Auch in der DDR war Kulturgut eine begehrte Handelsware. Denn das kleinere Deutschland war zudem das ärmere. Tausende von früheren Schlössern und Gutshäusern, einstmals nicht nur Herrschafts-, sondern auch Kulturstätten, beherbergten nach dem Zweiten Weltkrieg Flüchtlinge und Heimatvertriebene, Schulen, Krankenhäuser und Dorfläden. Ob dafür die Vernichtung des Alten zwingend notwendig war, wurde immer wieder hinterfragt. Einerseits legte die DDR großen Wert auf die Pflege ihres "nationalen Kulturerbes", andererseits fehlten die Mittel, um Ererbtes zu bewahren. Das "Erwirtschaften von Devisen" galt als wichtiges politisches Ziel – das traurige Ergebnis: der Ausverkauf der Kulturgüter zwischen Ostsee und Erzgebirge.Klaus Behling bietet Tatsachen und Hindergründe rund um Kunsthandel und Kunstraub in der DDR auf, berichtet von geschehenem Unrecht und denGrauzonen der SED-Politik. Mit einem vorangestellten Essay von Bettina Klemm, die neues Licht auf unvollständig geklärte Kunstraub-Fälle in derNachwendezeit wirft, ergibt dies einen Doku-Krimi voller brisanter Fakten.

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III. Kriminelle und Spekulanten greifen zu
Krimis im DDR-Fernsehen waren stets ein Spagat. Einerseits sollten sie die Wirklichkeit abbilden, andererseits dem Bürger aber auch das Gefühl geben, zuverlässig vor den dunklen Seiten des Alltags geschützt zu sein.
Erich Honecker hatte Anfang der siebziger Jahre die Macht in der DDR übernommen und 1971 auf dem VIII. Parteitag der SED das Fernsehen aufgefordert, »eine bestimmte Langeweile zu überwinden«. Eher durch Zufall startete acht Tage später die TV-Reihe »Polizeiruf 110«.
Schauspieler Peter Borgelt als »Oberleutnant Fuchs«, später zum »Hauptmann« befördert, agierte zunächst zurückhaltend. Autor und TV-Kritiker Peter Hoff: »Den ersten ›Polizeiruf‹-Fällen war noch eine gewisse Sorge anzumerken, der DDR-Realität allzu nahezukommen. Die Fälle sind nicht präzis lokalisiert, die Opfer, Täter und Zeugen sind lediglich bezüglich ihrer sozialen und weniger nach ihrer geografischen und soziokulturellen Herkunft definiert.«
Zur zitierten »DDR-Realität« gehörte damals, dass der Kunstdiebstahl aus den kaum oder gar nicht gesicherten Museen, Schlössern und Kirchen in Mode kam. Ein erster »110«-Krimi wurde dazu im Januar und Februar 1972 gedreht. Es ging um eine vermeintliche Fälschung einer Grafik von William Hogarth aus dem 18. Jahrhundert. Die Drehbuchautoren Jerzy Bednarczyk, Jan Laskowski und Gerhard Branstner bauten ihre Story um das bekannte Verschwinden von Kunstwerken im Zweiten Weltkrieg und den (beabsichtigten) Schmuggel ins Ausland nach dem Wiederauftauchen. Das wurde alles recht langatmig und kompliziert erzählt. Deshalb flog der Film aus der Polizeiruf-Reihe und wurde am 15. April 1973 nur ein einziges Mal im Fernsehen unter dem Titel Alarm am See in einer auf 54 Minuten zusammengekürzten Fassung gezeigt. Nach dem Ende des DDR-Fernsehens ordneten ihn die Nachlassverwalter wieder in die Serie ein.
Die Wirklichkeit hatte derweil die Fiktion überholt. Unter den Leuten sprach sich herum, dass Kunst und Antiquitäten eine im Westen gern genommene Handelsware war. Über den »Ausverkauf« in Museen wurde gemunkelt und spektakuläre Kunstdiebstähle ließen sich nicht mehr völlig verheimlichen. Allerdings konnten DDR-Bürger bei derartigen Delikten nur eine kleine Rolle spielen. Den meisten fehlte das Geld für teure Hehlerware, die sich im Land ohnehin nur schwer absetzen ließ.
Krimis um Kriminalität mit Kunst und Kulturgut berührten gleich zwei politisch heikle Punkte: Sie mussten im Beziehungsdschungel zwischen Ost und West spielen, um die Geschäfte überhaupt glaubhaft zu machen, und sie zitierten zwangsläufig die gemeinsame Geschichte der beiden deutschen Teilstaaten. In dieser Gemengelage sollten sie »bei den Zuschauern die Überzeugung zu stärken, in einem sozialistischen Staat zu leben, in dem die Sicherheitsorgane erfolgreich zum Schutz der Bürger und ihres gesellschaftlichen Wohlbefindens wirken«, wie es der Jahresplan des Fernsehens für 1986 formulierte.
Damit war eine Schwarz-Weiß-Malerei vorgegeben. Das warf Probleme auf, denn die TV-Krimis durften nicht allzu plakativ sein, sondern sollten die Zuschauer überzeugen.
Im Sommer 1981 produzierte das Fernsehen den Polizeiruf Die lieben Luder. Drehbuchautor Helmut Krätzig baute in eine Nebenhandlung einen Kunstdiebstahl aus einem Museum ein. Auf die Beute wartete bereits ein Niederländer. Dass er sie schließlich nicht für harte Devisen billig kaufen konnte, wusste »Hauptmann Fuchs« zu verhindern. Die »falsch dargestellte Polizeiarbeit« führte dann aber doch dazu, auch diesen Film aus der Serie auszusondern. Er lief als Einzelfilm am 13. Februar 1983 und wurden ebenfalls erst später wieder dem »Polizeiruf 110« zugeordnet.
Besser gelang der Film Die Spur des 13. Apostels, wenige Wochen nach den »Ludern« gedreht. Das Drehbuch von Wolfgang Held griff den derweil grassierenden Raub von sakralen Gegenständen aus dem Ostberliner Umland auf. Am 6. März 1983 flimmerte der Film auf den Fernsehgeräten – 47,3 Prozent der Zuschauer sahen ihn sich an. Sie bekamen vor allem einen erzieherischen Wink. TV-Kritiker Peter Hoff: »›Die Spur des 13. Apostels‹ konzentriert sich auf die Tat und lässt als Tatmotiv bei den jungen DDR-Bürgern das Streben nach Luxus anklingen, vor allem nach einem unkonventionell eingerichtetem Heim mit Stilmöbeln, einem Wochenendhaus am Wasser mit Bootssteg und einem schnellen Auto, alles Dinge, die nur für viel Geld zu haben waren.«
Damit hatten Krimis um Kunst und Krempel ein Thema gefunden, das vor allem ein Problem der DDR reflektierte. Die Mangelwirtschaft im Land ließ in den achtziger Jahren einen umfänglichen grauen Markt entstehen. Der Film Billig zu verkaufen in der Regie von Gabriele Denecke aus der Reihe »Der Staatsanwalt hat das Wort« malte 1988 dazu ein Sittenbild des »realen Sozialismus«.
Der junge Tischler Holger Wiese will vor allem Geld verdienen. Er hängt seinen Beruf an den Nagel, weil der Handel mit alten Möbeln mehr einzubringen scheint, als das Bauen von neuen. Dadurch gerät er an ein Gaunerpärchen, das von kriminellen Praktiken beim An- und Verkauf von Antiquitäten lebte. Holger Wiese wird zum betrogenen Betrüger. Der »Wissenschaftliche Berater« der Reihe, Staatsanwalt Peter Przybylski, erklärte im üblichen pastoralen Stil, dass es so nicht gehe. Das zeigte auch schon der Film hinreichend, in dem TV-Kritiker Peter Hoff »manch moralisierende Sentenz« ausmachte, die »die Geschichte mit didaktischen Längen befrachtet.«
In der Gesamtschau auf die Krimis im DDR-Fernsehen, die sich mit dem lukrativen Handel von Kunst und Antiquitäten befassten, standen die pädagogischen Fingerzeige stets unübersehbar im Raum. Dass sie tatsächlich ihre beabsichtigte Wirkung entfalteten, ist jedoch zu bezweifeln. Wo es Wertvolles mit relativ geringem Aufwand und wenig Risiko zu stehlen gab, wurde zugegriffen. Die kaum gesicherten Museen luden zu kriminellem Tun ein. Die Spur der Beute führte nahezu zwangsläufig gen Westen, denn nur dort ließ sie sich profitabel umsetzen. Das gelang besonders dann, wenn es sich um die ehrwürdige Ausstattung ostdeutscher Kirchen handelte.
Sakrale Kunst im Visier
Kunstwerke in Kirchen, oft von unschätzbarem Wert, werden vom Betrachter meist nicht als solche wahrgenommen. Sie gelten als übliche Dekoration des Gotteshauses und erscheinen den meisten kaum als besonderer Schatz. In der DDR kam die weite Verbreitung des Atheismus hinzu. Er erlaubte kaum eine thematische Auseinandersetzung mit den Kunstwerken oder gar ihre kulturgeschichtliche Einordnung.
Das Statistische Jahrbuch der DDR gab für 1986 rund 5,1 Millionen Mitglieder der evangelischen und etwa 1,1 Millionen der katholischen Kirche an. Die wenigsten von ihnen gingen regelmäßig in die Kirche. Demgegenüber zählten die damals 714 Museen des Landes 34.321.900 Besucher im Jahr. Kam es zu einem Diebstahl in einem solchen Museum. ließ sich das kaum vor der Öffentlichkeit verbergen. Anders in Kirchen. Der Verlust einer Madonna oder eines Altarbildes fiel meist nur dem Pfarrer, Insidern und Fachleuten auf. Darüber berichtet wurde wenig.
Das war auch in der Dorfkirche in Paretz bei Potsdam der Fall. Sie unterschied sich von anderen ländlichen Gotteshäusern, weil der damalige Kronprinz Friedrich Wilhelm und seine Gemahlin Luise 1795 das Gut kauften und 1797 die Neugestaltung der Kirche nach ihren Wünschen finanzierten. Theodor Fontane besuchte 1861, 1869 und 1870 Paretz und schwärmte von den königlichen Geschenken und den Gemälden in der Kirche, »meist Jugendarbeiten des trefflichen Wach«. Karl Wilhelm Wach (1787–1845) begann seine Karriere als 20-Jähriger mit einem Altarbild in Paretz. Mit einem Gemälde der beliebten Königin Luise schaffte er 1812 seinen künstlerischen Durchbruch. Er schuf ein Deckengemälde im Schinkelschen Schauspielhaus in Berlin und wurde mit vierzig Jahren Hofmaler des Königs.
Am 3. November 1979 verschwanden in der Dorfkirche Paretz vier Gemälde und zwei Paar Altarleuchter. Kriminelle hatten offenbar zugegriffen. Neben anderen nahmen sie ein kleines Gemälde der Malerin Julie Mihes (1786 –1855) aus Breslau mit, das König Friedrich Wilhelm III. vermutlich 1816 auf der Berliner Akademieausstellung kaufte. Es zeigte »Maria mit dem Christuskind« und gelangte nach dem Diebstahl auf ungeklärten Wegen in das Lager der Kunst und Antiquitäten GmbH Mühlenbeck. Von dort ging es in den Antikshop des KaDeWe in Westberlin.
Zufällig entdeckte es dort Kunsthändler Kristian Ebner von Eschenbach. Er kannte das Bild aus der Paretzer Kirche und kaufte es für 8.000 DM. Damit verband er einen ganz besonderen Plan. Ein mit dem Westberliner befreundetes Ehepaar aus Potsdam wollte in den Westen ausreisen, bekam aber keine Genehmigung dafür. Nun bot Ebner von Eschenbach über einen Rechtsanwalt der DDR diskret die Rückgabe an, wenn dafür seine Bekannten das Land verlassen durften.
In der KuA-Zentrale analysierte man das Angebot und kam zu dem Schluss, dass der Mann kaum einen öffentlichen Skandal provozieren würde, nähme man ihm nur das Bild ohne jede Gegenleistung ab. Und genau so geschah es. 1985 übergab ein Mitarbeiter des VEB Antikhandels Pirna dem pensionierten Pfarrer Koch in Paretz die zurückgekehrte »Maria mit dem Christuskind«. Die Potsdamer durfte nicht ausreisen, die anderen gestohlenen Gegenstände und Gemälde gelten bis heute als verloren.
Spurlos verschwunden blieben auch zwei geschnitzte Figuren aus der Spätgotik und ein Porzellan-Kruzifix aus der Kirche im sächsischen Tauscha. Eine der Holzfiguren zeigt Maria mit dem Jesuskind, die andere eine bekrönte Heilige. Wahrscheinlich stammten sie aus einem um das Jahr 1500 entstandenen Altar. Beide der etwa 85 Zentimeter großen Statuen wiesen altersbedingte Schäden auf. Die Füße wurden bei einer früheren Restauration durch Gips ersetzt. Maria ist überdies verstümmelt und auch die unbekannte Heilige hat keine Hände mehr. Deshalb ist sie nicht genau zu bestimmen. Frank Schmidt, Leiter des Kunstdienstes der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens sagt: »Da mit den Händen alle Attribute fehlen, bleibt es dabei, dass es sich um eine nicht näher zu identifizierende jungfräuliche Märtyrerin handelt.«
Vielleicht stand sie deshalb 1913 auf dem Dachboden der Tauschaer Kirche, als sie der Kunsthistoriker Cornelius Gurlitt (1850 –1938, Vater des späteren Nazi-Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt) als Kunstdenkmal des Königreichs Sachsen inventarisierte. Dazu gehörte auch das Gesamtkunstwerk des ungewöhnlichen Altars in der Tauschaer Kirche, den ein Porzellan-Kruzifix von Johann Joachim Kändler (1706 –1775) schmückte. Gurlitt notierte die Inschrift auf der Rückwand des Schreins: »Dieser Altar hat dem großen Gott / zu Ehre, und aus Liebe zur Gemeinde / in Tauscha aufrichten lassen / J. G. v. W. / 1745. / Johann Joachim Kändler. / Königl. Modell-Meister, / Inventor.« Der Kunsthistoriker vermerkte dazu: »Vorstehende Buchstaben mit bezug auf Johann George von Wichmannshausen. Es dürfte der Nachweis von Wert sein, dass der berühmte Modelleur der Meißner Porzellanfabrik auch in Holz arbeitete.«
Am 8. September 1977 zerstörten Diebe das kulturgeschichtlich bedeutsame Ensemble. Wie immer am Donnerstag probte der Männerchor im nahen Gasthaus. Pfarrer Lochmann war froh, dass sein Gotteshaus endlich mal wieder innen renoviert wurde. Ob deshalb die Kirche eventuell nicht verschlossen war, wusste später niemand mehr so genau. ABV Hoffmann von der Volkspolizei, der alarmiert wurde, nachdem die beiden Figuren und das Altarkreuz verschwunden waren, fand keine Einbruchspuren. Der »Abschnittsbevollmächtigte« meinte, eventuell sei ein Nachschlüssel benutzt worden. Auch die Zufallszeugen in der Nähe der Kirche konnten nicht viel sagen. Ein fremdes Auto sei im Dorf gewesen, mehr hatte kaum jemand bemerkt.
Die beiden Heiligen hingen gemeinsam mit einer dritten Figur aus der Zeit – Jakobus mit der Muschel – links des Altars an einfachen Nägeln an der Wand. Gesichert waren sie nicht. Erstaunlich blieb, dass der oder die Diebe diese dritte Figur zurückließen. Der heutige Pfarrer, Eike Staemmler, meint, die Täter könnten gestört worden sein. Er ist auch davon überzeugt, dass die DDR-Behörden keine große Sorgfalt bei den Ermittlungen übten: »Das ging an den Bezirk, und dann war es versackt.«
Die Gemeinde deponierte ihren wertvollen Jakobus nach dem Diebstahl im Tresor der Großenhainer Marienkirche. Erst seit November 2012 war er wieder in Tauscha zu sehen. Das Kändler-Kruzifix konnte 2010 nach den in der Meißner Manufaktur noch vorhandenen Unterlagen neu geschaffen werden. Die bislang letzten Spuren der Maria mit dem Kinde und der unbekannten gekrönten Heiligen finden sich seit 2013 im Fahndungsverzeichnis des Bundeskriminalamts.
Der Diebstahl von sakraler Kunst fand seit den siebziger Jahren im DDR-Fernsehkrimi seine Widerspiegelung. Wie der Griff ins »Volkseigentum«, diente auch er als Beispiel für gesellschaftliches Fehlverhalten. Dabei spielten jene die entscheidende Rolle, die noch im »bürgerlichen Denken« verhaftet waren. Im »Polizeiruf« Eine Madonna zu viel von 1973 standen dafür ein gut betuchter Arzt und ein geldgieriger Kunsthistoriker, die als »Außenseiter der sozialistischen Gesellschaft« agierten. Das attraktive Objekt der Tat – eine wertvolle Madonnen-Skulptur, die gegen eine Kopie ausgetauscht wurde – bildete den Katalysator, an dem sich der verabscheuungswürdige Drang nach persönlicher Bereicherung darstellte. TV-Kritiker Peter Hoff charakterisierte die Folge als »Delikt am Rande der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit, denn die Zahl der ernsthaften Kunstsammler war nicht sonderlich groß, obwohl Kunstwerke auch schon in der DDR sichere Geldanlagen für besserverdienende Mitglieder der sozialistischen Leistungsgesellschaft waren.«
Der Drang nach dem großen Geld bestätigte sich am Ende der DDR. In Bamberg verkaufte ein Mann zwei uralte Altarbilder. Erst siebzehn Jahre später stellte sich ihr wahrer Wert heraus.
Cranach aus Klieken
Die Mauer war kaum gefallen, da tauchte in einem Auktionshaus im fränkischem Bamberg ein Besucher aus Jena mit we...
Table of contents
- Prolog
- Das große Erwachen
- I. Schatzjäger auf Beutezug
- II. »Es gibt Dinge, die bleiben wertvoll und schön: Antiquitäten …«
- III. Kriminelle und Spekulanten greifen zu
- Epilog
- Quellen
- Bildnachweis
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