Geheimdienste gedeihen im Schatten der Nacht.Sie produzieren Misstrauen, LĂŒge und Verrat. Um ihre verdeckten Kriege zu fĂŒhren, brauchen sie Menschen. Manche werden in ihren MĂŒhlen zermahlen, denn ob Freund oder Feind, immer geht es um mĂ€chtige Interessen.Wer in das Gespinst aus LĂŒgen und Intrigen, Verrat und Erpressung gerĂ€t, bleibt schnell auf der Strecke.Klaus Behling erzĂ€hlt Schicksale von Menschen, denen genau das geschehen ist. Auch sie sollten ihren Platz in den GeschichtsbĂŒchern finden.

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MĂNNER HINTER SONNENBRILLEN
EIN ENDE IM KLISCHEE
Trudchen hat von allem nichts gewusst. Dabei wĂ€re es doch schön, auch mal von den frĂŒheren Chefs zu hören, wie ihnen die Geschichten von den Leuten, die in ihre MĂŒhlen geraten sind, gefallen.
Erich Mielke sitzt gerade im Knast, aber seine Frau Gertrud empfĂ€ngt. Zwei Zimmer Platte in Hohenschönhausen, die DDR ist leider schon abgewickelt. Es gibt Prinzenrolle und die Krönung, das kennt die nette alte Dame noch von frĂŒher aus Wandlitz. Sie ist empört: »Den Erich einzusperren, nee, also wissense, nee! Der hat doch immer nur das Beste gewollt. Jeden Tag von frĂŒh um sechse bis tief in die Nacht gearbeitet. Alles zum Wohle des Volkes.«
Muss ein netter Kerl gewesen sein, der Erich: »Einmal beim FrĂŒhstĂŒck â er hat ja immer frĂŒh nach dem Schwimmen im Klub gefrĂŒhstĂŒckt â hat der Koch ein RĂŒhrei gemacht statt Ei im Glas. âșNee, lass man, mein Junge, dann esse ich eben RĂŒhreiâč, hat Erich gesagt. So war er, so leutselig.«
Das haben ihm die Klassenfeinde derweil offenbar abgewöhnt. Ein paar Jahre spĂ€ter droht er nur mit dem KrĂŒckstock, als er höflich beim Spaziergang angesprochen wird. Auch gut, ein paar Jahre frĂŒher wĂ€re das sicher nicht so glimpflich abgegangen.
Also Markus Wolf. Der redet viel, bietet Kuchen an und nutzt die Gelegenheit, unter den liebevoll-strengen Blicken seiner Frau Andrea mal schnell eine mitzurauchen. Was er sagt, ist in seinen BĂŒchern zu lesen, auf die er immer wieder verweist. Und er kann SpaĂ vertragen: »Als der englische History Channel einen Film mit mir gemacht hat, haben sie mir eine Katze auf den SchoĂ gesetzt. Wie dem bösen Blofeld bei James Bond. Darf aber in der BRD nicht gezeigt werden, der Film.« Worum es da ging? »Diese sogenannten Romeos ⊠das wird alles sehr ĂŒberbewertet, da will ich nichts mehr dazu sagen.«
Also wieder nichts. Doch, Herr Wolf schwĂ€belt inzwischen unĂŒberhörbar. Russische Spracheinsprengsel wie frĂŒher kommen nicht mehr vor. SchlieĂlich kommt er aus Hechingen, sechzig Kilometer sĂŒdlich von Stuttgart gelegen.
So wie sein zeitweiliger West-Widerpart Klaus Kinkel, der auch in Baden-WĂŒrttemberg aufwuchs und dessen Vater ebenfalls Arzt war, wie Friedrich Wolf. Doch Kinkel hat noch immer ein ganzes BĂŒro, das die lĂ€stigen Anfragen nach den Jahren als BND-Chef abwimmelt.
Vielleicht sind die MilitĂ€rs zugĂ€nglicher? Generalmajor a. D. Gerd-Helmut Komossa, 1977 bis 1980 MAD-Chef, beharrt auf alten IrrtĂŒmern. Nach dem Fall eines Bundeswehr-Obristen gefragt, der wegen einer Namensverwechslung unschuldig elf Wochen in U-Haft saĂ, erklĂ€rt er verschwörerisch: »Die damaligen Ermittlungen konnten mit der Feststellung seiner mehrjĂ€hrigen SpionagetĂ€tigkeit fĂŒr einen östlichen MilitĂ€rischen Nachrichtendienst in einem schweren Fall abgeschlossen werden. Einzelheiten darf ich wohl nicht öffentlich machen.« Das hat die Presse inzwischen lĂ€ngst getan, denn der Namensvetter des VerdĂ€chtigen stellte sich unmittelbar nach dem durch die Schlagzeilen geisternden Verdacht, der Bundesanwaltschaft.
Komossas Kollege, Flottenadmiral Elmar SchmĂ€hling, in mehreren Verwendungen im MilitĂ€rischen Abschirmdienst und Anfang der Achtzigerjahre Chef des Amtes, hat gerade mit einem Partner die Pleite von zwei privaten Firmen hingelegt und 250 GlĂ€ubiger im Nacken â auch keine gute AtmosphĂ€re fĂŒr nostalgische GesprĂ€che.
Aber irgendwas mĂŒssen doch all diese Leute gemeinsam haben! Am peinlichen Ende einer langen Recherche steht das Klischee: Es sind die Sonnenbrillen.
Die Sonnenbrille als Symbol der Macht.
FĂŒr BND-GrĂŒnder Reinhard Gehlen war sie vermutlich das Symbol der Freiheit, denn in den Vierzigerjahren hatte ihm sein FĂŒhrer die Sonnenbrille zur Generalsuniform verboten. Erst nachdem der in die Hölle gefahren war, schmĂŒckte die wenigen öffentlichen Bilder des Geheimen stets die dunkle Brille.
Stasi-Minister Erich Mielke ist â wenn auch mit Lederolstatt Schlapphut â auf vielen TribĂŒnen, vor denen die dankbaren Untertanen ihn und die anderen Obertanen bejubeln, der Einzige mit der dunklen Brille. Und bei den Spielen des BFC Dynamo sowieso, sonst wĂŒrde niemand den kleinen Fan ĂŒberhaupt bemerken.
Sein Spionage-Chef Markus Wolf wird 1978 in Stockholm beim Stadtbummel mit Sonnenbrille fotografiert. Laut Pass heiĂt er dort zwar »Dr. Kurt Werner«, aber ein dunkel bebrillter Mann mit Entourage, Dienstreisender aus der DDR, der mit seiner jungen Frau nicht nur reichlich Möbel kauft, sondern auch noch einen Sex-Shop besucht, musste wohl selbst dem unfĂ€higsten schwedischen Geheimpolizisten auffallen.
Wer er wirklich ist, erfĂ€hrt der BND ein Jahr spĂ€ter von Stasi-ĂberlĂ€ufer und SonnenbrillentrĂ€ger Werner Stiller. Das erste Bild vom »Mann ohne Gesicht« seit zwanzig Jahren! Gelernt hat Wolf daraus nichts. Am 13. MĂ€rz 1982 erscheint im SED-Organ Neues Deutschland ein Foto von den Trauerfeierlichkeiten zum Tode seines Bruders Konrad. Gestochen scharf sind neunundsechzig Personen darauf zu sehen. Einer trĂ€gt eine Sonnenbrille. Im Saal. Die behĂ€lt er auch 1991 als Zeuge vor dem Bayerischen Oberlandesgericht auf.
Die Angewohnheit, die Sonnenbrille auch in geschlossenen RĂ€umen nicht abzusetzen, teilt er mit dem frĂŒheren Chef des Bundesamtes fĂŒr Verfassungsschutz, Richard Meier. Der hingegen setzt die Tradition des ersten Amtschefs, Otto John, fort, der ebenfalls das Dunkle liebte. Nachfolger Eckart Werthebach taucht erst nach zwanzigjĂ€hriger Beamtenkarriere auf Fotos mit Sonnenbrille auf, just zu dem Zeitpunkt, als er den Chefsessel im Bundesamt fĂŒr Verfasssungsschutz (BfV) erklommen hat.
Die Liste lieĂe sich fortsetzen. Ob die BfV-PrĂ€sidenten GĂŒnther Nollau â amtintern »Dr. No« genannt â oder Holger Pfahls â zwischenzeitlich wegen Bankrotts und Betrugs in Millionenhöhe zu viereinhalb Jahren GefĂ€ngnis verurteilt â, der DDR-Devisenbeschaffer und Stasi-Oberst Alexander Schalck-Golodkowski oder der zur Stasi ĂŒbergelaufene VerfassungsschĂŒtzer Hansjoachim Tiedge, sie alle tragen stolz ihre Sonnenbrillen.
Was hat das dunkle Glas?
Das vornehme britische Journal of the Royal Society of Medicine meint, alle unverbesserlichen SonnenbrillentrĂ€ger wiesen mehr «psychopathologische Merkmaleâ auf als andere Menschen. Sie seien neurotische und hypochondrische Persönlichkeiten.
Das Volk sieht das einfacher. Die Augen sind der Spiegel der Seele, sagt man. Wer sie verbirgt, will sich genau dort nicht hineinschauen lassen.
QUELLEN
Allen Zeitzeugen, die in oftmals langen und manchmal mehreren GesprĂ€chen, hin und wieder auch von Erinnerungen aufgewĂŒhlt, ĂŒber ihr Schicksal berichtet haben, sei herzlicher Dank gezollt. Sie alle haben dazu beigetragen, Geschichte und Geschichten zu bewahren â Geschichten aus einer Zeit, die durch einen tiefen und schmerzlichen Riss mitten durch Deutschland geprĂ€gt war. Diese Geschichten sollen und können kein abschlieĂendes Urteil fĂ€llen, denn oft verschwimmen die Grenzen zwischen den vermeintlich so eindeutigen TĂ€tern und den beklagenswerten Opfern. Sie sind noch lange nicht zu Ende erzĂ€hlt.
BĂŒcher:
Block, Gerhard: Verraten und Verkauft â Memoiren eines Unverbesserlichen, Berlin 2004
Behling, Klaus: Kundschafter a.D. â Das Ende der DDR-Spionage, Stuttgart/Leipzig 2003
Ders.: Hightech-Schmuggler im Wirtschaftskrieg â Wie die DDR das Embargo des Westens unterlief, Berlin 2007
Ders.: Der Nachrichtendienst der NVA â Geschichte, Aktionen und Personen, Berlin 2005
Blutke, GĂŒnter: Obskure Gesc...
Table of contents
- Cover
- Titel
- IMPRESSUM
- INHALT
- GESCHICHTEN AUS DER GESCHICHTE â EIN PROLOG
- ABGEHOLT
- BIERCHEN MIT MOLLE
- ALEMANITA MIA
- DER GESTOHLENE BEETHOVEN
- LEICHENSACHE B.
- EINE ERFUNDENE AFFĂRE
- VERBRANNT UND FALLEN GELASSEN
- IN TREUE FEST
- EIN UNVERDROSSENER KUNDSCHAFTER
- DAS ZERSETZTE GENIE
- DER TRAUM VOM GOTTHARD
- RADIO RASENDES EUROPA
- IM FADENKREUZ
- EIN STRAHLENDER VERDACHT
- »DANN GEHT DOCH RĂBER ...«
- DER GRENZGĂNGER
- KAINSMAL
- KALTES HERZ
- HONIGFALLE
- STERNENKĂMPFER
- ZERMITTELT
- ATOM-SPION A. D.
- GENOSSE ROMEO
- TĂDLICHER URLAUB
- GRAUER WOLF IN BAUTZEN
- LACHEN UND WEINEN
- DIE WALDLĂUFER
- LIEBE IM TOTEN WINKEL
- ENDSTATION IRRENHAUS
- DER STURZ DER ALTEN DAME
- ABGESCHOSSEN
- IN DUBIO
- »BILANZSUIZID«
- MĂNNER HINTER SONNENBRILLEN â EIN ENDE IM KLISCHEE
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