Sicheres Grundeinkommen fĂŒr alle
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Sicheres Grundeinkommen fĂŒr alle

Wunschtraum oder realistische Perspektive?

  1. 210 pages
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Sicheres Grundeinkommen fĂŒr alle

Wunschtraum oder realistische Perspektive?

About this book

Das Thema Bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) wird mittlerweile von vielen diskutiert. Doch wie könnte eine Umsetzung im deutschen Sozialsystem aussehen? Welche Parameter, welche Einstellungen und Werte könnten – ja, mĂŒssten sich Ă€ndern?Eva Douma zeigt in ihrem neuen Buch, dass das BGE durchaus eine weiterfĂŒhrende Perspektive fĂŒr das deutsche Sozialsystem sein könnte. In Zeiten gebrochener Erwerbsbiographien und großer VerĂ€nderungen am Arbeitsmarkt – so ihre These – könnte das BGE die grĂ¶ĂŸten Verwerfungen auffangen. Sie skizziert die fĂŒr Deutschland entworfenen Modelle des BGE und die Pro- und Contra-Meinungen vieler an der öffentlichen Diskussion Beteiligten genauso wie die Ergebnisse bisheriger Pilotprojekte aus anderen LĂ€ndern. Besonders interessant: Sie zeigt, wie sich das umfangreiche Thema BGE fĂŒr verschiedene Gruppen – etwa Kinder und Rentner – darstellen lĂ€sst. Die Änderungen, welche ein BGE bewirken könnte, sind weitreichend. So wĂ€re Arbeit mehr als bisher eine persönliche Wahl, unangenehme Jobs mĂŒssten besser bezahlt werden.Eva Douma ist sich sicher: "Kernfrage der Auseinandersetzung ist, ob es genĂŒgt, Mitglied einer wohlhabenden Gesellschaft zu sein, um ohne weitere Verpflichtungen, ohne Existenzangst auf einem niedrigen Niveau einfach leben zu können."

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Information

Year
2018
Edition
1
eBook ISBN
9783945219232

1. Wo stehen wir aktuell?

Wer ein bedingungsloses Grundeinkommen thematisiert, macht das nicht im luftleeren Raum, sondern verknĂŒpft dies mehr oder weniger explizit auch mit einer Auseinandersetzung um grundsĂ€tzliche gesellschaftspolitische Fragen und RealitĂ€ten.

a. Neue soziale Schieflagen entstehen

Insbesondere nach dem zweiten Weltkrieg galt es in Westdeutschland als selbstverstĂ€ndlich, dass ein Arbeitsplatz „soziale Sicherheit, ein regelmĂ€ĂŸiges, langfristig steigendes, ausreichendes Einkommen und ein Mindestmaß an Zufriedenheit vermittelt“1. Doch seit den 1990er Jahren gibt es das lebenslang tragende sozialversicherungspflichtige ArbeitsverhĂ€ltnis, an das unsere Kranken-, Renten-, Unfall-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung anknĂŒpft, fĂŒr immer weniger Menschen. So stieg zwar die Zahl der sozialversicherungspflichtig BeschĂ€ftigten von 27,7 Millionen im Jahr 2001 auf 30,7 Millionen im Jahr 2015, die Zahl der VollzeitbeschĂ€ftigten sank hingegen im selben Zeitraum von 23 Millionen auf 22,5 Millionen. Zeitgleich hat sich die Zahl der TeilzeitbeschĂ€ftigten von 4,5 Millionen auf 8,1 Millionen fast verdoppelt.2
Obwohl die Zahl der insgesamt ErwerbstĂ€tigen um 11 Prozent von 38,7 Millionen im Jahr 1991 auf 43 Millionen im Jahr 2015 gestiegen ist3, fiel die Zahl der tatsĂ€chlich geleisteten Arbeitsstunden im gleichen Zeitraum um 2 Prozent4. Das heißt, die Arbeit wird allen WirtschaftsaufschwĂŒngen zum Trotz weniger und sie verteilt sich auf mehr Köpfe. Und weil sich die Zahl der BeschĂ€ftigten vergrĂ¶ĂŸerte, sank im VerhĂ€ltnis dazu die Quote der Arbeitslosen. In absoluten Zahlen ist das deutsche Jobwunder der letzten Jahre weniger beeindruckend. Die Arbeitslosenzahl lag im Jahr 1991 bei 2,6 Millionen, stieg bis zum Jahr 2005 auf 4,8 Millionen an und reduzierte sich in den folgenden 10 Jahren langsam auf 2,79 Millionen im Jahr 2015.5
Schaut man, in welchen Wirtschaftsbereichen die ErwerbstÀtigen aktiv sind, stellt man fest, dass es zwischen 1991 und 2015 erhebliche Verschiebungen gegeben hat. So ist die Erwerbsarbeit im produzierenden Gewerbe von 1991 bis 2015 stark gesunken.6 In diesem traditionell gut zahlenden Sektor reduzierten sich die geleisteten Arbeitsstunden zwischen 1991 und 2015 um 26,4 Prozent. Die Zahl der Arbeitnehmenden sank sogar um 36,1 Prozent.7
Parallel dazu stieg die Zahl der ArbeitsplĂ€tze fĂŒr abhĂ€ngig BeschĂ€ftigte im Dienstleistungsbereich um 33,4 Prozent.8 Besonders viele ArbeitsplĂ€tze wurden im Gastgewerbe (plus 111,5 Prozent) und im GrundstĂŒcks- und Wohnungswesen (plus 97,6 Prozent) geschaffen.9 Beide Branchen zeichnen sich durch niedrige Löhne und eine eher kleinteilige Unternehmensstruktur aus. Hinzu kommt, dass im Gastgewerbe die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden nicht im selben Maße anstieg. Alle ErwerbstĂ€tigen, einschließlich der SelbststĂ€ndigen und mithelfenden Familienangehörigen, leisteten im Vergleich zu 1991 nur 27,6 Prozent mehr Arbeitsstunden. Die Arbeitnehmer/innen, deren Zahl sich mehr als verdoppelt hat, arbeiteten aber nur knapp 40 Prozent mehr. Im Ergebnis verteilt sich die Arbeit auf immer mehr Köpfe.
Und weil sich weniger Arbeit auf mehr Menschen verteilt, verwundert es auch nicht, dass die prekĂ€ren BeschĂ€ftigungen mehr wurden. Im Jahr 1991 waren 79 Prozent der ErwerbstĂ€tigen als Normalarbeitnehmer/innen tĂ€tig. Atypisch beschĂ€ftigt waren 13 Prozent. 8 Prozent waren als SelbststĂ€ndige tĂ€tig. Im Jahr 2015 hatten nur noch 69 Prozent ein NormalarbeitsverhĂ€ltnis. Der Anteil der SelbststĂ€ndigen war um zwei Punkte auf 10 Prozent gestiegen. Aber jede/r FĂŒnfte zĂ€hlt heute zu den atypisch BeschĂ€ftigten,10 die in Teilzeit mit 20 oder weniger Wochenstunden tĂ€tig sind, geringfĂŒgig oder befristet arbeiten oder nur einen Zeitvertrag haben.11
Die Struktur unseres Sicherungssystems ist vor allem in den Sozialversicherungen durch das Äquivalenzprinzip bestimmt. Die sozialen Leistungen sind gekoppelt an das Arbeitseinkommen: Was an Rente oder Arbeitslosengeld gezahlt wird, richtet sich nach den zuvor geleisteten BeitrĂ€gen.12 Ausgangspunkt jeder Rentenkalkulation ist der sogenannte „Standard-Eckrentner“. Er ist 45 Jahre ununterbrochen sozialversicherungspflichtig beschĂ€ftigt, verdient im statistischen Mittel und gehört faktisch zu einer aussterbenden Spezies. Schon heute muss ein durchschnittlich verdienender Arbeitnehmer 35 Jahre arbeiten, um am Ende eine Rente in Höhe der Grundsicherung zu erhalten. Wer nur 75 Prozent des Durchschnittseinkommens verdient, benötigt dafĂŒr 47 Jahre.
Je prekĂ€rer und volatiler sich die aktive Phase der ErwerbstĂ€tigkeit gestaltet, desto grĂ¶ĂŸer ist die Wahrscheinlichkeit der Altersarmut. Bereits zwischen 2003 und 2008 stieg die Zahl der EmpfĂ€nger von Grundsicherung im Alter und von Erwerbsminderungsrenten um 75 Prozent auf 770.000 Menschen.13
Insbesondere fĂŒr Frauen tickt hier eine Zeitbombe, denn sie arbeiten besonders oft in (Dienstleistungs)Branchen, die sich durch ein niedriges Lohnniveau auszeichnen. Im Vergleich zu ihren mĂ€nnlichen Kollegen erhalten sie branchenĂŒbergreifend gut ein FĂŒnftel weniger Lohn fĂŒr die gleiche Arbeit und sie arbeiten besonders hĂ€ufig in atypischen
BeschĂ€ftigungsverhĂ€ltnissen: Im Jahr 1991 arbeiteten 23 Prozent der Frauen atypisch. Im Jahr 2015 war es fast jede dritte Frau (31 Prozent). Von den MĂ€nnern verfĂŒgten im Jahr 2015 immerhin noch 75 Prozent ĂŒber ein NormalarbeitsverhĂ€ltnis.14

b. Globalisierung und Industrie 4.0 entwickeln sich

Durch die erste Welle der Globalisierung (1970 bis 1990) traten die sogenannten BilliglohnlĂ€nder auf den produzierenden Markt, menschliche Arbeit zur Herstellung von MassenkonsumgĂŒtern wurde reichlich verfĂŒgbar und die Preise sanken. In der Folge verloren die westeuropĂ€ischen Belegschaften – nicht nur im produzierenden Gewerbe – innerhalb weniger Jahre ihre ĂŒber Jahrzehnte erkĂ€mpften Rechte und Einkommensgarantien. In Deutschland stieg die wöchentliche Arbeitszeit wieder an und seit Mitte der 1990er Jahre blieben die Reallohnsteigerungen bescheiden.15
Die zweite Welle der Globalisierung (1990 bis 2010) zeichnete sich dadurch aus, dass neben GĂŒtern auch Dienstleistungen international handelbar wurden. In immer mehr Berufen lassen sich immer mehr TĂ€tigkeiten mit einem kleinen Computer und einer Internetverbindung an vielen PlĂ€tzen der Welt produzieren und weltweit verkaufen.16 Die neuen Mitspieler der Globalisierung bieten in steigendem Ausmaß genauso hochwertige und vielfĂ€ltige GĂŒter und Dienstleistungen wie die LĂ€nder des Westens.17 Folge ist, dass neben der (KonsumgĂŒter-)Produktion nun auch Unternehmensdienstleistungen wie etwa die Programmierung oder Telekommunikation aus Europa abwandern. Im Gegenzug entstehen zwar an anderer Stelle in der Welt neue hochwertige ArbeitsplĂ€tze. Die bisherigen qualifizierten ArbeitskrĂ€fte verlieren durch das Outsourcing jedoch ihre Arbeitsstelle.18
Unter dem permanenten Druck, der gĂŒnstig produzierenden auslĂ€ndischen Konkurrenz standhalten zu mĂŒssen, entwickelte sich eine Vielzahl deutscher Unternehmen in den letzten Jahren vom Produkthersteller zum Systemanbieter. Verkauft werden nicht mehr nur Maschinen oder singulĂ€re Dienstleistungen, sondern ganzheitliche innovative Problemlösungen mit einem industriellen Kern als Basis und einer HĂŒlle unterschiedlichster vor- und nachgelagerter Dienstleistungen – wie Wartung und Modernisierung, Organisationsplanung und BetriebsfĂŒhrung bis hin zur Finanzierung und Versicherung. Um diese vielfĂ€ltigen Leistungen erbringen zu können, sind spezifisches Fachwissen und besondere FĂ€higkeiten, die weitgehend konkurrenzlos sind, notwendig. Spezielles Know-how kommt hochflexibel zum Einsatz und muss stetig aktualisiert werden. Vernetztes Arbeiten, Denken und Handeln sind die bestimmenden Merkmale. Entsprechend hoch sind die Anforderungen an die Arbeitnehmenden.19 Nicht jede/r kann und will solche Leistungen immer wieder aufs Neue erbringen. Die Zahl der fĂŒr diese Aufgaben benötigten ArbeitskrĂ€fte ist zudem begrenzt.
Die seit 2010 laufende dritte Globalisierungswelle „macht die internationale Arbeitsteilung endgĂŒltig zu einem weltumspannenden, globalen PhĂ€nomen, das alle Erdteile gleichermaßen einbezieht“20. Investoren, auch aus den aufstrebenden Volkswirtschaften, bestimmen durch ihre Eigenkapitalbeteiligung den Kurs und die Richtung der europĂ€ischen Unternehmen entscheidend mit. Wirtschaftliche AktivitĂ€ten lassen sich in diesem globalen System immer weniger mit den territorial begrenzten Rechtsmitteln der Nationalstaaten regulieren. Die im Jahr 2016 vehement gefĂŒhrten Diskussionen um die Handels- und Investitionsschutzabkommen TTIP und CETA machten auch einer breiteren Öffentlichkeit bewusst, welche Risiken und EinschrĂ€nkungen die zunehmende internationale Verflechtung fĂŒr staatliches Handeln mit sich bringen und wie sie die SouverĂ€nitĂ€t der Nationalstaaten unterminieren kann.21
In nicht zu ferner Zukunft ist zudem zu erwarten, dass der Menschheitstraum von der arbeitsfreien Fabrik nĂ€her rĂŒckt. Keine schmutzigen, öden TĂ€tigkeiten mehr; alles erledigt der Roboter, der sich derzeit anschickt, Dienstleistungen wie die Pflege und die Unterhaltung von Menschen zu ĂŒbernehmen oder per Algorithmus den nĂ€chsten Spielfilm zu kreieren und das Auto zu steuern. Einziger Nachteil dieser schönen neuen Welt: Wo keine menschliche Arbeitskraft gebraucht wird, gibt es fĂŒr Arbeitnehmende auch nichts zu verdienen.
ProduktionsstĂ€tten wandern um den Erdball, ArbeitsplĂ€tze kommen und gehen, Anforderungen verĂ€ndern sich und steigen. „Insgesamt werden die Lohnstrukturen vielfĂ€ltiger und die TarifvertrĂ€ge noch flexibler. Öffnungsklauseln fĂŒr konjunkturelle Schwankungen und besondere Krisensituationen dĂŒrften die Regel werden“22, so zumindest die Prognose des Direktors des Bonner Instituts fĂŒr Zukunftsforschung Klaus F. Zimmermann. Seit den 1990er Jahren spaltet sich der Arbeitsmarkt. Sichere und gut ausgestattete Jobs stehen nur noch einem Teil der BeschĂ€ftigten zur VerfĂŒgung, wĂ€hrend anderen immer schlechtere Bedingungen geboten werden.23 Selbst Unternehmen, die ihren BeschĂ€ftigten gerne langfristige Perspektiven bieten möchten, können dies angesichts auftretender VerĂ€nderungen immer seltener realisieren.
TĂ€tigkeiten, die vor wenigen Jahren noch von dauerhaft sozialversicherungspflichtigen Angestellten ausgeĂŒbt wurden, werden immer hĂ€ufiger ausgelagert. Neue Formen des Alleinunternehmers oder des „ArbeitnehmerselbststĂ€ndigen“ formen den Typus eines neuen...

Table of contents

  1. Cover
  2. Titel
  3. Die Autorin
  4. Impressum
  5. Inhalt
  6. EinfĂŒhrung
  7. 1. Wo stehen wir aktuell?
  8. 2. Ein Grundeinkommen – viele Modelle
  9. 3. Modellversuche in aller Welt
  10. 4. Das FĂŒr und Wider eines bedingungslosen Grundeinkommens
  11. 5. Menschenbild und ArbeitsverstÀndnis
  12. 6. Finanzierungsmöglichkeiten
  13. 7. Die Umsetzung: Mit kleinen Schritten zu einer umfassenden gesellschaftlichen VerÀnderung
  14. Fazit: Das bedingungslose Grundeinkommen – eine spannende Idee mit Zukunft
  15. Endnoten
  16. Zitierte Literatur und Quellen

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