Was verbindet die BĂŒrgerinnen und BĂŒrger Europas mit der EuropĂ€ischen Union? Was kennzeichnet ihr alltĂ€gliches Leben als Leben in Zeiten der Krise? Wie wird die Union zur TrĂ€gerin von Hoffnungen, Ăngsten und Identifikationen? Dies sind einige der Kernfragen, die das vorliegende Buch in den Fokus der Reflexionen stellt. Die europĂ€ische Integration stellt einen der am öftesten bearbeiteten Aspekte der zeithistorischen Forschung dar. Peter Pichler greift im vorliegenden Essay den philosophischen Existenzialismus auf und verbindet ihn mit einer Diskurs- und Kulturgeschichte der EuropĂ€ischen Union. Ergebnis der Reflexionen ist eine Einpassung der menschlichen Grunderlebnisse - Leben und Tod - in den Diskurs der europĂ€ischen Integration.

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Leben und Tod in der EuropÀischen Union
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1. Zur EinfĂŒhrung: Ein Aufriss der untersuchten Problematik
Als Prozess des Zusammenwachsens unseres Kontinents hat die europĂ€ische Integration vieles hervorgebracht. Ein ganzes Netzwerk von Institutionen und Organen formt die EuropĂ€ische Union, wie wir sie heute kennen.1 Es entstand ein Netzwerk, das sich zunehmend ĂŒber den gesamten Kontinent spannt.2 Dieses âRhizomâ ist in hohem MaĂe dynamisch und erfordert eine eigene, spezifische historiographische Perspektive.3 Es ist in der Betrachtung der Geschichte der europĂ€ischen Integration vonnöten, eine Perspektive einzunehmen, welche den Prozess der europĂ€ischen Vereinigung als einen âmultiplexenâ Vereinigungs- und Kooperationsprozess erzĂ€hlt.4 Damit ist es fĂŒr die Historiographie dieses Prozesses notwendig, eine ontologische Wende des ErzĂ€hlens einzuleiten. Eine lineare Geschichte, welche in einer âschnurgeradenâ Linie die europĂ€ische Integration von ihren AnfĂ€ngen bis in die Gegenwart erzĂ€hlt, wird diesen Anforderungen nicht gerecht; angebrachter ist es, die Geschichte der europĂ€ischen Integration im Diskurs der Historiographie als ein postmodernes Tableau von verschiedenen ErzĂ€hlstrĂ€ngen zu konzipieren.5 Dieses Tableau der ErzĂ€hlstrĂ€nge kann durch ein episodisches historiographisches ErzĂ€hlen entstehen. Was bedeutet dies? Es heiĂt, dass sich die Historiographen der europĂ€ischen Einigung als âKonzertmeisterâ im polyphonen Nebeneinander der verschiedenen TeilerzĂ€hlungen ĂŒber die europĂ€ische Integration begreifen mĂŒssen, welche diesen Prozess in ihrer Arbeit episodisch rekonstruieren.6 Die Historiographen der europĂ€ischen Vereinigung nehmen damit eine Aufgabe auf sich, die darin gipfelt, die verschiedenen Episoden der europĂ€ischen Einigung narrativ aneinander heranzufĂŒhren. Ich habe in einem frĂŒheren Buch versucht, eine solche Perspektive grundzulegen â die Kernkompetenz, welche eine solche neue Sicht auf die Einigung Europas einfordert, lĂ€sst sich als transnarrative Kompetenz bezeichnen.7
Die Vermutungen und ReflexionsgĂ€nge, die ich im vorliegenden Essay anstelle, bauen auf diesem Konzept des episodischen historiographischen ErzĂ€hlens auf. Es ist fĂŒr ein Weitergehen im Diskurs und in der Reflexion notwendig, sich gleichsam auf diesen HĂŒgel an Gedanken zu stellen, um den Blick etwas in die Ferne schweifen zu lassen. Stellt man sich in der Reflexion der europĂ€ischen Unifikation an diesen Punkt, wird der Blick wieder weit und existenzielle Themen werden zum Mittelpunkt des Nachdenkens.
Das episodische historiographische ErzĂ€hlen stellte den Versuch dar, die Anforderungen, welche der integrationshistorische Diskurs an die Historiker stellt, auf innovative Weise zu bewĂ€ltigen â im Zentrum stand dabei die Annahme, dass die IdentitĂ€t der Historiker selbst, ihr professioneller Zugang zum Gegenstand stabil und unverĂ€ndert bleibt.8 Die erarbeitete Perspektive baute in ihren grundsĂ€tzlichen Annahmen darauf auf, dass sich die professionelle IdentitĂ€t der Historiographen als Schreiber der Geschichte nicht nur nicht Ă€ndert, sondern es wurde quasi die gesamte individuelle Person und Existenz der Historiographen als ErzĂ€hler der Geschichte âlinks liegen gelassenâ. Das Sein, die Existenz der Historiographen als individuelle Persönlichkeiten, welche gleichsam ihren âintellektuellen Körperâ, ihren Geist und ihr Engagement in die diskursive BewĂ€ltigung der europĂ€ischen Integration einbringen, blieb unbeachtet. Dieses Sein der Historiker stellt den Ausgangspunkt dar, von welchem aus ich in unbekanntes Terrain vordringen möchte. Es handelt sich um eine âProbebohrungâ in massivem diskursiven Gestein, wobei so gar nicht klar ist, welchen Gesteinskern die âProbebohrungâ zu Tage fördern wird.
Im vorliegenden Essay geht es um das Leben und den Tod. Es geht also um die menschliche Existenz schlechthin. Es dreht sich um die beiden GröĂen, welche die conditio humana einrahmen und als solche erkennbar machen. Das Leben beginnt mit der Geburt und endet mit dem Tod. Hier folgt nun der essenzielle Denkschritt, der im Fokus der vorliegenden kurzen Arbeit steht â das Leben und der Tod werden als diskursive Formationen und Ereignisse in die Prozessstruktur der europĂ€ischen Integration eingepasst. Was bedeutet diese scheinbar so abstrakte Zielsetzung? Es heiĂt, dass Leben und Tod nicht im Niemandsland stattfinden, sondern als diskursive Ereignisse immer auf einen bestimmten Kontext, auf bestimmte, vom lebenden Menschen nicht kontrollierbare Strukturen zurĂŒckzufĂŒhren sind. Ein Beispiel: die Soldaten der beiden Weltkriege wurden im neunzehnten oder zwanzigsten Jahrhundert geboren und viele von ihnen starben in den Jahren 1914 bis 1918 sowie 1939 bis 1945. Ihre Geburt und ihr Sterben fanden nicht im diskursiven Niemandsland statt, sondern wurden durch die Strukturen, in welche sie das Leben âwarfâ9, angeleitet und geformt. Ihre Geburt und ihr Leben wurden durch die Staatsformen, in welche sie hineingeboren wurden, geformt; so entwickelte sich ihr Leben etwa so, dass sie zu Soldaten der österreichisch-ungarischen Armee wurden. Die Strukturen formten in diesem Sinne ihren Lebensdiskurs und ihr Leben selbst. Sie lebten als Soldaten. Ăhnlich verhielt es sich mit ihrem Tod: ihr Tod entfaltete nur Sinn als diskursives Ereignis, wenn man ihn auf den Staatsapparat, fĂŒr welchen sie in den Krieg gezogen waren, rĂŒckbezog. So starben die MĂ€nner im Ersten Weltkrieg etwa als österreichisch-ungarische Soldaten. Was hier auf den ersten Blick als Randnotiz der Geschichte erscheint, nur die Rolle bezeichnet, welche diese MĂ€nner spielten, ist bei nĂ€herer Betrachtung ein existenzielles GrundphĂ€nomen der Geschichte. Die MĂ€nner starben nicht nur als Soldaten, sondern ihr Leben und ihr Tod leiteten sich stringent aus den Strukturen der Staatsapparate und Kollektive ab, in welchen sie lebten und starben. Ihre IdentitĂ€t, ihr Sein war unmittelbar mit dem Staat und dem Kollektiv verknĂŒpft. Dieses Sein aufgrund des Staates und der Institutionen ist es, was wir betrachten wollen. Das Sein, das Leben und der Tod der Menschen sind nicht zufĂ€llig oder undeterminiert, sondern lassen sich stringent aus den jeweiligen kollektiven, institutionellen und staatlichen Kontexten herleiten. Es ergibt sich somit â bleiben wir beim Beispiel der Soldaten der beiden Weltkriege â eine Sicht der Dinge, in welcher die Menschen in ihrem Leben und in ihrem Tod zu BedeutungstrĂ€gern fĂŒr das Kollektiv werden. Ihr Tod â man mag hier an die Trauer der zurĂŒckbleibenden Angehörigen denken â ist nicht nur im Sinne einer traurig machenden Sinnstiftung von individueller Bedeutung, sondern stellt immer auch einen kollektiven Akt und Aspekt dar; erst durch das Sterben der Soldaten als Soldaten wird etwa das österreichisch-ungarische Staatsbekenntnis nochmals abgelegt. Aus der Perspektive der Transgression, der Sicht derjenigen, die den Krieg als fundamentales Ereignis ĂŒberleben, wird der Tod der Gefallenen zur unmittelbaren Erfahrung, die dazu beitrĂ€gt, die kollektive IdentitĂ€t zu stiften und den Staat zu stĂŒtzen. Leben und Tod tragen dazu bei, als Ereignisse die jeweilige staatliche oder staatsĂ€hnliche Konstruktion zu stĂŒtzen und weiterzutragen.
Es geht sogar noch weiter: die kollektiven Institutionen und ZusammenschlĂŒsse der Gesellschaften instrumentalisieren das Leben und Sterben der Gefallenen als Mittel, um sich selbst zu konstituieren und den Weg in die Zukunft zu denken. Man braucht hier nur an die nationalen Denkmalkulturen denken, welche sich um KriegerdenkmĂ€ler und Soldatenfriedhöfe mit Bezug auf den Ersten und Zweiten Weltkrieg entwickelt haben. So ist etwa in Ăsterreich die Konstruktion von KriegerdenkmĂ€lern der konsensuell bekrĂ€ftigte Impuls um im Sinne eines âNie wieder!â die Zweite Republik als Antithese zum Austrofaschismus und Nationalsozialismus zu begrĂŒnden. Das Leben und das Sterben der MĂ€nner als Soldaten trugen in der Sinnstiftung dazu bei, die Zweite Republik ĂŒberhaupt erst bilden zu können. Die Zweite Republik Ăsterreichs ruht in diesem Sinne (und nur in diesem Sinne!) auf den Schultern der Gefallenen.
Was folgert sich hieraus? Es folgt, dass man in der Entwicklung von Staaten oder staatsĂ€hnlichen Gebilden diskursive Techniken und Instrumente anwenden muss, welche dazu dienen, das Leben und den Tod der Gefallenen oder Verstorbenen fĂŒr das Gemeinwohl der zu begrĂŒndenden Gemeinschaft sinnstiftend erfassen zu können. Aufgabe derjenigen, die an der Konstruktion einer neuen Gemeinschaft beteiligt sind, ist es, das Leben und den Tod der Verblichenen so zu erzĂ€hlen, dass beide fĂŒr das Neue Sinn machen. Es ist in diesem Sinne das Sprechen ĂŒber Leben und Tod der Gefallenen und Ermordeten, das dazu beitrĂ€gt, neue Staaten und staatsĂ€hnliche Gebilde zu begrĂŒnden. Aufgabe der BegrĂŒnder von neuen Kollektiven ist es, ein Sprechen ĂŒber das Leben und Sterben der Verblichenen zu erfinden, das dies ermöglicht. Diese (Er)Findung eines Konsenses ĂŒber Leben und Tod der Gefallenen ist fĂŒr die Nationalstaaten nach 1945 gut belegt.10 So ist etwa fĂŒr Ăsterreich die Gedenkkultur ein Anlass dazu, Ăsterreich als neutrales Land nach 1945 zu begrĂŒnden.11 Hieraus folgt eine weitreichende Konsequenz: Der Staat hat nicht nur die Deutungshoheit ĂŒber das Leben und den Tod der Opfer der vergangenen GrĂ€uel inne, sondern wird gleichsam zum Techniker des Lebens und des Todes, welcher das Bild des Lebens und des Sterbens der Verblichenen formt. Der Staat und staatsĂ€hnliche Gebilde erzĂ€hlen uns, wie wir leben und sterben sollten. Im Ringen um Legitimation und Anerkennung sind die Staaten und staatsĂ€hnlichen Gebilde darauf angewiesen, Leben und Tod der Gefallenen und Ermordeten mit Sinn ausstatten zu können. Staaten und staatsĂ€hnliche Gebilde beziehen ihre Lebensenergie zu gutem Teil aus dem Sterben der Altvorderen. Dies ist fĂŒr den Nationalstaat keine neue Erkenntnis â LegitimitĂ€t und Demokratiepotenzial der Nationalstaaten nach 1945 erwachsen aus der Vergangenheit und Geschichte vor 1945.12
Ich möchte â diese Gedanken im Hinterkopf behaltend â diese ZusammenhĂ€nge fĂŒr den Prozess der europĂ€ischen Integration untersuchen. Auch die europĂ€ische Integration hat inzwischen eine lange Entwicklungszeit hinter sich und brachte verschiedenste Organe und diskursive Instanzen hervor. Wir wissen gut ĂŒber diesen Prozess Bescheid.13 Ăber die âhard factsâ der europĂ€ischen Unifikation sind wir gut informiert.14 Es fehlt jedoch an Studien und Arbeiten oder auch programmatischen Es...
Table of contents
- Cover
- Titel
- Impressum
- Inhaltsverzeichnis
- 1. Zur EinfĂŒhrung: Ein Aufriss der untersuchten Problematik
- 2. Das Leben in der EuropÀischen Union
- 3. Der Tod in der EuropÀischen Union
- 4. Das Demokratiedefizit der EuropÀischen Union aus Sicht des Existenzialismus
- 5. Das Legitimationsdefizit der EuropÀischen Union aus Sicht des Existenzialismus
- 6. Fazit: IdentitÀtssuche in EU-Europa auf allen Wegen
- 7. Literaturverzeichnis
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