Schreibend lernen
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Schreibend lernen

Grundlagen einer theoretischen und praktischen SchreibpÀdagogik

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Schreibend lernen

Grundlagen einer theoretischen und praktischen SchreibpÀdagogik

About this book

Schreiben nicht als lĂ€stige PflichtĂŒbung im Unterricht, sondern als einen kreativen Prozess, der individuelles und soziales Lernen fördert und erleichtert - aus dieser Perspektive nĂ€hert sich der Autor Gerd BrĂ€uer seinem Thema an. In seiner ForschungstĂ€tigkeit an der Emory University in Atlanta/USA befasst sich BrĂ€uer mit amerikanischen und europĂ€ischen Erkenntnissen der SchreibpĂ€dagogik, die er in "Schreibend lernen" einem breiten Publikum zugĂ€nglich macht.Insbesondere wendet er sich dabei an Lehrer und Lehrerinnen, die in seinem Werk eine FĂŒlle von Anregungen finden, wie verschiedene Formen des Schreibens - literarisch-kĂŒnstlerisches, persönliches oder akademisches Schreiben - im Unterricht vermittelt und behandelt werden können und wie sich Schreiben als Lernform einsetzen lĂ€sst.Die zahlreichen Beispiele und Anleitungen erleichtern es, eine BrĂŒcke zwischen pĂ€dagogischer Schreibtheorie und Unterrichtspraxis zu schlagen und die Umsetzung von BrĂ€uers Konzept in der Schule in Angriff zu nehmen.Aber auch fĂŒr LeserInnen, die nicht im Schulwesen tĂ€tig sind, fĂŒr Menschen, die gerne schreiben oder eine Antwort auf die Fragen "Warum schreiben?" und "Wie schreiben?" finden möchten, bietet Gerd BrĂ€uer zahlreiche interessante Überlegungen und Hilfestellungen.Aus dem Inhalt: Warum schreiben?Was heißt Schreiben?Wie schreiben? Strategien der SchriftlichkeitSchreibzentrum & TutorienComputer & NetzeSchreibend lernen

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Information

Year
2014
eBook ISBN
9783706557399

DRITTER TEIL: ORGANISATION

10. Kapitel: Schreiben „mit“ und „ohne“

Lernen ist wunderschön –
wenn es freiwillig ist.
Anne, 14 Jahre

Zusammenfassung

Es geht um die Bestimmung und Diskussion der BeziehungsqualitĂ€ten zwischen Lehrenden und Lernenden, die es ermöglichen, Schreiben als Medium und Mittel von Bildungsprozessen effektiv auszuschöpfen. Der Exkurs des Kapitels beleuchtet den PrĂŒfstand jener BeziehungsqualitĂ€ten: das Kommentieren, Beurteilen, Bewerten und Zensieren von Schreibleistungen.
Wie wĂ€re Schule ohne Lehrer und Lehrerinnen? Jedenfalls ohne solche, die fĂŒr jede Minute des Unterrichts etwas geplant haben und die Disziplinierungsleine allzeit straff halten. Wie wĂŒrde eine UniversitĂ€t ohne Professorinnen und Professoren aussehen? Jedenfalls ohne solche, die immer alles besser wissen, auf jede Frage eine Antwort haben und dabei unerreichbar scheinen. WĂŒrden SchĂŒlerInnen und StudentInnen trotzdem noch am Lernen interessiert sein? KĂ€men sie auch in die, sozusagen, entheiligten Hallen der Bildungstempel? Wieviele wĂŒrden ohne Aussicht auf Benotung weiterlernen? Wer wĂŒrde wann welchen Lehrer vermissen? KĂ€me es dazu, daß einige der ProfessorInnen zu Hause angerufen werden wĂŒrden, um vielleicht zu einem Schwatz ins nĂ€chste Cafe oder auf die Parkwiese eingeladen zu werden? Worum wĂŒrde es in solchen GesprĂ€chsrunden und -stunden gehen? Wie wĂ€re die AtmosphĂ€re, ohne Pult und Bankreihen, aber mit der ehemaligen Lehrerin, Ellbogen an Ellbogen, mitten unter ihren ehemaligen SchĂŒlerInnen? WĂŒrde ein neues Sokratische Zeitalter anbrechen?
Den Zeugnisbeurteilungen nach war ich ein Langsamer in den ersten Schuljahren. Daß ich Noten fĂŒr meine Leistungen bekam, begann ich erst so recht in der FĂŒnften zu begreifen. Dann nĂ€mlich hieß uns der Deutschlehrer zu Beginn jeder Aufsatz- oder DiktatrĂŒckgabe, sich von den PlĂ€tzen zu erheben und solange zu stehen, bis wir unser Heft ĂŒberreicht bekamen. Der Zensurenreigen begann mit den tiefen Tönen, wie der Lehrer zu sagen pflegte, und arbeitete sich langsam die Notenleiter hinauf. Unser Muster-mĂ€dchen mußte immer bis zum Schluß stehen, meistens allein, mit verschĂ€mter Miene. Die einen haßten sie dafĂŒr, daß sie die Beste war, die anderen himmelten sie an. Ich schwankte zwischen den Lagern, bis ich einmal mit ihr gemeinsam bis zum Schluß stehen mußte. Dann tat sie mir nur noch leid. Ich weiß nicht genau, auf wieviele hohen Töne ich nach diesem Erlebnis freiwillig verzichtet habe.
Als ich an einer UniversitĂ€t in den USA zu unterrichten begann, hatte ich den Vorsatz, fĂŒr meine StudentInnen Partner zu sein, ein Freund, der seine Antworten auf die Fragen der Welt genauso zur VerfĂŒgung stellt wie seine Fragen an diese Welt, seine Zweifel und Ängste. Ich wollte nicht nur geben, sondern auch nehmen, also von und mit den StudentInnen lernen. Was ich schon nach wenigen Wochen als Quittung fĂŒr diese Erwartung erhielt, waren UnverstĂ€ndnis und Ratlosigkeit. Am Schluß jenes ersten Semesters fĂŒr mich in diesem fremden Land gab es offene Ablehnung: So stellen wir uns unseren Professor nicht vor.
Dieses Kapitel, das gleichzeitig den dritten und letzten Teil des Buches einlĂ€utet, soll einer eingehenden Diskussion zum VerhĂ€ltnis von Schreibenden untereinander bzw. von Lehrenden und Lernenden gewidmet sein. Welche ArbeitsatmoshĂ€re ist notwendig, um im Schreiben, Lesen und Besprechen von Texten schöpferisch sein zu können? Unter welchen UmstĂ€nden sind Lehrende und Lernende bereit, sich gemeinsam auf persönlich bedeutsames Erkenntnisgewinnen einzulassen? Wie tief erlaube ich den Blick von außen in mein Inneres? Kann ich meinem GegenĂŒber vertrauen?
Im Exkurs des Kapitels geht es um den PrĂŒfstand der BeziehungsqualitĂ€t zwischen Lehrenden und Lernenden, das Kommentieren, Beurteilen, Bewerten und Zensieren von Schreibergebnissen: Was, wann und wie soll auf die Arbeit von Schreibenden reagiert werden? Worauf liegt der Fokus? Auf Prozeß oder Produkt? Welche Unterschiede gibt es bei der Einsichtnahme in ErstentwĂŒrfe und spĂ€tere Fassungen? Wie beurteilen wir Portfolios? Ist es sinnvoll, ein Gedicht zu benoten? Sollten Journale oder TagebĂŒcher ĂŒberhaupt eingefordert werden?
Ich sehe das 10. Kapitel (Ă€hnlich der Funktion von 1 und 4) als ein weiteres Gelenk des Buches, mit dem die folgenden Aspekte vorbereitet werden sollen.
Ein erster Komplex spezifiziert die bisherigen Betrachtungen auf unterrichtsorganisatorischer Ebene: Wodurch wird Gruppenarbeit effektiv? Wie lassen sich Spannungen zwischen einzelnen Mitgliedern zum Vorteil aller ausnĂŒtzen? Was verĂ€ndert sich in der Beziehungsdynamik, wenn die Lehrerin ihren SchĂŒler nach dem Workshop zum persönlichen GesprĂ€ch empfĂ€ngt? Was passiert, wenn eine solche Konferenz stattdessen zwischen zwei KommilitonInnen ablĂ€uft? Lösen sich Beziehungsdynamiken auf oder stellen sich erst ĂŒberhaupt nicht ein, sobald im Computernetz abgetaucht wird?
Ein zweiter Schwerpunkt – prompts oder UnterstĂŒtzungsmaterial und seine Anwendung – ist inhaltlicher Art: Ist der berĂŒhmte Autor und sein Text eine Bedingung fĂŒr wirkungsvolle Schreibanregung bzw. eigenes Wachsen? Wieviele literarisch ausgereifte Gedichte braucht es tatsĂ€chlich, um selbst anspruchsvolle Lyrik zustande zu bringen? Welche Rolle spielen Gruppentexte bzw. Texte von MitschĂŒlerInnen und KommilitonInnen in der Orientierungssuche nach Ideen und Normativen?
Ich möchte an dieser Stelle noch einmal die soziale Dimension des Schreibens knapp umreißen. Geschrieben wird stets in einem Netz von potentiellen LeserInnen (AdressatInnen), anderen Schreibenden, eigenen und fremden Schreiberfahrungen bzw. gesellschaftlich sanktionierten und individuell angeeigneten Normen fĂŒr Schriftsprachlichkeit. Zwischen den beiden Extremen „mit“ und „ohne“ möchte ich die spezifischen Funktionen dieser sozialen Komponenten nĂ€her bestimmen und diskutieren, wie jene Funktionen im Sinne eines reicheren Lernens durch Schreiben effektiviert werden können. Dabei werde ich, wie bereits zuvor, den Blick fĂŒr Tendenzen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der deutschen/europĂ€ischen bzw. US-amerikanischen SchreibpĂ€dagogik offenhalten.
Ausgehen möchte ich von den bereits im vorangegangenen Kapitel erwĂ€hnten Untersuchungsergebnissen James Brittons bezĂŒglich einer klaren Dominanz transaktionalen (oder akademischen/öffentlichen) Schreibens in Schule und Hochschule. Wie wir wissen, ist dieses Übergewicht gegenĂŒber poetischer und expressiver Ausdrucksarbeit direktes Ergebnis einer herausgestellten (AutoritĂ€ts-)Position der Lehrenden, die auf zwei Hauptkomponenten beruht: Anforderung und Kontrolle. Beides orientiert sich inhaltlich und organisatorisch weniger an den BedĂŒrfnissen der Lernenden, dafĂŒr aber um so mehr an Kriterien, denen selbst das Hierarchie-System von Lehrenden und Lernenden immanent ist. Meiner Meinung nach ist also wenig getan mit der von Britton vorgeschlagenen Erweiterung des Adressaten-Kreises, um persönlich be-deutsames Schreiben anzuregen.1 Solange sich hinter dem neuen (Schein-)Publikum dieselben Kontrollinstanzen und -kriterien verbergen, wird Lernermotivation weiterhin dominant auf erfolgreiche Benotung zielen. Von den Lehrenden muß unmißverstĂ€ndlich die Botschaft ausgehen, daß deren Interesse nicht ausschließlich auf den beiden o.g. Schwerpunkten liegt, sondern vielmehr im Erleben einer sich komplex entfaltenden und verwirklichenden Persönlichkeit.

Aspekte des Lehrens

Schreiben Sie ĂŒber Ihre Lehrerfahrungen bzw. darĂŒber, wie Sie als SchĂŒlerIn/StudentIn Ihre LehrerInnen erlebt haben. Welche Aspekte des Lehrens haben Sie in Ihrem eigenen Lernprozeß beflĂŒgelt oder eher gehemmt? Machen Sie eine Liste, und schreiben Sie spĂ€ter mehr zu ein oder zwei frei gewĂ€hlten Schwerpunkten.

Ist das neu? Lernend Lehrende und lehrend Lernende – Anmerkungen ĂŒber das Prinzip des (Sich Mit-) Teilens

Es kommt nicht von ungefĂ€hr, daß die fortschreitende Etablierung von kreativen Lernfeldern (oder zumindest Elementen davon) an Schule und Hochschule2 einhergeht mit der Formierung/AusprĂ€gung pĂ€dagogischer Ansichten, die vor allem das traditionelle VerhĂ€ltnis von LehrerIn und SchĂŒlerIn/StudentIn neu definieren. NatĂŒrlich kann der wachsende Verlust des unmittelbaren sozialkritischen Kontexts der sechziger und siebziger Jahre b...

Table of contents

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Danksagung
  5. Inhalt
  6. Einleitung
  7. Erster Teil: Grundlagen
  8. Zweiter Teil: Methoden, Felder, Formen
  9. Dritter Teil: Organisation
  10. Abschließende Bemerkungen
  11. Anhang

Frequently asked questions

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