Business Adventures
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Business Adventures

Zwölf lehrreiche Geschichten aus der Welt der Wall Street

John Brooks

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  1. 480 pages
  2. German
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Business Adventures

Zwölf lehrreiche Geschichten aus der Welt der Wall Street

John Brooks

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Wenn Bill Gates in seinem Blog ein Buch zum "besten Wirtschaftsbuch" kĂŒrt und nebenbei erwĂ€hnt, dass er es sich vor Jahren von Warren Buffett geliehen hat, dann kommt das dabei heraus: Ein seit Jahren vergriffenes Werk wird wieder zum Bestseller. "Business Adventures" wurde erstmals im Jahr 1968 veröffentlicht. Es enthĂ€lt zwölf Essays des New Yorker Journalisten John Brooks, in denen dieser beschreibt, wie sich das Schicksal gigantischer Unternehmen durch einen SchlĂŒsselmoment entschied. Sie geben einen zeitlosen und tiefen Einblick in die Mechanismen der Wirtschaft und der Wall Street. Bis vor wenigen Monaten war das Buch jahrelang vergriffen. Dann lobte Bill Gates es ĂŒber den grĂŒnen Klee. Der Rest ist Geschichte. "Business Adventures" schoss umgehend in die

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Information

Year
2015
ISBN
9783864702761

KAPITEL 1

» DIE SCHWANKUNG «

Die Börse – eine Art tagsĂŒber laufende Abenteuer-Fernsehserie fĂŒr Wohlhabende – wĂ€re nicht die Börse, wenn sie nicht ihre Aufs und Abs hĂ€tte. Jeder, der sich ein wenig fĂŒr Wall-Street-Anekdoten interessiert, kennt bestimmt auch die Reaktion von J.P. Morgan Senior auf die Frage eines unwissenden Bekannten, der es wagte, sich bei dem bedeutenden Mann zu erkundigen, was der Markt wohl als NĂ€chstes tun werde: „Er wird schwanken“, antwortete der Banker trocken. Und Börsen haben noch ein paar andere Eigenheiten. Zu den angenehmsten davon zĂ€hlt die Tatsache, dass sie den freien Fluss von Kapital fĂŒr unternehmerische Expansion gewĂ€hrleisten. Negativ ist, dass sie fĂŒr die UnglĂŒcklichen, die UnvernĂŒnftigen und die LeichtglĂ€ubigen eine allzu einfache Möglichkeit geschaffen haben, ihr Geld zu verlieren. Davon abgesehen hat ihr Aufkommen ein ganz neues gesellschaftliches Verhaltensmuster entstehen lassen, einschließlich besonderer Gewohnheiten, einer eigenen Sprache und vorhersagbaren Reaktionen auf bestimmte Geschehnisse. Das Bemerkenswerteste aber ist: Nach der GrĂŒndung der ersten bedeutenden Börse der Welt im Jahr 1611 – in einem Hof ohne Dach in Amsterdam – hat sich dieses Muster rasant verbreitet, und noch an der New York Stock Exchange der 1960er Jahre ist es, wenn auch mit leichten Variationen, gut zu beobachten. Der heutige Aktienhandel in den USA ist eine bemerkenswert aufwĂ€ndige Angelegenheit, fĂŒr die Millionen Meilen an privaten Telegraphenleitungen und Computer benötigt werden, die das gesamte Telefonbuch von Manhattan in drei Minuten einlesen und kopieren können; mehr als 20 Millionen AktionĂ€re beteiligen sich daran. Man könnte glauben, all das unterscheide sich grundlegend von den paar HollĂ€ndern, die im 17. Jahrhundert im Regen feilschten. Im Grunde aber ist alles beim Alten geblieben. Die erste Börse der Welt erwies sich als ein Labor, in dem neue menschliche Reaktionen zum Vorschein kamen. Auf dieselbe Weise ist auch die New York Stock Exchange von heute eine Art soziologisches Reagenzglas, das immer neue BeitrĂ€ge zum SelbstverstĂ€ndnis der menschlichen Spezies liefert.
Das Verhalten der niederlĂ€ndischen Aktien-Pioniere ist kundig dokumentiert in einem Buch mit dem Titel „Verwirrung der Verwirrungen“, geschrieben von einem Spekulanten namens Joseph de la Vega, erstmals veröffentlicht im Jahr 1688 und vor einigen Jahren von der Harvard Business School in Englisch neu aufgelegt. Das Verhalten der heutigen amerikanischen Anleger und Broker wiederum – deren Eigenschaften wie die aller Börsenmenschen in Krisenzeiten noch deutlicher zutage treten – ließ sich gut in der letzten Maiwoche 1962 beobachten, als die Schwankung des Marktes ein spektakulĂ€res Ausmaß annahm. Am Montag, dem 28. Mai, fiel der Dow-Jones-Index der 30 wichtigsten Industrieaktien, berechnet an jedem Handelstag seit 1897, um 34,95 Punkte – mehr als bis dahin an jedem anderen Tag mit Ausnahme des 28. Oktober 1929, als der Verlust 38,33 Punkte betrug. Das Handelsvolumen am 28. Mai lag bei 9.350.000 Aktien, was es zum siebthöchsten in der Geschichte der Stock Exchange machte. Am darauf folgenden unruhigen Dienstagmorgen sanken die meisten Kurse zunĂ€chst noch deutlich unter ihre Schlusskurse vom Montag. Dann aber wechselte der Markt plötzlich die Richtung und drĂ€ngte mit erstaunlichem Schwung nach oben. Insgesamt endete der Dienstag mit einem großen, wenn auch nicht rekordverdĂ€chtigen Gewinn von 27,03 Punkten im Dow Jones. Zumindest einen Beinahe-Rekord aber gab es beim Handelsvolumen: Insgesamt 14.750.000 Aktien wechselten den Besitzer – mehr waren es außer am 29. Oktober 1929 mit seinem Handelsvolumen von knapp ĂŒber 16 Millionen Aktien noch nie gewesen (spĂ€ter in den 1960er Jahren wurden 10, 12 oder sogar 14 Millionen Aktien pro Tag zum Normalfall; der Rekord von 1929 wurde schließlich am 1. April 1968 gebrochen, und in den Monaten darauf gab es mehrere neue Rekorde). Wegen des Feiertags Memorial Day gab es am Mittwoch keinen Handel, doch am Donnerstag, dem 31. Mai, schloss sich der Kreis: Bei einem Handelsvolumen von 10.701.000 Aktien, dem fĂŒnftgrĂ¶ĂŸten in der Geschichte, gewann der Dow Jones 9,40 Punkte. Damit stand er wieder leicht wieder ĂŒber dem Niveau, bei dem die ganze Aufregung begonnen hatte.
Die Krise selbst dauerte also nur drei Tage, die anschließenden Analysen aber liefen, man muss es kaum erwĂ€hnen, ĂŒber einen sehr viel lĂ€ngeren Zeitraum. Eine der Beobachtungen von de la Vega ĂŒber die Amsterdamer-HĂ€ndler lautete, sie seien „sehr geschickt darin, GrĂŒnde zu erfinden“, warum Aktien plötzlich fallen oder steigen. Auch die Wall-Street-Experten der neueren Zeit mussten alles auffahren, was sie an Intelligenz zu bieten hatten, um zu erklĂ€ren, warum die Börse mitten in einem wirtschaftlich hervorragenden Jahr plötzlich zum zweitgrĂ¶ĂŸten Absturz ihrer Geschichte ansetzte. Eine der beliebtesten ErklĂ€rungen war die Entscheidung von PrĂ€sident Kennedy, geplante Preiserhöhungen der Stahlindustrie zu unterbinden. Abgesehen davon waren die Analysen zum Geschehen im Mai 1962 natĂŒrlich voller Vergleiche mit dem Oktober 1929. Schon die Daten zu Kursbewegungen und Handelsvolumen machten solche Parallelen fast unvermeidlich – auch wenn manche vielleicht etwas enttĂ€uscht waren, dass die schlimmsten Tage der beiden Panikwellen, einmal der 28. der Monats, einmal der 29., zwar nahe beieinander lagen, aber mysteriöserweise doch nicht genau zusammenfielen. Insgesamt war man sich jedoch einig, dass die Unterschiede auffĂ€lliger seien als die Gemeinsamkeiten. Nach 1929 war der Börsenhandel stĂ€rker reguliert worden, und es wurden Grenzen fĂŒr die GewĂ€hrung von Krediten fĂŒr den Kauf von Aktien eingefĂŒhrt. Das machte es deutlich schwieriger, wenn nicht sogar unmöglich, an der Börse sein gesamtes Geld zu verlieren. Kurz gesagt: In den 1680er-Jahren konnte de la Vega die Amsterdamer Börse noch völlig zu Recht als „GlĂŒcksspielhölle“ bezeichnen, auch wenn er sie offensichtlich liebte. FĂŒr die New Yorker Börse aber war dieser Ausdruck in den 33 Jahren nach ihrem ersten großen Crash deutlich unpassender geworden.
Ihr Zusammenbruch im Jahr 1962 kam nicht ohne Vorwarnungen, die allerdings von den meisten Beobachtern nicht richtig gedeutet wurden. Kurz nach Beginn des Jahres hatte eine recht stetige AbwĂ€rtsbewegung eingesetzt. Bis Mai beschleunigte sich diese Entwicklung, und schon die Woche vor dem Crash – 21. Mai bis 25. Mai – war an der New York Stock Exchange die schlechteste seit Juni 1950 gewesen. Am Morgen des 28. Mai hatten Broker und HĂ€ndler also durchaus Grund zum GrĂŒbeln: War der Boden schon erreicht, oder wĂŒrde er erst noch kommen? Im RĂŒckblick scheinen die Meinungen zu dieser Frage geteilt gewesen zu sein. Der Nachrichten-Ticker der Agentur Dow Jones, der damals noch per Fernschreiber funktionierte, ließ zwischen der Aufnahme der Berichterstattung um 9 Uhr und der Börseneröffnung um 10 Uhr eine gewisse Besorgnis erkennen (der Dienst wird als das „Broad Tape“ bezeichnet, weil er auf vertikal laufenden Papierstreifen mit einer Breite von etwa 16 Zentimetern ausgegeben wurde; davon zu unterscheiden ist der Ticker der Börse selbst, auf dem aktuelle Kurse auf einem schmalen Streifen in horizontaler Richtung erschienen). Laut den Ticker-Meldungen hatten am Wochenende viele Broker von Kunden, die Aktien auf Kredit gekauft hatten, zusĂ€tzliche Sicherheiten gefordert, weil ihre Aktien an Wert verloren hatten. Außerdem wurde berichtet, ĂŒberstĂŒrzte VerkĂ€ufe wie in der Vorwoche seien „an der Wall Street seit Jahren nicht zu sehen“ gewesen. Gleichzeitig gab es eine Reihe von erfreulichen Unternehmensmeldungen wie etwa die Nachricht, dass Westinghouse soeben einen neuen Vertrag mit der Navy abgeschlossen habe. Jedoch sind an der Börse, wie de la Vega erklĂ€rt, „die Nachrichten [an sich] hĂ€ufig von geringem Wert“: Kurzfristig kommt es dort eher auf die Stimmung der Anleger an.
Wie diese Stimmung wirklich aussah, wurde dann innerhalb von Minuten nach der Eröffnung erkennbar. Um 10:11 Uhr meldete das Broad Tape noch, die Aktien hĂ€tten sich zum Handelsstart „uneinheitlich und nur mĂ€ĂŸig aktiv“ gezeigt. Das klang beruhigend, denn „uneinheitlich“ bedeutete, dass manche Aktien stiegen und manche fielen; außerdem gilt ein fallender Markt meist als deutlich weniger bedenklich, wenn das Handelsvolumen eher moderat als extrem hoch ist. Doch die Entspannung war nur von kurzer Dauer: Ab 10:30 Uhr zeigte der Ticker der Wall Street, auf dem Kurs und Volumen jeder Transaktion auf dem Parkett angezeigt werden, nicht nur stĂ€ndig niedrigere Kurse, sondern lief schon mit seinem maximalen Tempo von 500 Zeichen pro Minute – und hinkte dem Geschehen an der Börse trotzdem um sechs Minuten hinterher. Die VerspĂ€tung des Tickers bedeutete, dass mittlerweile in so rascher Folge gehandelt wurde, dass die Maschine schlicht nicht mehr mithalten konnte. Normalerweise geschieht nach einer Transaktion auf dem Parkett der New York Stock Exchange, zu finden an der Adresse 11 Wall Street, Folgendes: Ein Mitarbeiter der Börse schreibt die Daten auf ein StĂŒck Papier, das per Rohrpost in einem Raum im fĂŒnften Stock geschickt wird. Dort sitzen SekretĂ€rinnen, die jede Transaktion zur Übertragung in die Ticker-Maschine eingeben. Ein Zeitverzug von zwei oder drei Minuten zwischen einer Transaktion auf dem Parkett und der Veröffentlichung im Ticker gilt als normal und wird von der Börse nicht als „VerspĂ€tung“ angesehen – dieses Wort ist fĂŒr Situationen reserviert, bei denen zwischen der Ankunft einer Meldung im fĂŒnften Stock und ihrem Erscheinen im ĂŒberlasteten Ticker weitere Verzögerungen hinzukommen („Die an der Börse verwendeten AusdrĂŒcke sind nicht sehr sorgfĂ€ltig gewĂ€hlt“, klagte schon de la Vega). An Tagen mit hohem Handelsvolumen sind Ticker-VerspĂ€tungen von ein paar Minuten nichts Ungewöhnliches. Allerdings hatte die Börse 1930 ein neues Tickersystem installiert, und seitdem waren große Verzögerungen extrem selten gewesen. Am 24. Oktober 1929 lief der Ticker mit seiner damaligen Maximalgeschwindigkeit von 285 Zeichen pro Minute dem Geschehen um 246 Minuten hinterher. Mit der neuen Maschine hatte es bis zum Mai 1962 nur noch VerspĂ€tungen von höchstens 34 Minuten gegeben.
Jedenfalls fielen die Kurse jetzt unĂŒbersehbar, und das Handelsvolumen nahm zu. Doch verzweifelt war die Lage noch nicht. Bis gegen 11 Uhr war lediglich zu erkennen, dass der KursrĂŒckgang der Vorwoche mit etwas erhöhtem Tempo weiterging. Doch mit dem zunehmenden Handelsvolumen erhöhte sich auch die Verzögerung im Ticker. Um 10:55 Uhr war er 13 Minuten hinterher, um 11:14 Uhr schon 20 Minuten, um 11:35 Uhr 28 Minuten, um 11:58 Uhr 38 Minuten und um 12:14 Uhr dann 43 Minuten (um nicht ausschließlich veraltete Informationen zu verbreiten, fĂŒgte die Börse regelmĂ€ĂŸig aktuelle Kursdaten von ein paar besonders wichtigen Aktien als „Flash“ in den verzögerten Ticker ein; das kostete natĂŒrlich ebenfalls Zeit, sodass die Verzögerung insgesamt noch zunahm). Am Mittag wurde fĂŒr den Dow Jones ein Verlust von bis dahin 9,86 Punkten berechnet.
Zur Mittagszeit aber kamen die ersten Zeichen fĂŒr öffentliche Hysterie. Eines davon war die Tatsache, dass die Kurse zwischen 12 und 14 Uhr nicht nur weiter fielen, sondern dies auch noch bei steigendem Volumen – dabei herrscht mittags traditionell relative Ruhe im Handel. Die Verzögerung des Tickers nahm weiter zu und erreichte kurz vor 14 Uhr den Wert von 52 Minuten. Wenn die Leute Aktien verkaufen, statt in Ruhe zu Mittag zu essen, wird das stets als ernsthafte Angelegenheit verstanden. Ein ebenso deutliches Omen fĂŒr nahende Turbulenzen war vielleicht das Geschehen im BĂŒro des unumstrittenen Broker-Giganten Merrill Lynch, Pierce, Fenner & Smith am New Yorker Times Square. Dieser Standort hatte es mit einem sehr speziellen Problem zu tun: Weil er so zentral gelegen war, kam jeden Mittag eine ungewöhnlich hohe Zahl von „Walk-Ins“ herein – so heißen in Broker-Kreisen Leute, die mit der Börse nur am Rande zu tun haben, aber die AtmosphĂ€re von BörsenbĂŒros samt Kursticker unterhaltsam finden, vor allem in Krisenzeiten (de la Vega: „Es ist leicht zu erkennen, wer das Spiel nur zur Unterhaltung spielt und nicht aus Gier). Aus seiner langen Erfahrung wusste der BĂŒroleiter, ein ruhiger Mann aus Georgia namens Samuel Mothner: Je mehr Walk-Ins bei ihm erscheinen, desto besorgter um den Markt ist die Öffentlichkeit. Und am Mittag des 28. Mai war es in seinem BĂŒro so voll, dass es fĂŒr seine geschulte Aufmerksamkeit kaum ein eindeutigeres Signal fĂŒr eine kommende Katastrophe geben konnte.
Die Probleme fĂŒr Mothner an diesem Tag blieben, ebenso wie bei seinen Broker-Kollegen von San Diego bis Bangor, keineswegs auf solche beunruhigenden Zeichen und Signale begrenzt. Mittlerweile war eine hemmungslose Verkaufswelle bei Aktien ins Rollen geraten; im BĂŒro von Mothner liefen fĂŒnf- bis sechsmal so viele AuftrĂ€ge ein wie gewöhnlich, und fast alle davon waren Verkaufsorders. Insgesamt rieten die Broker ihren Kunden dazu, ruhig zu bleiben und ihre Aktien zumindest vorerst zu behalten, doch viele ließen sich nicht dazu ĂŒberreden. In einem anderen BĂŒro von Merrill Lynch, gelegen in 61 West 48. Straße, ging ein Telegramm von einem bedeutenden Kunden aus Rio de Janeiro ein. „Bitte alles aus meinem Depot verkaufen“, hieß es darin nur. Weil nicht genug Zeit war, um den Mann ĂŒber die weite Entfernung zu mehr Geduld zu ĂŒberreden, hatte Merrill Lynch keine andere Wahl, als den Auftrag auszufĂŒhren. Radio- und Fernsehsender hatten bis zum frĂŒhen Nachmittag mitbekommen, dass Nachrichten in der Luft lagen, und unterbrachen ihr regulĂ€res Programm jetzt mit Meldungen ĂŒber die aktuelle Lage. Wie es in einer Publikation der New Yorker Börse spĂ€ter etwas missbilligend hieß: „Das Ausmaß an Aufmerksamkeit, das in diesen Nachrichtensendungen der Börse gewidmet wurde, hat möglicherweise zur Beunruhigung mancher Anleger beigetragen.“ ZusĂ€tzlich wurde das Abarbeiten der vielen VerkaufsauftrĂ€ge bei den Brokern durch technische Probleme enorm erschwert. Um 14:26 Uhr betrug die Ticker-Verzögerung bereits 55 Minuten. Also wurden hauptsĂ€chlich Preise von vor einer Stunde angezeigt, die in vielen FĂ€llen zwischen einem und 10 Dollar höher waren als die aktuellen. FĂŒr die Broker war es dadurch fast unmöglich, verkaufswilligen Kunden einen ungefĂ€hren Preis fĂŒr ihre Aktien zu nennen. Manche Brokerfirmen versuchten, die Ticker-Verzögerung zu umgehen, indem sie interne Meldesysteme improvisierten. Bei Merrill Lynch zum Beispiel riefen die ParketthĂ€ndler – wenn sie denn daran dachten und genĂŒgend Zeit hatten – das Ergebnis einer Transaktion einfach in ein Telefon auf dem Parkett, das an die „Squawk Box“ der Firma an ihrem Hauptsitz in der Pine Street angeschlossen war. Rasch zusammengezimmerte Lösungen wie diese waren natĂŒrlich sehr anfĂ€llig fĂŒr Fehler.
Auf dem Parkett der Börse selbst fehlte es an jeglichem Kaufinteresse – es war schlicht so, dass alle Aktien rasch und stetig fielen, und das bei enormem Volumen. De la Vega hĂ€tte die Szenerie vielleicht Ă€hnlich beschrieben, wie er wortgewaltig ĂŒber einen vergleichbaren Tag in Amsterdam berichtete: „Die BĂ€ren [also die VerkĂ€ufer] sind vollkommen von Angst, Unruhe und NervositĂ€t getrieben. Hasen werden fĂŒr sie zu Elefanten, Streitigkeiten in einer Kneipe zu AufstĂ€nden und schwache Schatten zu Zeichen fĂŒr Chaos.“ Nicht eben der am wenigsten beunruhigende Aspekt der Lage in New York war, dass die wichtigsten Blue Chips, also die Aktien der grĂ¶ĂŸten Unternehmen der USA, den Absturz voll mitmachten. American Telephone & Telegraph, das grĂ¶ĂŸte Unternehmen ĂŒberhaupt und zugleich dasjenige mit der grĂ¶ĂŸten Zahl an AktionĂ€ren, fĂŒhrte den gesamten Markt nach unten an. Das Handelsvolumen war höher als bei jeder anderen der rund 1.500 an der Stock Exchange notierten Aktien (deren Preis zumeist nur einen Bruchteil des Preises von „Telephone“, wie man die Aktie damals kurz nannte, ausmachte), und der Kurs wurde von Welle auf Welle dringender VerkĂ€ufe gedrĂŒckt. Um 14 Uhr stand er bei 104 Ÿ Dollar, ein Tagesverlust von 6 ⅞ Dollar, und war immer noch im Sinken begriffen. Telephone war schon immer ein Indikator fĂŒr den Rest der Börse gewesen, jetzt aber wurde die Aktie noch genauer beobachtet als sonst, und jeder weitere Achteldollar Verlust war ein Signal fĂŒr weitere RĂŒckgĂ€nge am Rest des Marktes. Bis kurz vor 15 Uhr hatte IBM 17 Âœ Dollar verloren, Standard Oil aus New Jersey, ansonsten oft bemerkenswert immun gegen allgemeine Kursverluste, 3 ÂŒ Dollar. Auch Telephone selbst fiel weiter auf 101 1/8 Dollar. Und ein Boden schien noch nicht in Sicht.
Trotzdem beschrieben Personen, die an dem Tag vor Ort waren, die AtmosphĂ€re auf dem Parkett spĂ€ter als nicht hysterisch – oder wenn doch Hysterie herrschte, dann gut kontrollierte. Viele Broker beugten das Verbot der Börse, auf dem Parkett zu rennen, bis zum Äußersten, und ihre Gesichter zeigten einen Ausdruck, den ein zurĂŒckhaltender offizieller Börsenvertreter als „eifrig“ bezeichnete. An den ĂŒblichen Frotzeleien, Albernheiten und kleinen Beleidigungen aber herrschte kein Mangel („Scherze (
) sind einer der wichtigsten Anziehungsfaktoren fĂŒr dieses GeschĂ€ft“, schrieb de la Vega). Irgendetwas aber war an diesem Tag trotzdem anders. „Am besten erinnere ich mich daran, dass ich mich physisch erschöpft fĂŒhlte“, sagte spĂ€ter ein Parkettmakler. „An einem Krisentag lĂ€uft man wahrscheinlich elf oder zwölf Meilen ĂŒber das Parkett – das wurde mit SchrittzĂ€hlern gemessen. Aber es ist nicht diese Entfernung, die einen so viel Kraft kostet. Es ist der physische Kontakt. Man muss drĂ€ngeln und wird weggedrĂ€ngt. Die Leute steigen fast ĂŒber einen. Und dann sind da die GerĂ€usche – das dichte Stimmengewirr, das immer entsteht, wenn es abwĂ€rts geht. Wenn sich die AbwĂ€rtsbewegung beschleunigt, wird die Tonlage höher. Ein steigender Markt hat einen vollkommen anderen Klang. Wenn man sich an diesen Unterschied gewöhnt hat, kann man die Bewegung des Marktes mit geschlossenen Augen erkennen. NatĂŒrlich gab es die ĂŒblichen derben Witze – vielleicht waren sie etwas gezwungener als sonst. Dass nach dem LĂ€uten der Schlussglocke um 15:30 Uhr Jubel ausbrach, ist oft erwĂ€hnt worden. Aber wir haben natĂŒrlich nicht gejubelt, weil der Markt verloren hatte. Wir haben gejubelt, weil es vorbei war.“
Aber war es wirklich vorbei? Diese Frage beschĂ€ftigte die Wall Street und Anleger im ganzen Land den gesamten restlichen Nachmittag und Abend ĂŒber. Bis zum Handelsschluss lief der verspĂ€tete Börsenticker nach KrĂ€ften weiter und zeigte brav Kurse an, die lĂ€ngst ĂŒberholt waren (am Ende betrug seine VerspĂ€tung eine Stunde und neun Minuten, und die letzte Transaktion des Tages wurde erst um 17.58 Uhr ausgegeben). Viele Broker blieben bis nach 17 Uhr auf dem Parkett, um Details der vielen GeschĂ€fte des Tages zu ĂŒberprĂŒfen; dann gingen sie in ihre BĂŒros, um sich um die Kunden zu kĂŒmmern. Was der Ticker zeigte, als er endlich so weit war, war eine durchgĂ€ngig traurige Geschichte. American Telephone & Telegraph hatte bei 100 ⅝ Dollar geschlossen, ein Tagesverlust von elf Dollar. Philip Morris schloss 8 ÂŒ Dollar niedriger bei 71 Âœ, Campbell Soup mit einem Verlust von 10 Ÿ bei 81 Dollar, IBM verlor 37 Âœ Dollar und schloss bei 361 Dollar. Und so weiter. Die Mitarbeiter in den Broker-BĂŒros waren – viele von ihnen fast die ganze Nacht ĂŒber – gut mit verschiedenen Sonderaufgaben beschĂ€ftigt. Die weitaus wichtigste davon war das Verschicken von Margin-Calls. Dabei handelt es sich um die Anforderung zusĂ€tzlicher Sicherheiten von einem Kunden, der sich von seinem Broker Geld fĂŒr den Kauf von Aktien geliehen hat, deren Wert aber nicht mehr ausreicht, um den Kredit abzusichern. Wenn ein Kunde bei einem Margin-Call nicht bereit oder in der Lage ist, mehr Sicherheiten zu stellen, wird sein Broker die beliehenen Aktien so schnell wie möglich verkaufen. Solche ZwangsverkĂ€ufe können sich auch auf andere Aktien auswirken, was zu weiteren Margin-Calls und damit weiteren VerkĂ€ufen fĂŒhrt – und immer so weiter. Im Jahr 1929 hatte sich dieser Mechanismus als Fass ohne Boden erwiesen, weil es noch keine landesweiten BeschrĂ€nkungen fĂŒr Wertpapierkredite gab. Nach dieser Erfahrung waren Obergrenzen eingefĂŒhrt worden. Doch auch im Mai 1962 musste ein Kunde mit einem Margin-Call rechnen, wenn er auf Kredit Aktien gekauft hatte, die anschließend 40 bis 50 Prozent ihres Wertes verloren – und das war zum Handelsschluss am 28. Mai bei fast jeder vierten Aktie gegenĂŒber ihrem Hoch im Jahr 1961 passiert. SpĂ€ter schĂ€tzte die Börse, dass vom 25. bis 31. Mai 91.700 Margin-Calls versendet wurden, die meisten per Telegramm. Man darf wohl davon ausgehen, dass die meisten davon am Nachmittag, am Abend oder in der Nacht des 28. Mai kamen – und zwar nicht unbedingt frĂŒh. Mehr als nur ein Kunde erfuhr von der Krise – oder jedenfalls von ihrem fast erschreckenden Ausmaß – erst, als er am Dienstag irgendwann vor Sonnenaufgang vom Boten mit dem Margin-Call geweckt wurde.
Die Gefahr durch Margin-VerkĂ€ufe war 1962 deutlich geringer als 1929. DafĂŒr war ein anderer Aspekt umso bedrohlicher geworden: VerkĂ€ufe durch Investmentfonds. Viele Wall-Street-HĂ€ndler sagen heute, auf dem Höhepunkt der Mai-Krise habe allein der Gedanke an die Situation bei den Fonds ausgereicht, um sie schaudern zu lassen. Millionen von Amerikanern haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten Anteile an Fonds gekauft und wissen, dass sie eine Möglichkeit fĂŒr Kleinanleger bieten, ihre Ressourcen bei einem professionellen Verwalter zu bĂŒndeln; sie kaufen also Anteile am Fonds, und der Fonds kauft mit diesem Geld Aktien und ist bereit, die Anteile zum aktuellen Wert zurĂŒckzunehmen, wann immer der Anleger das will. Bei einem schweren KursrĂŒckgang, so ĂŒberlegte man damals, wĂŒrden Kleinanleger ihr Geld von der Börse abziehen wollen, also ihre Anteile zurĂŒckgeben. Um das dafĂŒr nötige Geld zu bekommen, wĂŒrden die Fonds einen Teil ihrer Aktien verkaufen mĂŒssen, was zu weiteren KursrĂŒckgĂ€ngen fĂŒhren wĂŒrde, die dann noch mehr Fondsanleger zum Ausstieg bewegen – und endlos immer so weiter, wie frĂŒher bei den Margin-Calls. Das kollektive Erzittern der Anlagebranche ĂŒber diese Gefahr wurde noch verstĂ€rkt durch die Tatsache, dass der Einfluss von Fonds bei einem sinkenden Markt noch nie in der RealitĂ€t beobachtet werden konnte. Im Jahr 1929 hatte es sie praktisch noch nicht gegeben, bis FrĂŒhjahr 1962 aber hatten die Fonds zusammen ein atemberaubendes Volumen von 23 Milliarden Dollar eingesammelt – und in der Zwischenzeit war der Markt nie so brutal abgestĂŒrzt wie jetzt. Klar schien: Wenn 23 Milliarden Dollar, oder auch nur ein erheblicher Anteil davon, auf den Markt geworfen wĂŒrden, könnte es zu einem Crash kommen, der 1929 aussehen lassen wĂŒrde wie ein kleines Stolpern. Ein nachdenklicher Broker namens Charles J. Rolo, der bis zu seinem Eintritt in die Wall-Street-Gesellschaft als Buchkritiker fĂŒr die Zeitschrift Atlantic gearbeitet hatte, erinnerte sich spĂ€ter: Die Gefahr einer von den Fonds ausgelö...

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