Fehlverhalten und Konsequenz 1
Am Samstag konnte ich meinen neuen Wagen abholen. Den alten dort stehen zu lassen, fiel mir nicht schwer, da ich ihn als Teil meiner Vergangenheit ansah. Nach einem ausgedehnten Sportnachmittag verabredete ich mich um 20 Uhr mit Sven Brakel in einem Jachtklub an der Regattabahn. Als ich dort eintraf, lungerte er schon an der Bar herum und bestellte uns gleich zwei Caipirinhas. Er fragte nach Neuigkeiten von Klara. Ich beschrieb ihm lieber meine Lektionen mit Waske. Sven war brennend interessiert und so verging die Zeit im Flug. Beim dritten Caipi beschlossen wir, uns das Taxi zu teilen. Beim fünften waren meine Sorgen so eingenebelt, dass ich anfing, den Abend zu genießen. Gegen drei Uhr verließen wir den Klub.
Die gerechte Strafe folgte am nächsten Morgen. Mein Kopf passte durch keine Tür und das Zwitschern der Grünfinken, die die ersten wärmenden Sonnenstrahlen genossen, tat weh in meinen Ohren. Gegen Mittag schaffte ich es, meine Joggingschuhe anzuziehen und zur Selbstkasteiung zu schreiten.
„Wer saufen kann, kann auch arbeiten!“, fiel mir der Spruch meiner Mutter ein, als sie mich nach einem jugendlichen Gelage frühmorgens in die Schule jagte. Schon nach zwei Kilometern ging es mir besser und am Ende schaffte ich es bis zum Jachtklub, wo ich am Vorabend den Wagen zurückgelassen hatte. Mit der Ausnüchterung kamen aber auch die Gedanken an Klara zurück.
Frühzeitig ging ich zu Bett, da montags bei Brackets immer Großkampftag war. Aus der Produktionsgruppe musste immer eine Führungskraft bereits um vier Uhr ins Werk, um die Maschinen der Abteilung aufzuheizen. Ich hatte mich dazu mit Degenkolbe verabredet, der mir alle Handgriffe für diese Früheinsätze beibringen sollte.
Der Samstagabend steckte mir trotzdem noch in den Knochen, und so wachte ich beim Schellen des Weckers nur langsam auf. Mit einem Auge schielte ich auf die LED-Anzeige und drückte den Aus-Knopf. Es schellte einfach weiter. Ich öffnete das zweite Auge und erkannte die Uhrzeit. 2 Uhr 35. Hatte ich den Wecker tatsächlich eine Stunde zu früh eingestellt? Es schellte weiter. Genervt schlug ich mit der Faust auf den Snooze-Knopf. Es schellte weiter. Mit beiden Händen ergriff ich den himmelblauen Radiowecker, der wie eine Halbkugel gebaut war, und suchte nach der Ursache der Fehlfunktion. Es schellte weiter. Erst jetzt begriff ich, woher das Geräusch kam: Das Telefon klingelte nun schon zum zehnten oder elften Mal. Ich riss den Hörer aus der Ladestation. Beim ersten Wort von der anderen Seite atmete ich auf.
Eine vertraute Stimme bedankte sich für die Sorgen, die ich mir gemacht hatte, und für die Unterstützung ihrer Mutter. Klara war unversehrt und gesund. Die Hiobsbotschaft folgte sofort. Sie erklärte mir, dass sie jemanden in Australien kennen gelernt hatte und dort bleiben würde. Warum erzählte sie mir das ausgerechnet jetzt?
Das traf mich härter, als ich vermutet hätte. Nun hatte ich sie also endgültig verloren!
Der Rest des Gesprächs glitt an mir vorbei. Wir einigten uns über die Modalitäten der Wohnungsübergabe und dass ich ihre Sachen zur Mutter schicken sollte. Alle anfallenden Kosten würde sie tragen. Das nüchterne Gespräch zerrte an meinen Gefühlen, mein Herz wurde schwerer und schwerer.
Ihre Adresse wollte sie mir nicht geben.
„Ich brauche Raum für mein Leben, verstehst du das?“, fragte sie am Ende.
„Klara, ich hätte dir so viel zu sagen“, verbrauchte ich meine letzten Sekunden, die sie mit mir sprechen wollte, „ich will, dass du weißt, dass ich dich liebe!“
„Ich weiß“, waren die letzten Worte, die ich hörte, bevor sie auflegte.
Frustriert, unzufrieden und wütend schaute ich auf die Uhr. Wir hatten tatsächlich über eine halbe Stunde miteinander gesprochen und ich hatte mit ihr nicht über all die Missverständnisse gesprochen, die zwischen uns lagen. Trotzdem überwog langsam die Freude, dass ihr nichts zugestoßen war. Nun war sie zwar unerreichbar, aber glücklich.
Die Zeit zwischen vier und sieben Uhr war hart. Einschalten aller vier Maschinen der Abteilung, Rohstoffe auffüllen, alle Störungsmeldungen abarbeiten. Wenn möglich die Maschine erstmalig anfahren, um weitere Störungen frühzeitig zu beheben. Zu zweit waren wir trotz meiner mangelnden Erfahrung sehr schnell und konnten die TM17 gegen 5 Uhr 30 anfahren. Mit Degenkolbe am Maschinenführerpult und mit mir in der Verpackung schafften wir beide alleine es, die Maschine eine halbe Stunde am Laufen zu halten. Da stellte sich dem Dümmsten doch die Frage, warum ich 15 Mitarbeiter pro Schicht benötigte. Um 6 Uhr kam das Maschinenpersonal und freute sich über die laufende TM17. An der TM20 hatten wir weniger Glück und mussten auf den Elektriker warten. Der Wochenstart war für mich danebengegangen. Gegen 10 Uhr saß ich müde, aber erwartungsvoll bei Waske.
„Das heutige Kapitel heißt Fehlverhalten“, legte er los. „Hast du mit deinem Auto schon einmal im Parkverbot gestanden?“
Das konnte ich unmöglich mit einem Nein beantworten. „Natürlich habe ich schon einmal im Parkverbot gestanden.“
„Und? Hast du einen Strafzettel bekommen?“
Das Leben in einer Großstadt ist gepflastert mit Strafzetteln. „Ja, ich habe auch schon Strafzettel für falsches Parken bekommen“, stellte ich nüchtern fest.
„Was hast du gedacht, als du die Strafzettel gesehen hast?“
„Ich habe mich geärgert, ich habe die Stadt und alle ihre Politessen verflucht“, nutzte ich diese Belanglosigkeit, um meiner schlechten Laune Luft zu machen.
„Und, ist das okay?“
Jetzt war ich irritiert. „Ich war halt verärgert, dass ich erwischt worden war. Um mich herum standen andere Autos, die keinen Strafzettel hatten. Soll ich mich da freuen?“, motzte ich zurück.
„Hast du gewusst, dass du falsch geparkt hattest?“ „Ja.“
„Kanntest du die Strafe für falsches Parken?“ „Ja.“
„Dann kannst du dich freuen, dass du die richtige Konsequenz erfahren hast“, grinste mich Waske an. „Okay“, ergänzte er, „vielleicht ist das übertrieben, aber ärgern darfst du dich nicht!“
„Und was ist mit den anderen, die falsch geparkt haben und nicht bestraft wurden?“, brachte ich den Hauptgrund meines Ärgers vor.
„Da hast du die übliche Begründung für Fehlverhalten entdeckt!“, stellte Waske klar.„Mit diesen Ausreden musst du Schluss machen!“
„Aber wie?“, fragte ich.
„Ich erzähle dir eine Geschichte aus meiner Ausbildung“, begann Waske.
„Während der Technikerschule habe ich in einem Wohnheim gewohnt, in dem ein kleiner Lebensmittelhändler ein Ladenlokal hatte. Eines Tages ging ich abends in das Geschäft, um mir eine Kiste Mineralwasser zu kaufen.“ Ich musste schmunzeln, wahrscheinlich war das eine kleine Modifikation der Wahrheit. „Als ich durch ein Regal hindurchschaute, sah ich meinen Nachbarn, wie er sich eine Dose Wiener Würstchen in seine dicke Winterjacke steckte. Mein Nachbar klaute! Was hättest du jetzt an meiner Stelle getan?“
Ich versuchte, mir den Nachbarn vorzustellen. Format Schwergewichtsboxer – und ich hätte jegliche Kontaktaufnahme vermieden. Format fett, faul und gefräßig – und ich hätte ihn angesprochen. Andererseits, warum sollte ich den Nachbarn ansprechen? War das mein Problem? Der Ladeninhaber sollte doch selbst sehen, wie er an sein Geld kam! Oder vielleicht doch ein Hinweis an den Besitzer? Dann war ich im Wohnheim nicht mehr sicher. Waske verlangte aber garantiert Zivilcourage von mir, er hatte den Dieb damals sicherlich angesprochen. „Ich hätte den Nachbarn außerhalb des Geschäfts angesprochen“, behauptete ich ohne die notwendige Standfestigkeit in der Stimme.
„Glaube ich nicht“, kam es sofort zur...