Die 53-jĂ€hrige Witwe, BergbĂ€uerin, Mutter und Pflegemutter Maria Etzer wird 1943 bei der Gestapo denunziert. Sie sei mĂ€nnersĂŒchtig, vernachlĂ€ssige ihre Wirtschaft und unterhalte ein intimes VerhĂ€ltnis zu drei Kriegsgefangenen. Maria Etzer wird wegen "verbotenen Umgangs" mit Kriegsgefangenen zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Wer hat sie denunziert? Ein Nachbar oder gar jemand aus der Familie?Nach ihrer Entlassung 1945 konnte sie jahrelang nicht in ihren Heimatort zurĂŒckkehren. Die katholische BergbĂ€uerin und Hitlergegnerin bemĂŒhte sich nach Kriegsende erfolglos um eine OpferfĂŒrsorgerente: Der bei ihr eingesetzte Kriegsgefangene sei ein fleiĂiger und williger Arbeiter gewesen, und so habe sie ihn auch behandelt. Die "Schande" blieb jedoch an ihr haften, bis heute â wie auch an anderen Frauen aus dem Salzburgerland, die gleichen VorwĂŒrfen ausgesetzt waren.Aus Erinnerungen der Enkelgeneration und Akten von Zuchthaus und OpferfĂŒrsorge wird das Schicksal Maria Etzers nachgezeichnet. Das Buch entwirft dabei ein neues Konzept von weiblichem Widerstand als "Lebenssorge" und rĂŒckt eine bislang kaum untersuchte Opfergruppe des Nationalsozialismus, die noch auf Rehabilitierung wartet, in den Fokus.

eBook - ePub
Das SelbstverstÀndliche tun
Die Salzburger BĂ€uerin Maria Etzer und ihr verbotener Einsatz fĂŒr Fremde im Nationalsozialismus
- 240 pages
- English
- ePUB (mobile friendly)
- Available on iOS & Android
eBook - ePub
Das SelbstverstÀndliche tun
Die Salzburger BĂ€uerin Maria Etzer und ihr verbotener Einsatz fĂŒr Fremde im Nationalsozialismus
About this book
Trusted by 375,005 students
Access to over 1.5 million titles for a fair monthly price.
Study more efficiently using our study tools.
Information
Subtopic
European HistoryIndex
History1. Eine einfache Frau aus dem Innergebirg â Maria Etzer: Herkunft und Familie
1.1 Lebensort und Herkunft
Goldegg im Pongau18, im sogenannten âInnergebirgâ des österreichischen Bundeslandes Salzburgs gelegen, ist heutzutage als Gemeinde des sanften Sommer- und Wintertourismus sowie als Tagungsort fĂŒr die vom Kulturverein veranstalteten âGoldegger Dialogeâ bekannt, die im Schloss Goldegg stattfinden.
Im aktuellen Ă€sthetisch bebilderten Fremdenverkehrsprospekt wirbt man mit Geschichten von unberĂŒhrter Natur, bĂ€uerlicher Lebensart und Brauchtum, SchĂŒtzen und Trachtenfrauen, aber auch einem Golfplatz und einem Langlauf-Olympiasieger. Es gab andere Zeiten, da warb man fĂŒr Goldegg als âarische Sommerfrischeâ.
In der ersten HĂ€lfte des 20.Jahrhunderts kamen angesehene Kaufleute aus der Salzburger Altstadt ab Mitte Juni zur Sommerfrische zu ein paar groĂen Gastbetrieben an den Moorseen (Goldegger- und Böndlsee) und reisten zur Festspielzeit wieder ab, Ende Juli kamen dann die Wiener, so ein Wirtssohn in seinen Erinnerungen.19 Einzelne jĂŒdische GĂ€ste seien auch dabei gewesen. In der kalten Jahreszeit sei Goldegg damals im Winterschlaf gelegen.
âKargheit und KĂ€lte, geographisch wie emotionalâ20, habe die Kinder damals geprĂ€gt, so der Arbeitersohn und Schriftsteller O. P. Zier aus Lend, der Nachbargemeinde, die an einer Enge tief im Salzachtal liegt. Dort stĂŒrzt die Gasteiner Ache in Schluchten nieder und wurden seit Jahrhunderten Erze gewonnen. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts bot eine Aluminiumfabrik BeschĂ€ftigung, verpestete aber auch die Luft.
Ein Teil der Arbeiter waren gleichzeitig Bergbauern, so auch Maria Etzers Schwiegersohn Alois S., die vom sonnigen Buchberg, noch zu Goldegg (Pongau) gehörig, auf einem FuĂweg dreihundert Höhenmeter hinunter nach Lend (Pinzgau) in die Fabrik gingen. Eine StraĂe gab es damals noch nicht. Auch die Schulkinder, darunter alle Töchter von Maria Etzer, besuchten dort die Volks- und Hauptschule, eine Dreiviertelstunde bergab. Margarethe, die JĂŒngste, trug auf dem Schulweg noch Milch in kleinen Kannen aus.21 Der Heimweg bergauf war noch lĂ€nger.
Der Buchberg mit seinen Bauernhöfen an steilen HĂ€ngen hoch ĂŒber Lend, viel nĂ€her an dieser Gemeinde als an Goldegg gelegen, ist der Ort, an dem Maria Etzer als LehenbĂ€uerin von 1911 bis zu ihrer Verhaftung 1943 mit ihrer groĂen Familie lebte und wirtschaftete.
Ein frĂŒher Reisender, ein Salzburger Domherr, beschrieb die Landwirtschaften im klimatisch begĂŒnstigten Gemeindegebiet von Goldegg 1798 so: âKleine HĂŒgel und TĂ€ler, untermengt mit zerstreut liegenden, meistens von KirschbĂ€umen umgebenen, gut gebauten Bauernhöfenâ in der NĂ€he schroffer Felsengebirge, die die Sonnenstrahlen reflektierten. Die Bauern charakterisierte er folgend: Sie âwiedersetzen [sic] sich gern neuen Verordnungen, sind zu Spott und Zank sehr geneigt und selten strenge Verehrer des 6. Gebotsâ.22 Sogar eine Abgabe namens âAufruhrschillingâ hĂ€tten manche Höfe infolge von BauernaufstĂ€nden leisten mĂŒssen, so der frĂŒhe Reisende â einen wesentlich dramatischeren Blutzoll hatten 1944 Goldegger Deserteure23 und die sie unterstĂŒtzende bĂ€uerliche Bevölkerung von Goldegg-Weng zu entrichten. Das GedĂ€chtnis daran ist bis heute in der Gemeinde Inhalt kontroverser Debatten.
Maria Etzer wurde als Maria Höller am 28.Juli 1890 in Taxenbach im Pinzgau geboren24 und römisch-katholisch getauft. Sie kam aus armen VerhÀltnissen, war ein lediges erstgeborenes Kind ihrer Mutter Regina Höller, geboren am 12.Februar 1866 in St. Johann im Pongau, Dienstmagd, und des ebenfalls ledigen Vaters Johannes Mittersteiner, geboren am 25.Dezember 1854 in Goldegg, von Beruf Zimmermeister in St. Johann.
Die ledige Magd konnte ihre Tochter nicht behalten, so wuchs Maria auf einem anderen Hof auf. Das war damals in der bĂ€uerlichen Subsistenzwirtschaft im Salzburgerland nichts Ungewöhnliches. Zur arbeitsintensiven Viehhaltung wurden viele Dienstboten gebraucht. Die meisten von ihnen konnten sich mangels Besitz niemals verheiraten. Sogenannte âausgestifteteâ Kinder wurden in anderen Familien gegen Kostgeld oder Arbeitsleistung untergebracht: âSie wurden nicht uneigennĂŒtzig aufgenommen, sondern mussten sich frĂŒh ihr eigenes Brot verdienen.â25 In Maria Etzers im Zuchthaus verfassten Lebenslauf vom 6.Mai 194326 heiĂt es dazu:
âIch wurde bei einem Bauern in Taxenbach erzogen. Meine Ziehmutter hieĂ Theresia Hölzl. Die Erziehung war gut, jedoch Mutterliebe vermiĂte ich.â
Die Angaben im Lebenslauf erzÀhlen nicht nur Biografisches, sondern spiegeln der Nazi-Ideologie gemÀà auch peinliche Befragungen zu Gesundheit und Charakter der Vorfahren. Maria Etzer schreibt:
âMeine Mutter ist gestorben an einer HerzlĂ€hmung nach einer Kropfoperation. Sie war nie gerichtlich bestraft und war zu mir gut. Sie war mit einem anderen Mann verheiratet, nicht mit meinem Vater. Sie war eine fleiĂige Hausfrau und muĂte ziem. lange allein fĂŒr ihre Kinder sorgen, da ihr Mann frĂŒh gestorben ist. Ich habe meine Mutter erst im 13. Lebensjahr kennengelernt. Sie hat sieben Kinder geboren, wovon alle noch am Leben sind. Sie war einmal schwer krank, nie geisteskrank und keine Trinkerin.â
Nicht nur den Kropf âerbteâ Maria von ihrer Mutter. Das Schicksal der Regina Höller, die âziemlich alleinâ fĂŒr ihre Kinder sorgen musste, weil ihr Mann frĂŒh verstarb, ereilte spĂ€ter auch Maria Etzer selbst.
âIch besuchte eine dreiklassige Volksschule. Ich lernte kochen, dann heiratete ich, habe den Beruf nicht gewechselt.â
1.2 Heirat und Nachkommen
âIn Dienst und Aufenthalt im Gasthof Eder in Schwarzachâ, wie es fĂŒr sie als knapp 21-jĂ€hrige Braut heiĂt, hatte Maria vielleicht auch den am 15. Februar 1878 in St. Georgen im Pinzgau gebĂŒrtigen Johann Etzer, ihren spĂ€teren Ehemann, kennengelernt. Vor der Hochzeit am 16.Mai 1911 in der Wallfahrtskirche Maria Alm musste sie noch als volljĂ€hrig erklĂ€rt werden (regulĂ€r damals erst mit 24 Jahren).

Links: Maria Etzer als ca. 20-jÀhrige Trauzeugin. Quelle: Familie Oblasser, Taxenbach; rechts: Hochzeit mit Johann Etzer 1911. Quelle: Familienbesitz
Ihr Vater Johann Mittersteiner, der sich viele Jahre nicht um seine Tochter gekĂŒmmert hatte, war gegen diese Heirat und die Zukunft seiner Tochter als BĂ€uerin.
Der Vater habe ihr, so Maria Etzers spĂ€tere Ziehtochter und Enkelin E., einen Brief mit den Anfangsworten geschrieben: âLiebe ungehorsame Tochter!â, und, obwohl er als Meister des Zimmerhandwerks zu einigem Geld gekommen war, keine Kuh geschenkt. Stattdessen habe er sich, so Enkelin E., lustig gemacht ĂŒber die Braut, die nach der vormittĂ€glichen Hochzeit schon am Nachmittag in den Stall ihrer Keusche gehen mĂŒsse. Ăber ihren Vater berichtet Maria Etzer in ihrem Lebenslauf von 1943 Folgendes:
âEr war Zimmermann, hatte keinen Besitz, das damalige Barvermögen durch Inflation entwertet. Mein Vater war nie verheiratet, auch nie gerichtlich bestraft. Er war zu mir gut. Er war auch ein sehr fleiĂiger Arbeiter. Er war auch nie geisteskrank.â
Wie in Kapitel 2.7 nĂ€her erlĂ€utert, verlor der Vater 1925 durch Geldentwertung seine gesamten Ersparnisse. Maria Etzer musste, im selben Jahr 1925 Witwe geworden, ihren 71-jĂ€hrigen Vater auf dem von ihm zuvor geringgeschĂ€tzten Hof aufnehmen und in Krisenzeiten neben einer groĂen Kinderschar mitversorgen, bis zu dessen Tod drei Jahre spĂ€ter. Dementsprechend schreibt sie zu ihren eigenen finanziellen VerhĂ€ltnissen in ihrem Lebenslauf 1943:

Lebenslauf, verfasst im Zuchthaus Aichach 1943, Seite 1. Quelle: Staatsarchiv MĂŒnchen
âMeine VermögensverhĂ€ltnisse waren stets sehr gering, habe in dieser Beziehung viel und Schweres mitgemacht.â
Das war auch bedingt durch die höchst schwierigen Rahmenbedingungen in der Weltwirtschaftskrise â viele andere Höfe wurden versteigert, ihrer war 1938 schuldenfrei.
Die selbst ledig geborene und als Ziehkind aufgewachsene Maria hatte als EinundzwanzigjĂ€hrige die Chance ergriffen zu heiraten und damit eigene Kinder selbst groĂzuziehen. Auch ein Ziehkind war von Anfang an dabei. Ihr Mann, der 33-jĂ€hrige Johann Etzer, aus einer bĂ€uerlichen Familie in St. Georgen im Pinzgau gebĂŒrtig, hatte schon vier uneheliche Kinder gezeugt, zuerst die Schwestern Maria, genannt âMoidaiâ, geboren 1907, und ZĂ€zilia, geboren 1908. Deren Mutter Viktoria S., eine Dienstmagd, heiratete er aber nicht. Mit anderen Frauen zeugte Johann Etzer noch einen Sohn und eine weitere Tochter. Diese Marie H., geboren ca. 1908, brachte Johann Etzer mit in die Ehe. Sie sollte spĂ€ter im Alter von 21 Jahren an LeukĂ€mie sterben und ihre eigene Tochter R. als Ziehkind bei Maria Etzer hinterlassen.
Johann Etzer kaufte als weichender Bauernsohn 1911 am Buchberg in Goldegg einen bescheidenen Hof, den Lehenhof. Vielleicht hatte auch seine Braut Ersparnisse aus Lohn und Trinkgeld als Köchin eingebracht, jedenfalls wurden beide zu gleichen Teilen im Grundbuch eingetragen.
Eine gewisse Zielstrebigkeit und strategische Ader ist dabei Maria Etzer sicherlich zuzuschreiben: Sie bringt Johann dazu, eine Ehe einzugehen, indem sie ihn der Mutter seiner ersten beiden Kinder, Viktoria S., âwegschnapptâ (wie diese sich beklagte). Maria Etzer wird Ehefrau statt ledige Mutter und wird ihre Kinder selbst aufziehen. Ein voreheliches Kind ihres Mannes nimmt sie auf, aber sie ist von Anfang an Besitzerin der HĂ€lfte von Haus und Hof. Wie wichtig und existenzsichernd das wurde, z...
Table of contents
- Cover
- Titel
- Impressum
- Inhaltsverzeichnis
- Dank
- EinfĂŒhrung
- 1. Eine einfache Frau aus dem Innergebirg â Maria Etzer: Herkunft und Familie
- 2. Wirtschaftliche und gesellschaftliche Rahmenbedingungen der bÀuerlichen Bevölkerung im Pinzgau und Pongau in der Zwischenkriegszeit und der Aufstieg des Nationalsozialismus
- 3. âFremdarbeiterâ auf Salzburgs Bergbauernhöfen
- 4. Der âverbotene Umgangâ als Delikt der Wehrkraftzersetzung; Denunziation â mögliche Personen und mögliche Motive
- 5. In den FĂ€ngen der NS-Justiz
- 6. BeschĂ€digte RĂŒckkehr â die MĂŒhlen der BĂŒrokratie
- 7. SpÀte Gerechtigkeit? Was bleibt von Maria Etzer?
- Nachwort der Enkelin Brigitte Menne
- Quellen
- Literatur
Frequently asked questions
Yes, you can cancel anytime from the Subscription tab in your account settings on the Perlego website. Your subscription will stay active until the end of your current billing period. Learn how to cancel your subscription
No, books cannot be downloaded as external files, such as PDFs, for use outside of Perlego. However, you can download books within the Perlego app for offline reading on mobile or tablet. Learn how to download books offline
Perlego offers two plans: Essential and Complete
- Essential is ideal for learners and professionals who enjoy exploring a wide range of subjects. Access the Essential Library with 800,000+ trusted titles and best-sellers across business, personal growth, and the humanities. Includes unlimited reading time and Standard Read Aloud voice.
- Complete: Perfect for advanced learners and researchers needing full, unrestricted access. Unlock 1.5M+ books across hundreds of subjects, including academic and specialized titles. The Complete Plan also includes advanced features like Premium Read Aloud and Research Assistant.
We are an online textbook subscription service, where you can get access to an entire online library for less than the price of a single book per month. With over 1.5 million books across 990+ topics, weâve got you covered! Learn about our mission
Look out for the read-aloud symbol on your next book to see if you can listen to it. The read-aloud tool reads text aloud for you, highlighting the text as it is being read. You can pause it, speed it up and slow it down. Learn more about Read Aloud
Yes! You can use the Perlego app on both iOS and Android devices to read anytime, anywhere â even offline. Perfect for commutes or when youâre on the go.
Please note we cannot support devices running on iOS 13 and Android 7 or earlier. Learn more about using the app
Please note we cannot support devices running on iOS 13 and Android 7 or earlier. Learn more about using the app
Yes, you can access Das SelbstverstÀndliche tun by Maria Prieler-Woldan in PDF and/or ePUB format, as well as other popular books in History & European History. We have over 1.5 million books available in our catalogue for you to explore.