![]()
1. Der Mensch ist ein Beziehungstier
In modernen Unternehmen findet man oft alles, was das Mitarbeiter-Herz vermeintlich begehrt und die Arbeitskraft gesund und leistungsfĂ€hig erhĂ€lt: die Jura-Kaffeemaschine, Obst und SĂŒĂes, den ergonomischen Schreibtischstuhl und mehr. Incentive-Reisen belohnen diejenigen, die im vergangenen Jahr besonders fleiĂig getrabt sind. Weiterbildungen gleichen fehlende Kenntnisse aus oder eröffnen neue fachliche Perspektiven. Die offene BĂŒrotĂŒr in der Management-Etage sowie âoffeneâ Feedback-GesprĂ€che gehören ebenfalls zum guten Ton.
Hand aufs Herz: Wie oft haben Sie sich getraut, Ihrer Chefin oder Ihrem Chef4 Ihre ehrliche Meinung zu sagen? Ist die Gefahr nicht viel zu groĂ, dass Sie fĂŒr Offenheit Sanktionen zu befĂŒrchten haben? Und wie hoch ist die Chance, dass sich der Vorgesetzte Ihre Meinung zu Herzen nimmt, vielleicht sogar gute Ideen von Ihnen umsetzt â ohne sie als die seinigen zu verkaufen?
FĂŒhlen Sie sich Ihrem Unternehmen und Ihren Kollegen in einer Weise verbunden, die Ihnen Kraft gibt und die Ihr Leben bereichert? Oder gehen Sie nur arbeiten, um Geld zu verdienen?
Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Es liegt mir fern, hier Misstrauen zu schĂŒren oder sarkastisch zu sein. Ich habe jedoch zu oft erlebt, dass der Hase manchmal genau so lĂ€uft. Vielleicht kennen Sie das auch, leiden darunter und möchten etwas Ă€ndern?!
Deshalb frage ich weiter: Wie wĂ€re es, wenn Sie in Ihrem Arbeitsumfeld etwas zum Positiven verĂ€ndern könnten? Wenn Sie gehört werden wĂŒrden, ohne dass Ihre Meinung als Kritik aufgefasst wird? Wenn Sie etwas tun könnten, das fĂŒr Sie, Ihre Mitmenschen, das Unternehmen oder gar die Welt von Bedeutung ist?
Â
FĂŒr den Körper und die Kompetenzen der Mitarbeiter wird, wie oben beschrieben, hĂ€ufig gut gesorgt. Aber was ist mit den psychischen BedĂŒrfnissen? Wie reden wir miteinander? Woran scheitern Projekte oder ArbeitsverhĂ€ltnisse? An fachlichen SchwĂ€chen und Ă€uĂeren UmstĂ€nden, oder an gestörten Beziehungen in hierarchischen Systemen? Ist es der billige Schreibtischstuhl, der uns bei der Arbeit krank macht oder das schlechte Kantinenessen? Oder ist es eher der respektlose Umgang untereinander, die mangelnde WertschĂ€tzung vom Vorgesetzten?
Â
Beantworten Sie fĂŒr sich selbst, wo Sie im Extremfall formuliert lieber arbeiten wĂŒrden:
a)  âBei meinem Arbeitgeber ist alles da, was man sich ertrĂ€umt â vom leckeren Espresso bis zur kostenlosen RĂŒckenschule â, aber es herrscht ein harscher Umgangston, wir mĂŒssen funktionieren.â
b)  âHier gibt es nichts Luxuriöses. Selbst mein PC ist veraltet. Aber ich fĂŒhle mich als Mensch gesehen und verstanden und kann mich einbringen.â
Â
Ich bin der Meinung, dass Arbeit im Leben der meisten Menschen einen zu hohen Stellenwert und eine zu groĂe Zeitspanne einnimmt, um hinnehmen zu können, dass man dabei auch nur mittelfristig unglĂŒcklich ist oder eine TĂ€tigkeit verrichtet, die einem sinn- und bedeutungslos erscheint. Menschen wollen an der Organisation, fĂŒr die sie arbeiten, teilhaben dĂŒrfen, sie wollen Zutrauen erfahren und Leidenschaft fĂŒr ihren Job empfinden. Sie wollen nicht austauschbar sein, sie wollen einen Unterschied machen. Wenn es das nicht fĂŒr sie gibt, beginnt ein Kreislauf der Frustration, der in Burn- oder Bore-Out und der (inneren) KĂŒndigung enden kann.
Erledigen Sie Ihren Job, weil es der Chef so bestimmt hat? Weil Sie es mĂŒssen? Weil Sie Angst haben, sonst degradiert oder entlassen zu werden? Oder weil Ihre Arbeit Ihnen persönlich etwas bedeutet, der Unternehmenserfolg Ihnen ein Anliegen ist und Ihre berufliche TĂ€tigkeit zum Sinn und Gelingen Ihres Lebens beitrĂ€gt?
Wenn Sie GeschĂ€ftsfĂŒhrer oder Manager sind: Wollen Sie aufgrund der Hierarchie (die es im noch so hierarchieflachsten Unternehmen gibt), der bestehenden Ordnung, Macht ausĂŒben? Oder wollen Sie Erfolg haben, weil Ihre Mitarbeiter ein natĂŒrliches BedĂŒrfnis danach haben, gelungene Beziehungen zu leben, zum Wohle der Gemeinschaft beizutragen und mit ihrem Leben etwas Sinnvolles zu tun?
Dass Letzteres fĂŒr Ihre Mitarbeiter wie fĂŒr jeden Menschen der Fall ist, sehen wir uns jetzt nĂ€her an âŠ
Â
Â
Menschen motivieren Menschen
Die neurobiologische Forschung hat seit den 1990er Jahren mehr und mehr Belege dafĂŒr gefunden, dass die Motivation eines jeden gesunden Menschen auf âZuwendung und gelingende menschliche Beziehungenâ5 ausgelegt ist. Extrinsische Motivatoren wie Bonuszahlungen oder Firmenwagen bringen wenig, wenn die intrinsische Motivation nicht stimmt. Jeder vierte Arbeitnehmer in Deutschland hat innerlich gekĂŒndigt und macht Dienst nach Vorschrift.6 Diese groĂe Anzahl lĂ€sst vermuten, dass Statussymbole oder Geld allein kein Garant fĂŒr eine hohe Arbeitszufriedenheit und LoyalitĂ€t zum Unternehmen sind. Es sind die intrinsischen Motivatoren, die wesentlich stĂ€rker zĂ€hlen. Hierbei spielt die Beziehung, die wir zu unserem Arbeitsumfeld â den Menschen, die wir dort erleben, â haben, eine wesentliche Rolle: Denn Menschen kommen zu Firmen und verlassen Vorgesetzte. In Zeiten des FachkrĂ€ftemangels und des demographischen Wandels kann es sich eigentlich kaum ein Unternehmen leisten, diesen Aspekt nicht zu beachten.
Unternehmensberaterin Marie Miyashiro sagt dazu: âIn other words, itâs our nature to care about and for each other. Why, then, is empathy considered such a foreign concept in business and a âsoftâ attribute of leadership?â7
Â
Tipps fĂŒr FĂŒhrungskrĂ€fte:
âȘÂ Â Beachten Sie die BedĂŒrfnisse und Erwartungen Ihrer Mitarbeiter.
âȘÂ Â Fragen Sie sie nach ihrer Meinung.
âȘÂ Â Geben Sie ihnen konstruktives Feedback.
âȘÂ Â Interessieren Sie sich fĂŒr sie als Mensch.
Â
Wie funktioniert die Motivation â extrinsisch oder intrinsisch â nun genau in unserem Gehirn? Die Emotionszentren im Gehirn sind es, die dem Motivationszentrum melden, ob es im Umfeld Ziele gibt, fĂŒr die sich eine Anstrengung lohnt (Aussicht auf Beförderung, sympathischer Chef, tolles Team, Chancen zur Selbstverwirklichung u.v.m.). Das Motivationszentrum schĂŒttet in einem solchen Fall Dopamin aus, einen Botenstoff, der ein wohliges GefĂŒhl auslöst und den Menschen sowohl psychisch als auch physisch dazu befĂ€higt, sich zu konzentrieren und aktiv zu werden â zu handeln, zu arbeiten. ZusĂ€tzlich werden vom Motivationszentrum sogenannte endogene Opiate freigesetzt. Laut dem Neurobiologen und Psychotherapeuten Joachim Bauer wirken sie sich vorteilhaft auf das SelbstwertgefĂŒhl, die Laune und die Lebensfreude aus. Sie reduzieren das Schmerzempfinden und sind gut fĂŒr das Immunsystem. Zusammen mit dem bei motivierten Menschen ebenfalls ausgestoĂenen Bindungshormon Oxytozin verringern die endogenen Opiate auĂerdem Angst und Stress im Gehirn.
Unsere grauen Zellen machen ĂŒbrigens den Ergebnissen der Hirnforschung zufolge nur wenig Unterschied zwischen körperlichem Schmerz und psychischem Schmerz. Unangenehme GefĂŒhle wie Stress, Ărger, Scham, Schuld oder Angst können uns in unserem Arbeitsleben nicht nur verstören, irritieren und behindern, sondern uns sogar dauerhaft nervlichen Schaden zufĂŒgen.
Â
Ăbung: Wonach sehnen Sie sich im Berufsleben? Wonach sehnen Sie sich in Beziehung zu Ihrem Chef oder Ihren Kollegen, Kunden, Lieferanten âŠ? Wonach sehnen Sie sich in Beziehung zu sich selbst als Arbeitskraft / Unternehmer?
Â
Â
Emotion = Motion
Unsere Motivation ist eng an unsere Emotionen gekoppelt, sowohl eingangs bei der Frage, wodurch Motivation entsteht wie ausgangs bei der Ăberlegung, von welchen positiven Auswirkungen motivierte Menschen (und deren Umfeld) profitieren können.
Nicht jede Emotion ist dabei gleich förderlich: Es ist ein Unterschied, ob Sie durch SchuldgefĂŒhle (Angst) oder durch Freude am Geben motiviert sind.
Die gelungene zwischenmenschliche Beziehung â die natĂŒrlich angenehme GefĂŒhle beinhaltet â ist laut Bauer die beste Medizin gegen âBlau machenâ, innerliche KĂŒndigung oder Burnout â Faktoren, die die deutsche Wirtschaft jĂ€hrlich Milliarden von Euro kosten.8
Â
Ăbung: Zu welchen Menschen in Ihrem Arbeitsumfeld haben Sie ein gutes VerhĂ€ltnis?
Zu welchen hÀtten Sie gerne ein gutes VerhÀltnis? Wer motiviert Sie? Wer kann Ihnen ein Vorbild sein?
Wie motivieren Sie Ihre Mitmenschen? Wie könnten Sie es tun? Welchen Kollegen könnten Sie ein Vorbild sein?
Â
Die Frage ist, ob Sie etwas zum Gelingen einer Beziehung beitragen können, wenn Sie Ihr GegenĂŒber zum Beispiel als mobbendes, egozentrisches und opportunistisches Ekelpaket sehen. Die GFK sagt hier: nein! Die Notwendigkeit, zunĂ€chst Ihre Sichtweise zu verĂ€ndern, mag Ihnen am Anfang als ziemlich bittere Pille vorkommen, die es zu schlucken gilt, aber sie ist notwendig auf dem Weg zur nachhaltigen Verbesserung bzw. â um im Bild zu bleiben â zur âHeilungâ zwischenmenschlicher Verbindungen.
Sympathie ist dabei nichts grundsĂ€tzlich Vorhandenes â wo sie nicht gegeben ist und sich nicht einstellen mag, hilft ihre Schwester, die Empathie weiter. Von ihr handelt das nĂ€chste Kapitel. Sie macht es einfacher, die bittere Pille zu schlucken, um zu gesunden und wohlschmeckenden Ergebnissen zu kommen.
Â
Take Away:
âȘ  Menschen sehnen sich auch im Arbeitsleben nach WertschĂ€tzung, Respekt, Sinn, Bedeutsamkeit und Autonomie.
âȘÂ Â Menschen kommen zu Firmen und verlassen Vorgesetzte.
âȘ  Projekte scheitern aufgrund von gestörten Beziehungen in hierarchischen Systemen.
âȘ  Unser Gehirn ist auf Kooperation statt auf Kampf gepolt. Es unterscheidet kaum zwischen körperlicher und psychischer Gewalt.
âȘ  Langfristige Motivation entsteht durch die angenehmen GefĂŒhle, die gelungene Beziehungen in uns auslösen.
![]()
2. Alles Einstellungssache â die Bedeutung von Empathie und Achtsamkeit
Empathie ist keine Krankheit. Deshalb dĂŒrfen Sie sie ruhig mit zur Arbeit nehmen. Essen kann man Empathie leider au...