Die eigene Macht
Wie behalte ich meine Macht?
Die Trainerin hatte Marc versprochen, die anderen noch einmal an ihre Schweigepflicht zu erinnern. Er wollte sich dem restlichen Tag stellen und sehen, was er dabei für sich lernen konnte. „Abenteuer!“, war Nadjas und sein Schlachtruf gewesen, als sie mit dem Rucksack durch die Welt zogen. Abenteuer! sagte er sich und ging trotz aller „versuchten“ Abenteuerlust mit äußerst gemischten Gefühlen auf die Teilnehmer zu, die vor dem Seminarraum an den Kaffeetischen standen. Was sie wohl über mich denken? Will ich das überhaupt wissen? Ich bin immer so stolz auf meine Unabhängigkeit gewesen. Jetzt soll ich wieder in die Falle tappen und mir tausend Gedanken über andere und deren Meinung machen? Abseits am Ende des Ganges sah er Nico mit Julia und Vanessa zusammenstehen. Nico schaute immer wieder zu Nadja. Sie sprachen offensichtlich über sie. Vanessa wirkte geknickt. Sie strahlte nicht mehr so wie am Morgen.
Sarah stand alleine beim Samowar und schien sehr konzentriert und sorgfältig die Etiketten der einzelnen Teesorten zu lesen.
Martin und Christian standen bei Nadja und Christian redete auf Martin ein.
Philipe telefonierte und lief hektisch hin und her.
Marc hörte Schritte hinter sich und war erleichtert, als er die Trainerin sah.
„Hallo“, sagte sie freundlich lächelnd, „die erste Prüfung hast du schon bestanden. Wie geht es mit deiner selbstgestellten Aufgabe?“
„Ich bin hin- und hergerissen“, antwortete er ehrlich und erzählte von seinem Dilemma: „Einerseits bin ich froh, dass ich von der Meinung anderer unabhängig war und bin, befinde mich andererseits aber im Widerspruch mit meiner Aufgabe, mich mit meiner Wirkung auf andere zu beschäftigen.“
„Wunderbares Thema“, strahlte die Trainerin ihn an. „Genau damit beginnen wir heute. Komm, wir scheuchen die anderen in den Seminarraum. Wir sind eine Dreiviertelstunde über der Zeit.“
Marc wollte sich absichtlich an den Rand setzen, aber Martin sagte freundlich: „Nein, mein Lieber, das ist mein Platz, neben Julia ist frei.“
„Da sitzt doch Sarah“, rief Philipe und drehte sich suchend um.
„Wie im Kindergarten“, grummelte Sarah. „Ich sitze hier neben Nico. Da ist es nicht so kalt“, sagte sie mit einem Seitenblick auf Julia, die nur eine elegante Augenbraue hochzog.
Die Trainerin strahlte alle an und sagte: „Wie schön! Beginnen wir zusammen unseren zweiten Tag. Herzlich willkommen.
Heute geht es um eure individuellen Themen, Fragen und Ziele. Wir schauen uns Kommunikationssituationen an, lernen einige Modelle kennen und beschäftigen uns weiter mit den Themen von gestern. Vor allem mit den zentralen Fragen: ‚Wie bleibe ich gelassen bei mir? Wie zentriere ich mich? Was will ich eigentlich? Wie behalte ich den Überblick?‘
Wir haben gestern die Basis geschaffen und bauen mit euren Situationen und persönlichen Zielen heute darauf auf.
Sarah: Konfrontation um jeden Preis?
Zuerst möchte ich mit euch ein spezielles Thema bearbeiten: Immer wieder stellt sich die Frage, wie wir zwei Eigenschaften oder Verhaltensweisen miteinander vereinbaren können.
Wie können wir einerseits bei uns bleiben, uns auf unsere Wünsche und Ziele konzentrieren, uns von anderen nicht vereinnahmen lassen, mehr agieren als reagieren und uns andererseits nicht gefühlskalt, egoistisch und rücksichtslos verhalten?
Kurz gesagt: Wie können wir Empathie mit Klarheit verbinden?
Spirituell gesehen heißt die Frage: Wie kann grenzenlose Liebe fließen und dabei doch klare Grenzen setzen?
Da wir am besten durch Modelle und durch uns selbst lernen, möchte ich einige von euch, die einzelne Aspekte besonders gut steuern können, interviewen.“
Nadja schaute die Trainerin neugierig an. Wen sie wohl meint? Wer von uns kann ihrer Meinung nach grenzenlose Liebe leben?
Tatsächlich, dachte Marc, genau mein Thema. Auch wenn ich den spirituellen Part weggelassen hätte.
Christian nickte. Er schlug sich mit diesen Fragen herum, seit er in seiner Firma arbeitete.
Nico fragte sich, wieso die Trainerin von „grenzenloser Liebe“ sprach. Das hat in einem Rhetorikseminar ja wohl gar nichts zu suchen.
Sarah lehnte sich zurück und schnaubte vernehmlich. Ansonsten war es still im Raum. Alle schauten die Trainerin an. Sie wendete sich Sarah zu, schaute sie aufmerksam an und sagte: „Sarah. Du hast unter vielen anderen tollen Fähigkeiten eine ganz besondere: Du hast den Mut, schwierige Themen anzusprechen und andere zu konfrontieren. Das ist für viele Führungskräfte ein großes Problem, dem sie am liebsten aus dem Weg gehen. Woher nimmst du den Mut? Wie würdest du das jemandem beibringen, der sich nicht traut?“
Martin grinste in sich hinein und Julia verzog einen Mundwinkel. Argwöhnisch schaute Sarah in die Runde und wieder zur Trainerin. Diese betrachtete Sarah voll warmer Aufmerksamkeit. Sie schien nichts mehr zu interessieren, als genau das, was sie Sarah gerade fragte.
„Tja, also, wie soll ich das sagen …“ Sarah zögerte. So unangenehm hatte sie sich schon lange nicht mehr gefühlt.
Nico sah, wie sich Sarah zusammenriss und aufrecht hinsetzte. Wie scheußlich! So im Mittelpunkt zu stehen und alle schauen dich an.
„Viele meiner Klienten wollen genau das lernen: Mut zur Konfrontation“, ermunterte die Trainerin Sarah weiter. „Wie hast du das gelernt?“
„Als Kind, glaube ich“, sagte Sarah. „Ich weiß, dass ich manchmal damit anecke, aber ich bin fest davon überzeugt, dass ich auf Dauer damit besser fahre, als mit dem diplomatischen Gewäsch, bei dem einfach nie etwas passiert. All dieses ‚Wir-haben-uns-alle-lieb-Getue‘ bringt doch nichts. Die wichtigen Absprachen passieren dann versteckt und keiner kann sich wehren, weil keiner etwas mitbekommt. Das ist unendlich mühsam und völlig überflüssig.“ Sarah hatte sich in Rage geredet. „So geht es mir exakt in diesem Moment. Ich habe mich intern auf eine Stelle beworben, die auf meine Qualifikationen passt. Bis aufs i-Tüpfelchen. Habe ich sie bekommen? Nein! Eine aus dem Nachbarteam hat sie bekommen, die weder so lange dabei ist wie ich, noch so viel kann wie ich. Das sind Fakten und jeder weiß es. Aber sie ist angeblich diplomatischer als ich. Das heißt, sie redet dem Chef nach dem Mund, und: sie hat die Stelle. So etwas geht mir gegen den Strich. Wo bleibt die Gerechtigkeit? Geht es nur darum, lieb und nett zu sein? Ist es wichtiger, um alle herumzuschwänzeln und jedem Zucker in den Hintern zu blasen, als einen guten Job zu machen? Scheinbar, denn was bekomme ich zu hören? Ich solle zugewandter wirken. Nicht alles so dominant und brutal niederwalzen. Als ob ich das tue. Nur, weil ich als Einzige den Mut habe, die Wahrheit anzusprechen. Das ist doch zum Kotzen!“ Nach einer kurzen Pause setzte sie leiser hinzu: „Und hier ist es genauso.“
„Für dich ist es unehrlich, wenn man nicht klar und deutlich sagt, wie man wirklich denkt. Stimmt das Sarah?“, fragte die Trainerin.
„Ja. Keiner weiß, woran er ist. So geht es mir zur Zeit: Alle sagen, ich sei okay – ich soll aber diplomatischer werden. Stimmt das? Oder wollen die mich rauswerfen und suchen nur einen Grund? Ist das Mobbing? Woher soll man das wissen, wenn keiner ehrlich den Mund aufmacht. Das macht einen hilflos und sauer. Das verträgt doch wirklich keiner.“
„Ja“, sagte die Trainerin, „sich anderen hilflos und ohnmächtig ausgeliefert zu fühlen, ist schlimm.“ Nach einer kleinen Pause fügte sie hinzu: „Und du fühlst dich hilflos und ohnmächtig, oder?“
„Ja“, sagte Sarah, „genauso. Ich weiß nicht, woran ich bin und das macht mir Angst. Ich ertrage das nicht. Immer nur Weichspüler und Sensibilität. Marc soll auch weicher werden. Das ist doch Vergewaltigung. Zum Schluss laufen wir alle wie geklont durch die Gegend. Und keiner hat mehr den Mut, seinen Mund aufzumachen.“
Marc schaute Sarah aufmerksam an und Nadja sah an seinem Blick, dass er es hasste, dass sie sich anmaßte, darüber zu sprechen, wie er sich fühlte und was er wollte. Da siehst du mal, wie es einem geht, wenn andere permanent meinen, besser zu wissen, wie man sich fühlt.
„Interessant“, sagte Marc in diesem Moment mit klangvoller Stimme. Nadja hörte die Art, wie er sprach, und sie schaute ihn irritiert an.
„Ich kenne den Wunsch, alles klar, emotionslos und sachlich direkt anzusprechen genau“, sprach er weiter. „Ich fand dieses weiche herumgeeiere eher lästig und habe es ignoriert. ‚Effizienz in jeder Minute‘ war meine Devise. ‚Kurze Kämpfe führen schneller zum Ziel, als weiche Umwege‘, dachte ich – und so lebte ich. Und so hatte ich Erfolg. Bis ich jetzt erfahren habe, dass viele meiner Mitarbeiter Angst vor mir haben. Ich hielt es für Respekt, aber tatsächlich hassen sie mich teilweise. Ihre Distanz hielt ich für Missgunst und Neid. Wei...