1. Prolog
Die Entstehung dieses Buches verdanke ich einem Zufall, der mich von Graz nach Wien übersiedeln und bei den Wiener Sängerknaben zu arbeiten beginnen ließ. Während meiner Tätigkeit als Sozialpädagoge in einem der vier Chöre nützte ich meine freie Zeit, um mich auf historischem Wege eingehend mit dieser für Österreich so bedeutenden Kulturinstitution und ihrem Wachsen von den frühen Zwanzigerjahren bis zur Mitte der Fünfzigerjahre des letzten Jahrhunderts auseinanderzusetzen. Den Ausgangspunkt für das vorliegende Buch stellt mein im Sommer 2012 an der Universität Wien abgeschlossenes Dissertationsprojekt mit dem Titel Die Wiener Sängerknaben von 1924–1955. Sozial- und kulturhistorische Aspekte einer emblematischen Institution dar.1 Als Doktorvater stand Herr Univ.-Prof. Dr. Reinhard Sieder über fünf Jahre hinweg an meiner Seite; ihm verdanke ich wesentliche Impulse zur Entstehung dieser Arbeit, seine Geduld hat das vorliegende Buch erst möglich gemacht. Darüber hinaus gilt mein Dank auch allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Österreichischen Staatsarchiv, im Wiener Stadt- und Landesarchiv, im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, im ITS Bad Arolsen, im Bundesarchiv Berlin, in der Stiftung Sächsische Gedenkstätten und im Staatsarchiv München, sowie Herrn Dr. Johann Weißensteiner vom Diözesanarchiv Wien.
Zu guter Letzt möchte ich allen ehemaligen Sängerknaben, die bereit waren, sich von mir interviewen zu lassen, ein herzliches Dankeschön aussprechen. Ihre Erinnerungen sind es, die das vorliegende Buch über einen zeithistorischen Krimi und eine durch und durch österreichische Komödie hinauswachsen und zu einem sozialhistorischen Drama werden lassen.
Anmerkung
1 Der Hauptband wie auch die beiden Supplementbände mit den transkribierten Interviews können in der Österreichischen Nationalbibliothek, in der Hauptbibliothek der Universität Wien und in der Fachbereichsbibliothek Geschichtswissenschaften der Universität Wien eingesehen werden. Das vorliegende Buch stellt eine Überarbeitung und Erweiterung des ersten Bandes der Dissertation dar.
Erfolg kommt von etwas Sein, etwas Schein und etwas Schwein.
Philip Rosenthal (1916–2001)
Deutscher Unternehmer und Politiker
2. Einleitung
Die Geschichte der – ab Mitte der 1920er-Jahre so genannten – Wiener Sängerknaben geht auf den Habsburgerkaiser Maximilian I. zurück. Maximilian ließ ab dem Jahr 1498 Knaben ausbilden, um sie nach burgundischem Vorbild die Heiligen Messen in der Wiener Hofkapelle gesanglich umrahmen zu lassen. Das somit gegründete Hofsängerknabeninstitut bestand über Maximilians Tod hinaus und wurde von seinen Nachfolgern weitergeführt. Erst durch den Untergang der Habsburgermonarchie im Jahre 1918 und die großen wirtschaftlichen Probleme, mit denen der Staat, den keiner wollte, nun konfrontiert war, konnte die Ausbildung der ehemaligen Hofsängerknaben nicht mehr finanziert werden, weshalb das Sängerknabenkonvikt aufgelassen wurde und die Damen des Staatsopernchores die Gesangspartien der Buben in den Messen übernahmen. Aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage, die es im weiteren Verlauf auch nicht mehr erlaubte, den Betrieb der Hofmusikkapelle ausreichend zu finanzieren, kam Anfang der 1920er-Jahre das vorerst endgültige Aus für dieses mehr als 400 Jahre alte kirchenmusikalische Institut. Erst sein persönlicher Einsatz und die Aufwendung privater Geldmittel ermöglichten es dem damaligen Rektor der Burgkapelle, Dr. Josef Schnitt, 1924 das Sängerknabenkonvikt neu aufzubauen. In der Folge konnten mit Hilfe einiger privater Gönner und durch geringfügige Unterstützungen des Bundesministeriums für Unterricht auch alle anderen MusikerInnen wieder zurück in die Burgkapelle geholt und die Messen, wie in der Kaiserzeit, musikalisch gestaltet werden. Unter schwierigsten Umständen und trotz der ständigen Sorge um finanzielle Mittel gelang es Josef Schnitt binnen drei Jahrzehnten, aus den Sängerknaben, einer ureigenen Wiener Kultureinrichtung, die in der Kaiserzeit – mit wenigen Ausnahmen – nur in Wien zu sehen und zu hören war, eine für Österreich emblematische Kultureinrichtung zu schaffen, deren Erfolge diesem Land bereits in den 1930er-Jahren weltweit großes Ansehen einbrachten und den Ruf, eine Kulturnation zu sein, vorantrieben. Die Historie eben dieser Institution soll in diesem Buch nun beleuchtet werden.
Das Erkenntnisinteresse dieser Arbeit richtet sich auf sozial- und kulturgeschichtliche Aspekte der Wiener Sängerknaben, eingebettet in den Zeitraum von 1924 bis 1955. Diese Jahrzehnte rücken deshalb in das Zentrum der Betrachtung, weil die Geschichte der Wiener Sängerknaben, wie wir sie heute kennen, unmittelbar mit deren Wiederbegründer Josef Schnitt verbunden ist. Schnitt war es, der eine dem kaiserlichen Hofsängerknabenkonvikt ähnliche Institution schuf, die sich aber – abgesehen von der sonntäglichen gesanglichen Umrahmung der Heiligen Messen in der Hofkapelle – völlig neuen Aufgaben widmete. Das Neuartige an den Sängerknaben der ehemaligen Hofmusikkapelle war, dass nicht nur eine Handvoll Burschen, wie zur Zeit der Monarchie, in der kaiserlichen Hofburgkapelle sangen; vielmehr schuf Schnitt mehrere Chöre, die anfangs rund 10 Knaben, später aber 50, 80 und 100 Kinder stark waren und auch außerhalb der Messdienste international zu konzertanten Auftritten herangezogen wurden. Da neben der Versorgung und Unterbringung der Kinder auch MitarbeiterInnen wie Erzieher, Lehrer, Kapellmeister oder Küchenpersonal für das Sängerknabenkonvikt finanziert werden mussten, der Staat dem Institut jedoch nur in bescheidenem Maß unter die Arme zu greifen gewillt war, begann Rektor Schnitt Konzertreisen zu organisieren, die das nötige Geld für den Internatsbetrieb einspielen sollten. Weil es also Josef Schnitt zu verdanken ist, dass das Institut der ehemaligen Hofsängerknaben auch in der Zeit der Republik weitergeführt werden konnte und zu einem Kulturbetrieb stattlicher Größe heranwuchs, vor allem aber deshalb, weil unter seiner Leitung all das, was die Sängerknaben bis heute ausmacht, organisiert und geschaffen wurde, reicht die vorliegende Arbeit von der Wiederbegründung des Instituts 1924 bis zum Jahr 1955 – Schnitts Todesjahr. Selbstredend unterliegt das Sängerknabeninstitut bis heute permanenten Weiterentwicklungen; in wesentlichen organisatorischen Bereichen aber, beispielsweise in der strukturellen Unterteilung in vier Chöre zu je 20 bis 25 Kindern, in der Tourneetätigkeit, im Schul- und Internatsbetrieb, im alljährlichen Sommeraufenthalt, ja sogar in der Heimstätte der Wiener Sängerknaben, hat sich seit Schnitts Tod kaum etwas verändert.
Bemerkenswerterweise wurde trotz der enormen Erfolge dieser Institution aus geschichts- und musikwissenschaftlicher Sicht sehr wenig unternommen, um dem Phänomen Sängerknaben, das sich darin konstatiert, dass zehn- bis vierzehnjährige Knaben rund um den Globus höchst erfolgreich österreichische Musik und Kultur repräsentieren, auf den Grund zu gehen.1 Damit einhergehend wurden zahlreiche ‚moderne‘ Fragen zur Geschichte der Sängerknaben überhaupt nicht gestellt. Bis heute hat sich die Wissenschaft auch nicht mit den Zeitzeugen, den ehemaligen Sängerknaben, beschäftigt und so auch nicht ihre persönlichen Erinnerungen festgehalten und interpretiert.2 Das ist umso bemerkenswerter, als sie es doch waren und bis heute sind, die die Geschicke dieser Institution maßgeblich beeinflussen und überhaupt erst bedingen. Lohnt es sich nicht, dachte ich mir, einige von ihnen zu interviewen und sie nach Erinnerungen an ihre Sängerknabenzeit zu fragen?
Ein großer und wichtiger Teil der Geschichte der Wiener Sängerknaben lässt sich aus schriftlichen Quellen, die im Staatsarchiv, im Wiener Landesarchiv, im Diözesanarchiv Wien oder in Archiven in Deutschland aufbewahrt werden, rekonstruieren. Auch auf Unterlagen, die im Palais Augarten, dem heutigen Sitz der Wiener Sängerknaben, lagern, hätte ich gerne zugegriffen, dies wurde mir jedoch durch einen Vorstandsbeschluss verwehrt. Auf Anfrage teilte mir der damalige Vizepräsident der Wiener Sängerknaben, Hofrat Emanuel Helige, brieflich mit, dass die Wiener Sängerknaben über „kein geordnetes Archiv verfügen“ würden, weil ein ursprünglich angedachtes Vorhaben zur Errichtung eines solchen aus finanziellen Gründen hintangestellt werden musste. Da die von den Sängerknaben verwahrten Unterlagen somit bisher weder gesichtet noch archiviert wurden, konnte mein Wunsch nach Durchsicht der im Palais aufbewahrten Dokumente nicht realisiert werden.3
Die Analyse der zugänglichen schriftlichen Quellen, die in Form von Ministerialakten, diversen Briefen, Gesandtschaftsberichten, Gauakten, Zeitungsartikeln et cetera vorliegen, kann nur Teilaspekte der Historie dieser Institution beleuchten. Dort nämlich, wo es um das Leben der ehemaligen Sängerknaben geht, schweigen diese Quellen. Um Licht in diesen bisher von der Forschung unberücksichtigten Raum bringen zu können, habe ich insgesamt 15 qualitative Interviews (vom Typus des Experteninterviews) mit ehemaligen Sängerknaben, die ab den beginnenden 1930er-Jahren bis 1955 aktiv waren, geführt und ihre Erinnerungen interpretiert.
Mit diesen Herren bin ich in Verbindung gekommen, indem ich mir schon vom ersten Interviewpartner – den ich zufällig bei meinen Recherchen im Staatsarchiv kennen gelernt habe – Namen und Kontaktdaten von anderen ehemaligen Kollegen geben habe lassen. Des Weiteren ließ ich 2011 Zeitungsannoncen in der Kleinen Zeitung, im Kurier, in der Presse, in den Salzburger Nachrichten und im Standard schalten, in denen ich ehemalige Sängerknaben – die im Forschungszeitraum im Institut waren – dazu aufrief, sich bei mir zu melden. Vor allem dieses Vorgehen war höchst erfolgreich und gewinnbringend, weil es sich bei jenen Herren, die mich kontaktiert haben, größtenteils um Ehemalige handelte, die nach ihrer aktiven Sängerknabenzeit keinen Kontakt mehr mit dem Institut und früheren Kollegen hatten und so der Ertrag ein anderer war als bei jenen Interviewpartnern, die mit Kollegen aus dieser Zeit freundschaftlich verbunden blieben.
Erst durch die Interpretation und Zusammenführung der Experteninterviews mit den zugänglichen schriftlichen Quellen kann diese Institution in ihrer Gesamtheit erfasst werden. Konzeptionell besteht das vorliegende Buch also aus zwei Bereichen, die unterschiedliche Erkenntnisse zu Tage fördern: Einerseits ermöglichen die schriftlichen Quellen einen Blick auf die Institution, wie sie von außen wahrgenommen wurde, wodurch gezeigt werden kann, welche Auswirkungen die politischen Verhältnisse, deren Umbrüche und Neuerungen auf die Wiener Sängerknaben hatten und worin letztlich der sagenhafte Erfolg der Institution begründet liegt. Zum anderen wird die Geschichte und Lebensgeschichte der Akteure selbst interpretiert und so das Innenleben des Sängerknabenkonvikts veranschaulicht. Fragen nach den Eintrittsgründen in das Internat werden ebenso eine Rolle spielen wie der Internatsalltag selbst. Es werden aber auch Fragen danach beantwortet, wie das Untereinander in der Gruppe der Zehn- bis Vierzehnjährigen war, welche Unterschiede es zwischen Reise- und Internatsbetrieb gab und wie es den Ehemaligen erging, als sie nach ihrer meist vier Jahre dauernden Sängerknabenzeit wieder aus dem Konvikt entlassen wurden. Während also auf der einen Seite die Umwelt des sozialen Systems durch archivalische Quellen beschrieben wird, soll andererseits in differenzierten Kapiteln das soziale System durch Aussagen der ehemaligen Sängerknaben in das Zentrum der Betrachtung gerückt werden.
Aufgrund der zum Teil sehr unterschiedlichen historischen Entwicklungen im Forschungszeitraum ist das vorliegende Buch in drei Phasen unterteilt. In den ersten Kapiteln wird es um den Untergang der Monarchie und die Wiederbegründung des Sängerknabenkonvikts durch Josef Schnitt bis zu seiner Absetzung als Leiter im Jahr 1938 gehen. Im zweiten Teil werde ich mich mit dem Sängerknabeninstitut in der NS-Zeit auseinandersetzen, ehe die historische Entwicklung in der Zweiten Republik ausgeführt wird. Diese transepochale Anlage der Untersuchung ermöglicht es, Fragen nach Bruch, Umbruch und Neubeginn stellen und beantworten zu können. Darüber hinaus sind verschiedene Kapitel angeführt, in denen die Erinnerungen der ehemaligen Sängerknaben interpretiert wurden, um neben der Außenwelt auch ein Bild der Innenwelt dieser Institution vermitteln und somit die Betrachtung vervollständigen zu können.
Bevor ich auf all die genannten Bereiche zu sprechen kommen werde, sollen jedoch grundsätzliche Entwicklungen der österreichischen Geschichte im 20. Jahrhundert erörtert werden, die dazu führten, dass aus den Hofsängerknaben die Sängerknaben der ehemaligen Hofmusikkapelle wurden. Die Entwicklung der Sängerknaben von einer österreichischen Kulturinstitution zu einer weltweit höchst erfolgreich agierenden emblematischen Institution kann auch nur in Bezug zu Wien als Musikwelthauptstadt verstanden werden, weshalb ich mich in den ersten Kapiteln mit dem Untergang der Habsburgermonarchie einerseits und der Kulturmetropole Wien in der jungen Republik Österreich andererseits beschäftigen möchte.4 Wie es Josef Schnitt gelang, das Institut nach Ende des ersten Weltkrieges aus dem Nichts wieder aufzubauen, welche Schwierigkeiten ihm bei diesem Wunsch entgegenstanden und warum eigentlich Buben in einem Binnenland Matrosenuniformen tragen, sind ebenso Fragen, die es in den nächsten Kapiteln zu beantworten gilt.
Anmerkungen
1 Insgesamt wurden 16 Monographien über die Historie der Sängerknaben veröffentlicht, wovon acht Arbeiten wissenschaftlichen Charakter haben. Universitäre Abschlussarbeiten wurden überhaupt nur vier verfasst, von denen sich eine Einzige – hierbei handelt es sich um die Diplomarbeit des späteren Institutsleiters Karlheinz Schenk – unter anderem der Geschichtsaufarbeitung der Wiener Sängerknaben in der Ersten und Zweiten Republik widmet, ihr Fokus aber auf der gesamten Hofmusikkapelle und ihrer Erforschung in diesen Jahrzehnten liegt.
2 Eine Ausnahme stellt hier eine 1994 an der Universität Wien verfasste Seminararbeit dar: Thomas Holmes und Christian Horvath: Kindheit in Wien 1938–1945 am Beispiel einiger Wiener Sängerknaben. Unpublizierte Seminararbeit an der Universität Wien.
3 Das diesbezügliche Schriftstück befindet sich in meinem Privatbesitz. Auch möchte ich anfügen, dass mir ein Tagebuch, ein Heft mit Briefen aus dem Jahr 1936 sowie einige Fotografien von Sängerknabenseite zur Verfügung gestellt wurden, die Fotos und beide Konvolute aber nicht von Relevanz waren und somit auch nicht Aufnahme in das vorliegende Buch gefunden haben.
4 Vgl. dazu Martina Nußbaumer: Musikstadt Wien. Die Konstruktion eines Images. 1. Aufl. Edition Parabasen. Freiburg im Breisgau: Rombach 2007.
3. Die Welt von Gestern
„Jener Sommer 1914 wäre auch ohne das Verhängnis, das er über die europäische Erde brachte, uns unvergeßlich geblieben. Denn selten habe ich einen erlebt, der üppiger, schöner, und fast möchte ich sagen, sommerlicher gewesen [ist]“1, schreibt Stefan Zweig in seinem autob...