Phantasie in Kultur und Wirtschaft
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Phantasie in Kultur und Wirtschaft

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Phantasie in Kultur und Wirtschaft

About this book

Die Phantasie lĂ€sst keinen Wunsch offen - aber sie erfĂŒllt auch keinen. Faszinierend ist ihre Grenzenlosigkeit, doch das macht sie auch zu einem diffusen und ambivalenten Begriff: Sie ist Vorstellungsvermögen, Einbildungskraft, Idee, Imagination, Traumgebilde, Trugbild. Ohne Phantasie entsteht nichts - keine Kunst, kein Unternehmen, kein Produkt, keine neue Erkenntnis, kein bahnbrechendes Forschungsergebnis. Aber um zur Welt zu kommen, braucht sie auch Vorgaben, Disziplinierung, Wissen, Handwerk, Formgebung, Tatkraft. Kunst und heutige Kreativbranchen haben die Phantasie nicht exklusiv gepachtet, sondern auch in der Wirtschaft und Wissenschaft spielt sie eine grundlegende Rolle. Die ganze Bandbreite der Phantasie - als unseren guten Genius, aber auch DĂ€mon - beleuchten in diesem Buch UnternehmensgrĂŒnder und Philosophen, Naturwissenschaftler und Meinungsforscher, Psychoanalytiker, Werbe- und Medienfachleute, Kreative, Kulturmanager und KĂŒnstler.Mit BeitrĂ€gen von Christian Bartenbach, Rudolf Bretschneider, Bazon Brock, Rudolf Burger, Erhard Busek, Felix de Mendelssohn, Peter Edelmann, Dietmar Ecker, Hannes Erler, Maximilian Fliessbach gen. Marsilius, Olga Flor, Heidi GlĂŒck, Marianne Gruber, Reinhard Haller, Sonja Hammerschmid, Oliver Handlos, Markus HinterhĂ€user, Angelika Kofler, Rainer M. Köppl, Brigitte Kössner-Skoff, Christoph Mader, Hellmuth Matiasek, RenĂ©e Schroeder, Michael Thurow, Karlheinz Töchterle, Valentine Troi und Peter Zoller.

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Information

Kapitel 1
Zur Lage. Und die Aussichten.
Die Eröffnungsrede

Bazon Brock

Phantasie in der Ohnmacht –
Wirklichkeitssinn durch
Möglichkeitssinn

„Wenn es aber Wirklichkeitssinn gibt, und niemand wird bezweifeln, daß er seine Daseinsberechtigung hat, dann muß es auch etwas geben, das man Möglichkeitssinn nennen kann.
Wer ihn besitzt, sagt beispielsweise nicht: Hier ist dies oder das geschehen, wird geschehen, muß geschehen; sondern er erfindet: Hier könnte, sollte oder mĂŒĂŸte geschehn; und wenn man ihm von irgendetwas erklĂ€rt, daß es so sei, wie es sei, dann denkt er: Nun, es könnte wahrscheinlich auch anders sein. So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als die FĂ€higkeit definieren, alles, was ebensogut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist.“
Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften
In AnknĂŒpfung an das Musil-Zitat kann man sich leicht vorstellen, was bei einer Systematisierung dieses Ansatzes herauskĂ€me: nĂ€mlich parallel zur Geschichte bzw. anstelle der Geschichte des faktisch Geschehenen eine Geschichte des Nichtgeschehenen zu setzen.
Diese Geschichte des Nichtgeschehenen bezöge sich aber nicht einfach auf das, was nicht stattfand, sondern vielmehr darauf, was durch eine andere Aktionsform bestimmt wĂ€re, zum Beispiel durch die Aktionsform des Unterlassens als eine Art des Handelns. Denken Sie etwa an die Entwicklungen gegen bestimmte faktische Gegebenheiten im Wirtschaftsleben, sagen wir in der Plutoniumwirtschaft, etabliert in den Atomkraftwerken; denken Sie an die Bewegung dagegen, dann verstehen Sie, was mit der Geschichte des Nichtgeschehenen gemeint ist: die Ereignishaftigkeit dessen, was unterlassen wurde. Wie Sie alle wissen, verlangt das zu Unterlassende oft viel mehr AktionsfĂ€higkeit oder Phantasie, Vorstellungsvermögen und Aktionslust als das tatsĂ€chlich Geschehene. Sie brauchen nur an Ihre Leidenschaft als Raucher zu denken: Zu rauchen ist fĂŒr den Raucher eine großartige Sache, aber nicht zu rauchen, verlangt ihm eine höhere Anstrengung ab als das Rauchen selbst. Und das gilt prinzipiell fĂŒr alles historische Tun. Das Unterlassen ist inzwischen die entscheidende Form des Handelns geworden. Es ist nicht: nichts tun, sondern nicht tun – wobei wir die Ă€ltesten Traditionen, etwa den Buddhismus mit Laotse als Autor rund 500 v. Chr., mit verschiedenen Traditionen anderer ZeitrĂ€ume ohne Weiteres in Übereinstimmung bringen können.
Das bedeutet nun, dass wir unsere Untersuchung im Hinblick auf den Möglichkeitssinn und auf die Phantasie in einer anderen Weise zu fĂŒhren haben. Wir können nicht mehr der NaivitĂ€t folgen, die 1968 forderte: Phantasie an die Macht! Die Herrschaften, die das gefordert haben, sind heute im Pensionsalter und beziehen durchschnittlich 20.000 Euro MonatssalĂ€r, etwa als Europaabgeordnete und PensionĂ€re lokaler Parlamente – so dass man ihnen nur bestĂ€tigen kann, Phantasie an die Macht hieß: an die Töpfe zu kommen, an die sie schließlich auch angeschlossen worden sind. Die höchsten ReprĂ€sentanten – denken Sie nur an einen Mann wie Joschka Fischer – sind heute Großverdiener unter all denen, die damals gefordert haben, die Alternative als der Möglichkeitssinn, also die Phantasie habe endlich anerkannt zu werden. Und man kann nun nur bestĂ€tigen: Wer 18.000 oder 20.000 Euro fĂŒr einen Vortrag bekommt, der hat wirklich die Phantasie auf seiner Seite! Alles, was er sagen kann, mĂŒsste das Publikum ja nur auffordern, sich die Rede selbst zu halten – denn das bisschen Geschnurre, das der Redner vortrĂ€gt, ist keine 800 Euro wert.
Mein zweiter Aspekt der alltĂ€glichen Anschauung fĂŒr die Phantasie in Wirtschaft und Kultur stammt aus jĂŒngster Erfahrung, sagen wir aus den letzten fĂŒnf Jahren. Es ist doch wohl so, dass die große Krise – mit all ihren verschiedensten Nachfolgekrisen –, die die gesamte westliche Welt erfasst hat, durch zu viel Phantasie entstanden ist. Die Finanzindustrie hat das Desaster durch eine unglaubliche Phantasie beim Entwerfen strukturierter Produkte entwickelt. Diese Produkte waren so phantasievoll, dass sie schließlich von niemandem mehr beherrscht werden konnten – und dazu den Vorteil hatten, dass niemand fĂŒr sie verantwortlich gemacht werden konnte, weil sie aus der Hand der Akteure in das Medium der technischen Realisateure, der Hochgeschwindigkeitsrechner in den Börsen, ĂŒbergegangen waren.
Phantasie an die Macht ist also einerseits eine Aufforderung, sich an den Fleischtöpfen der Gesellschaft zu bedienen, und andererseits die Aufforderung zu einer Form legaler KriminalitĂ€t. Wir mĂŒssen feststellen, dass sich zwischen diesen beiden Großbereichen das Auf-die-Kacke-Hauen – eine deutsche Redewendung, aber hoffĂ€hig, also die Sau rauslassen, mal richtig zeigen, was man alles kann – Allmachtsphantasien entwickeln, wie wir sie etwa beim FĂŒhrer eines unserer großen VerlagshĂ€user und anderswo sahen. Der Betreffende hat seine Phantasie fĂŒr dieses Superding, das Höchste aller Vorstellbarkeiten auch in der Erfindung eines Namens entwickelt: In Arcandor knĂŒpfte er das Arkanische und Or, das Gold, zusammen, er wollte also ausdrĂŒcken, dass das, was diese Manager des Empire, was diese Herrscher der Welt zustandebringen, wirklich den Ausdruck des Höchsten, Kostbarsten in der europĂ€ischen Geschichte darstellt. Arkanisches Wissen von vergoldeter QualitĂ€t, also von Angeboten, die man nicht ablehnen kann. Genau das kennzeichnet ja die legale KriminalitĂ€t.
Wie Sie wissen, ist die Geschichte nicht bestimmt durch Auseinandersetzungen zwischen Rassen, Klassen, Geschlechtern und Ähnlichem, sondern zwischen legaler und illegaler KriminalitĂ€t. Der Staat ist auf der Seite der legalen KriminalitĂ€t, denn was er tut, ist per se legal und alle anderen, die dasselbe tun, aber in Gegnerschaft zum Staat, sind damit illegal. Eine alte Weisheit lautet: Zwischen einer kriminellen Bande und einem legalen Staat gibt es keinen Unterschied außer den, dass das eine legal ist und das andere illegal. Das fĂŒhrt, aus der Konsequenz dieses Pathos, die Phantasie an die Macht. Es gibt heute keinen Bereich, in dem die Phantasie so stark an der Macht ist wie in dem der KriminalitĂ€t. Und das beweist eigentlich wirklich, dass man mit dieser Forderung sehr leichtfertig umgegangen ist, ja vielleicht sogar in bewusster Absicht provokativ, um zu zeigen, was denn tatsĂ€chlich die Wirksamkeit von Phantasien bedeutet – nĂ€mlich ein Entkopplungsgeschehen, das auf der anderen Seite natĂŒrlich mit dem Kopplungsgeschehen verwandt ist, also zur Anthropologie unserer FĂ€higkeit gehört, Verbindlichkeiten zu erzeugen.
Das eine ist die menschliche FĂ€higkeit, zu antizipieren, also im Voraus virtuell und gedanklich abzuschĂ€tzen, was wohl die Konsequenzen einer bestimmten Handlung sein könnten. Wenn vor 25.000 Jahren in einer Höhle 18 MĂ€nner zwischen 15 und 24 Jahren saßen und eine entsprechende Anzahl von Frauen mit Kindern, dann musste Nahrung herbeigeschafft werden. Die war nur zu beschaffen, wenn sich die fĂŒnfzehn- bis vierundzwanzigjĂ€hrigen MĂ€nner zusammensetzten und ununterbrochen antizipierten, sich also vorstellten, was passieren wĂŒrde, sobald einer von ihnen den Kopf aus der Höhle heraussteckte. Man weiß das heute aus großen Sammlungen in SĂŒdafrika, wo es ganze Pyramiden von Scalps, SchĂ€deln und Knochen gibt, an denen man noch die Spuren der Greiftatzen sieht, die dem ersten, der unvorsichtigerweise nicht antizipierend den Kopf aus der Höhle steckte, sofort den Scalp abgezogen haben.
Man musste also lernen zu antizipieren, das heißt, alles zu erwarten, was als Konsequenz des Herausgehens aus der Höhle möglich wĂ€re, um durch die Erwartung des Schlimmsten – im spĂ€teren Johanneischen Sinne heißt das dann: apokalyptisches Denken – die FĂ€higkeit zu gewinnen, dem Schrecken zu widerstehen. Denn nur wer mit dem Schlimmsten rechnet, kann ĂŒberhaupt irgendeinen Optimismus begrĂŒnden, dem schlimmsten drohenden Möglichen, dem grĂ¶ĂŸten Unfall begegnen zu können, indem er damit auf eine sinnvolle Weise umzugehen lernt. Mit anderen Worten: Wir sind prinzipiell von der FĂ€higkeit abhĂ€ngig, zu antizipieren, was die Konsequenzen einer koordinierten, also im Sozialverband entwickelten wie auch von den Individuen getragenen Handlungsabsicht darstellt. Die Menschen verknĂŒpften immer schon das Tun mit den Konsequenzen des Tuns unter bestimmten Bedingungen, bei einem Erdrutsch, einem reißenden Bach, wilden Tieren, Schlangen, bei giftigem Kraut, mit dem man zu rechnen hatte, wenn man auf die Jagd ging. Und nur wenn man mit dem Schlimmsten rechnete, hatte man die Chance, tatsĂ€chlich zurĂŒckzukommen. Dieses Verhalten wird heute noch von jedem Trainer fĂŒr Rennfahrer, Hochgeschwindigkeitsleister oder auch Tennisspieler gelehrt und angewendet. Bei Tennisspielern geht die Antizipationskraft so weit – aber das funktioniert erst nach tausenden Trainingsstunden –, dass sie einen Schlag des Gegners bereits antizipieren können, bevor er ausgefĂŒhrt wird. Damit beginnt das Profi-Tennis. Bei den Rennfahrern ist dieses Verhalten ebenfalls einsehbar; denn wer sich in einen Wagen setzte, um loszufahren und Rennfahrer zu werden, hĂ€tte keine Chance – er wĂ€re tot, bevor er irgendetwas gelernt hĂ€tte. Er muss also vorweg antizipieren, was es eigentlich bedeutet, sich mit einem solchen GefĂ€hrt unter bestimmten Bedingungen auf einer Strecke zu bewegen. Wenn er das tausende Male virtuell im Kopf getan hat, bis hinein in die letzten zehn Zentimeter des Straßenbelags, in alle KurvenfĂŒhrungen und sonstigen Bedingungen, lĂ€sst man ihn zum ersten Mal in einen Rennwagen einsteigen, um dann tatsĂ€chlich mit der kalkulierbaren Chance rechnen zu können, dass der Mann am Ende der Strecke, wenn auch nicht nach optimalen Leistungen, aber immerhin lebend aus dem Wagen herausgehoben werden kann.
Bei der Antizipation verkoppelt sich also das beabsichtigte Tun mit den erwartbaren Konsequenzen des Handelns. Beim Gegenmodell, das wir normalerweise Traumgeschehen nennen und das auch eine bestimmte Ausformung der Phantasie ist, wird hingegen entkoppelt; die eingeschliffenen Konsequenzen, die Folgen eines Handelns werden aufgehoben, damit eine Abkopplung bestimmter Vorstellungen oder erwartbarer, interpsychischer VorgĂ€nge (wie etwa die Bewertung virtuell angenommener Folgen) ermöglicht wird – so dass der Mensch nicht mehr auf ein starres Reaktionsschema fixiert ist. Durch dieses Entkoppeln lĂ€sst sich eine Freiheit gewinnen, die allerdings durch erneute Vermittlung und VerknĂŒpfung von Handlungen und Folgen wieder zu einer Art von Verkopplung von Erfahrung fĂŒhren muss. Dadurch lĂ€sst sich ein Wechselspiel zwischen Antizipation und Phantasie entwickeln, das Anthropologen sehr gut beschrieben haben.
Der erste historische Höhepunkt dieser Beschreibung ist das Johannesevangelium. Im Bericht des Johannes auf Patmos wird beschrieben, was dieses Vorgehen anthropologisch bedeutet – nĂ€mlich das EinĂŒben von apokalyptischem Denken. Apokalypse heißt auf Griechisch nichts anderes als der Vorschein des Endes, also der Konsequenzen der Handlungen. Apo kalypsein heißt nichts anderes, als: Ich beginne mit dem Ende. Das wird von Johannes ganz einfach beschrieben. Wer einen Tisch bauen will, kann nicht Holz herumschmeißen und einfach drauflossĂ€gen und -nageln. Das fĂŒhrt zu nichts. Er muss mit dem Ende der Operation, einen Tisch herzustellen, beginnen, also mit der Vorstellung des Tisches. Das Modell des Tisches ist der Anfang der vernĂŒnftigen Arbeit eines Tischlers. Apokalypse meint hier die FĂ€higkeit, vom Endpunkt – den Konsequenzen des Handelns – auszugehen und damit den Beginn zu begrĂŒnden. Das ist in diesem Sinne mit dem lateinischen Wort initium oder Initialkraft, wie Augustinus das genannt hat, verbunden. Man kann erst wirklich wirksam werden wollen, wenn man diese ZusammenhĂ€nge beherrscht, nĂ€mlich seine Annahme des erfahrungsgemĂ€ĂŸen Risikos jedes Handelns unter bestimmten Bedingungen, weil man nicht Herr der Welt ist, sondern immer abhĂ€ngig ist von einer Reihe von Bedingungen. Man kann sich selbst den Mut oder den Humor, wie es damals schon hieß, oder eben die PositivitĂ€t der Einstellung nur zutrauen oder aneignen, wenn man mit dem Schlimmsten gerechnet hat, das heißt mit dem Ende, das jeden Handelnden am meisten schreckt: dass er nĂ€mlich seine Intention, seinen Willen nicht durchsetzen kann, dass er scheitert. Mit anderen Worten, die normale Voraussetzung fĂŒr die Initiativkraft des Handelns ist die Möglichkeit des Scheiterns.
Wer nicht mit der Möglichkeit des Scheiterns rechnet, ist ein Idiot, ein Kölner, heißt es auf Deutsch. „Es hĂ€tt noch immer jot jejange“, sagen die Kölner. Es ist immer gut gegangen – bis dann eben das Stadtarchiv eingestĂŒrzt ist und damit das GedĂ€chtnis ausgelöscht wurde. Und das finden die Kölner auch noch gut, das ist auch „jot jejange“. Jetzt weiß keiner mehr Bescheid ĂŒber die Machenschaften des KlĂŒngels in Köln – Gottseidank hat die Erde alles verschlungen, ist alles der Hölle anheimgefallen.
Es gibt also eine Restriktion fĂŒr unser Generalthema „Phantasie an die Macht“. Das ist nicht die freie Phantasiefeier dieser kindlichen Vorstellung der Achtundsechziger, es ist auch nicht die Aufforderung, sich wie die Banker besonders phantasievolle Produkte auszudenken, um die Kunden auf legale Weise kriminell ĂŒbers Ohr zu hauen. Sondern es geht um eine bestimmte Art der Vermittlung zwischen der Initiativkraft im Sinne der Entwicklung neuer Handlungsstrategien und der Möglichkeit, Verantwortung fĂŒr dieses Handeln zu ĂŒbernehmen – weil man den Bereich der Möglichkeiten, der sich aus dem Handeln ergibt, auch in Rechnung stellt. Es ist nĂ€mlich gar nicht klar, mit welcher Wahrscheinlichkeit welche Handlungsfolgen zu gewĂ€rtigen sind. Das nehmen wir natĂŒrlich alle in Anspruch, wenn wir zum Beispiel sagen: „Das habe ich nicht gewollt. Ich wollte etwas ganz anderes, aber leider ist das dabei herausgekommen“. Nach 1945 ist das in Deutschland ein bekannter Entlastungstopos gewesen.
Es kommt also darauf an zu kapieren, dass es um ein Spektrum von möglichen Handlungsfolgen geht, die man antizipieren muss – und auf die man sich aber nicht im Sinne einer Mechanik des Abkoppelns von Handlungsfolgen verlassen kann, so dass es wie von selbst zu einer traumhaften Entlastung kĂ€me. Im Traum finden Sie natĂŒrlich die FĂ€higkeit, sich von jeder Art von Bedingtheit der VerhĂ€ltnisse zu entfernen. Das Traumerlebnis ist ja gerade die Erfahrung der Entkopplung zwischen Handlung und Konsequenzen oder verschiedenen anderen Determinanten, so dass man dann eine neue Ebene der BewĂ€ltigung entwickelt kann, die hier in Österreich – wie Herr Busek schon gesagt hat – am intensivsten von Robert Musil in die Debatte eingebracht wurde. Nicht, dass das nicht vorher diskutiert worden wĂ€re, in den Sprachwissenschaften gerade in Österreich wurde es das schon sehr lange, von Freud und vielen anderen, aber derartig prĂ€gnant, wie es Musil im Hinblick auf den Möglichkeitssinn gemacht hat, war es davor jedoch noch nicht geschehen.
Diese neue Lösung der Vermittlung zwischen den Ebenen lĂ€sst sich auch auf das VerhĂ€ltnis von Kunst und Wissenschaften ĂŒbertragen – wobei ich darauf aufmerksam mache, dass in dem Generalthema gar nicht vorkommt, was wir hier ausnehmend behaupten: dass Kunst und Wissenschaft die Phantasie, die KreativitĂ€t besonders fördernde Disziplinen seien. Kunst und Wissenschaft zeichnen sich doch dadurch aus, dass sie aus dem kulturellen Kontext ausgegliedert wurden; seit 1400 erst gibt es Kunst und Wissenschaft, die nicht mehr kulturell bestimmt werden. Wer Chemie betreibt, kann sich nicht auf seine kulturelle IdentitĂ€t berufen. Ob er Jude, Schwarzer, GrĂŒner oder Blauer ist, spielt fĂŒr die Tatsache, dass er Chemie betreibt, keine Rolle. Wer Chemie als Wissenschaft betreibt, ist prinzipiell aus jeder Art von kultureller Legitimation entlassen. Das Gleiche galt fĂŒr die KĂŒnstler. Beide sind sozial koevolutioniert. Die beiden – Kunst und Wissenschaft – haben sich als parallele Strategien entwickelt, zur Entlastung von kulturellem Druck. Hier, auf diesem Podium, gibt es nur Kultur und Wirtschaft. Aber die passen tatsĂ€chlich zusammen, denn, wie Sie wissen, haben ja alle Wirtschaftler nebenbei eine Corporate Culture, bekennen sich also zum Suprematie-Schema der kulturellen Distinktion, auch im wirtschaftlichen Handeln; insofern ist die Kopplung richtig.
Wieso behandeln wir jetzt Kunst und Wissenschaft wieder als die exklusiven FĂ€cher, die uns vermeintlich all die alternativen Strategien eröffnen? Das geht nicht einfach, indem immer nur behauptet wird, die KĂŒnste seien ja so wahnsinnig kreativ. Das ist alles Schmockes! Die Wissenschaftler sind genauso kreativ, auch die Wirtschaftler sind genauso kreativ, mitsamt der FĂ€higkeit, sich am Abkopplungs- und Entkopplungsgeschehen beziehungsweise an der Verbindlichkeitsstiftung von Handeln und Konsequenzen zu beteiligen. Alle Disziplinen sind an das prinzipielle Vermögen der Menschen gekoppelt und diesbezĂŒglich nicht nach Sparten unterscheidbar. Man kann sogar behaupten, dass es sehr kreative Straßenfeger gibt. Es kommt nicht nur darauf an, in welchem Spektrum sich diese FĂ€higkeit Ă€ußern können, sondern darauf – das ist das Neue an der Entwicklung dieser Strategie –, dass man zwischen dem Wirklichkeitssinn und dem Möglichkeitssinn nicht mehr im Sinne der bloßen Kontingenz unterscheidet, „es könnte auch alles anders sein, ist aber leider nicht zu Ă€ndern“. Alles ist auf irgendeine Weise historisch zufĂ€llig entstanden – kann sich aber doch Ă€ndern lassen, wie unsere Sitten, unsere Moral etcetera. Das möchte ich in Ihrer Alltagsphantasie wieder verankern.
Wenn Sie achtzehn- bis zwanzigjĂ€hrig Ihre sozialen Erfahrungen dahingehend gemacht haben, dass Sie vielleicht zehn junge gegengeschlechtliche Menschen kennengelernt haben, von denen Sie sagen wĂŒrden, mit denen könnte ich mich auf lĂ€ngere Zeit zusammentun, eine Ehe schließen, eine Sozialpartnerschaft entwickeln, dann werden Sie sich schließlich fĂŒr eine unter diesen zehn Möglichkeiten entscheiden. Das Entscheidende bei einer funktionierenden Partnerschaft, einer Ehe, ist dann, dass in dieser faktischen, wirklich gegebenen Beziehung alle anderen Möglichkeiten, die jemand vor seiner Entscheidung hatte, erhalten bleiben. Und zwar als Möglichkeiten, die wir als eine Art von phantasievoller Orientierung akzeptieren. Sexualphantasien sind das bekannteste, aus Wien stammende Beispiel fĂŒr diese Art der Orientierung. Und wehe der Ehe, bei der die Partner sich wechselseitig nicht erlauben, sich auf alle Zeiten auch potentiell auf alle anderen Formen der Beziehung einzulassen! Aber als Möglichkeiten! Nicht so wie Liz Taylor, die nach dem ersten Mann den zweiten heiratet, dann den dritten, vierten, fĂŒnften, sechsten, siebten, achten und am Ende dasteht und sagt: „Wo ist die Alternative? Ich habe keine gefunden. Alle sind ja völlig gleich.“
Welche Wahl auch immer, die entscheidende FĂ€higkeit sollte darin bestehen, das, was wirklich ist, als solches zu erkennen und zu akzeptieren und dadurch fĂ€hig zu sein, sich auf den Möglichkeitshorizont zu orientieren und ihn in Hinblick auf das Mögliche zu aktivieren, damit das Wirkliche seine Bestimmungen erhĂ€lt: nĂ€mlich, uns von beliebigen Wahnhaftigkeiten zu unterscheiden. Denn wenn alles wirklich wĂ€re, was wir fĂŒr möglich halten, im Sinne einer bloßen Durchsetzung einer Strategie, wĂ€ren wir alle psychiatriereif.
Davor schĂŒtzt uns Gott sei Dank die BĂŒrokratie. Das ist eine von den römischen Institutionen geschaffene FĂ€higkeit, den Mutwillen der Durchsetzung von etwas fĂŒr möglich und wĂŒnschbar Gehaltenem unter Kontrolle zu bringen. Das heißt, es wĂ€re furchtbar, wenn es uns gelĂ€nge, auf ein Fingerschnipsen hin zu realisieren, was wir uns wĂŒnschen können. Dann wĂ€re die Welt innerhalb von vierzehn Tagen ruiniert. Das wussten die Römer und haben deswegen dem individuellen Mutwillen und der Übersetzung von Möglichkeiten in Wirklichkeiten die BĂŒrokratie entgegengesetzt, die strikt nach Regeln kontrolliert, welche Art von Übertragung aus dem Möglichkeits- in den Wirklichkeitsbereich denkbar ist und wie dann, sobald eine Möglichkeit realisiert wird, das Wirkliche nicht gleich gelöscht wird, sondern man dafĂŒr sorgen muss, dass etwas ĂŒbrig bleibt. Damit erfand man auch die grandiose Institution des Museums.
Im Museum landet nĂ€mlich alles, was in diesem Sinne als Abfall oder strahlender MĂŒll im großen atomaren Bereich ĂŒbrig bleibt. Der strahlende MĂŒll als das eigentliche Problem der atomaren Wirtschaft, der Energiewirtschaft, muss unter Containment gestellt werden. Das heißt, der Gedanke des Museums zeigt uns, wie ungeheuer intelligent es ist, die nicht mehr in der bloßen Konfrontation mit den Möglichkeiten wahrgenommenen, sondern durch die Realisierung von Möglichkeiten abgelöschten Wirklichkeiten unter Verwahrung zu stellen, damit sie sozusagen im Containment gebannt werden und nicht als Gespenster wiederkehren können – wie heute der Feudalismus, der als Gespenst in die nicht mehr demokratische Verfasstheit westlicher Gesellschaften zurĂŒckkehrt. Amerikanische Sozialwissenschaftler haben ĂŒbereinstimmend festgestellt, dass Amerika keine Demokratie ist, sondern eine Oligokratie. Das wĂ€re also ein wiedergekehrtes Gespenst, in diesem Falle zurĂŒckfĂŒhrend auf Aristoteles, der die Definitionen dieser VerhĂ€ltnisse gegeben hat.
Um das VerhĂ€ltnis von Wirklichkeit und Möglichkeit neu zu bestimmen, ließe sich auch das VerhĂ€ltnis von Theologie und Technologie ausleuchten. Alles, was die Theologie je postuliert hat bis in die 1400er Jahre, ist durch die Technologie realisiert worden. Denken Sie nur an so etwas wie das Inkarnieren der Welt, das Aufnehmen der Welt. Da muss man kein katholisches WandlungslĂ€uten mehr zelebrieren wie „Jetzt wird das Wasser zu Wein und der Wein zum Blut Christi, die Oblate zum Körper“, sondern das sagt man heute zu jedem Hasenbraten oder jedem SalathĂ€ppchen. Wenn man dazu nicht sagt, „Werde mein Leib, werde mein Blut!“, ist man schlicht nicht lebensfĂ€hig. Mit anderen Worten, die Theologie hatte damit schon die Anthropologie definiert, und die Definition der Theologie als Anthropologie wurde von der Technologie realisiert.
Es ist gar keine Frage, dass beispielsweise so etwas Komplexes, wi...

Table of contents

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Inhaltsverzeichnis
  5. Vorwort Ein PlÀdoyer
  6. Kapitel 1 Zur Lage. Und die Aussichten. Die Eröffnungsrede
  7. Kapitel 2 Der zĂŒndende Funke
  8. Kapitel 3 Phantasieprodukte in der Wirtschaft
  9. Kapitel 4 Die Rolle der Phantasie in der Kunst
  10. Kapitel 5 Der Reiz des Bösen in der Phantasie
  11. Kapitel 6 Phantasie in Wissenschaft und Technik – ErgĂ€nzung oder Widerspruch?
  12. Kapitel 7 Ergebnisse einer ReprÀsentativ-Studie der GfK Austria Sozialforschung
  13. Kapitel 8 Die Abschlussdiskussion
  14. Personenverzeichnis
  15. Danksagung