"Ich lass mich von den Geschicken tragen"
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"Ich lass mich von den Geschicken tragen"

Briefe und Fragmente einer jüdischen Familie aus Wien 1939-1941

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"Ich lass mich von den Geschicken tragen"

Briefe und Fragmente einer jüdischen Familie aus Wien 1939-1941

About this book

Mit einer der letzten Schiffspassagen gelingt 1939 dem 15-jährigen HERBERT PETER SECHER MIT SEINEN ELTERN DIE EMIGRATION IN DIE USA. Während Teile seiner Familie nach Palästina, Sydney und Riga fliehen, bleiben fünf Personen in Wien zurück. 1994 entdeckt Herbert Peter Secher im Nachlass seiner Mutter die vollständige Korrespondenz der Wiener Familie mit seinen Eltern und Onkeln in New York. Die Familien in New York, Haifa und Australien überleben, doch die Spur der in Wien verbliebenen ebenso wie der nach Riga geflohenen Familienmitglieder verliert sich im Holocaust. NEUE PERSPEKTIVE AUF DEN ALLTAG IM NATIONALSOZIALISMUS Das Buch versammelt 160 BRIEFE UND BRIEFFRAGMENTE AUS DEM NATIONALSOZIALISTISCHEN WIEN. Diese oft sehr privaten Quellen der als Juden verfolgten Familienmitglieder ermöglichen einen neuen Blick auf den Nationalsozialismus in Österreich. Die Briefe an Familie und Freunde zeichnen das alltägliche ERLEBEN DES EXTREMEN, die sich steigernde Verfolgung, Entrechtung und Erniedrigung, den Raub von Existenzen, Besitz und Vermögen sowie die wirtschaftliche Marginalisierung und Ausbeutung aus der Perspektive der Opfer nach. Die Dokumente lassen das Wechselspiel von Hoffen und Bangen unmittelbar werden.

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Information

Year
2015
Print ISBN
9783706550284
eBook ISBN
9783706558037

Briefe 1940

Wien am 1. Jänner 1940
Alle meine Lieben und Theuren!
Erst an Dich, mein guter Otto, deinen l. Brief vom 16. 12. erhielten wir früher als den des l. Emils. Ich habe dir ihn gleich beantwortet durch eine Karte. Ich freue mich, dass es Euch Gottlob gut geht und dass Ihr schon so viel verdient damit Ihr leben könnt und Euch eventuell etwas anschafft was Ihr dringend benötigt. Nur müßt Ihr Euch halt plagen. Und ich denke wie gut es wäre, wenn die Mama Bock oder ich bei Euch wäre um Euch den Haushalt zu führen. Aber unglücklicherweise geht dies leider nicht! Nun zu dir mein lieber teurer Bruder, ich lese zwischen den Zeilen, dass du dich unglücklich fühlst, dass du noch keinen ‚Job‘ hast. Das darfst du auf keinen Fall. Du wirst schon, mit Gottes Hilfe, etwas finden, was für dich passt. Habe nur Geduld und denke an hier. Auch kränkst du dich wegen der Fahrkarten! Nicht wahr! Wenn der Willi nichts hergeben will, so kann man eben nichts machen. Ich denke oft, wie unrecht ich dir gegeben habe, wenn du gesagt hast, er ist kein guter Mensch. Jetzt sehe ich, dass es doch so ist wie du gesagt hast, denn Mama Schab kränkt sich sehr, dass er nicht ein paar Zeilen schreibt, nicht einmal von den eigenen Kindern. Es ist dies das Wenigste, was man von einem Kind verlangen kann, zu schreiben in so einer Zeit, wo doch die Briefe unsere einzige Freude sind. Du, liebster Hansi hast mehr Glück, deine Blumenerzeugung hat sich bewährt, aber du bist auch sehr geschickt. Und es zahlt auch sehr schön, mit 12 Dollar wöchentlich. Nur ist es nicht zu anstrengend für Dich! Besser wär, wenn Emil schon etwas hätte! Nun es wird auch schon kommen. Heute ist Donath hier abgereist und wird sich am 3. I. von Triest aus mit der „Vulkania“ ein schiffen. Ich habe Ihm deine Adresse gegeben. Wir haben sein Zimmer das er bewohnte gemiethet. Es ist in der Lessinggasse 15/6, also nicht weit von hier. Auch Tragholz hat dort ein Zimmer, er ist heute übersiedelt und wir wollen Donnerstag oder Freitag dorthin übersiedeln. Es ist jetzt sehr kalt und viel Schnee, dort werden wir einen eisernen Ofen zum heizen haben, man bekommt sehr knapp Petrol. Die l[iebe]. Mutter wird während des Wirbels bei Mama Schabs bleiben. Soeben war Ella bei uns. Ich habe den Schreibtisch und Küchenkasten verkauft, indem ich unser Geld „versteckte“, es ist so schwer etwas jetzt zu verkaufen, sie wollen alles umsonst. Soeben war ein Spediteur da, der verlangt 35 M für die Übersiedlung. Und extra Trinkgeld! Gerade genug! Und putzen muß ich auch noch lassen, denn die Wohnung ist ein Saustall. Aber was soll man machen. Ich habe es noch gut getroffen, denn ich habe doch die Küche fast für mich alleine, das Zimmer ist separiert und WC im Vorzimmer. Hoffentlich wird es nicht lang dauern bis wir fort können! Mein lieber guter Emil, du bist wirklich brav. Du hast alle Aufträge, die dir die Diversen Bekannte aufgetragen, alle erledigt auf keinen hast du vergessen. Gott soll es dir lohnen. Herr Streit hat sich sehr gefreut über die Postkarte gefreut, die Du von seinem Neffen bekommen hast und er ist sehr neugierig worüber ihr beide redet. Nun, das „Kapitel Hans“ [Hans Samec, Ollys Verlobter, der Wien mit einem Shanghai-Visum verließ] ist auch abgeschlossen, seit er nun vor fast drei Wochen ging.
Nun musst Du aber an Dich denken, Emil! Wir sind glücklich von Herbertl zu hören. Gott sei Dank geht es ihm gut. Wie hat er seine Ferien verbracht? Hier passiert nichts – es war so traurig für uns. Letzte Woche erhielt Post von Irma. Sie will, dass wir dort [brit. Mandat Palästina] illegal hinkommen. Sie trägt schwer, dass sie uns so gar nicht helfen kann. Von Mama Bock haben wir gerade ein kleines Paket Butter erhalten. Sie dürfen sonst nichts aus der Schweiz senden, glaub ich. Das ist wirklich schade, könne wir hier doch alles gut gebrauchen …
Ich umarme euch alle meine innigstgeliebten, und küsse euch einer nach dem anderen, ich denke immer an euch, eure Mama, Schwester, Schwägerin und Tante Marie. Viele viele Küsse von Großmutter und von Vater ein frohes Neues Jahr! Ein besseres und glücklicheres als die beiden letzten. Auch viele herzliche Grüße an alle lieben Verwandten, besonders an Hannah und ihren Mann.
[Brief endet hier ohne Unterschrift]
[datiert von fremder Hand:] 1. 1.1940 (?)
[…] du von seinem Neffen bekommen hast. Er ist schon neugierig, was du mit ihm gesprochen hast. Das Capitel Hans ist auch schon erledigt, da er bereits 3 Wochen fort ist. Du hast gewiss viel Spesen dazu gebraucht. Nun, jetzt denke nur an Dich. Hast Du Poldi Ball gesprochen. Hörst Du was von Dolfi. Sehr gefreut haben wir uns über unseren Herbertl. Gottlob, dass ihn gut geht. Seid froh und glücklich, dass Ihr nicht hier seid. Hier ist „Choischech und Temne“ 3. Wie habt Ihr die Feiertage verbracht. Hier war nichts los, nur sehr traurig für uns. Von der l. Irma erhielt auch vorige Woche Post. Sie möchte, dass wir ill [?]. hinfahren. Sie kränkt sich, dass sie für uns nichts machen kann. Zur Regine komme beinahe täglich auch Papa. Sie sowie die Dora hatten die Grippe aber jetzt geht es ihnen wieder gut. Vom Mann hören sie nichts. Sie tun mir wirklich sehr leid. Von Mama Bock erhielt diese Woche ein Packerl Butter. Ich glaube, anderes dürfen sie aus der Schw[eiz] nicht schicken. Es ist sehr schade, denn es kommt uns alles sehr gut. Mutter möchte Euch zuschreiben, aber sie ist mit ihren Sachen packen beschäftigt. Sie sagt: im nächsten Brief. Nun meine Lieben, ich könnte noch schreiben, fragen u. erzählen, aber leider habe keine Zeit, da auch Irma u. Mama Bock schreiben muss. Du meine geliebte kleine Stelli, sei mir nicht böse, dass ich dich nicht erwähne, aber alles was ich schreibe, gilt auch für dich, obzwar Hansi schreibt, du hast für deinen Lieblingsonkel keine Zeit. Oder wollte Hansi mich häckeln [wienerisch für sticheln]. Aber nichts für ungut. Seit alle, alle unsere Lieben herzlich umarmt und der Reihe nach geküsst von Euerer stets an Euch denkenden Mutti, Schwester, Schwägerin und Tante Marie.
Viele viele Küsse von Grossmutters und Vater, Ein Prosit Neujahr! Ein besseres und glücklicheres als die letzten vergangenen.
Viele innige Grüsse, an alle lieben Verwandten, besonders an
Hannah und Mann
Wien am 9.I.1940
Meine Lieben, Otto u. Stella, Emil, Hansi u. Herberti!
Obzwar ich diese Woche noch keine Post von Euch habe, so schreibe Euch trotzdem, damit Ihr nicht ohne Nachricht von uns seid. Wir haben eine sehr schwere Woche hinter uns. Bei 15 Grad Kälte mussten wir übersiedeln, dabei hat uns der Spediteur aufsitzen lassen, statt Donnerstag konnten wir erst Freitag ausziehen. Ich war nur glücklich, dass die l. Grossmutter bei diesem Wirrwarr gut aufgehoben war. Mama Schab u. Ella waren so lieb sie von Donnerstag bis Samstag bei sich zu behalten, bis ich sie abholte. Meine Lieben, ich kann Euch nicht beschreiben, wie mir zu Mute war, als ich meine alte Wohnung verließ und in diese schmutzige Kaluppe [kleine, armselige Behausung] übersiedelte, aber ich habe es noch gut getroffen. Der alte Hacker ist ein sehr netter, alter Herr, und Familie Tragholz, die auch ein Zimmer haben, sind auch sehr sehr lieb und nett und helfen uns, wo sie können. Tragholz hat mit Vater alle Kleinigkeiten, Geschirr, Bettzeug u.v.a. herübergetragen, und ich bin froh, dass ich schon soweit hab. Das Zimmer ist sehr klein, ich habe soviel verkauft, verschenkt und auf Holz zerhackt, denn man bekommt schwer Petroleum Und trotzdem noch soviel Kram. Ich habe nur einen Wunsch, dass wir recht bald alle gesund von hier heraus kommen. Liebster Emil, ich dachte, als du von uns fortfuhrest, es kann nicht mehr ärger werden, und es ist noch ärger gekommen. Erstens diese Choischech, dann nichts zu Achelen [jiddisch Essen]. Aber die Hauptsache, die Grossmama fühlt sich sehr wohl hier. Frau Tragholz liest ihr jeden Wunsch von den Augen ab. L. Emil, was ist mir dir. Hast du schon etwas gefunden. Vergangene Woche war Fr. Z. hier und hat gesagt, das das G. noch von der Schiffsgesellschaft nicht […], wenn es nach Z. kommt, so wird es dir hingeschickt, so hat mir Mama Schab gesagt. Was machst du, mein teurer Otto, und du, liebste Stelli. Deine l. Mutti hat mir einen sehr lieben Brief geschrieben, der mir grosse Freude bereitet hat. Auch v. Irmi habe eine Karte erhalten. Auch Mama Neumann war sehr nett und hat sich der l. Mutter liebevoll angenommen. Die arme Ella tut mir sehr leid, da ihr das alles noch bevorsteht. Was machst du, l. Hansi, und du mein lieber goldener Herbertl. Ich schliesse wegen Platzmangel. Seit alle, alle vielmals umarmt und geküsst von Eurer Mutti, Schwester, Schwägerin und Tante Marie
[Datum von fremder Hand] 9.I.1940
[wohl zweites Blatt eines Briefes]
[…] also ihr seht, ich brauche genug. Aber ich werde noch eine Weile auskommen. Ihr braucht Euch um uns keine Sorgen zu machen. Vorige Woche war Papa wegen Anmeldung nach P[olen] in der Rothgasse 4, aber es ist noch gesperrt für Neuanmeldungen, da jetzt nach dem 15. ein Transport abgeht. Dann sind erst wieder Anmeldungen. Lieber Emil sei ohne Sorge, die Mutter werde nicht hier lassen, und wenn man sie nicht nimmt, so werde halt auf Amerika warten. Aber ich glaube man nimmt auch alte Leute, nur muss man entsprechend zahlen, am liebsten wäre mir, wenn man dies im Ausland einzahlen könnte. Denn mit den Streit ist dies eine eigene Sache, sie will gar nicht weg, denn hier haben sie zum Leben und draußen sind sie Bettler, und was können so alte Leute schon machen. Wo es für junge so schwer ist, unterzukommen. Von der l. Irmi bekomme regelmäßig Post. Benno hat jetzt ein größeres Geschäft gemacht und geht es ihnen Gottlob gut, auch Irmi plagt sich, denn Vormittag macht sie ihre Wirtschaft und dann hilft sie bei ihren Schwager in der Bäckereierzeugung. Mein guter lieber Otto, wegen der 2 Bilder die du hast, behalte sie oder gib sie der l. Stelli. Ob du oder Irmi, ihr seid mir beide gleich lieb und wert, und was ich Euch wünsche, soll nur in Erfüllung gehen. Du schreibst, ich möchte lieber zu Irma und Heinzerl, als zu Euch, ich möchte bei Euch allen sein, ich kenne ja keinen Unterschied. Nur nicht hier sein. Und je früher je besser, denn ich habe große Sehnsucht nach Euch allen. Dir mein lieber Herbertl danke ich vielmals für deine l. Zeilen, es soll dir weiter recht gut gehen, du sollst ein froher, glücklicher u. freier Mensch sein, und wir sollen nur immer Gutes von dir hören. L. Hansi, auch dir vielen Dank für deine l. Zuschrift, wir haben uns sehr gekränkt, dass du dich so unglücklich fühlst, und plagen musst, aber es wird schon besser werden, wenn nur Emil soviel verdient, dass du nicht mithelfen musst, und dann denke an die letzten Monate, die du hier mitgemacht hast und wie viele dich beneiden. Dir meine liebste Stelli habe zu deinem Geburtstage gratuliert, hoffentlich habt ihr den Brief rechtzeitig erhalten. Bitte, schreibt jetzt nicht doppelt, denn es ist schade um das viele Porto das ihr ausgebt. Nun lebt wohl, alle alle meine Theuren, ich küsse Euch alle der Reihe nach, und vertragt Euch!!! Eurer Mutti, Schwester, Schwägerin und Tante Marie
Grüsse v. Vater.
Nachsatz Handschrift der Großmutter: Herzliche grise u 1000 kisse von Eurer Mutter u Gross Mutter auch Meiner vile meine liben verwante Sani Secher
[Nachsatz Handschrift Marie:] Lieber Emil, bist du zufrieden wenn Mutterl zuschreibt. Werde auch morgen wenn ich auf die Post gehe, die Briefe der Mama Schab u. Ella mitnehmen.
Wien am 15.I.1940
An alle meine lieben u. Theuren in ihrer neuen Heimat! Otto u. Stelli, Emil, Hansi u. Herbertl!
Nach einer Pause von 14 Tagen, erhielten wir endlich am Samstag den 13./I. Eure lieben Briefe vom 24. 12., du l. Emil wirst ja wissen, wie nervös die l. Mutter schon war. Ansonsten würdest du staunen, wie gut sich die l. Mutter in allen dreingefunden hat. Besonders in der neuen Wohnung, da sie doch Anschluss hat, Fr. Tragholz ist sehr nett und zuvorkommend, sie macht ihr jeden Abend das Thermofor. Ich weniger, da alles so eng, so primitiv und so schmutzig ist. Aber der Mensch gewöhnt sich ja an alles, und die einzige Hoffnung, dass es nicht lange dauern wird. Wir hatten jetzt.sehr kalte Tage, -18–20 Grad Kälte. Aber wir haben wenigstens ein warmes Zimmerl. Vater hat ein eisernes Öferl gebracht, und wenn wir Kohle bekommen, so heizen wir den ganzen Tag. Du, mein lieber guter Emil, scheinst sehr deprimiert zu sein, dass du noch keine Beschäftigung hast, ich kann dich ja sehr gut verstehen, ein Mensch wie du, der von seinem 14. Lebensjahr immer gearbeitet hat, aber du musst Geduld haben, du wirst schon mit Gottes Hilfe etwas finden, was für dich passt. Sei nicht undankbar dem Schicksal, denke was viele unsere Glaubensgenossen mitmachen, und danke dem l. Gott, dass du draußen bist. L. Emil, Hans ist schon 4 Wochen fort, hat noch kein Lebenszeichen gegeben, und du schreibst noch immer von ihm. Zur Regine u. Dora gehe beinahe täglich, da ist ja sonst nirgends wo zu gehen habe, außer zur M. Ringel, die übrigens auch ausziehen musste, da das Hotel zu anderen Zwecken adaptiert wird. Und was das Naschen anbelangt, das musste man sich abgewöhnen, aber das ist das Allerwenigste, die Hauptsache ist, das wir nur gute Nachrichten von Euch bekommen. Mama Bock hat uns vergangene Woche ein Liebesgabenpackerl gesendet. Chokoladepulver u. Condensmilch. Schade, dass man keine anderen Sachen schicken darf, aber wir sind mit allem zufrieden. Also Hansi hat jetzt eine Arbeitspause, schadet ihr nicht, wenigstens ruht sie sich ein bisserl aus. Und von Herbertel erwähnst du nichts. Meine Lieben, wenn wir nur ein Wenig Hoffnung hätten, bald mit Euch vereint zu sein! Aber wir haben sehr spät registriert. Wie habt Ihr die Feiertage verbracht. Wenn uns nur das neue Jahr die Erlösung bringen möchte! Auf Wunsch der l. Hansi hat Mutter ein paar Zeilen zugeschrieben, und du mein goldener Otto, liebste Stelli, seit nicht böse, dass ich eigentlich nicht an Euch direct schreibe, aber es gilt Euch allen. Nun lebt wohl alle. alle meine Theursten, seit innigst geküsst von Eurer Mutter etc.
[es folgen einige unleserliche Worte, Handschrift: Marie]
Wien am 24.I.1940
An alle Lieben und Teueren!
Emil, Hansi, Otto u. Stelli u. Herbertel!
Nach 14 tägiger Pause erhielt endlich Eueren l. Brief v. I. Jänner, auf welchen wir schon sehnsüchtig gewartet haben. Nur du mein l. Emil, wirst es ermessen, was so ein Brief für uns bedeutet! Auch von Mama Bock haben wir noch vom I./I. einen Brief erhalten, so war ich in grosser Sorge, da sie doch so fleißig schrieb. Nun am 22. erhielt auch von ihr ein Schreiben mit einer Zuschrift v. Irmi u. Benno. Auch ist sie übersiedelt und deshalb haben sich die Briefe verzögert. Meine Lieben nun zu Euch. Der Unfall der l. Frau Dora hat uns sehr berührt und hoffe, dass es nicht so arg sein wird, als es der erste Anschein hatte. Hier bei uns hat sich nichts geändert, ich bin schon mit der Wohnung gewöhnt, besonders da es Vater u. Grossmutter sehr gut gefällt und sie sich wohlfühlen. Wir haben jetzt seit Wochen eine sibirische Kälte, und viel, viel Schnee, für dich mein guter Otto, wäre das ein ideales Skiwetter. Für uns macht es sich unangenehm fühlbar. Wir haben zwar ein warmes Zimmerl, Vater schleppt sich mit Kohle ab, da man keine zustellt. Petroleum bekommt man noch weniger. Heute hat uns Streit 1 L. gebracht. Liebster Emil, ich kann dir gar nicht schreiben, wie Herr u. Fr. Streit sich mit den Zeilen gefreut haben, du als Fremder hast mehr für ihn getan als alle seine Neffen und Nichten, und wünscht dir recht viel Masel auf deinen Lebensweg. Er hat mich gebeten, ich soll in seinen Namen einen Dankbrief an dich schreiben, und wenn du antwortet, so schreibe, wie wenn ich extra einen Brief an dich geschrieben habe. Auch würde es ihn freuen, wenn Tibo Eston einmal direct an ihm schreiben möchte. Er freut sich riesig mit dem Affidavit. Nebbich! Er ist auch ein armer Teufel, er kommt täglich zu uns und leistet der Mutter Gesellschaft, wenn ich nicht zuhause bin. Aber ich bin meist zuhause, außer ich gehe zur Regine u. Dora und da bin ich wegen der Verdunkelung zeitlich daheim. Sie sind sehr bedauernswert, von Frieda haben sie noch immer kein Lebenszeichen, und wenn man etwas hört, so nichts Gutes. Zu essen haben wir, Süssigkeiten natürlich nicht, aber wenn wir nur Obst hätten, wären wir auch zufrieden, aber wenn es nicht ist, so muss man auch ohne dem leben. Von der Stütze das Essen ist schon ungeniesbar, aber sie haben leider nichts. Aber die Hautsache ist, wir sind alle gottlob gesund, nur ich verliere manchmal die Nerven. Mein einziggeliebten wir danken Gott täglich, dass Ihr noch rechtzeitig heraus seit. Denn wir wollen alles ertragen, wenn nur Ihr alles habt und gesund seit. Und du, mein l. Bruder wirst mit Gotteshilfe auch schon etwas finden, was deinen Kenntnissen entspricht. Mein teurer Otterl u. liebste Stella, schreibt mir bitte auch so ausführl...

Table of contents

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Vorwort
  5. Einleitung
  6. Briefe 1939
  7. Briefe 1940
  8. Wien Briefe 1941
  9. Personen