Die Freinet-PĂ€dagogik zĂ€hlt wie die Montessori-, die Jenaplan- und die Daltonplan-PĂ€dagogik zu den reformpĂ€dagogischen Richtungen, die die Schule und die Auffassung von Unterrichten nachhaltig verĂ€ndert haben. CĂ©lestin Freinet hat in dieser Tradition seinen Platz als Reformer, als politischer Kopf, als Verfechter der Demokratie in der Schule.Sein Name steht auch fĂŒr technische Erneuerungen: Die Freinet-PĂ€dagogik bietet mit der Einrichtung der Korrespondenz-Klassen, der SchĂŒlerzeitung, der Dokumentation und dem Freien Text eine ideale pĂ€dagogische Grundlage fĂŒr die Arbeit mit dem Computer in der Klasse. Es genĂŒgt nicht, die Schulen "ans Netz zu hĂ€ngen"! Die AktualitĂ€t der Freinet-PĂ€dagogik liegt darin, dass sie dem Einsatz moderner Kommunikationsmedien in der Schule einen pĂ€dagogischen Sinn gibt.

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Freinet-PĂ€dagogik und die moderne Schule
About this book
Information
Publisher
Studien VerlageBook ISBN
9783706558419
Year
2016Uschi Resch, Walter Hövel
Zur Bedeutung der Freinet-PĂ€dagogik heute
âDas ist gewöhnliche PĂ€dagogik: Ungefragte Antworten und unbeantwortete Fragen.â
Karl Popper
Zwischen Musterschule und Gegnerschaft
Die Freinet-PĂ€dagogik gibt es seit 1920. Sie schafft es seit Jahrzehnten nicht zu veralten, sondern immer wieder bei der Schaffung der modernen âModernen Schuleâ mitzuwirken. Sie wird zusehends von Seiten der Wissenschaft als Beispiel gebend anerkannt und von Seiten der bildungspolitischen Entwicklungsplaner als zu untersuchendes Objekt betrachtet.
Hier taucht sie auf mit einer vorzeigbaren âMusterklasseâ, dort mit einer âModellschuleâ. An einigen UniversitĂ€ten gibt es sie in antiquarisch-historischer Form, indem die Originalliteratur Freinets eingereiht wird in alte reformpĂ€dagogische Modelle, andere schicken ihre Studenten los, um jene âalternativen Unterrichtsformenâ zu erforschen, um die Frage disputieren zu lassen, ob sie wohl fĂŒr die Regelschule geeignet wĂ€ren1. In der Lehrerinnenbildung tauchen mit immer gröĂerer RegelmĂ€Ăigkeiten Begriffe und Techniken der Freinet-PĂ€dagogik auf, wie etwa âFreie Texteâ, âVertrĂ€geâ, âWiedererkennen in der Mathematikâ, Klassenratâ, âKlassenĂ€mterâ, der âKreisâ, âFreies Arbeitenâ, die âDrauĂenschuleâ, und viele andere mehr. Andere Hochschulen richten Forschungsstellen ein, untersuchen sogar die heutige Praxis der Freinet-PĂ€dagogik. Die Frage von Freinet-StudiengĂ€ngen wird realisiert, die staatliche Organisations- und QualitĂ€tsentwicklung von Bildung und Erziehung lĂ€sst forschen, die Lehrerinnenbildung bietet das Thema als âZusatzqualifikationâ an.
Die Gegner der Freinet-PĂ€dagogik wie die Kommunalpolitiker, die Freinet einst aus dem Schuldienst trieben, die Inspektoren und SchulrĂ€te, die bis in die 90er Jahre Freinet-Lehrerinnen und -lehrer als Chaoten und unfĂ€hig diffamierten, die Professoren, die vor KuscheleckenpĂ€dagogik und antiautoritĂ€rer Werteverfall warnten, die Bildungspolitiker, die die Angsttrommel vor zu wenig Leistung und sinkendem Bildungsqualifikation rĂŒhren, scheinen sich weniger mit uns zu beschĂ€ftigen. Sie scheinen eigenen oder anderen Problemen nach zu laufen. Aber diese Gegnerschaft kann uns auch heute noch und wieder begegnen.
Woran liegt das?
Es sind in der Regel politische GrĂŒnde, denn die Freinet-PĂ€dagogik ist durch und durch dehierarchisch, also ein Dorn im Auge aller in autoritĂ€ren Kategorien denkender Menschen.
Die Freinet-PĂ€dagogik arbeitet daran, lernenden Menschen ihre Macht ĂŒber sich selbst zurĂŒck zu geben. Sie gibt den Menschen ihre eigene Verantwortung zurĂŒck. Sie organisiert die Aneignung der FĂ€higkeiten zur Selbstorganisation der lernenden Menschen. Systemisch ausgedrĂŒckt könnte das auch bedeuten, dass wir das Lernen Lernen lernen.
Sie ist immer als eine linke PĂ€dagogik anerkannt worden, die sich von der Vision einer egalitĂ€ren, libertĂ€ren, kooperierenden Gesellschaft leiten lĂ€sst. Sie unterscheidet sich zumindest an zwei Stellen von veralteten âlinkenâ Vorstellungen. Sie folgt nicht der Idee einer âZwangsbeglĂŒckungâ der Menschen in einem âbesseren Systemâ, sondern geht den Weg der Selbst-Organisation und Selbst-Befreiung der Menschen. Der zweite Unterschied ist der, dass solche âVisionenâ der Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung schon heute gelebt werden, wo und wann immer das möglich ist. Die Mitglieder der Freinet-Bewegung sind dabei an keine politische oder religiöse Weltanschauung gebunden.
Diffamierungen kamen und kommen aus dem Lager des Extremismus, aus dem Lager des faschistischen, fremdenfeindlichen oder anti-demokratischen Gedankenguts oder aus religiös-fundamentalistischen Kreisen.
UnverstĂ€ndnis ernten wir von solchen Menschen, die z.B. als Wissenschaftler in Descartâschen DenkgebĂ€uden, oder Politikern, die in alten Links-Rechts-Schemata gefangen sind.
Schwierigkeiten der Vermittlung unseres Handelns haben wir bei Menschen, die aus gesellschaftlichen Ăngsten und Unsicherheiten heraus, die Schule und ihre Selektion fĂŒr wichtiger halten als die Entwicklung und das Leben ihrer Kinder.
Warum ist Freinet-PĂ€dagogik so erfolgreich?
Ein entscheidender Grund ist der, dass sie zwei Dinge gleichzeitig tut, die sonst als GegensĂ€tze angesehen werden: Sie organisiert fĂŒr jeden einzelnen Lerner einen eigenen Lernweg, der einerseits uneingeschrĂ€nkt die individuellen Interessen und Kompetenzen als Ausgangspunkt und Ziel hat, andererseits jedes Lernen in die Kooperation der eigenen Lerngruppe, als auch in die Kooperation mit der realen Umwelt einbettet. Demokratische Lern- und Arbeitstechniken ermöglichen die gegenseitige Befruchtung von individuellem und gemeinsamen Lernen.
Sie ist so erfolgreich, weil sie dem Lerner nicht defizitĂ€re BedĂŒrfnisse unterstellt, sondern alle seine Kompetenzen als Mittel des eigenen Lernens und Erkennens in verschiedenen Formen freisetzt und ihm seine FĂ€higkeiten als Arbeitsmittel bewusst macht. Mittel dieser Lernstrategien sind u.a. der freie Ausdruck, handlungsorientiertes ganzheitliches Lernen mit allen Sinnen, tastende Versuche, experimentelles Lernen, die Methode Naturelle, Techniken der verbalen und nonverbalen Kommunikation, selbstorganisiertes, geplantes, verbindliches Lernen in freier Kooperation.
Sie ist so erfolgreich, weil ihr Lernen ein systemischer Vorgang ist. Sie folgt nie einem starren System eigener Methodik und Didaktik. Jede Lerngruppe baut ihr eigenes, typisches Lernsystem auf. Dieses wird stĂ€ndig durch die eigene Arbeit und die eigene systeminterne Evaluation korrigiert, sie wĂ€chst stĂ€ndig durch die Ăbernahme neuer Lern- und Arbeitstechniken, die Freinet-Lehrerinnen und Freinet-Lehrer durch ihre professionelle selbstorganisierte Weiterbildung einbringen.
Das System âFreinetâ korrigiert sich stĂ€ndig selbst, im Klassenrat, als GesprĂ€ch, im Kreis, in der Arbeitsplanung, der PrĂ€sentation, in der Freinet-Gruppe, auf Treffen, in Ateliers, durch die Kooperation mit Eltern.
Die Korrektur, die selbstkritische VerĂ€nderung der Lernprozesse ist fĂŒr FreinetpĂ€dagogen nicht die Ausnahme, sondern Prinzip der Arbeit.
Wo können nun Probleme auftauchen?
Das hĂ€ufigste Problem fĂŒr Freinet-PĂ€dagogen ist, wie bereits beschrieben, seit Anbeginn dieser PĂ€dagogik die Diffamierung durch politische kommunale Kreise oder schulische Behörden, Vorgesetzte wie Schulleiter oder Inspektoren, die dann meist politisch motiviert sind oder der Unkenntnis dieser Menschen bezĂŒglich der Funktionsweise dieser PĂ€dagogik entspringen. Diese Ursache verschwindet mit zunehmender Reform des Schulwesens in den letzten Jahren mehr und mehr.
Ein zweiter Grund kann in Ăngsten und Ressentiments von Eltern begrĂŒndet sein. Der vorhandene gesellschaftliche Druck, den die Eltern bezĂŒglich der Schulkarriere ihrer Kinder unter dem Aspekt schlechter Zukunftsperspektiven spĂŒren, die eigene negative Schulerfahrung, die nicht verarbeitet wurde, können das Vertrauen in die LernfĂ€higkeit ihrer eigenen Kinder beeintrĂ€chtigen und dies kann auf die Schule ĂŒbertragen werden.
HÀufig wird das Kind gezwungen, zu Hause nach anderen Methoden als in der Freinet-Klasse zu lernen, zu pauken. Das Kind erfÀhrt genau den Druck, den die Freinet-PÀdagogik ablehnt. Das Kind verliert die Freude am Lernen, seine Leistungsbereitschaft, es beginnt schlechter zu lernen.
Der Kreislauf einer self-fulfilling prophecy beginnt zu wirken. Trotz Freinet in der Schule beginnt das Kind âschlechterâ zu werden. Zuhause hört das Kind das Schimpfen ĂŒber die Schule, Beschwerden und Unterstellungen.
Meist reagieren die Kinder so, dass sie zunĂ€chst spĂŒrbar traurig werden. Sie ziehen sich zurĂŒck, distanzieren sich vom selbstĂ€ndigen Lernen und beginnen, vorgegebene Aufgabenstellungen einzufordern. Sie beginnen, âsich vor der Arbeit zu drĂŒckenâ.
Da sie am Nachmittag oder am Abend zu Hause unter Druck lernen mĂŒssen, beginnen sie am Vormittag in der Schule zu âfaulenzenâ, zu âspielenâ, âUnfug zu machenâ. Sie versuchen einen Freiraum fernab vom Lernen zu erobern. Dies kann bis zur totalen Arbeitsverweigerung und zu aggressiven Handlungen fĂŒhren.
Eltern sagen dann, âmein Kind lernt nichts in der Schuleâ, eine nachweisbare Behauptung. Sie wollen oder können nicht sehen, dass sie selbst die Initiatoren dieses Prozesses sein könnten. Freinet-Lehrer reagieren darauf nicht âmit dem Anziehen der ZĂŒgelâ oder der Devise âDaumen draufâ. Vielmehr suchen sie einerseits das offene, erklĂ€rende GesprĂ€ch mit den Eltern, andererseits mit dem Kind, einzeln oder in der Klassengemeinschaft. Sie versuchen, ihm Angebote zu machen, ihre traumatische Situation zu verarbeiten.
Sie empfehlen das freie Malen und Zeichnen, das freie Schreiben, kinderinterne âSorgengesprĂ€chskreiseâ, das FĂŒhren geheimer âSorgenbĂŒcherâ, freien Ausdruck in Tanz, Musik- und Theaterspiel. Behutsam wird das Kind immer wieder zur systematischen, selbstverantwortlichen Arbeit aufgefordert, immer wieder wird es an kooperierende Arbeitsgruppen heran gefĂŒhrt. Es wird aber weder gezwungen, noch ĂŒberredet, noch ĂŒbertölpelt, im gleichen MaĂe, wie die allgemeinen Regeln in der Klasse auch von diesen Kindern eingehalten werden mĂŒssen. Das Kind und sein Problem werden ernst genommen, die BewĂ€ltigung des Problems ist nun seine wichtigste Lernaufgabe. Fatal sind hier Schulleitungen oder auch Kollegen, die die (hilflose, nicht professionelle) Forderung von Eltern nach mehr Druck auf die Kinder unterstĂŒtzen. In solchen Situationen mĂŒssen Freinet-Lehrer oft die UnterstĂŒtzung anderer schulischer oder auĂerschulischer Beratungspersonen suchen.
Zuerst muss immer dem Kind geholfen werden, nicht den Eltern. Sollten diese auch nach GesprÀchen kein Vertrauen in die Lernweise der Freinet-Klasse gewinnen, können sie in den Unterricht der K...
Table of contents
- Cover
- Titel
- Impressum
- Inhalt
- Harald Eichelberger, Christian Laner: Vorwort
- Harald Eichelberger, Eva Filice: Freinet-PĂ€dagogik â ein Konzept fĂŒr jede Schule
- Uschi Resch, Walter Hövel: Zur Bedeutung der Freinet-PÀdagogik heute
- Gerhard und Pia-Maria Rabensteiner: Politisches Bewusstsein durch Freinet-PĂ€dagogik
- Eva Filice: Auf der Suche nach Freinet in Italien
- Jochen Hering, Walter Hövel: Miteinander reden â miteinander arbeiten
- Werner Hangartner: Mathematik in der Freinet-PĂ€dagogik
- Christian Laner: Lernen im virtuellen Raum
- John Bronkhorst: Freinet-PĂ€dagogik und neue Medien
- Elisabeth Furch: Interkulturelle PĂ€dagogik und die PĂ€dagogik CĂ©lestin Freinets â BerĂŒhrungspunkte?
- Literaturempfehlungen
- Autorinnen und Autoren
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