Bergbauern im Nationalsozialismus
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Bergbauern im Nationalsozialismus

Die Berglandwirtschaft zwischen Agrarideologie und Kriegswirtschaft

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Bergbauern im Nationalsozialismus

Die Berglandwirtschaft zwischen Agrarideologie und Kriegswirtschaft

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Mit dem "Anschluss" Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland im MĂ€rz 1938 wurde ein "österreichisches Problem" (zeitgenössisches Zitat), nĂ€mlich jenes der Berglandwirtschaft, zu einem deutschen. Was mit den Bergbauern geschehen sollte, war nicht von Beginn an klar. Einige Stimmen forderten aufgrund der schwachen Wirtschaftsleistung ihre Absiedlung. Es sollte anders kommen: Das Bergland erfuhr eine wirtschaftliche Förderung und eine politische Anerkennung bisher unbekannten Ausmaßes. Die politischen, sozialen und wirtschaftlichen HintergrĂŒnde dafĂŒr werden in diesem Band erörtert. Breiten Platz nimmt dabei die Behandlung der weltanschaulichen Vereinnahmung der Bergbauern im Rahmen der "Blut-und-Boden"-Ideologie ein. Als Ergebnis wird unter anderem gezeigt, dass diese wirkmĂ€chtiger als bislang dargestellt war und zahlreiche bergbĂ€uerliche Betriebe und Gemeinden zumindest materiell von der NS-Zeit profitierten.

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Information

1. Einleitung

„Deutschland mit oder ohne Bergbauern?“, diese Frage stellte Anton Reinthaller im Jahr 1944, zu dieser Zeit UnterstaatssekretĂ€r im Reichsministerium fĂŒr ErnĂ€hrung und Landwirtschaft, LandesbauernfĂŒhrer in Niederdonau und Leiter der Berglandabteilung. Seine Frage war die Überschrift fĂŒr einen Aufsatz in der Zeitschrift „Deutsche Agrarpolitik“, die vom Reichsminister fĂŒr ErnĂ€hrung und Landwirtschaft, Herbert Backe, herausgegeben wurde. Backe bat Reinthaller durch einen Beamten des Reichsamts fĂŒr das Landvolk, einen Beitrag ĂŒber „die biologische Bedeutung des Bergbauerntums“ zu verfassen.1 Das kommende Heft der Zeitschrift sollte „revolutionĂ€re Forderungen erheben“ und die Bergbauernfrage als „Menschenproblem ersten Ranges“ ansprechen. FĂŒr das Schreiben des Manuskripts in der LĂ€nge von vier bis sechs Seiten wurden Reinthaller zwei Monate Zeit gewĂ€hrt. Sein offensichtlich rechtzeitig eingelangter Text von sechseinhalb Seiten LĂ€nge mit dem oben genannten Titel wurde fĂŒr den Druck jedoch deutlich verkĂŒrzt und sprachlich stark verĂ€ndert. In der Maiausgabe 1944 erschien Reinthallers Beitrag dann auch unter einer anderen Überschrift: „Bauern auf kargen Böden“.2 Ob die vorgenommenen Modifikationen mit Reinthaller besprochen wurden, ist nicht ĂŒberliefert. Die konkreten Änderungen interessieren hier wenig – das Manuskript wurde von Zahlenmaterial und Details befreit, es wurde pathetischer formuliert und mit mehr Imperativen versetzt. Da wie dort jedoch fĂŒhrte Reinthallers Grundsatzfrage zu einer positiven Antwort im Sinne der Bergbauern: Der Nationalsozialismus brauche die Bergbauern erstens aus ökonomischer Sicht, weil sie einerseits großes und durch steigende Marktleistung bereits bewiesenes Steigerungspotential in der Milch- und Viehwirtschaft besĂ€ĂŸen und andererseits, weil die Produkte der Berglandwirtschaft angeblich eine „qualitativ höhere Wertigkeit“ hervorgebracht hĂ€tten als jene der Landwirtschaft im Flachland. Zweitens wĂ€re die Berglandwirtschaft auch durch ihre „biologische Leistung“, also aufgrund des den Bergbauernfamilien nachgesagten angeblichen Kinderreichtums, wertvoll fĂŒr das Deutsche Reich. Damit seien die UnterstĂŒtzungsleistungen des Reichs an die Bergbauern gerechtfertigt, denn sie wĂ€ren, wie der unbekannte Überarbeiter von Reinthallers Beitrag formulierte, die „besten Blutspender der Nation“ und ein „nicht unbeachtliche[r] Wirtschaftsfaktor“ – und somit „ein nationales Heiligtum“!3
Wenige Jahre zuvor – kurz nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich – wurde der „Bergbauer“ noch als „nicht zu ĂŒbersehendes“ „österreichisches Problem“ bezeichnet.4 Wie der Autor ausfĂŒhrte, wĂ€ren die AlmflĂ€chen „zum grĂ¶ĂŸten Teil in schlechter Verfassung“, manche bergbĂ€uerliche Arbeiten „oft mit Lebensgefahr verbunden“, sei die Verschuldung der Betriebe stark und das Getreide stehe oft im Schnee oder mĂŒsse grĂŒn geerntet werden. Die Problemlage der Berglandwirtschaft wurde auf die allgemeine Krise der Landwirtschaft seit Mitte der 1920er Jahre, aber auch auf die österreichische „Systemzeit“ zurĂŒckgefĂŒhrt, denn die österreichische Verwaltung der 1930er Jahre habe es laut reichsdeutscher Diktion verabsĂ€umt, die Bergbauernwirtschaft besser zu unterstĂŒtzen.5 Erst mit dem „Anschluss“ Österreichs sei das „Bergbauernproblem“ fĂŒr das Deutsche Reich „akut“ geworden.6
Der Weg vom „österreichischen Problem“ zum „nationalen Heiligtum“ war dann doch ĂŒberraschend kurz. Kritische Stimmen in Berlin, die meinten, eine Förderung der österreichischen Berglandwirtschaft wĂ€re unwirtschaftlich, setzten sich nicht durch und verstummten noch im Jahr der MachtĂŒbernahme. Die „Blut-und-Boden“-Proponenten fanden mit ihrer rassisch aufgeladenen Argumentation fĂŒr die Erhaltung der Berglandwirtschaft vor allem in der NSDAP Gehör und es gelang ihnen, grĂ¶ĂŸere Summen zur finanziellen Förderung der Bergbauern zu lukrieren. Aber auch die Ideologen konnten ihre PlĂ€ne nicht vollstĂ€ndig zur AusfĂŒhrung bringen. Denn die Kriegswirtschaft und -lage schuf schließlich Fakten, die von niemandem ĂŒbergangen werden konnten. Und so war die Berglandwirtschaft wĂ€hrend der NS-Zeit von der Kriegswirtschaft auf der einen und der „Blut-und-Boden“-Ideologie auf der anderen Seite geprĂ€gt und gleichzeitig zwischen diesen beiden Polen hin- und hergerissen. Wie diese Aussage im Detail zu verstehen ist, möchte dieser Band unter anderem darlegen.
Das primĂ€re Anliegen dieser Arbeit ist es, den Zeitabschnitt des Nationalsozialismus in Österreich von MĂ€rz 1938 bis Mai 1945 mit speziellem Augenmerk auf die in der Berglandwirtschaft tĂ€tigen Menschen zu rekonstruieren und zu interpretieren. Diese kurze Epoche hat eine Unzahl von VerĂ€nderungen und Neuerungen, auch fĂŒr die alpine Landwirtschaft, hervorgebracht. Der Nationalsozialismus wollte in alle Bereiche des Lebens eindringen und setzte den gesamten Staatsapparat wie auch die Bevölkerung fĂŒr die Erreichung seiner ideologischen, politischen und wirtschaftlichen Ziele in Bewegung. Die Auflösung oder Gleichschaltung alter Strukturen und die Etablierung des FĂŒhrerprinzips auf allen Ebenen wurde von der EinfĂŒhrung neuer, reichsdeutscher Strukturen und Gesetze begleitet.
Die Landwirtschaft gehörte zu den ersten Bereichen, die unmittelbar von der neuen Gesetzgebungswelle betroffen waren. Mit dem ReichsnĂ€hrstand und der Marktordnung wurden die straff organisierten reichsdeutschen Agrarstrukturen schon bald nach der MachtĂŒbernahme eingefĂŒhrt. Gleichzeitig partizipierte die nunmehr „ostmĂ€rkische“ Landwirtschaft an staatlichen Fördergeldern, die es unter österreichischer Verwaltung nicht oder nur in Form von nicht ausreichend dotierten UnterstĂŒtzungsleistungen gegeben hatte. Die wirtschaftliche Komponente machte aber nur einen Teil der VerĂ€nderungen aus. Auch sozialpolitisch kam mit der Erweiterung sozialversicherungsrechtlicher Bestimmungen und der EinfĂŒhrung von Sozialleistungen einiges Neues fĂŒr die Bewohner des alpinen lĂ€ndlichen Raumes. Im Bereich der fiskalischen Neuerungen war beispielsweise die EinfĂŒhrung des Einheitswertsystems fĂŒr die Landwirtschaft von Bedeutung. Alle VerĂ€nderungen bzw. Neuerungen zu nennen und zu behandeln, wĂ€re unmöglich. Die Auswahl der zu bearbeitenden Themen war daher von zwei Faktoren abhĂ€ngig: Zum einen von der Relevanz in der zeitgenössischen landwirtschaftlichen Praxis, zum anderen vom Grad der Nichtbeachtung durch die bisherige Forschung. Aus diesem Grund findet beispielsweise die fĂŒr die landwirtschaftliche Praxis zwar wichtige, aber sehr gut erforschte Marktordnung mit ihren weiter reichenden Zusatzfragen nach den Anpassungsstrategien und HandlungsspielrĂ€umen der betroffenen Akteure hier wenig ErwĂ€hnung, ebenso wird das Reichserbhofgesetz nur gestreift. Breiten Raum nehmen hingegen jene AktivitĂ€ten des NS-Regimes ein, die sich mit der Berglandwirtschaft auseinandersetzten. Institutionell steht hier die Schaffung der Berglandabteilung im Blickpunkt, die nach der Auflösung des österreichischen Landwirtschaftsministeriums ins Leben gerufen wurde. Als Unterabteilung des Reichsministeriums fĂŒr ErnĂ€hrung und Landwirtschaft (RMfEL) eingerichtet, wurde die Berglandabteilung vom vormaligen österreichischen Landwirtschaftsminister Anton Reinthaller geleitet. Weiters wird der ideologische Stellenwert der Bergbauern sowie die auf den lĂ€ndlichen Raum ausgerichtete Sozialpolitik untersucht. Auf wirtschaftlich-praktischem Gebiet stehen der „Gemeinschaftsaufbau im Bergland“ und die „Entschuldungs- und Aufbauaktion“ im Fokus. In diesen „Aktionen“, die direkt vor Ort umgesetzt wurden bzw. werden sollten, prallten die widersprĂŒchlichen Zielsetzungen des Reichs in Form der „Blut-und-Boden“-Ideologie auf der einen und den kriegs- und ernĂ€hrungswirtschaftlichen Anforderungen an die Landwirtschaft auf der anderen Seite auf die reale Lebenswelt der Bauernhöfe. Dieses Spannungsfeld fĂŒhrt zur forschungsleitenden Fragestellung: Wie wirkte sich die Machtergreifung der Nationalsozialisten auf die wirtschaftliche und soziale Lage der Landbevölkerung in den bergbĂ€uerlichen Regionen Österreichs aus?
Als Untersuchungszeitraum dient im Wesentlichen die Zeit von 1938 bis 1945. FĂŒr die Einbettung in grĂ¶ĂŸere ZusammenhĂ€nge ist es fallweise notwendig, ĂŒber die ZĂ€sur der NS-Herrschaft hinwegzuschauen. Etwas schwieriger ist die Verortung des geografischen Rahmens. Bereits in den 1930er Jahren hat die österreichische Verwaltung die Zonen des Bergbauerngebiets festgelegt (siehe Kapitel 4.b.). Diese erste taxative Auflistung aller Gemeinden, die ins Bergbauerngebiet fielen, wurde in der NS-Zeit geringfĂŒgig erweitert. ZunĂ€chst einmal war die Zugehörigkeit zum Bergbauerngebiet ein Indiz fĂŒr eine naturrĂ€umliche Ungunstlage. Diese Ungunstlage war Basis fĂŒr die unterschiedliche wirtschaftliche Förderung von landwirtschaftlichen Betrieben. Wer innerhalb dieser Zone seinen Betrieb fĂŒhrte, profitierte in grĂ¶ĂŸerem Ausmaß von staatlichen UnterstĂŒtzungsleistungen. Das betraf die Förderprogramme sowohl der österreichischen als auch der reichsdeutschen Agrargesetzgebung. GrundsĂ€tzlich nahmen die alpinen bergbĂ€uerlichen Regionen in der nationalsozialistischen Agrarpolitik schon allein wegen ihrer Topografie eine Sonderstellung ein. In Deutschland hatte man mit solchen Lagen wenig Erfahrung. Zwar gab es auch im sĂŒdbayerischen Raum und in Baden-WĂŒrttemberg Bergbauerngebiete, die allerdings mit jenen im zentralalpinen Raum kaum vergleichbar waren. Erst mit dem Hinzukommen der umfangreichen österreichischen Bergbauerngebiete nach dem MĂ€rz 1938 wurde eine reichsweite administrative Herauslösung des Berglandgebietes und eine Sonderstellung innerhalb der Agrarwirtschaft angedacht. Dabei machten die ehemals österreichischen Bergbauerngebiete den geografischen Löwenanteil der neuen Unterabteilung Berglandwirtschaft (Dienststelle des Reichsministeriums fĂŒr ErnĂ€hrung und Landwirtschaft) aus. Deshalb liegt auch der Fokus dieses Buches auf den österreichischen Bergbauern. Die Berglandgebiete im „Altreich“ und in einigen eroberten Gebieten werden nur gestreift.
War der alpine Raum eine neue Herausforderung fĂŒr die deutsche Agrarverwaltung, so war umgekehrt die auf rassischen Überlegungen basierende ideologische Überhöhung der Bauern ein neues PhĂ€nomen fĂŒr die ehemals österreichischen Bergbauern. Die reichsdeutsche „Blut-und-Boden“-Ideologie versuchte, das Sozialprestige der Bauern als vermeintlicher „Blutsquell des deutschen Volkes“ (siehe Fußnote 758) zu heben. Allerdings ließ die RealitĂ€t der Kriegswirtschaft mit Fortschreiten der NS-Herrschaft immer weniger Raum fĂŒr die Verfolgung utopisch-ideologischer Modelle.
Aus der Schnittmenge dieser zentralen Topoi – der Topografie des Zentralalpenraumes und damit einhergehende agrarwirtschaftliche Besonderheiten fĂŒr die reichsdeutsche Agrarverwaltung, der „Blut-und-Boden“-Ideologie und den kriegs- und ernĂ€hrungswirtschaftlichen Anforderungen – geht der Kern der hier angestellten Überlegungen hervor. Die Interessenlagen der Einzelbereiche waren durchaus unterschiedlich, zum Teil sogar diametral entgegengesetzt, und brachen in dieser heterogenen Form auf die lĂ€ndliche Bevölkerung des Alpenraums herein. In der Schnittmenge dieser Interessenlagen hat sich der ökonomische und soziale Alltag der betroffenen Bevölkerung abgespielt.
Methodisch basiert diese Arbeit auf drei SĂ€ulen: Erstens auf der historischen Methode mit ihrer klassischen Dreiteilung in Heuristik, Kritik und Interpretation7, zweitens auf der Quantifizierung zur BewĂ€ltigung des in den Quellen vorgefundenen Zahlenmaterials und drittens auf der Methode des historischen Vergleichs, der sowohl synchron (Österreich–Deutschland) wie auch diachron (Zwischenkriegszeit–NS-Zeit–Nachkriegszeit) zur Anwendung kommt. Auf dem Weg zur wissenschaftlichen Erkenntnisgewinnung (Heuristik) wurde zum einen die seit Ende des Zweiten Weltkriegs erschienene geschichtswissenschaftliche SekundĂ€rliteratur ausgewertet und zum anderen die zeitgenössische Literatur konsultiert. Zudem wurde das umfangreiche Archivmaterial herangezogen. Die wichtigsten Archivalien fĂŒr die zu behandelnden Themenfelder lagern in Berlin im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde bzw. in der Zweigstelle Hoppegarten (hier vor allem die BestĂ€nde des Reichsministeriums fĂŒr ErnĂ€hrung und Landwirtschaft, des ReichsnĂ€hrstands, des Reichsamts fĂŒr Agrarpolitik und des Reichsfinanzministeriums) und im Österreichischen Staatsarchiv in Wien, wo im Archiv der Republik die BestĂ€nde der Unterabteilung Bergland verwa...

Table of contents

  1. Cover
  2. Title
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. Inhalt
  6. Vorwort
  7. 1. Einleitung
  8. 2. Forschungsstand
  9. 3. Strukturelle Bedingungen der Landwirtschaft im 20. Jahrhundert
  10. 4. Die Vereinnahmung der Landwirtschaft durch die „Blut-und-Boden“-Ideologie
  11. 5. Sozialversicherung und neue Sozialleistungen
  12. 6. Entschuldung und Aufbau
  13. 7. Gemeinschaftsaufbau im Bergland
  14. 8. ResĂŒmee
  15. 9. Anhang