Wer vergibt, ist Gott Àhnlich
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Wer vergibt, ist Gott Àhnlich

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Wer vergibt, ist Gott Àhnlich

About this book

Vergebung betrifft jeden von uns, aktiv und passiv, denn so wie wir liebesbedĂŒrftig sind, so sind wir auch heilsbedĂŒrftig. Das neue Buch Henri Boulads widmet sich in bilderreicher Sprache diesem lebensnotwendigen Thema auf unterschiedlichen Ebenen: Auf der geheimen, intimen Ebene des SchuldgefĂŒhls und der stillen Reue; der schmerzenden Ebene unserer Beziehungswelt; der heroischen Ebene der Feindesliebe, welche friedenstiftend vom Privaten bis ins Politische reicht; der schwierigen Ebene der amtskirchlichen Vergebungsbitten, die Papst Johannes Paul II. in Gang setzte; und der sakramentalen Ebene der klassischen Beichte - nicht weniger wirksam als jene der GlĂ€ubigen untereinander. Auch scheut sich Pater Boulad nicht, flammende Warnsignale zu senden gegen die 'infektiöse' soziale SĂŒnde, gegen die Tabuisierung der militanten Islamisierung des Westens oder der zunehmenden Christenverfolgung weltweit.

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Information

Year
2013
Print ISBN
9783701312023
eBook ISBN
9783701362028
KAPITEL EINS
WER IST HENRI BOULAD?
„Wenn du deinen Bogen der Wahrheit spannst, dann tauche die Pfeilspitzen in Honig.“
(arabische Weisheit)
Der Ă€gyptische Jesuitenpater Henri Boulad, ein vom Geist entflammter Mystiker und zugleich intellektueller Denker westlicher Schulung, hĂ€lt schuldhafte Vergangenheit fĂŒr korrigierbar. Echte Reue und wahre Vergebungsakte sind kein psychologisches Thema, sondern geistiges Geschehen auf höherer Ebene und damit ein unerlĂ€ssliches Element unserer individuellen Auferstehung. Nicht irgendwann, sondern „heute noch“ wird dem Verbrecher am Nachbarkreuz das Paradies versprochen. Dazu in der lebendigen Gemeinschaft mit Christus, „mit mir“, sagt er zu ihm. Schuldhafte Vergehen geistig ungeschehen machen? Ein Trost fĂŒr jeden, der das versteht und annehmen kann. Pater Boulads Sehensweise hier und jenseits von Raum und Zeit und in gewisser Weise schon am Zielpunkt, wo der Mensch vollendet und „Gott alles in allem“ sein wird, erlĂ€utert dieses Buch in vielen Aspekten und Beispielen – getragen von einer unbesiegbaren geistlichen Freude.
Das Wesen der Vergebung betrifft ausnahmslos jeden von uns, aktiv oder passiv, aufgrund von Verletzungen und Schuldzuweisungen, von Gewissensplagen und Selbstanklagen oder gar HöllenĂ€ngsten, oder in der bedingungslosen Liebe, die wir erfahren dĂŒrfen oder selber spenden. Ein Buch unter diesem Titel kann von diesem beliebten Autor, den wir bereits aus 14 BĂŒchern kennen (sĂ€mtlich in Österreich verlegt), nur eine Werbeschrift fĂŒr die Vollkommenheit der Gottesliebe sein, aus der niemand herausfallen kann. Seine Leserinnen und Leser wissen seit Jahren, dass das, was er sagt, auf persönlicher Erfahrung grĂŒndend, authentisch und leidenschaftlich dargebracht wird. Henri Boulad vermittelt Heilsgewissheit. Und was braucht unsere Christenwelt heute notwendiger als das? Die christlich orientierten Medien genieren sich nicht, ihn als einen „wahren Propheten unserer Zeit“ zu verkĂŒnden.
Henri Boulad ist arabischer Christ, 1931 in Alexandria geboren, wo er noch immer lebt, syrisch-libanesischer Abstammung. Seine Konfession ist griechisch-katholisch, also mit Rom uniert, sein Ritus byzantinisch. Er zelebriert die Heilige Messe in drei verschiedenen Riten: koptisch-katholisch, griechisch-katholisch und römisch-katholisch. Wenn er durch Europa tourt, seine begehrten VortrÀge hÀlt und Messen liest, dann singt er zuweilen unvermittelt einen arabischen Liedtext in fremdem Klang, oder er entlÀsst die Teilnehmer mit einem koptischen Segen.
Aus einer echten Levantinerfamilie des Orients stammend, sind seine Muttersprache und seine Kultur natĂŒrlich französisch. So erhielt er auch, ohne einen französischen Pass zu besitzen, hohe französische Verdienstorden (Ordre National du MĂ©rite und Ordre des Palmes AcadĂ©miques). Seine BĂŒcher, die ich aus dem Vortragsmaterial bereite und ins Deutsche ĂŒbersetze, enthalten bewusst einige französische Sprachspuren (mit Übersetzung), um dieses fĂŒr ihn typische Flair zu erhalten.
SechzehnjĂ€hrig wurde Henri Boulad wie von einem geistigen Blitzstrahl getroffen – sein Berufungserlebnis! Das war so klar, dass er heute noch die Uhrzeit auf der alexandrinischen Terrasse des elterlichen Hauses abrufen kann, es war um drei Uhr nachmittags. Seit dieser Stunde Ă€nderte sich fĂŒr ihn der Sonnenlauf. Alle TrĂ€ume warf er ĂŒber Bord und mit ihnen sein kĂŒnstlerisches Talent. Ab sofort wollte er sein gesamtes kĂŒnftiges Leben „Gott zur Freude im totalen Dienst am Menschen“ zur VerfĂŒgung stellen. Und bis heute gibt er sein Äußerstes, wobei weder die spirituelle Energie noch die Menschenliebe, die jeder in seiner NĂ€he spĂŒrt, nachlassen. Noch immer könnte er das Wort „Urlaub“ nicht einmal buchstabieren.
Ich verbĂŒrge mich fĂŒr alles, was ich hier sage, da ich ihn seit ĂŒber 30 Jahren kenne. Davon habe ich mehrere Jahre in seinem Land verbracht, wo mein Mann fĂŒr die Weltgesundheitsorganisation tĂ€tig war. Jahre spĂ€ter schmunzelte ein Salzburger Bildungshausleiter, der ihn vor dem Vortrag einfĂŒhrte: „Frau Westenberger hat ihn in der Ă€gyptischen WĂŒste entdeckt und ihn uns mitgebracht“. Aber schon bald zu Beginn dieser Entdeckung in Alexandria flĂŒsterte mir meine dortige Freundin die unvergessenen Worte zu: „Wir mĂŒssen sein Terrain vergrĂ¶ĂŸern, tĂ€glich sollte er im europĂ€ischen Fernsehen sprechen, dann wĂ€re vieles gerettet“. Nun, es gibt die BĂŒcher und die Vortragsreisen.
In diese lĂ€sst er sein Leben fließen, alles ist Erfahrung. Dank auch dem legendĂ€ren „Bandwurm“ einer Jesuitenausbildung – 14 Jahre, die er zwar ungeduldig, aber folgsam in Beirut, Paris und Chicago absolvierte. Seine FĂ€cher waren Theologie, Psychologie, Philosophie, Mystik und Literatur – herrliche FĂ€cher! Der hochmobile Orden setzte ihn dann auf sehr gegensĂ€tzlichen Feldern ein, z.B. 12 Jahre als Leiter der CARITAS-EGYPT, fĂŒnf davon als VizeprĂ€sident der CARITAS INTERNATIONALIS. PrĂ€gende Jahre! Deshalb finden wir auch in diesem vorliegenden Buch seine wiederholte Warnung vor der „infektiösen sozialen SĂŒnde“, weltweit immer gefĂ€hrlicher werdend, die er deshalb als Erbschuld klassifiziert. Er appelliert an alle VernĂŒnftigen, die Weichen anders zu stellen, bevor es zu spĂ€t ist. Viele Jahre war er auch Direktor von drei Kairoer Jesuitenschulen mit 1.600 SchĂŒlern, 60 Prozent davon Muslime – mit nicht unkomplizierter Elternschaft.
Sein Markenzeichen als Exerzitienmeister und Vortragender zwischen Kanada, Europa und der arabischen Welt bleibt die Reisetasche mit dem Flugticket. Er liebt, ja er verehrt die EuropĂ€er und glaubt fest an ihr großes Projekt. Er kennt den Menschen. Er kennt unsere Welt. Er kennt den Islam. Er lebt mit Gott, seinem Geliebten, in zĂ€rtlicher Vertrautheit, setzt Signale fĂŒr uns und sensibilisiert uns fĂŒr unseren Auftrag. Und bei allen Begegnungen spĂŒren die Menschen das Wahre, das Ehrliche, das Radikale. Dabei spricht er, fast möchte ich sagen, in der gelassenen Heiterkeit mancher Heiliger. Mit dieser Empfindung bin ich nicht allein.
Eigentlich ist dieses Buch bebildert. Es hat eine FĂŒlle lebendiger Szenen in Kraft und Farbe. Denn das ErzĂ€hlerische hat ein Orientale im Blut. Und wie oft ist von der Liebe die Rede, der Feindin des Bösen! Die Liebe vergibt, denn sie versteht, auf der geistigen Ebene zu handeln, zu opfern, und eine vergebende Person gottĂ€hnlich zu machen. Doch eines ist dieses Buch nicht – ein Studienobjekt fĂŒr Theologen. Hingegen wird es mit spĂŒrbarer Hoffnung dem spirituell Suchenden und oftmals irritierten Laienchristen in die HĂ€nde gelegt. Der Stil bleibt auch im deutschen Text leicht eingĂ€ngig wie wir ihn im französischen Original in freier Rede an den Mikrofonen kennen, immer im Augenkontakt mit seinem Publikum, fassbar, existenziell, temperamentvoll.
Sein Angelpunkt, sein Herzensanliegen, ist der Mensch und dessen Reifung zur Auferstehung. Es ist die Einzelperson in Gottes Hand, die sie fĂŒr die Ewigkeit schĂŒtzt und bereitet. Und er braucht unser Mitwirken in den Akten zwischenmenschlicher Vergebung. Reue und Versöhnung als Reinigungsvorgang auf dem gemeinsamen Weg zur Vollendung. Henri Boulad schaut in mystischer Kraft diesen Glutkern der Auferstehung in jedem von uns.
FĂŒr dieses lebenswichtige Thema der Vergebung entfaltet er diverse Ebenen. Die geheime, intime Ebene des SchuldgefĂŒhls und der stillen Reue. Die schmerzende Ebene unserer Beziehungswelt – Liebe und Ehe, Eros und Agape, Jugendarbeit. Die heroische Ebene der Feindesliebe, welche friedensstiftend vom Privaten bis ins Politische reicht. Die schwierige Ebene der amtskirchlichen Vergebungsbitten, die Papst Johannes Paul II. in Gang brachte, oder der neue ökumenische Ansatz. Die sakramentale Ebene der klassischen Beichte, aber auch eine Beichte im Zeichen des „Allgemeinen Priestertums“ (letztes Konzil) unter den GlĂ€ubigen, nicht weniger wirksam.
Und wie soll man diesen Geistlichen einordnen? Progressiv-liberal oder konservativ? Am besten in keiner Weise, er hasst fĂŒr sich wie fĂŒr andere Etiketten und Schubladen. Boulad hat Demut. RevolutionĂ€r ist er nicht, Tradition und Moderne mag er nicht streiten sehen, er will die Lager lieber verbinden und stĂ€rken, weil beide ihren Anteil an der Wahrheit haben. Christus, die Wahrheit selbst sammelt ein in Weisheit. Sein derzeitiger Vorgesetzter, der Provinzial im Libanon, gab ihm deshalb den Auftrag, eine Synthese des heutigen Glaubens zu verfassen – gemĂ€ĂŸ der von Papst Johannes Paul II. geforderten „Neuevangelisierung“. Aber seit Jahrzehnten schon lanciert Henri Boulad diesen Appell, denn er weiß nur zu gut, dass andere Wege in einer neuen Sprache der LehrverkĂŒndigung gesucht und gefunden werden mĂŒssen. Wenn nötig, sogar ĂŒber die BeschlĂŒsse des letzten Konzils noch hinaus. Hinweise fĂŒr eine erweiterte Handhabung der Sakramentenspendung können in diesem Buch gefunden werden.
Er sucht und ermutigt auch uns. Wir kennen ja seinen Ausruf: „Ich möchte dem Dekalog ein 11. Gebot hinzustellen – DU SOLLST SUCHEN!“
Hidda Westenberger
Herbst 2012
Klagenfurt am Wörthersee
KAPITEL ZWEI
GOTTÄHNLICHKEIT?
Vergebung und Versöhnung stammen aus Gott, es ist göttliches Tun durch den Menschen. So ist jeder versöhnungsbereite Mensch Gott Ă€hnlich. Bereits beim leisen inneren Anruf und unserer heimlichen Zustimmung weitet sich unser Menschenherz und wird grĂ¶ĂŸer als das Erscheinungsbild einer fremden Schuld. Schadlos wird es diese dunklen Schatten absorbieren, weil es am stillen, tiefsten Grund um die Liebe aller weiß. Wir sind ausnahmslos Kinder Gottes, wir sind Geschwister. Wer diesem anspruchsvollen Modell der GottĂ€hnlichkeit folgen will, wird auch Ă€ußerlich zum erkennbaren Gotteskind werden und damit zum BotschaftstrĂ€ger.
Gott ist wesenhaft nicht nur jenseits von Gut und Böse denkbar, sondern viel mehr, Gott ist in seiner unerschöpflichen Freiheit selbst das Gute. Göttliche Freiheit ĂŒberflĂŒgelt alle Bindungen und Vorstellungen, selbst jene, die sichtbar Gutes schaffen und erhalten wollen. In dieser souverĂ€nen Freiheit ist Gott auch stĂ€rker als alle irdischen Verschuldungen und das hat einen Namen: Liebe. Hier beginnen wir, ihn zu begreifen, denn die Liebe ist in all ihrer VitalitĂ€t und Schönheit nicht nur höher anzusetzen als das gepriesene Gute, sie ist mehr, sie ist immer noch mehr. Ja, ohne die Erhabenheit des Guten und Rechten zu mindern, kann die Liebe dich von jeglicher Schuld befreien! Christus verschenkt sein Verzeihen an uns millionenfach jeden Tag unter diesem Namen „Liebe“. Allerdings mit der stillen Bitte angebunden, dass auch wir uns sensibel in unserer Umwelt bewegen, um zu erspĂŒren, wo eine Vergebung dringend gebraucht wird.
Und der Himmel wird sich immer beteiligen, denn jede „Alltagsvergebung“, jedes einzelne Pardon ist ein geistiger Sieg ĂŒber das Böse und Schlechte, das die Welt in Atem hĂ€lt. Denn es hat mit Liebe zu tun. Sie bleibt als göttliche Energie und Weisheit das tiefste Weltgeheimnis und sie inspiriert uns leise: „Du bist Gott Ă€hnlich, weil du vergeben kannst.“ Jede Vergebung bringt dann Neubeginn, denn die Begriffe Vertrauen und Auferstehung wirken in ihr im Verborgenen und fordern das Böse heraus. Wie ist das möglich? Es ist möglich, weil das Verzeihen wissentlich oder unwissentlich auf der Basis der Liebe vollzogen wird und sie ist die Feindin des Bösen.
Wer vergibt, verliert nichts, er gewinnt! Er gewinnt, weil er wĂ€chst und er wĂ€chst ĂŒber sich hinaus. Dieses Wachstum wird sich spĂ€ter erweisen und es wird ihm und anderen hilfreich sein. Zu jeder Zeit und in allem Umfang ist die Vergebung ein Anruf zur SelbstĂŒberwindung, die fĂ€hig macht, das Unrecht des anderen in den eigenen stillen Grund hineinzunehmen, um dort vernichtet zu werden. Dann sprechen wir vom Ungeschehenmachen eines Vergehens und denken an den Sinn des christlichen Kreuzes. Schuld ungeschehen machen, indem sie im Abgrund der Liebe verlosch.
Aber, wie kann es anders sein, die groben RĂŒckfragen dauern an: Der Mensch soll gottĂ€hnlich handeln? Das ist Hochmut oder Schwachsinn. Keineswegs, denn Christus selbst hat es uns geboten. In der Bergpredigt, die man auch die Rede von der wahren Gerechtigkeit nennt und in der selbst die Feindesliebe nicht fehlt, finden wir eine sachliche Mahnung: „Ihr sollt vollkommen sein, wie es auch euer himmlischen Vater ist.“ (Mt. 5, 48) Dieser bizarr anmutende Appell kommt also von göttlicher Seite, er traut es uns zu. Kein unmögliches Ideal wurde uns in unser Herz gesenkt, aber ein höchstmöglicher Anspruch, denn es geht hier nicht um menschenfreundliche Warmherzigkeit, sondern um das Totale, um eine Barmherzigkeit göttlicher QualitĂ€t.
Richtig. Wir sollen den GottesqualitĂ€ten nacheifern, nichts weniger als das! Gerade dieses steile Ideal macht die Faszination unserer christlichen Religion aus, gerade das mutmaßlich Unerreichbare stimuliert, ist aber als geistiger Motor in unserer Geschichte nicht immer erkennbar. Ein unendlicher Raum der Sehnsucht liegt stĂ€ndig vor uns, der unser Antrieb ist, einem bestimmten Stern etwas nĂ€her zu kommen. Das ist die göttliche PĂ€dagogik und das ist unsere Berufung, die wir mit in diese Welt gebracht haben. Hoffentlich wird es uns gelingen, Schritt um Schritt Erkenntniswissen zu erwerben, vor allem ĂŒber dieses leuchtende Prinzip. Und ĂŒber den persönlichen Anruf Gottes, unsere Freiheit und Verantwortung in der bestmöglichen Weise einzusetzen.
Einfach stehen die Dinge nicht um das zwischenmenschliche Verzeihen, zunĂ€chst scheint der Weg vermauert, man urteilt in die falsche Richtung, oder verwirft das Neue Testament als unrealistisch. So etwa die literarische Gestalt des klagenden Dorfgeistlichen Don Camillo, der, obwohl stark wie ein Bulle, eines Tages eine saftige Ohrfeige aus seiner Gemeinde bezogen hatte. Als gelernter Priester reichte er sofort die andere Wange hin und schon klatschte es zum zweiten Mal. Originell liest sich darauf die Verwunderung des Betroffenen: „Da muss uns Jesus wohl etwas unterschlagen haben, denn wie geht die Sache weiter?“
Um die wahre Kunst des Verzeihens im Sinne Gottes zu meistern, mĂŒsste man die zahllosen MĂ€ander eines Vergehens kennen und ĂŒber das Blickfeld Gottes verfĂŒgen. Diesen Menschen gibt es nicht. Daher mag es den Doppelschlag geben. Oder wir lassen im Ausbleiben der Vergebung die eigene Schuldzuweisung im Innern wuchern bis hin zum Extrem von Selbsthass und Zerstörung. Was fĂŒr eine Palette! Ein Verzeihen vollkommen gerecht auszusprechen setzt voraus, die verdunkelte Situation in ihrer KomplexitĂ€t vollkommen zu kennen. DafĂŒr braucht es den „Beistand“, den „Advokaten“ – den Heiligen Geist. Wir sind nicht allein. Bereits die Regung, sich unter Stöhnen und Ächzen, aber vergebungswillig, mit dem Fall zu beschĂ€ftigen, zeugt von NĂ€chstenliebe im Sinne Gottes und er wird diesem Versöhnungsansatz Weisheit und Energie stiften. In Französisch nennt man es „un supplĂ©ment d’ñme“, ein Zuschuss an Seelenkraft, sprich Gnade, ohne die es nicht geht. Wenn es gelingt, dann nicht allein durch unsere freundlichen Worte und Zeichen, sondern durch Gottes geheime Beteiligung, nachdem wir uns geöffnet hatten und Versöhnungswillen zeigten. So fand er Zugang. Diese geheimnisvolle Kraft in uns ist göttlicher Natur, menschlich ist unsere Zustimmung.
Wie engherzig und kleinlich hingegen unsere Menschennatur sein kann! Sie misst und wĂ€gt und kalkuliert, als sei sie nur fĂŒr merkantiles Zweckdenken programmiert: ich gebe..., du gibst. Ich zahle..., du zahlst. Ich liebe..., du liebst. Das ist nicht Gottes Wesen, nicht Gottes Liebe, diese hat die Wahrheit am Grund, sie ist Schöpferkraft, sie ist Erlösung fĂŒr die Kreatur. Und ihr sollen wir Ă€hnlich werden? Aber ja! Beginnen wir mit einem hohen Maß an Empathie. Stellen wir uns vor, wie sehr sich unser NĂ€chster die Versöhnung wĂŒnscht, wie er auf eine AnnĂ€herung wartet, auf ein Zeichen, auf einen spĂŒrbaren Versuch. Gehen wir ihm doch entgegen! Retten wir ihn aus seiner heimlichen Einsamkeit, in die er sich mit seinem Problem hineinmanövrierte und das uns bekannt ist. Ringen wir uns durch, dem andern freimĂŒtig und völlig neu zu begegnen. Es kann nicht anders sein: Dem spirituell etwas GeĂŒbten werden sich die grenzenlos verzeihenden Augen Gottes ĂŒber dem Geschehen zeigen.
Verzeihen macht demĂŒtig, es bringt uns zur Einsicht, dass wir uns miteinander noch im Prozess des Werdens befinden. Jeder bleibt einmal stecken, Schuldige wie Unschuldige, die mit in diesen Strudel gesogen werden. Unser Weg verlĂ€uft zögerlich, dafĂŒr ist das unschuldige Kleinkind in seinem ...

Table of contents

  1. Deckblatt
  2. Titelseite
  3. Impressum
  4. Inhalt
  5. 1 WER IST HENRI BOULAD? VORWORT DER HERAUSGEBERIN
  6. 2 GOTTÄHNLICHKEIT?
  7. 3 SEINE SORGE, SEIN BUND, SEINE GEDULD
  8. 4 SCHULD UND VERGEBUNG IM FAMILIENVERBAND
  9. 5 LIEBE AUF LEBEN UND TOD
  10. 6 VERGEBEN – JA, VERGESSEN – WIE?
  11. 7 MUTPROBE FEINDESLIEBE
  12. 8 WELCHE BEICHTE?
  13. 9 DER ZUKUNFT ZUVORKOMMEN
  14. 10 ZWEI GEBETE

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