Nationalsozialismus in Wien
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Nationalsozialismus in Wien

Opfer. TĂ€ter. Gegner.

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Nationalsozialismus in Wien

Opfer. TĂ€ter. Gegner.

About this book

Was wird dargestellt?"Als FĂŒhrer und Kanzler der deutschen Nation und des Reiches melde ich vor der Geschichte nunmehr den Eintritt meiner Heimat in das Deutsche Reich." Mit diesen Worten beschließt Adolf Hitler am 15. MĂ€rz 1938 seine Rede am Wiener Heldenplatz. 250.000 Menschen, die auch aus den umliegenden BundeslĂ€ndern eingetroffen sind, jubeln ihm zu. Im nunmehr 8. Band der Reihe "Nationalsozialismus in den BundeslĂ€ndern" beschĂ€ftigen sich die Autoren unter anderem mit folgenden Fragen: Wie kommt es zum Aufstieg der Nationalsozialisten? Was begeistert die Wienerinnen und Wiener daran? Wie erleben junge Menschen diese Zeit und wie ergeht es den Wiener JĂŒdinnen und Juden? Was passiert am "Spiegelgrund"? Wie verlĂ€uft der Bombenkrieg in Wien? An wen richtet sich der BandDas Buch adressiert eine interessierte LeserInnenschaft und wird daher in einer leicht verstĂ€ndlichen Sprache ohne komplexe wissenschaftliche Terminologie und weitgehend ohne wissenschaftlichen Apparat geschrieben. Es fasst die Erkenntnisse der (lokalen) Geschichtswissenschaft somit fĂŒr einen breiten Kreis an Interessierten zusammen.

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Information

Publisher
StudienVerlag
Year
2017
Topic
History
eBook ISBN
9783706558808
Subtopic
World War II
Index
History
Nationalsozialismus in Wien

Wien 1918–1938

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Welche Auswirkungen hat der Erste Weltkrieg?

Die Schriftstellerin Gina Kaus beschreibt eine Demonstration Ende des Ersten Weltkriegs in der Herrengasse: „Bataillone der Arbeiterschaft“ kommen aus den Außenbezirken ins Zentrum. Von Euphorie ist bei ihnen, so Kaus, wenig zu spĂŒren. „MĂŒde und schmutzig, in elende Lumpen gekleidet, mit bleichen, abgezehrten Gesichtern kamen sie. Sie kamen schweigend. Sie trugen Plakate, auf denen stand: ‚Wir wollen Frieden und Brot.‘“1
Ein Bekannter von Kaus, der Schriftsteller Franz Werfel, fĂŒhlt sich dennoch in revolutionĂ€re Stimmung versetzt und ruft lauthals: „Nieder mit Habsburg! Es lebe die Republik!“2 Die ErnĂŒchterung erfolgt sofort, denn der deutschnationale Parlamentsabgeordnete Karl Hermann Wolf konfrontiert Werfel mit der Frage: „Sind Sie ein Deutscher?“3 Werfel ist Jude, und damit kein „Deutscher“ in den Augen eines Rassisten wie Wolf.
Dass Kaiser Karl I. im November 1918 angesichts der Niederlage im Ersten Weltkrieg zurĂŒcktritt, Wien verlĂ€sst und den Weg zur GrĂŒndung einer Republik frei macht, erscheint bis dahin unvorstellbar. Doch es geschieht: Nach 700 Jahren Regentschaft danken die Habsburger ab und hinterlassen Wien als eine europĂ€ische Metropole mit einem monströsen Apparat von BĂŒrokratie, Adel und MilitĂ€r. Über Nacht wird aus dem riesigen Reich des Vielvölkerstaates der Habsburgermonarchie mit seinen mehr als 51 Millionen Menschen ein Ministaat mit nur mehr 6,5 Millionen Menschen: Deutsch-Österreich. Vom imperialen Glanz bleibt Wien der Schatten der Vergangenheit.
Die Stimmung im Land ist dementsprechend gedrĂŒckt. Die Republik Deutsch-Österreich ist nicht das Ergebnis eines breiten politischen Willens, sondern das Ergebnis einer militĂ€rischen Niederlage, ein Staat wider Willen. Wie soll dieses kleine Land ĂŒberleben, das einem Wurmfortsatz der Habsburgermonarchie Ă€hnelt? Die FriedensvertrĂ€ge werden in Österreich wie in Deutschland als aufgezwungene KnebelvertrĂ€ge wahrgenommen, als eine Art zweite Niederlage nach der militĂ€rischen Katastrophe. Die deutschnationalen KrĂ€fte sinnen auf Rache, sehnen sich nach einer Wiederherstellung der verletzten Ehre der „Deutschen“ und trachten nach Abschaffung der FriedensvertrĂ€ge. Selbst die Konservativen haben fĂŒr die neugegrĂŒndete Republik nicht viel ĂŒbrig, noch im Monat der Ausrufung verunglimpfen sie diese abfĂ€llig als „Judenrepublik“.4 Das alles lĂ€sst nichts Gutes fĂŒr die Zukunft erahnen. Heute wissen wir: Der brĂŒchige Frieden sollte nur 21 Jahre lang dauern.
FĂŒr die Mehrheit der Wienerinnen und Wiener sind die angeblich „wilden Zwanziger Jahre“ alles andere als wild oder gar faszinierend. Sie sind mit vielerlei MĂŒhsal und Ängsten konfrontiert, mit der Sorge ums tĂ€gliche Überleben, mit der katastrophalen Unterversorgung an Lebensmitteln, einer drĂŒckenden Wohnungsnot und Arbeitslosigkeit, schließlich auch mit einer hohen Kindersterblichkeit. Ende 1918 wĂŒtet eine Pandemie in der Stadt, die „Spanische Grippe“. Sie rafft nicht nur die Armen und UnterernĂ€hrten dahin, sondern auch berĂŒhmte Persönlichkeiten wie den expressionistischen Maler Egon Schiele und dessen schwangere Ehefrau Edith.5 Schwer traumatisierte Soldaten und Verwundete mit amputierten Gliedmaßen prĂ€gen das Stadtbild Wiens. Revolutionen wie im benachbarten Ungarn und Bayern können jederzeit auch in Österreich ausbrechen, letztlich bleibt die Revolution aber aus.
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Die 1893 in Wien geborene Schriftstellerin Gina Kaus beschreibt in ihren Erinnerungen die unruhige Zeit rund um das Ende des Ersten Weltkriegs.
(Foto: ÖNB)
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Der 1890 in Prag geborene Franz Werfel wird einer der erfolgreichsten Schriftsteller seiner Zeit. Die revolutionĂ€re Stimmung zu Kriegsende 1918 reißt ihn mit. Sein „Revolutions-Aufruf“ gilt der Befreiung vom Leid: „BrĂŒllend verbrenne im Wasser und Feuer – Leid! Renne, renne, renne gegen die alte, die elende Zeit!“
(Foto: ÖNB)
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Der Erste Weltkrieg hinterlÀsst tausende Menschen, denen Beine oder Arme fehlen, die blind sind oder aufgrund traumatischer Kriegserfahrungen pausenlos zittern. Bei der Rede von Adolf Hitler am Heldenplatz erhalten sie einen Ehrenplatz. Bis zum Ausbruch des nÀchsten Krieges dauert es nur mehr eineinhalb Jahre.
(Foto: ÖNB)

Deutsch-Österreich – ein Teil Deutschlands?

WĂ€hrend die aus der Habsburgermonarchie hervorgegangenen Staaten wie Ungarn oder die Tschechoslowakische Republik sich ihrer von national gesinnten KrĂ€ften herbeigesehnten SelbststĂ€ndigkeit erfreuen, fehlt dieses befreiende GefĂŒhl einer eigenen Nationalstaatlichkeit in der neugegrĂŒndeten Republik Deutsch-Österreich völlig. Weder die politischen Parteien noch die Mehrheit der Bevölkerung glauben an die ÜberlebensfĂ€higkeit des neuen Staates. Es gibt eine große Bereitschaft, die Eigenstaatlichkeit Deutsch-Österreichs aufzugeben und das Land an Deutschland anzuschließen. Abstimmungen in Salzburg und Tirol enden mit der Zustimmung einer ĂŒberwĂ€ltigenden Mehrheit fĂŒr eine Angliederung an Deutschland. Doch die SiegermĂ€chte verbieten das in dem mit Österreich ausverhandelten Friedensvertrag von Saint-Germain-en-Laye. Ein Grund fĂŒr das Anschluss-Verbot ist die durchaus berechtigte Sorge, dass Deutschland ansonsten zu mĂ€chtig werden könnte. Auch der Staatsname Deutsch-Österreich muss abgeĂ€ndert werden. Am 21. Oktober 1919 beschließt das Parlament, den Staat fortan „Republik Österreich“ zu nennen.
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Der „Kikeriki“ ist ein radikales antisemitisches Witzblatt. Was immer in der Gesellschaft als Problem vorliegt: Hinter allem UnglĂŒck stecken die Juden, so die simple Botschaft. FĂŒr Antisemiten sind die Juden sogar Schuld am „Anschlussverbot“. In den 1930er Jahren sympathisiert die Satirezeitschrift offen mit dem Nationalsozialismus und wird deswegen 1933 verboten.
(Abbildung: „Kikeriki“, 3.5.1921, ANNO/ÖNB)

Ist Wien multikulturell?

Die Antwort ist einfach und unmissverstĂ€ndlich: Ja. In Wien leben 1918 Menschen aus allen Teilen der frĂŒheren Habsburgermonarchie mit unterschiedlichen Erstsprachen wie Tschechisch, Slowakisch, Ungarisch, Jiddisch, Ukrainisch, RumĂ€nisch, Polnisch, Romanes, Slowenisch, Kroatisch oder Italienisch.6 Sie alle prĂ€gen den Alltag in Wien: die SpeiseeishĂ€ndler aus Italien genauso wie die tschechischen Schuster, Schneider, Ziegelarbeiter und Ziegelarbeiterinnen, Ammen, DienstmĂ€dchen und Köchinnen. Sie prĂ€gen nicht nur den Alltag, sondern hinterlassen auch Spuren im Wienerischen. Strawanzen, Gspusi, Techtelmechtel sind einige der von den italienisch Sprechenden ĂŒbernommenen Wörter, barabern, pomali, Strizzi von den tschechisch Sprechenden. Beisl, Masen, Pofel und Reibach stammen aus dem Jiddischen.7
Wien bleibt bis zum Ersten Weltkrieg ein Magnet fĂŒr Menschen aus der gesamten Habsburgermonarchie, die Arbeit und neue Lebensperspektiven suchen oder die aus der geistigen Enge des Dorfes und der Kleinstadt ausbrechen wollen. Vor dem Ersten Weltkrieg ist deutlich mehr als die HĂ€lft e der Bevölkerung Wiens nicht in dieser Stadt geboren. Der Zusammenbruch der Monarchie veranlasst jedoch Tausende, aus Wien abzuwandern, etwa weil die Lebensmittelversorgung in ihrem Herkunft sland besser ist. Der Anteil der Menschen, die in Wien leben, aber anderswo zur Welt gekommen sind, geht daraufh in markant zurĂŒck. Bei der VolkszĂ€hlung 1923 leben in Wien aber immer noch knapp 30 Prozent, die in einem anderen Land als Österreich geboren wurden.
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Tabelle 1: GeburtslĂ€nder der Wiener Bevölkerung 1910–19348

Die tschechische und slowakische Bevölkerung

Obwohl zwischen 1918 und 1923 rund 150.000 Personen aus Wien in die Tschechoslowakei zurĂŒckwandern, bleiben die im Gebiet der Tschechoslowakei Geborenen weiterhin die wichtigste Zuwanderungsgruppe. 1934 umfasst diese Gruppe 292.880 Menschen, unter ihnen sind aber auch viele, die in deutschen Familien aufgewachsen sind. Nicht ohne Grund wird um die Jahrhundertwende vom „ČeskĂĄ VĂ­den“ gesprochen, dem tschechischen Wien. Wie wichtig diese Menschen fĂŒr das Gedeihen der Stadt sind, besingt ein Lied, in dem es heißt: „Wien ist Wien, aber ohne Tschechen wĂ€r’s hin“.9
Der tschechischen und slowakischen Minderheit in Wien kommt zugute, dass sie mit der 1918 neu gegrĂŒndeten Tschechoslowakischen Republik eine staatliche „Schutzmacht“ hat und Österreich sich sowohl im Friedensvertrag von Saint-Germain-en-Laye als auch im BrĂŒnner Vertrag dazu verpflichtet, Minderheitenrechte zu achten und auch Schulen fĂŒr tschechischsprachige Kinder zu betreiben.
Wie fĂŒr jede ethnische Minderheit gilt: Die „Wiener Tschechen“ gibt es nicht. Über 300 tschechische und slowakische Vereine „bilden das RĂŒckgrat der Minderheit“10 und sind Abbild ihrer VielfĂ€ltigkeit. Um ein Beispiel zu geben: Mitte der 1920er Jahre zĂ€hlen die tschechischen Sportvereine in Wien mehr als 10.000 Mitglieder. Sie unterscheiden sich durch ihre politische Orientierung und sind tschechisch-national, sozialdemokratisch, kommunistisch oder katholisch wie der Sportverein Orel.11 Der Fußballklub Slovan spielt bis 1930 in der höchsten österreichischen Liga und ist der Stolz der tschechischen Gemeinde.
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Zugewanderte aus Böhmen und MĂ€hren prĂ€gen das Wiener Stadt- und Berufsleben als Schneider und Schneiderinnen, als Ammen und Köchinnen, als Arbeiterinnen und Arbeiter in den Ziegelwerken am Stadtrand oder auch als Schuster. Sie alle sind fĂŒr das Wirtschaftsleben unentbehrlich, viele tschechische Namen erinnern noch heute an diese wichtige Gruppe.
(Foto: ÖNB)
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Der Tormann von Slovan verteidigt gegen den legendĂ€ren Rapid-MittelstĂŒrmer Richard „Rigo“ Kuthan. Slovan schlĂ€gt Rapid 5:4. Der Sportovni Klub Slovan ve VĂ­dni wird 1902 in Favoriten gegrĂŒndet. Zwischen 1923 und 1950 spielt Slovan neun Mal in der obersten Liga, 1924 erreicht die Mannschaft das Pokalfinale.
(Abbildung: „Illustriertes Sportblatt“, 17.10.1925, ANNO/ÖNB)
In den tschechischen und slowakischen Vereinen kommen die Menschen zusammen, die ihre Sprache und Herkunftskultur bewusst pflegen und an ihre Kinder weitergeben wollen. Aber der Anpassungsdruck ist groß. Das Zusammenleben bleibt von vielen WiderwĂ€rtigkeiten und eigenartigen Formen des Wiener SchmĂ€hs geprĂ€gt. Wer etwa in der Straßenbahn tschechisch spricht, lĂ€uft Gefahr, angepöbelt und nachdrĂŒcklich aufgefordert zu werden, gefĂ€lligst deutsch zu sprechen. Es gibt eine Kultur der Abwertung von Zugewanderten, des sich Lustig-Machens ĂŒber die anderen, die Ă€rmer sind, die die Sprache nicht beherrschen und nicht verstanden werden. Meist handelt es sich um eine bösartige Witzelei, bei Kindern fĂŒhrt dies immer wieder zu Raufereien, etwa wenn die tschechischen Schulkinder als „falsche Behm“ beschimpft werden.12 Der Druck der Mehrheitsgesellschaft fĂŒhrt auch zum PhĂ€nomen der Überanpassung, die den Makel der Herkunft beseitigen soll. Um Anerkennung in einer deutsch geprĂ€gten Umwelt buhlend, ĂŒberbetonen viele ihre deutschnationale Gesinnung. „Was ist den Herrn Stipany, Bolek, Sedlaczek, Busek, Krobot, Kaschka, Turek, Trepesch, Hora, Hryak, Matula, Ceremuga, Hawlitschek, Grzesicki, Kuna, Knotek, Walny, Abrahamsberg, Maurek, Luchesi, Stano, Bedra, Holuska, Jurda, Wanek, (
), Kusicka, Marschalek und Takacs gemeinsam? Sie alle haben bei den Gemeinderats- und Bezirksvertretungswahlen vom 24. April 1932 fĂŒr die Nationalsozialistische Arbeiterpartei (NSDAP) kandidiert.“13 Obwohl bereits die Namen die multiethnische Herkunft der Mitglieder der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei verraten, bekĂ€mpft sie dennoch das „slawische Blut“ in Wien. Die RealitĂ€t steht quer zur nationalsozialistischen Phantasie von einer „reinen“, „deutsch-arischen Herrenrasse“. FĂŒr Adolf Hitler und se...

Table of contents

  1. Cover
  2. Titel
  3. Inhalt
  4. Editorial
  5. Nationalsozialismus in Wien
  6. Anhang
  7. Impressum

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