Warum Burnout ein strukturelles, kein individuelles Problem ist Burnout wird ein immer wichtigeres PhĂ€nomen in Wirtschaft und Gesellschaft, die Kosten belaufen sich auf MilliardenbetrĂ€ge. Bisher gilt Burnout als Problem des Einzelnen, doch der steht in Wahrheit am Ende einer Kette von Fehlentwicklungen: das inhumane Prinzip Multitasking, die Entgrenzung des Arbeitslebens, die Illusion des Zeitmanagements, schlecht ausgebildete Chefs und fragwĂŒrdige Werte. Burnout geht alle an: FĂŒhrungskrĂ€fte und Unternehmenslenker, die Auswege suchen aus der "Weiter-so-MentalitĂ€t" und nicht zuletzt den "normalen" Arbeitnehmer. Das Buch analysiert die unternehmerischen und gesellschaftlichen MissstĂ€nde und zeigt, wie wir eine menschlichere und damit letztlich produktivere Arbeitswelt schaffen können.

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Insurance1. KAPITEL
Die alltĂ€gliche Ăberforderung
Sabine Meister zog ihren SchlĂŒssel aus der Tasche und öffnete die WohnungstĂŒr. Durch den Flur ging sie beschwingt in die KĂŒche. Dienstag. Eigentlich ein guter Tag. Sie setzte ihre Tasche ab, öffnete den KĂŒhlschrank, lieĂ kurz ihren Blick schweifen, nahm sich eine Limo und schaltete den Rechner an. Sie arbeitete bei einem Versicherungskonzern und seit sie vor zwei Jahren befördert worden war, legte sie immer noch eine kleine Abendeinheit ein. Nichts GroĂartiges, ein paar Mails, Dokumente etc.
Sie hatte leichte Kopfschmerzen, achtete aber nicht darauf. Sie war hart im Nehmen und das machte sie stolz. Nicht ohne Grund hatte sie sich beruflich so weit hochgearbeitet. »Nur die Harten kommen in den Garten«, hatte ihr Vorstand einmal â nicht mehr ganz nĂŒchtern â zu ihr gesagt. »Worauf du deinen Porsche verwetten kannst«, dachte sie lĂ€chelnd. »Stress ist mein zweiter Vorname.« Sie wollte noch kurz Martin anrufen, erinnerte sich aber seltsamerweise nicht mehr an seine Nummer. Egal. WĂŒrde ihr schon wieder einfallen.
Sabine Meister setzte sich an ihren Rechner, warf die Post auf den Schreibtisch und öffnete ihren E-Mail-Eingangsordner. Nach ein paar Sekunden fĂŒllte sich der Bildschirm mit neuen Nachrichten. Zuerst hatte sie das GefĂŒhl, irgendetwas stimme nicht. Und dann traf sie die Erkenntnis wie ein Schock: Sie erkannte die Namen der E-Mail-Absender, wusste aber nicht mehr, wer sie waren. Christian Ruthe, verflixt, Christian Ruthe. Wo hatte sie den noch mal getroffen? Ruthe war einer ihrer engsten Mitarbeiter, doch das wusste sie in diesem Moment nicht. Genauso wenig wie sie den Namen ihres Chefs erkannte oder den ihrer besten Freundin, die sie fragte, ob sie sie am Wochenende besuchen könne.
Eine Woge der Panik ergriff sie. Ihr wurde abwechselnd heiĂ und kalt. Zitternd stand sie auf und ging im Zimmer umher, um sich zu beruhigen. Zuerst dachte sie an einen Schlaganfall, aber sie war völlig klar. Sie zĂ€hlte bis 20 â auch das klappte. Nur ihr GedĂ€chtnis schien mit einem Mal ausgesetzt zu haben. Völlig verwirrt schaltete Sabine Meister ihren Rechner aus, legte den Kopf in die HĂ€nde und versuchte, ihren Atem wieder unter Kontrolle zu bringen. Morgen wĂŒrde sie als Erstes ihren Hausarzt anrufen.
Im Jahr 1992 fiel ein SĂ€nger namens Jon Bon Jovi in New York vor seinem Publikum auf die Knie und schmetterte ins Mikrofon: »I sleep when Iâm dead!« â »Ich schlafe, wenn ich tot bin!« Die Menge raste. In den abschlieĂenden Trommelwirbel rief er seinen Fans zu: »You can quote me on that one!« â »Da könnt ihr mich ruhig zitieren!« Gern geschehen.1
Anders als Prominente in der Ăffentlichkeit â von denen manche (wie Keith Richards von den Rolling Stones) tatsĂ€chlich aussehen, als wĂŒrden sie erst schlafen, wenn sie tot sind â plagen uns »normale« Menschen meist profanere Dinge. Wir schlafen nicht erst, wenn wir tot sind â aber viele von uns haben erst Feierabend, wenn sie tot sind. Das ist jedenfalls die Bekenntnislage bei vielen Arbeitnehmern, die im Laufe der Zeit einen immer gröĂeren Druck verspĂŒren, mehr zu leisten, pausenlos prĂ€sent zu sein und Höchstleistungen abzuliefern.
Wir sehnen uns nach Einfachheit.
Wir schleppen uns mit einem stĂ€ndigen GefĂŒhl der ErmĂŒdung und des Nicht-Hinterherkommens durch den Alltag, sind Getriebene unserer Uhren und Terminkalender. Wir fĂŒhlen, dass etwas nicht mehr stimmt, dass die Dinge in unserer Arbeitsgestaltung aus dem Ruder gelaufen sind. Etwas ist gesellschaftlich aus der Balance und ins Rutschen geraten, das wir aber nicht benennen können. DafĂŒr haben wir einen untrĂŒglichen Instinkt entwickelt, eine Art Schwarmintelligenz. Leider geht dieser Schuss, diese kollektive Denkanstrengung, meist nach hinten los. Statt uns zu fragen, wie wir unsere Arbeitswelt als Ganzes neu strukturieren können, packen wir den Wellness-Werkzeugkoffer aus, nehmen MoorbĂ€der, Yogastunden und Seminare zur Zeitgestaltung. Wir sehnen uns nach Einfachheit und der schlichten Eleganz eines ĂŒberschaubaren Tagwerks.
Die RealitÀt sieht anders aus. Der Chef macht Druck, von Politik und Medien werden wir praktisch jeden Tag in Angst gehalten, unseren Job zu verlieren, wir stolpern dahin in unserem Jonglierspiel, um die bunten BÀlle der Anforderungen aus komplexer Arbeit, Beziehung, Kindern und ein bisschen sozialem Leben in der Luft zu halten.
Ein mir bekannter Trainer, seines Zeichens Schweizer StaatsbĂŒrger, mokierte sich einmal ĂŒber eine Neujahrsrede von Angela Merkel. »Schauen Sie sich das mal an«, meinte er, halb fasziniert, halb angewidert. »Diese Frau spielt mit den Ăngsten der BĂŒrger. Es werde âșein schweres Jahrâč und âșman mĂŒsse den GĂŒrtel enger schnallenâč. Kein Optimismus, nirgends. Nur ein HĂ€ufchen Ăngstlichkeit. Also entweder sie ist wirklich so verzagt â dann tun mir die Deutschen leid â oder sie ist verdammt gerissen, die Leute so in Angst zu halten. Denn gucken Sie sich mal Obama an: Yes â we â can. Das ist der wahre Geist. Anpacken. Den Leuten Mut machen. Merkel dagegen â da seid ihr Deutschen wahrlich nicht zu beneiden.«
Es wird Zeit, sich zu besinnen.
Es wird Zeit, sich zu besinnen. Zeit, auf unsere Gesellschaft, unsere Wirtschaft und uns selbst zu blicken, auf unsere Werte und Denkmuster. Damit wir keine buddhistischen Klöster mehr besuchen mĂŒssen, um Frieden zu finden, sondern an unseren ArbeitsstĂ€tten zu mehr Ausgeglichenheit kommen. Es geht um eine nicht nur an Zahlen orientierte Arbeitswelt. Es geht um Menschlichkeit, vernĂŒnftige ProduktivitĂ€t, Grenzziehungen und eine Sinnstiftung, die den Menschen und das Unternehmen befruchtet â damit beide nicht im Burnout verbrennen.
MissverstÀndnis Arbeitsgesellschaft
Es gibt eine hĂŒbsche, sehr bekannte Werbung fĂŒr einen Tampon. »Die Geschichte der Menstruation ist eine Geschichte voller MissverstĂ€ndnisse«, flötet die gutaussehende Schauspielerin und lĂ€sst den Rollladen hinter der PrĂ€sentationswand herunter. Ein durch mannigfaltigen Kabarettgebrauch mittlerweile ebenso viel zitierter wie legendĂ€rer Satz.
In gewisser Weise geht es, provokativ formuliert, der westlichen Arbeitsgesellschaft wie der Menstruation: Sie ist eine Tatsache, einen GroĂteil der Bevölkerung betrifft sie â und ihre Geschichte ist eine voller MissverstĂ€ndnisse. Diese MissverstĂ€ndnisse haben zu einer neuen, modernen Sichtweise von Arbeit gefĂŒhrt, die sich, kurz gefasst, auf die Gleichung bringen lĂ€sst: Arbeit = Sinn.
FrĂŒher arbeitete man, weil man musste. Nicht, um sich zu verwirklichen.
Dass die individuelle Arbeit ein sinnstiftendes und damit die Existenz des Einzelnen entscheidend prĂ€gendes Moment sein sollte, ist ein relativ junges PhĂ€nomen der letzten 100 Jahre. FrĂŒher arbeitete man, weil man musste. Nicht, um sich zu verwirklichen. Im griechischen Altertum galt Arbeit als Strafe der Götter. Die Griechen strebten nach einem Ideal aus Grundbesitz, Wohlstand und Tugenden. Arbeit wurde nur im sportlichen und militĂ€rischen Bereich geleistet und war im Ăbrigen Sache der Sklaven. Die Griechen nahmen mit ihrer Teilung der arbeitenden Sklavenbevölkerung von der der MuĂe frönenden BĂŒrgerschicht die Entwicklung der europĂ€ischen StĂ€ndegesellschaft vorweg. Auch in der Sprache drĂŒckt sich der historische Zwangscharakter von Arbeit aus: Die Franzosen verwenden fĂŒr »Arbeit« das Wort »travail«, das sich vom lateinischen »tripalus« ableitet â dem »Dreipfahl«, einer Vorrichtung, mit der man widerspenstige Pferde bĂ€ndigte.2
Noch im 17. Jahrhundert dozierte der englische Philosoph John Locke: Arbeit nur um der Arbeit willen ist gegen die menschliche Natur. Arbeit muss getan werden, um Essen auf dem Tisch zu haben, fĂŒr Geld, fĂŒr Kleidung und ein Heim. Arbeit hieĂ seinerzeit, mit der Sonne aufzustehen, sein Tagwerk zu verrichten und abends mĂŒde auf den Strohsack oder das Bett zu fallen. Ohne Perspektive, Karriereplanung oder Rentenabsicherung. Allein die Adligen konnten aus diesem Mechanismus ausbrechen: Sie mussten gar nicht arbeiten, sondern konnten sich der Kunst, der Wissenschaft oder der Religion widmen. Schnöde Arbeit verwirrte den Geist und hielt einen ab von der Betrachtung der schönen KĂŒnste, den Studien der Mathematik und den diplomatischen Verpflichtungen. Arbeit bedeutete in der Regel Knochenarbeit und war ein Garant fĂŒr körperliche SchĂ€den, frĂŒhes Altern und einen stillen Tod. Bauern und Handwerker konnten ein Lied davon singen.
Mit der AufklĂ€rung setzte sich ein bislang unbekanntes PhĂ€nomen durch und eroberte langsam, aber sicher die Arbeitswelt: das BĂŒro. Der Autor Hajo Eickhoff pointiert scharf, dass im 17. und 18. Jahrhundert »Beamte, mathematisch versierte Kaufleute und Versicherungsexperten, Geistesarbeiter und Kanzleiarbeiter erst zu BĂŒromenschen erzogen werden [mussten]. Denn nicht nur der Mensch ordnet das BĂŒro, sondern das BĂŒro zwingt den Menschen in eine neue Ordnung des Denkens, FĂŒhlens und Verhaltens.« Und weiter: »Eine Begleiterscheinung der AufklĂ€rung ist eine gewisse Verdunkelung und Begrenzung des Menschen, denn BĂŒroarbeit ist Verlust an Licht und an Beweglichkeit. Im BĂŒro ist das Tageslicht vermindert, die frische Luft reduziert, ein strenges Einhalten von Zeit erforderlich und vielfach Bewegung und Beweglichkeit eingeschrĂ€nkt.«3
Das BĂŒro hat die Arbeitswelt verĂ€ndert.
Wie erfreulich. So manche Bankfiliale oder Amtsstube verströmt heute noch den Charme eines möblierten, dunklen Erdlochs, aus dem Freude, Sonnenlicht und KreativitĂ€t als verbannt erscheinen. Laut Eickhoffs Betrachtungen randalierten damals tatsĂ€chlich einige Adlige mit Waffengewalt, weil sie ihren Alltag nicht einem stereotypen BĂŒroablauf unterwerfen wollten. Es wĂ€re wahrhaft ein Schauspiel, flögen heute Schreibtische durch Fenster, geworfen von adrett gekleideten BĂŒromenschen mit Zornesröte im Gesicht.
Noch bis in die 60er-Jahre des 20. Jahrhunderts hinein, nach zwei Weltkriegen und einer Gesellschaft im Schockzustand, war Arbeit ein notwendiges Ăbel, dem man aus GeldgrĂŒnden nachging. Legal oder auf dem Schwarzmarkt. Auch die Möglichkeit der Berufswahl war eher gering ausgeprĂ€gt. Bauern vererbten ihre Höfe an den Sohn, Handwerksbetriebe gingen an die Kinder ĂŒber. Ebenso gröĂere Firmen, bei denen man, zum Beispiel bei den Unternehmerfamilien Quandt oder Merck, die Grundlagen und VerlĂ€ufe der Deutschland AG nachzeichnen konnte. Ein weiteres Gesicht der Arbeitslandschaft waren die »TrĂŒmmerfrauen«, die nach 1945 zum Symbol des deutschen Wiederaufbaus wurden. Sie versinnbildlichten harte Arbeit, ohne viel zu fragen, eine aus Leid geborene Schaffenskraft, die sich zu Recht als historische Leistung quasi in den genetischen Code der deutschen Nachkriegsgesellschaft eingeprĂ€gt hat.
Erst mit den 68ern und ihrer pĂ€dagogischen, intellektuellen und sexuellen Revolution stellte man auch im Bereich der eigenen Arbeitsleistung die Frage nach dem Warum. Eine Verbreiterung der Bildungswege, das dreigliedrige Schulsystem und die zunehmende Definition der eigenen Persönlichkeit durch Arbeit wurden zum Bestandteil des kollektiven Unterbewusstseins nach dem Wirtschaftswunder. Bis in die heutige, schnelllebige Zeit der Job rotation hinein gehört das »Du kannst tun, was du willst«-Mantra zum Selbstkonzept vieler qualifizierter FachkrĂ€fte und Wissensarbeiter. Oder, wie es mein damaliger Studienberater beim Arbeitsamt ausdrĂŒckte: »Psychologe? Warum nicht? Wenn schon arbeitslos, dann doch wenigstens in einem Beruf, der Ihnen SpaĂ macht.« Ich muss zugeben, dass mich diese Begegnung in meinem VerhĂ€ltnis zur staatlich regulierten Arbeitsvermittlung einigermaĂen geprĂ€gt hat.
WĂ€hrend der letzten 60 Jahre hat die Bedeutung der Arbeit fĂŒr das eigene Selbstbild einen enormen Wandel durchlaufen: Man arbeitet nicht mehr (nur) um des Geldes willen, weil man den Betrieb geerbt hat oder weil man einfach nichts anderes machen konnte, als Schornsteinfeger in Obertraubling zu werden. Der Beruf als solcher ist zu einer, wenn nicht gar der entscheidenden StĂŒtze des Selbstkonzepts geworden. Die eigene Arbeitsleistung ist heutzutage Ausweis einer individuellen Sinnstiftung und damit umfangreicher Teil der eigenen IdentitĂ€t.
Heute bilden die 20- bis 30-JĂ€hrigen den genauen Gegenpol zu ihrer Eltern- und GroĂelterngeneration, die nach dem Zweiten Weltkrieg Tritt fassen mussten. Ging es in den spĂ€ten 1940er- und frĂŒhen 1950er-Jahren vor allem darum, auf dem Schwarzmarkt zu handeln, jeden Job anzunehmen und irgendwie durchzukommen, hat die heutige junge Generation vor allem das SĂŒĂwarenladen-Problem: Es gibt so viele Möglichkeiten der Berufswahl, dass wir ĂŒberwĂ€ltigt sind und gar nicht wissen, wohin wir zuerst greifen sollen. Weil wir heute so frei wĂ€hlen können, sind wir fĂŒr unsere Wahl und deren Ergebnis umso mehr verantwortlich. Darum tun wir alles, was möglich ist â und im Burnout auch darĂŒber hinaus â, um uns und der Welt zu bestĂ€tigen, dass unsere Wahl richtig war und wir die Meister unseres Lebens sind. Und weil im SĂŒĂwarenladen von Beruf und Karriere sehr viel von unserer Wahl abhĂ€ngt, ĂŒberwĂ€ltigt uns das Angebot bis zur Frustration. Aus Angst, im Leben gleich zu Beginn einen falschen Pfad einzuschlagen, geraten auf diese Weise junge Leute neuerdings in eine Art Schockstarre.
Der Beruf ist zu der entscheidenden StĂŒtze des Selbstkonzepts geworden.
Die junge Journalistin Nina Pauer liefert dazu eine hellsichtige Analyse. »Was uns umtreibt, ist die schizophrene Panik davor, unser Leben falsch zu leben«, schreibt sie. Die heutige Generation der 25- bis 35-JĂ€hrigen sei besessen von der Angst, im Leben etwas zu verpassen. Gleichzeitig fĂŒrchte sie, sich nirgendwo wirklich zu verwurzeln und damit eine Verpflichtung ĂŒber ein rasches Dahingleiten im Strom des Lebens hinaus einzugehen. Man binde sich nicht mehr an eine Stadt, einen Partner, einen Verein, eine Kirche. Man unterliege der zwanghaften Vorstellung, stĂ€ndig mobil sein zu mĂŒssen, seine Zelte abbrechen zu können, sich aufzumachen zu einer besseren, passenderen, eintrĂ€glicheren Lebensperspektive. Pauer nennt das die Jagd nach der »richtigen Version unserer selbst«. Der Segen unseres multioptionalen Lebens sei gleichzeitig dessen Fluch: Alles ist möglich.4
GrundsĂ€tzlich ist es zwar nicht schlecht, wenn die Arbeit zum »GlĂŒck spendenden Grund« des eigenen Lebens wird, wie Viktor Frankl, Psychotherapeut und BegrĂŒnder der Logotherapie schreibt. Doch Frankl, der groĂe Denker und Verfechter eines sinnerfĂŒllten Lebens, erkannte genauso die Gefahr, die einer entgrenzten Sinnsuche innewohnt. Im Gegensatz zum Tier, dozierte er, gebe es beim Menschen keinen ursprĂŒnglichen Instinkt, der ihm sage, was er tun mĂŒsse. Und in unseren modernen Zeiten, in denen sich traditionelle Rollenbilder und soziale Verbindungen zunehmend auflösen, habe er auch keine Vorgabe aus Tradition oder Familie mehr, was er tun solle. Als Ergebnis versage der heutige Mensch darin, zu wissen, was er grundsĂ€tzlich wolle.5
In der Konsumwelt findet man ein Ă€hnliches PhĂ€nomen: Die Konsumforschung hat herausgefunden, dass der Kunde zwar grundsĂ€tzlich Wahlfreiheit will, jedoch ebenso schnell ĂŒberfordert ist, wenn zu vie...
Table of contents
- Cover
- Titel
- Impressum
- Inhalt
- Vorwort
- 1 | Die alltĂ€gliche Ăberforderung
- 2 | Die Burnout-Industrie
- 3 | Mythos Multitasking
- 4 | Illusion Zeitmanagement
- 5 | Information Overload
- 6 | Die Entgrenzung der Arbeit
- 7 | Das Chef-Problem
- 8 | Markt und Moral
- 9 | Der Cooldown â eine Utopie?
- Anmerkungen
- Quellenverzeichnis
Frequently asked questions
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