TEIL I
DIE TREIBENDEN KRĂFTE DER REVOLUTION
KAPITEL 1
DIE DREI VORBOTEN DER REVOLUTION
âZyklen sind die dunkle Materie unserer Welt.
Wir können sie nicht sehen, aber sie wirken sich auf alles aus, was wir tun.â
â Harry Dent
Neil deGrasse Tyson spricht davon, dass das Universum zu 85 Prozent aus dunkler Materie besteht. Wir können sie nicht sehen. Wir wissen nicht, was sie ist. Wir wissen nur, dass unsere Gleichungen zur Beschreibung des Universums ohne sie nicht funktionieren. Aber sie besitzt Gravitation und deshalb können wir sie detektieren und ihre Wirkung messen.
Genauso ist es mit dem Leben, nur dass unsere âdunkle Materieâ die Zyklen sind. Wir können sie nicht sehen, wir können sie nicht anfassen und es gibt mehr davon, als man sich vorstellen kann, aber jeder einzelne Zyklus wirkt sich zu vielen Zeitpunkten unseres Lebens zu einem gewissen Grad auf uns aus.
Sie sind die unsichtbaren Unterströmungen, die uns antreiben.
WÀhrend dieses Jahrzehnt an uns vorbei rollt, werden wir von einer Armada von ökonomischen, politischen, finanziellen, gesellschaftlichen und geopolitischen Zyklen erfasst, die das Antlitz unserer Welt verÀndern.
Wir stehen im Begriff, uns noch viel tiefer in die intensivste Phase des ökonomischen Winters im Rahmen meines 80-jĂ€hrigen Wirtschaftszyklus (mehr dazu spĂ€ter) zu bewegen. Damit geht ein âResetâ der Schulden- und der Finanzblase einher, wie man ihn nur einmal erlebt, und das Aufkommen einer ganz neuen Ăkonomie, wie es auch in den 1930er-Jahren geschah. Stellen Sie sich vor, welche Vorteile es gehabt hĂ€tte, wenn Sie damals diesen groĂen Neustart hĂ€tten kommen sehen â einen Ausverkauf von Finanzanlagen, wie man ihn damals nur einmal erlebte!
AuĂerdem stecken wir in dem zusammenflieĂenden Niedergang der vier Fundamentalzyklen â vier SchlĂŒsselzyklen, die von entscheidender Bedeutung fĂŒr die Performance von AktienmĂ€rkten, fĂŒr das Ăberleben von Volkswirtschaften und fĂŒr die Sicherheit der BĂŒrger rund um den Globus sind (auch dazu werde ich spĂ€ter noch mehr sagen).
Alle vier befinden sich seit Anfang 2014 auf einer gemeinsamen negativen Flugbahn.
Dieses Zusammentreffen kommt nicht hĂ€ufig vor. Am ehesten mit dem jetzigen vergleichbar ist dasjenige, das von Ende 1929 bis 1934 stattfand und uns die schlimmsten Jahre der GroĂen Depression bescherte. Das einzige weitere derartige Ereignis des vergangenen Jahrhunderts resultierte in der massiven Inflation der 1970er-Jahre. Dieser Zyklus wird sich bis Anfang 2020 noch vertiefen und die Nachbeben werden mindestens bis in das Jahr 2022 hineinreichen.
Was aber dieses Jahrhundert wirklich von den anderen abhebt, ist das Hinzukommen der drei Vorboten der Revolution!
Zum letzten Mal erlebten wir den turbulentesten dieser drei Zyklen â den 250-jĂ€hrigen Revolutionszyklus â wĂ€hrend der Amerikanischen Revolution und der industriellen Revolution Ende des 18. Jahrhunderts.
Auch der 84-jÀhrige Zyklus der populistischen Bewegungen ist wieder da. Das letzte Mal, als dieser Zyklus durchrollte, mussten wir die Schrecken von Hitler und Mussolini erdulden.
Zudem hĂ€ngt der 28-jĂ€hrige Zyklus der Finanzkrisen wie ein Damoklesschwert ĂŒber unseren Köpfen.
(Auf den 84-jÀhrigen und den 28-jÀhrigen Zyklus machte mich Andy aufmerksam. Den 250-jÀhrigen Zyklus verwende ich schon seit Jahrzehnten und ich habe einen 80-jÀhrigen Zyklus, der seinem 84-jÀhrigen sehr nahekommt.)
Das wird lustig! Schauen wir uns jeden dieser Vorboten an, damit wir besser einschÀtzen können, wie sie unsere Welt revolutionieren werden.
VORBOTE NUMMER 1: DER 250-JĂHRIGE REVOLUTIONSZYKLUS
Die aktuelle Revolution begann Mitte/Ende 2016 mit dem Brexit-Votum und dann Trump, und sie könnte ein oder zwei Jahrzehnte dauern, womöglich bis 2033.
Die letzte begann in den 1760er-Jahren mit der Rebellion der 13 Kolonien gegen den Sugar Act aus dem Jahr 1764 und den Stamp Act von 1765. Zu ihrem Höhepunkt gelangte sie mit der Boston Tea Party im Jahr 1773. Dann wurde 1775 der Erste Kontinentalkongress gegrĂŒndet und 1776 folgte die UnabhĂ€ngigkeitserklĂ€rung. Der Revolutionskrieg wĂ€hrte von 1775 bis 1783.
Dieser Zeitraum von 1765 bis 1783 war die Geburt der Demokratie. Das war eine groĂe Sache und sie breitet sich immer noch durch die weniger entwickelte Welt aus.
Von 1776 bis 1789 gab Adam Smith fĂŒnf Auflagen seines bahnbrechenden Buches âWohlstand der Nationenâ heraus. Er gilt als BegrĂŒnder der klassischen Ăkonomie und formulierte als Erster die dynamischen KrĂ€fte der kapitalistischen freien Marktwirtschaft â die er bekanntlich als âunsichtbare Handâ bezeichnete. Klingt nach dunkler Materie, oder?
AuĂerdem markierte diese Ăra in der Praxis den Beginn der industriellen Revolution im Zusammenhang mit der bahnbrechenden Neuerung der Dampfmaschine.
Ich nenne das âHarry und Sallyâ.
Zwei gegensĂ€tzliche Prinzipien trafen zusammen und brachten den wohl gröĂten Anstieg des Lebensstandards der gesamten Neuzeit hervor.
Der Kapitalismus belohnt den Beitrag des Einzelnen und das Eingehen von Risiken. Die Demokratie ist inklusiv und verleiht allen ĂŒber das Wahlrecht ein Mitspracherecht. Das bringt die Soldaten mit den GenerĂ€len in Einklang.
Der 250-jĂ€hrige Revolutionszyklus vor âHarry und Sallyâ brachte die Reformation mit sich, die damit begann, dass Martin Luther 1517 seine 95 Thesen bekannt gab. Dies rief eine Spaltung der katholischen Kirche hervor und spielte der Macht der 1455 erfundenen Druckpresse* in die HĂ€nde.
In dieser Zeit trat auch einer der gröĂten Innovatoren der Geschichte hervor â Leonardo da Vinci. In der SpĂ€tphase der Renaissance, etwa von 1517 bis 1532, fand eindeutig eine intellektuelle Revolution statt.
So sieht dieser Zyklus aus:
Abbildung 1-1: Der 250-jÀhrige Revolutionszyklus
Quelle: Dent Research
Der gegenwÀrtige 250-jÀhrige Revolutionszyklus entspricht dem ökonomischen Winter gemÀà meinem 80-/84-jÀhrigen Wirtschaftszyklus der vier Jahreszeiten und Andys 84-jÀhrigem Zyklus der populistischen Bewegungen. Ich denke mir immer mehr, dass diese Zyklen ein und derselbe sind und dass der 84-jÀhrige Zeitrahmen besser zutrifft.
Andy ist ein guter Freund von mir und womöglich der einzige Mensch, der es manchmal schafft, mich in puncto Zyklen zu ĂŒbertreffen.
Auf dem von mir veranstalteten Irrational Economic Summit in Palm Springs 2016 fĂŒhrten wir mit vielen Ă€hnlichen Zyklen ein Duell, etwa dem 10-jĂ€hrigen, dem 30-jĂ€hrigen, dem 45-jĂ€hrigen, dem 60-jĂ€hrigen, dem 80-/84-jĂ€hrigen und dem 500-jĂ€hrigen Zyklus. Aber dann zog Andy noch meinen 100-jĂ€hrigen, meinen 144-jĂ€hrigen und meinen 180-jĂ€hrigen Zyklus aus dem Halfter, die in diesem Zeitraum zusammenfallen.
Mit einigen dieser lÀngerfristigen Zyklen schoss er im Grunde besser als ich, und das ist nicht leicht.
Damals beschloss ich, dass wir unsere Zykluskompetenzen zusammenlegen sollten, und daraus wurde dieses Buch geboren.
Ich habe mich im Laufe der Jahre immer öfter um Hilfe bei der Feinabstimmung meiner Prognosen an ihn gewandt, weil er die kurzfristigen Sachen so ausgezeichnet beherrscht. Er beherrscht die Kunst der Zyklusanalyse, indem er Signale entwickelt, die ihm mögliche Wendepunkte und eine ganze Batterie sonstiger verfĂŒgbarer Informationen aufzeigen.
VORBOTE NUMMER 2: DER 84-JĂHRIGE ZYKLUS DER POPULISTISCHEN BEWEGUNGEN
Dieser konkrete Zyklus ist in der heutigen Welt besser zu sehen, weil wir fast tÀglich Zeugen zahlloser Proteste und AufstÀnde werden.
Angefangen hat es mit einer tiefen Unzufriedenheit unter Arbeitern und Angehörigen der Mittelschicht, als im Jahr 2008 die US-Wirtschaft in StĂŒcke brach. Sie hatten schon seit 2000 sinkende Löhne erduldet und waren daher reif fĂŒr die Revolte.
Diese Menschen waren von einer geplatzten Blase nach der anderen zugrunde gerichtet worden und hatten dabei zusehen mĂŒssen, wie sich das reichste eine Prozent mit 50 Prozent des Geldes davonmachte. Genauso geschah es anlĂ€sslich des langfristigen Börsenhochs 1929 und des ökonomischen Herbstes nach der Blase â ja genau, vor rund 84 Jahren.
Noch schlimmer: In den Vereinigten Staaten waren die Menschen von der âasiatischen Deflationâ der GehĂ€lter der Mittelschicht betroffen â aufgrund der Konkurrenz durch legale und illegale Einwanderer, die vorwiegend aus Mexiko und dem restlichen Lateinamerika kamen.
In Europa wurde dieser Lohndruck durch die FlĂŒchtlingskrise verstĂ€rkt, in deren Rahmen im Jahr 2015 mehr als eine Million Menschen auf den Kontinent strömten.
Weitere Funken waren die Griechenlandpleite und die Bedrohung des Euro 2010â2011. In den LĂ€ndern SĂŒdeuropas steht die Arbeitslosigkeit immer noch fast auf Rekordhochs. Dort blĂŒht der Schwarzmarkt.
Inzwischen sind wir in das echte Stadium eingetreten, eine populistische Revolte gegen Globalisierung, Einwanderung und die Finanztricksereien der Wall Street.
Entgegen den Umfragen stimmten die Briten fĂŒr den Brexit.
In den Vereinigten Staaten setzte sich entgegen den Umfragen Trump durch.
Noch mehr unerwartete Disruptionen werden folgen.
In den Niederlanden scheiterte der EU-feindliche Premierminister-Kandidat Geert Wilders zwar, aber das Ergebnis war knapp ⊠UND er und die rechtsextremen Bewegungen, die Europa ĂŒberziehen, werden so bald nicht verschwinden.
Die Wahl in Frankreich war ein hitziger Wettbewerb zwischen der populistischen, EU-feindlichen RechtsauĂen-Kandi...