seinem Sinne erzogen werden sollte. Von frĂŒhester Jugend an wurde Gilles suggeriert, dass er einmal uneingeschrĂ€nkte Macht ĂŒber seine Untertanen haben wĂŒrde und sich an keine Regeln und Gesetze halten brauchte, welche sonst fĂŒr das menschliche Zusammenleben galten. Kinder können aus Unwissenheit mitunter sehr grausam sein, so dass es von jeher die Pflicht der Erwachsenen war, die jungen Menschen auf den rechten Weg zu bringen. Bei Gilles und seinem Großvater war es jedoch völlig anders. Jean de Craon ließ seinen Enkel die kindlichen Grausamkeiten bewusst ausleben und spornte ihn sogar noch an.
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Das ChĂąteau de Machecoul. Hier verbrachte Gilles de Rais seine Kindheit.
Doch Gilles entwickelte sich anders als von seinem Großvater erwartet. Der Junge war störrisch und verlor schnell den Respekt vor dem Familienoberhaupt. Im Alter von zwanzig Jahren forderte Gilles gar von Jean de Craon, dass ihm jener die Verwaltung ĂŒber die GĂŒter der Familie ĂŒbertrage. Zu jener Zeit war Gilles bereits seit zwei Jahren verheiratet. Wie so oft in adligen Kreisen war es keine Liebesheirat, sondern diente ausschließlich dazu, die LĂ€ndereien und den gesellschaftlichen Einfluss der Familie de Craon zu vergrĂ¶ĂŸern. Gilles hatte zudem frĂŒhzeitig homosexuelle Neigungen entwickelt und kein sonderliches Interesse an Frauen. So ĂŒberließ er es seinem Großvater, nach potentiellen Heiratskandidatinnen zu suchen. Jean de Craon startete mehrere Versuche, eine standesgemĂ€ĂŸe Braut fĂŒr seinen Enkel zu finden, welche jedoch alle fehlschlugen. Gegen Ende des Jahres 1420 verfiel Jean de Craon auf die absurde Idee, dass Gilles seine Cousine Catherine de Thouars entfĂŒhren sollte. Die LĂ€ndereien von Pouzauges und Tiffauges, welche Catherines Familie gehörten, machten die junge Dame in Jean de Craons Augen zur idealen Ehefrau fĂŒr Gilles. Nach der EntfĂŒhrung beraumte man sofort die Hochzeit an, welche jedoch wegen der Blutsverwandtschaft auf richterlichen Erlass sofort wieder aufgelöst wurde. Nach einigen advokatischen WinkelzĂŒgen wurde jedoch am 24. April 1422 die offizielle Hochzeit von Catherine und Gilles gefeiert. Die junge Braut brachte neben den betrĂ€chtlichen LĂ€ndereien ein gewaltiges Vermögen mit in die Ehe, so dass sich Gilles nun in der Position sah, seinem Großvater die Stirn zu bieten und vorzeitig die Verwaltung des Familienbesitzes zu fordern.
Um seinen ungestĂŒmen Enkel von dessen ehrgeizigen PlĂ€nen abzubringen, fĂŒhrte Jean de Craon ihn im Jahre 1425 am königlichen Hof ein. Angesichts des freundschaftlichen VerhĂ€ltnisses seiner Familie zum Herzog von OrlĂ©ans wurde Gilles am Hofe von Karl VII. in Chinon freundlich aufgenommen. Dort lernte Gilles auch seinen Vetter Georges de La TrĂ©moille kennen, welcher zu seinem Mentor wurde. Am Hof hatte La TrĂ©moille eine exponierte Stellung inne. Aus den Kreisen des einflussreichsten französischen Adels stammend, war La TrĂ©moille frĂŒhzeitig in den Dienst von Karl VI. getreten und hatte schnell das Vertrauen des Monarchen gewonnen. Ab 1410 gehörte er dem königlichen Rat an und wurde 1413 zum GroßkĂ€mmerer von Frankreich ernannt. Nach dem Tod Karls VI. im Jahre 1422 hielt La TrĂ©moille treu zu dessen Sohn Karl VII., obwohl jener durch den Vertrag von Troyes zunĂ€chst von der Thronfolge ausgeschlossen war. Diese Treue widerspricht der Behauptung zahlreicher Autoren, dass La TrĂ©moille von zĂŒgellosem Machthunger getrieben wurde. Obwohl Karl VII. politisch zunĂ€chst „kaltgestellt“ war, blieb La TrĂ©moille am französischen Hof. Seine Treue wurde belohnt und ließ ihn schnell zum engsten Berater des zukĂŒnftigen Königs werden. Gilles de Rais konnte sich also keinen besseren Mentor wĂŒnschen, als er am Hofe Karls VII. erschien. La TrĂ©moille hegte große PlĂ€ne mit seinem Vetter. Sein Ziel war es, den französischen Thron wieder mit dem Dauphin zu besetzen. Da die EnglĂ€nder die Krone Frankreichs jedoch niemals freiwillig zurĂŒckgegeben hĂ€tten, war die Fortsetzung des sogenannten HundertjĂ€hrigen Krieges unausweichlich. Obwohl auf dem politischen Parkett ein glĂ€nzender Taktierer, sah sich La TrĂ©moille den militĂ€rischen Angelegenheiten nicht gewachsen. Vielmehr betrachtete er seinen Vetter Gilles als den idealen Mann, in gehobener militĂ€rischer Position fĂŒr die Sache Frankreichs zu kĂ€mpfen.
Karl VII. selbst war noch unschlĂŒssig, seinen angestammten Platz auf dem Throne Frankreichs konsequent einzufordern. Jedoch kam eine glĂŒckliche FĂŒgung La TrĂ©moille im FrĂŒhjahr 1429 zur Hilfe. Ein siebzehnjĂ€hriges BauernmĂ€dchen namens Jeanne d’Arc erschien am Hof in Chinon und verkĂŒndete, dass Gott ihr aufgetragen habe, dem Dauphin zu seinem Thron zu verhelfen.
Ob der vielen BĂŒcher, welche bereits ĂŒber Jeanne d’Arc veröffentlicht wurden, wĂ€re es mĂŒĂŸig, hier nĂ€her auf ihre Person einzugehen. ErwĂ€hnt werden sollte allerdings die Wirkung, welche jenes einfache BauernmĂ€dchen auf den gestandenen Edelmann Gilles de Rais ausĂŒbte. Auf Grund seiner sexuellen Orientierung zu beiden Geschlechtern erschien ihm die knabenhafte junge Frau ungemein begehrenswert. Die Angewohnheit, MĂ€nnerkleider zu tragen, verstĂ€rkte noch ihre androgyne Erscheinung, was sie fĂŒr Gilles noch unwiderstehlicher machte. Bei jeder sich ergebenden Gelegenheit betonte Jeanne d’Arc, dass sie eine Jungfrau sei und Gott ihr aufgetragen habe, dass sie ihre Mission nur erfĂŒllen könne, wenn sie auch weiterhin unberĂŒhrt bliebe. Dieser Umstand erhob sie in Gilles’ Vorstellungskraft auf eine Art Thron der Unerreichbarkeit, so dass seine Verehrung fĂŒr Jeanne de...

Table of contents

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. DANKSAGUNG
  5. INHALTSVERZEICHNIS
  6. GILLES DE RAIS – DAS UNGEHEUER DER BRETAGNE
  7. DIE PESTDÖRFER AN DEN ZSCHIRNSTEINEN
  8. DER BEAN CLAN – DIE KANNIBALENFAMILIE VON SCHOTTLAND
  9. CEAUƞESCU – DER ROTE VAMPIR
  10. DIE BESTIE VON GÉVAUDAN
  11. FRITZ HAARMANN – DER VAMPIR VON HANNOVER
  12. DAS MATZEL – SCHUTZGEIST ODER SCHRECKGESPENST?
  13. RASPUTIN – DER DÄMON RUSSLANDS
  14. ELISABETH BÁTHORY – DIE BLUTIGE GRÄFIN
  15. DAS STRAFGERICHT GOTTES – DER UNTERGANG VON PLURS
  16. DIE VAMPIRPRINZESSIN VON KRUMAU
  17. LUDWIG II. – GENIE ODER WAHNSINN?
  18. DER MORDFALL HINTERKAIFECK
  19. PAN DIETRICH – DER WILDE JÄGER
  20. DER LÜGENBARON MÜNCHHAUSEN
  21. DER LIEBESZAUBER DER SIBYLLA VON NEITSCHÜTZ
  22. DER RATTENFÄNGER VON HAMELN
  23. ANMERKUNGEN & LITERATURNACHWEIS

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