Ich war überall
eBook - ePub

Ich war überall

Tschetschenien, Afghanistan, Südsudan - mit einem Gentleman an die entlegensten und gefährlichsten Orte der Welt

  1. 240 pages
  2. English
  3. ePUB (mobile friendly)
  4. Available on iOS & Android
eBook - ePub

Ich war überall

Tschetschenien, Afghanistan, Südsudan - mit einem Gentleman an die entlegensten und gefährlichsten Orte der Welt

About this book

Kennen Sie Karakalpakastan? Transnistrien? Gagausien? Wissen Sie, welches Auto man nachts im Südsudan fahren sollte, was man im Kurdengebiet besser nicht sagt, warum illegale Einreisen nach Guyana nicht unüblich sind und wie man unbeschadet bei -62 °C zum sibirischen Kältepol reist? All das finden Sie in diesem Buch. Gentleman-Adventurer Kolja Spöri zeigt, wie man auch abseits der vom Massentourismus ausgetretenen Pfade stilvoll reisen, echte Abenteuer erleben und dennoch wohlbehalten nach Hause zurückkehren kann.

Frequently asked questions

Yes, you can cancel anytime from the Subscription tab in your account settings on the Perlego website. Your subscription will stay active until the end of your current billing period. Learn how to cancel your subscription.
No, books cannot be downloaded as external files, such as PDFs, for use outside of Perlego. However, you can download books within the Perlego app for offline reading on mobile or tablet. Learn more here.
Perlego offers two plans: Essential and Complete
  • Essential is ideal for learners and professionals who enjoy exploring a wide range of subjects. Access the Essential Library with 800,000+ trusted titles and best-sellers across business, personal growth, and the humanities. Includes unlimited reading time and Standard Read Aloud voice.
  • Complete: Perfect for advanced learners and researchers needing full, unrestricted access. Unlock 1.4M+ books across hundreds of subjects, including academic and specialized titles. The Complete Plan also includes advanced features like Premium Read Aloud and Research Assistant.
Both plans are available with monthly, semester, or annual billing cycles.
We are an online textbook subscription service, where you can get access to an entire online library for less than the price of a single book per month. With over 1 million books across 1000+ topics, we’ve got you covered! Learn more here.
Look out for the read-aloud symbol on your next book to see if you can listen to it. The read-aloud tool reads text aloud for you, highlighting the text as it is being read. You can pause it, speed it up and slow it down. Learn more here.
Yes! You can use the Perlego app on both iOS or Android devices to read anytime, anywhere — even offline. Perfect for commutes or when you’re on the go.
Please note we cannot support devices running on iOS 13 and Android 7 or earlier. Learn more about using the app.
Yes, you can access Ich war überall by Kolja Spöri in PDF and/or ePUB format, as well as other popular books in Biowissenschaften & Biologie. We have over one million books available in our catalogue for you to explore.

Information

Year
2014
Print ISBN
9783864701719
eBook ISBN
9783864701894
Edition
1
Subtopic
Biologie

AUF DIE HARTE TOUR

„Der Durchschnittsmensch der mit seinem Leben nichts anzufangen weiß, hätte gerne ein anderes, das unendlich Ist.“
– Anatole France
image
Irgendwoher hatte ich bereits früh ein Faible für Kriegsund Krisengebiete. Dabei stand für mich immer der persönliche Erkenntnisgewinn im Vordergrund und keinesfalls irgendeine Lust auf Tod und Teufel. Ich bin definitiv kein Totenkopfschwärmer. Niemals motivierte mich eine billige oder gar makabre Sensationsgier. Die absolute Frontlinie, Kugelhagel oder Leichenbeschau waren für mich Tabuzonen. Vielmehr genoss ich die Hintergrundgespräche im besten Hotel am Ort, das fast immer ein sicherer Hafen ist, zum Beispiel für die internationalen Berichterstatter, einheimische Politiker und Geschäftsleute. Ich liebe diese ganz besonderen Herbergen, deren Wände Geschichten erzählen könnten. Der Journalist und Buchautor Erich Follath hat sie in seinem gleichnamigen Buch einmal eine Mischung aus „Himmelbett und Höllenangst“ genannt. Vermutlich stammt meine Faszination für diese ganz besondere Atmosphäre aus meiner Jugendzeit, als ich mit meinen Eltern, die im auswärtigen Dienst tätig waren, sechs Jahre in Istanbul verbrachte. In der schwierigsten Zeit des Militärregimes Anfang der Achtzigerjahre, mit abendlicher Ausgangssperre, Schießbefehl ab 22 Uhr und sogar einer Bombe in der deutschen Botschaftsschule. Meine größte Freude als Elfjähriger war es, mit Eltern und Schwester zum sonntäglichen Brunch in einem von nur zwei internationalen Hotels einzukehren, dem Hilton, bis heute mein Lieblingshotel in der Stadt am Bosporus, und dem Sheraton, das jetzt Ceylan Interconti heißt. Noch immer suche ich mit Vergnügen diese Mischung aus harter Umgebung und luxuriöser Oase. Auch wenn das alte Konstantinopel im positiven Sinne explodiert ist, wahrscheinlich dreimal so viele Einwohner hat wie noch vor 30 Jahren, und es mittlerweile deutlich renommiertere Adressen in Istanbul geben mag, so fühle ich mich insbesondere in dem großen Fünfzigerjahre-Bau des Hilton Istanbul bis heute gut aufgehoben. Durch die vielen nachfolgenden Auslandsaufenthalte, unter anderem mit längeren Stationen in Madrid, Alma-Ata, Martinique, Kuala Lumpur und Monaco, habe ich nirgendwo einen geografischen Heimatbezug entwickelt. Heimat ist für mich ein Nullpunkt. Mit der Bewegung beginnen die Temperatur und das Leben. Der Begriff Heimat mag manchen Menschen besonders wichtig sein. Mir tun diese Zeitgenossen eher leid. Was bestimmt auf Gegenseitigkeit beruht. Wenn ich mich eines Tages irgendwo heimisch fühlen werde, bin ich wahrscheinlich gerade gestorben. Mein Weg führte mich freiwillig in alle Krisenherde und Länder, die gemeinhin als gröbere Brocken gelten. Ein paar kleine Geschichten von der harten Tour habe ich mitgebracht.

Trip 1

image

ZUM ARABISCHEN FRÜHLING NACH BENGASI, LIBYEN

Erkenntnis: „Eine No-Fly-Zone bedeutet Fliegen für die einen – und Sterben wie die Fliegen für die anderen.“
Schwierige Erreichbarkeit: ***
Schwierigkeitsgrad vor Ort: ***
Gefährdungsgrad: ***
Bestes Hotel: Tibesty Hotel ****
Beste Anreise: Damals nur über Land von Kairo
aus.
Das alte Libyen zu Zeiten Oberst Gaddafis hatte mich bereits einmal unfreundlich behandelt. An der Grenze von Ras Ajdir nahe dem tunesischen Touristenort Djerba wurde ich abgewiesen, trotz meines vorher eingeholten Visums, da sich mein Reisedatum um eine Woche nach hinten verschoben hatte. Man lehnte mich aufgrund meines „ungewöhnlichen Reiseverhaltens“ („unusual travel pattern“) eiskalt ab. In der brütenden Hitze dieses kleinen Küstenstädtchens versuchte ich cool zu bleiben und zog zwei Stunden lang alle Register. Ob Bakschisch oder wichtige Bekannte, es half kein Bitten und kein Betteln. Vorher war mir dies bereits einmal in Syrien passiert, wo ich fünf Stunden an der Grenze festhing und mir als bekennender Ländersammler die Grenzer immerhin gnädig den Länderpunkt gestatteten, indem ich um das Zollhaus herumwandern durfte, was die absolute Minimalbedingung in einem meiner Reiseclubs für Ländersammler darstellt. Oder in Angola, wo es zum Glück hundert Kilometer weiter noch einen anderen Grenzübergang gab, der mit einem etwas toleranteren Zöllner besetzt war. Und erstaunlicherweise auf dem Landweg ins zivilisierte Ghana, wo ich stattdessen umständlich per Flugzeug aus dem direkt benachbarten Togo reinhüpfen musste.
Ungewollt wurde ich in Libyen zum Kriegsgewinnler, als mit dem Arabischen Frühling Anfang 2011 auch in Gaddafis Wüstenrepublik der Konflikt ausbrach und ich erfuhr, dass die Ostgrenze des Landes bereits von den Rebellen kontrolliert wurde. Diese hatten selbstverständlich noch kein eigenes Visaregime oder Konsulate im Ausland aufgebaut, wodurch sich die Visumfrage gar nicht mehr stellte. Die Einreisebeschränkungen waren damals einer anderen, sagen wir, darwinistischeren Natur. Meine Einreise nach Libyen lag nun endlich in Reichweite. Aus der Richtung Kairo mit dem eigenen Fahrzeug im Grenzort Sallum ankommend, konnte man realistischerweise nur als Journalist einreisen, was mein Reisebegleiter Harald und ich mit einem zwar selbst gemachten, aber irgendwie glaubwürdigen redaktionellen Einladungsschreiben erledigten. Zöllner in ganz Afrika reagieren auf einen ganz besonderen Zauber: den Stempel. Egal ob oberste Baubehörde oder simpler Kartoffelschnitz, Hauptsache irgendwo auf dem Papier befindet sich ein offiziell wirkender Tintenabdruck. Der Bundesadler einer alten Fünf-Mark-Münze, in Tinte getunkt, kann erstaunliche Wirkung entfalten. Was schlechte Papiere bedeuten können, war an dieser ostlibyschen Grenzstation augenfällig: Hunderte, vielleicht Tausende schwarzafrikanische Kriegsflüchtlinge waren hier hängen geblieben und lagen größtenteils auf dem nackten Steinboden in den Amtsgebäuden des Zolls oder in überfüllten Zelten der UN-Hochkommission für Flüchtlinge. Wir mussten über die ausgestreckten Körper steigen wie bei einem überdimensionalen Mühlespiel. Erbarmungswürdige Zustände. Selbst Europäer steckten hier wohl noch aus der Zeit vor Kriegsausbruch fest. Das war ein paar wenige Wochen her. Zahlreiche handgeschriebene Kontaktadressen an der Wand, von der britischen Botschaft in Kairo bis zur deutschen Notfallnummer im Auswärtigen Amt, zeigten, was hier los war. Wir hingegen kamen gut durch die Grenzkontrolle, aber wir wollten ja auch in die Gegenrichtung, entgegen aller Vernunft rein ins libysche Kriegsgebiet und nicht hinaus.
An den zahlreichen Straßenblockaden der Aufständischen auf dem Weg in die Kriegshauptstadt Bengasi war unsere schwächliche „Presseakkreditierung“ zwar keinem „Offiziellen“ mehr eine Frage wert, aber einmal kam ich doch ins Schwitzen, als ein vielleicht 16-jähriger Möchtegernsoldat mit Fantasieuniform und pubertärem Gehabe sich bei der erneuten Passkontrolle an meinem Einreisestempel Iran aufhängte und mich dazu eingehend befragte. Zusätzlich trommelte er seine Kollegen herbei. Ein auf dem Pfosten eines Schlagbaums hängender Stahlhelm mit Einschussloch und die allseits baumelnden Kalaschnikows verstärkten die kurzzeitig bedrohlich wirkende Atmosphäre. Ich habe gelernt, in solchen Situationen immer Seniorität und Überlegenheit auszustrahlen, als hätte ich hier und überall den besten Draht zu allen Vorgesetzten. Obwohl natürlich auch ein durchschnittlich intelligenter Kontrollvogel in einer so volatilen Phase der Zwischenstaatlichkeit davon ausgehen könnte, dass man ihm eigentlich ausgeliefert ist. Im Übrigen hätte ich einen schlankeren Fuß gemacht, wenn bei dem Kerl Alkohol oder andere Drogen zu mehr Vorsicht gemahnt hätten.
Grundsätzlich waren die libyschen Freiheitskämpfer aber Deutschen gegenüber eher positiv gestimmt. Man sah sogar mehrmals deutsche Flaggen oder frische Graffiti, vorzugsweise neben den Wappen von Frankreich und Katar. Dennoch gab es eine realistische Bedrohung für Reisende, die von den Rebellen als Agenten oder Provokateure eingestuft wurden. Eine kleine Gruppe Franzosen, tatsächlich wohl als Söldner für beide Seiten tätig, war in derselben Gegend zuvor kurzerhand exekutiert worden. Von den drei Straßenverbindungen zwischen Sallum und Bengasi, alle um die fünfhundert Streckenkilometer, riet man uns, die mittlere zu benutzen, da es auf den anderen Überlandstrecken immer noch zu Kampfhandlungen kommen könnte. Im Übrigen konnten wir darauf vertrauen, dass auch unser libyscher Taxifahrer, ein netter junger Kerl namens Hassan, den wir gleich hinter der Grenze per Zufallsprinzip ausgewählt hatten, gerne am Leben bleiben wollte. Die Verfügbarkeit von Droschken ist generell ein guter Gradmesser für die Exotik eines Grenzübergangs. Der vereinbarte Reisepreis ein Indikator für die Extra-Gefahrenzulage. 150 Dollar für die fünf Stunden von Sallum nach Bengasi kamen eigentlich einem vorgezogenen Friedensabkommen gleich. Auf halber Strecke, in seinem Heimatstädtchen Tobruk, stellte uns Hassan bei einem kurzen Boxenstopp zu Hause sogar seiner freundlichen Familie vor. Für die Besichtigung der hier befindlichen deutschen Kriegsgräber aus Rommels Afrikakorps im Zweiten Weltkrieg waren wir nicht in passender Stimmung. Wir sahen stattdessen aus aktuellem Anlass stecken gebliebene leere Panzer und zahlreiche bemannte, horizontal gerichtete Luftabwehrgeschütze, jedoch hörten wir auf der gesamten Fahrt keine Schüsse.
Erst in Bengasi, und das waren Freudenschüsse. Tod durch friendly fire, wie der kollateralgeschädigte Amerikaner für den versehentlichen Beschuss aus den Reihen der eigenen Leute zu sagen pflegt. Gut also, dass wir unsere kugelsicheren Westen angelegt hatten. Ich hatte sie mir von meinem Kampfsportausbilder Jan, einem Experten im israelischen Selbstverteidigungstraining Krav Maga, das ich als Hobby betreibe, ausgeliehen. Der ist ein internationaler Sicherheitsexperte und benötigt so etwas öfter. Für Harald und mich war es das erste Mal. Es steigert in jedem Fall die Adrenalin- und die Schweißausschüttung, aber so ein dick auftragendes Bekleidungsteil schreckt auch die Einheimischen und vor allem meine daheimgebliebene Verwandtschaft und andere Zuhörer meiner Reisegeschichten eher ab. Die Gefahr des Hitzschlags ist auch nicht zu unterschätzen. Vermutlich setze ich eine solche Körperpanzerung nicht wieder ein.
Bengasi, von wo der Befreiungskrieg gegen Oberst Gaddafi ausging, war zu diesem Zeitpunkt bereits von den Aufständischen gesichert. Die Front zwischen Gaddafi-Anhängern und Aufständischen verlief in relativ eindeutiger Linie 50 Kilometer weiter südlich. Anders als im heute chaotischen Syrien oder früher in Vietnam, wo Peter Scholl-Latour die Front so treffend als Leopardenfell bezeichnete, kann man bei den überschaubaren Verhältnissen in Libyen beinahe von Krieg mit Event-Charakter sprechen. Im Prinzip zieht man dort zum Krieg wie vom Hotel zum Fußballstadion oder zum Formel-1-Rennen. Schlachtenbummler eben. Aufgrund meiner langjährigen Tätigkeit im Sportbusiness darf ich mir vielleicht diesen Vergleich erlauben, auch wenn das den zivilen Kriegsopfern gegenüber nicht respektvoll formuliert ist. Auf der anderen Seite gibt es wissenschaftliche Thesen, die ich mir durchaus zu eigen gemacht habe, wonach der moderne TV-Zuschauersport als Ersatz für kriegerische Auseinandersetzungen eine starke international friedensstiftende Wirkung entfaltet hat.
Unser Hotel in Bengasi war das Tibesty, eines der ersten Häuser am Platz, mit einer faszinierenden Mischung aus zweifelhaften Gästen: Waffenhändler, Journalisten, NGO-Mitarbeiter, Söldnerführer, Geheimdienstler, Politiker und zwei deutschsprachige Touristen, die vielleicht deplatziert waren, aber definitiv nicht so wirkten. Schlachten beobachteten wir am mittelmäßigen Buffet, zu dem manche hungrige Gäste zweifellos direkt von der Frontlinie eintrafen. Mit den Sicherheitsleuten, sprich den Rebellentruppen vor dem Hotel, kamen wir wirklich nett ins Gespräch. Die hatten im Prinzip nur die Seiten gewechselt und eine neue Flagge aufgehängt, aber die Uniformen und Waffen waren sicher noch von der alten Gaddafi-Regierung. Bemerkenswert waren die tief empfundene Freude dieser Männer und der eindeutig erkennbare Wille, ihr Land in eine bessere Zukunft zu führen. Uns Touristen, als die wir uns jetzt gerne zu erkennen gaben, behandelte man wie VIP-Gäste. Man umarmte uns, posierte für Fotos und wir durften mit ihren Waffen Freudenschüsse in die Luft abgeben. Trotz der noch nahe liegenden Frontlinie war hier bereits jedem klar, dass der Marsch auf die tausend Kilometer entfernte Hauptstadt Tripolis nur noch eine Frage der Zeit sein würde. Durch die weitgehend unbeschädigten Straßenzüge Bengasis fuhren uniformierte Rebellen in Reinigungskolonnen, um des über Tage und Kriegswirren aufgestauten Mülls wieder Herr zu werden.
Vor meiner Abreise hatte ich durchaus noch Sympathien für Gaddafi, da mir die angeblich spontane Frühlingsrevolution doch zu abgekartet und von außen manipuliert zu sein schien. Doch die Meinungen in Bengasi waren eindeutig. Der alte Herrscher habe zu wenig Geld im Land gelassen. Nicht, dass er die enormen Öleinnahmen für eigenen Luxus verprasst hätte, aber auf der ganzen Welt förderte er politische Gruppierungen, viele davon eher zweifelhaft, nur das eigene Land förderte er ganz bewusst zu wenig. Die Rebellen in Bengasi unterstellten Gaddafis Söhnen auch Geschäfte mit dem Feind. So habe die dem Gaddafi-Clan gehörende lokale Betonfabrik möglicherweise Zement für die 900 Kilometer lange Mauer gegen die palästinensischen Glaubensbrüder an Israel geliefert. Es habe auch zu viele Geplänkel mit Frauen gegeben, womöglich sogar mit einer Israelin. Damit war wohl die Affäre des Gaddafi-Sohnes Saif al-Islam mit dem Model Orly Weinermann gemeint. Es gibt so vieles, worüber die Öffentlichkeit herzlich wenig informiert wird. Dort wie bei uns. Ich kann die Richtigkeit solcher Aussagen selbst nur begrenzt nachprüfen.
Für mich war Saif al-Islam Gaddafi ein gemäßigt auftretender, prowestlicher, in London promovierter Mann, der sich selbst in einem verblüffend offenen und vernünftigen Ton für mehr Demokratie und Menschenrechte in seiner Heimat aussprach. Seinen 37. Geburtstag feierte er angeblich noch im Luxushotel Splendid in Montenegro und auf einer Jacht mit englischen Ministern und anderen Staatschefs. Einige Monate später wurden ihm bei seiner Gefangennahme im äußersten Südwesten der libyschen Wüste, kurz vor der Flucht nach Niger, die Finger der rechten Hand von den neuen Herren des Landes als Trophäen abgeschnitten. Noch schlimmer wurde sein Vater, Oberst Gaddafi, von seinen vermeintlichen Alliierten fallen gelassen, zum Beispiel von den Franzosen, deren damalige Regierungspartei im großen Stil und auf dem kleinen Dienstweg mit seinen Spenden bedacht worden sein soll, und von den Engländern, die ihn immerhin vor seinem eigenen Putsch an die Macht in der Militärschule Sandhurst ausgebildet haben sollen.
Dieselben Politiker stellten jetzt mit einer sogenannten No-Fly-Zone sicher, dass ausschließlich westliche Fluggeräte, insbesondere Apache-Kampfhubschrauber, im Luftraum über Libyen unterwegs sind. So lässt sich leicht ein Hasenschießen gegen Gaddafis Truppen veranstalten, bis die Rebellen sich fast ohne eigenes Risiko zu siegreichen Gegnern in einer Schlacht deklarieren können. Ähnlich wurde Gaddafis Konvoi, als es dem Ende zuging, aus der Luft bombardiert, angeblich nachdem seine Position mit seiner neuen Satellitentelefonnummer an die Franzosen verraten worden war. In jedem Fall wurde der alte Mann am Ende bestialisch gepfählt, das heißt, eine Eisenstange rektal eingeführt. Einer der wenigen loyal wirkenden politischen wie privaten „Freunde“, der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi, kommentierte nicht etwa „Tod durch Bunga Bunga“, sondern äußerte sich in der passenden Sprache einer anderen untergegangenen Epoche: „Sic transit gloria mundi! – So vergeht der Welten Ruhm!“
Bleibt noch festzuhalten, dass Harald auf dem Rückweg von dem etwas langsam fahrenden neuen Taxifahrer mit dessen zögerlichem Einverständnis das Lenkrad übernahm und innerhalb einer halben Stunde den Motor mit völlig ungewohnten Drehzahlen schrottete. Das war bereits das dritte Taxi, das Harald auf unseren gemeinsamen Reisen auf ganz ähnliche Weise ruinierte, einmal in Dschibuti, bei anderer Gelegenheit in Usbekistan. In jedem Fall entschädigt er die armen Droschkenbesitzer immer sofort großzügig. Der liebe Gott belohnte die gute Tat, und in der menschenleeren Wüste hielt kurz darauf neben unserem dampfenden Kühler ein einsames anderes Fahrzeug an. Es war durch einen unglaublichen Zufall Hassan, derselbe Taxifahrer wie bei unserer Hinfahrt. Die Welt ist manchmal ein Beduinendorf.

Trip 2

image

ZU DEN SOMALISCHEN FLÜCHTLINGSCAMPS IN DADAAB

Erkenntnis: „Humanitäre Hilfe ist ein hartes Geschäft.“
Schwierige Erreichbarkeit: *****
Schwierigkeitsgrad vor Ort: ****
Gefährdungsgrad: *****
Bestes Hotel: Almond Resort Garissa ****
Beste Anreise: Am besten gar nicht oder ab Nairobi mit kleinen Flugzeugen.
Nicht bei jeder Reise geht es um neue Länderpunkte. Die humanitäre Hilfsreise in die Flüchtlingslager von Dadaab an der kenianisch-somalischen Grenze ist so ein Beispiel. Bis dahin hatte ich mich bereits mehrfach pro bono, also ohne Bezahlung, für karitative Zwecke betätigt. So beim Wiederaufbau nach dem Bürgerkrieg in Liberia oder bei der Tourismusförderung im Nordkaukasus. Der Besuch bei den somalischen Flüchtlingen war sicher einen Härtegrad höher und man darf dort wohl mit Recht von einem aktiven Kriegsgebiet sprechen.
Im Frühjahr 2011 waren unsere westlichen Fernsehsendungen voll schlimmer Bilder von verhungernden Kindern im von Dürre heimgesuchten Somalia. Mehrere Personen in unserem Freundeskreis wollten dringend helfen, fühlten sich jedoch nicht wohl bei dem Gedanken, ihr Geld an eine der großen Hilfsorganisationen zu spenden. Dem konnte ich nur beipflichten. „Entwicklungshilfe ist ein Transfer von armen Leuten in reichen Ländern an reiche Leute in armen Ländern“, hat der amerikanische Wirtschaftsliberale Douglas Casey einmal treffend formuliert. Dabei hat er noch nicht einmal...

Table of contents

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. Inhalt
  6. WIRKLICH ÜBERALL?
  7. MAN MUSS KEIN HIPPIE SEIN FÜR „LSD“-TRIPS: LUXUS, SPEED, DANGERZONE
  8. WIE WÄR’S MAL MIT TSCHETSCHENIEN?
  9. AUF DIE HARTE TOUR
  10. TIPPS & TRIPS FÜR GELEGENTLICHE GRENZGÄNGE
  11. WAS HEISST ÜBERALL? SYSTEMATISCH LÄNDER SAMMELN
  12. DESOLATION & DESASTER TRAVEL
  13. DANGER TRAVEL
  14. SPEED TRAVEL
  15. ZERO LUGGAGE TRAVEL: MINIMALES GEPÄCK – MAXIMALER GENTLEMAN
  16. HOTEL-LOBBYISMUS
  17. WELTANSCHAUUNG – DAS GESCHÄFT MIT DER ANGST
  18. VOR REISEWARNUNGEN WIRD GEWARNT
  19. IN KRISENGEBIETEN: EIN SICHERHEITSKONZEPT ZUM NACHAHMEN
  20. SPEZIALREISEVERANSTALTER
  21. WEITERE TIPPS & TRICKS
  22. AUSGEWÄHLTE INTERNET-EMPFEHLUNGEN
  23. LITERATUR-EMPFEHLUNGEN
  24. ÜBER DEN AUTOR